Die Kapelle als „Seele des Dorfes

Klaus A.E. Weber

 

Kirchenbuch darinnen die Getauften, Coppulierten und

Verstorbene geschrieben für das Hütten=Dorf

Deckblattbeschriftung des ältesten Kirchenbuches von Hellental [4]

die Angabe "Hellenthal │ 1759 - 1814" wurde später nachgetagen

© Historisches Museum Hellental

 

Das Dorf Hellental zählt seit seiner frühneuzeitlichen Gründung zur evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Heinade.

Zuvor war bereits die Gundelach’sche Glashütte nach Heinade eingepfarrt worden.

Hellental war stets zu klein gewesen für die Errichtung einer eigenen Kirche mit Unterhaltung einer eigenen Pastorenstelle.

So wurde für das geistliche Leben in dem wachsenden Landarbeiter- und Handwerkerdorf zur Mitte des 18. Jahrhunderts nur eine kleine Kapelle errichtet.

Hellental wurde somit zu einer Kapellengemeinde, zu einem Capelldorf.

Zur Beantwortung der Frage, in welcher Zeit die Hellentaler Kapelle gegründet wurde, standen keine verwertbaren historischen Belege zur Verfügung.

Als die Glashütte um 1715 entstand, sei die Hütte der Kirche in Heinade zugeordnet (eingepfarrt) worden; nach HAHNE [1972] sei der neu gegründete „Ort“ 1728 zur Parochie Heinade hinzugekommen.

Diese war damals eine Filialkirche von Deensen und verfügte nicht über einen eigenen Pastor.

Dadurch gehörte auch Hellental - als entlegenstes Dorf des Kirchspiels – unter dem Patronat derer von Campe zum Kirchspiel Deensen.

Der Ortschronik von Deensen [RAULS 1983] ist zu entnehmen, dass nach Gründung der Glashütte, also um das Jahr 1719 (?), in der Kirche von Heinade eine besondere „Prieche” für die Glasarbeiter angelegt wurde.

Um 1741 soll der Glashüttenbesitzer „Herr” Jobst Heinrich Gundelach den Altar zu Heinade gestiftet haben.

In der Ortschronik von Wangelnstedt [ANDERS 2004] ist festgehalten, dass das für 1751 abgeschlossene Güterverzeichnis der Kirchengemeinde Heinade („Corpus Bonorum“) auch Bezug auf Hellental nahm, das damals noch als Steinbeck bezeichnet wurde.

So sei unter der „Beschreibung des Filias Heynade und dessen Dependentien“ auch über die Entlohnung des Pastors „von der Glasshütte zu Steinbeck“ berichtet worden.

Nach der Stilllegung des langjährigen Glashüttenbetriebes in Hellental um 1743/1745 teilte der Pastor Hartung Elias Spohr (1679 - 1761) mit, dass „vor Jahren, da die Glassarbeit noch daselbst getrieben wurde, der Pastor von dem damaligen Glasermeister und nachmaligen Amtmann Gundelach jährlich pro Salario 2 Thaler“ als Abgabe zu erhalten habe, „ein jeder Arbeiter jährlich 12 mgl“ (= 12 Mariengroschen).[zit. in ANDERS 2004]

Zudem beklagte sich Pastor Spohr nachdrücklich auch über den folgenden finanziellen Umstand [zit. in ANDERS 2004]: „Nachdem aber die Hütte daselbst eingegangen, geben die dasigen [Anm.: dortigen] Einwohner dem Pastori bis dato nichts, und ist solches noch nicht ausgemacht. An Accidentien [Anm.: Entgelt für gelegentlich durchgeführte kirchliche Dienste] geben sie, wie die Merxhäuser, ausgenommen, wenn daselbst ein Kranker zu beichten, so bekommt der Pastor, wegen des weiten und sehr beschwerlichen Weges, pro labore 12 mgl und für ein Kind zu taufen 12 mgl von des Kindes Vater.“

Wie ANDERS in seiner Wangelnstedter Ortschronik weiterhin ausführt, hatten in Hellental (im „Corpus Bonorum“) „auf der alten Glashütte“ genannt – „wohnende Kranke, die den Schulmeister aus Heinade als Beichtvater riefen, aufgrund der zuvor genannten Begründung immerhin 4 Mariengroschen (d) zu entrichten. Kranke Personen aus Merxhausen und Denkiehausen zahlten demgegenüber nur 3 Mariengroschen; Kranke aus Heinade lediglich 2 Mariengroschen“.

Zwischen 1756-1758 wurde ein Schul- und Kapellengebäude gemeinsam „unter einem Dach” errichtet, wobei die Dorfkapelle in Umnutzung des Kühl- oder Speiseraumes der ehemaligen Glashütte entstanden sein soll.

Zugleich soll Hellental auch sein erstes eigenes Kirchenbuch erhalten haben, das vom Schulmeister Heinrich Franke geführt wurde [LESSMANN 1984, BLOSS 1950].

Das früheste, quellenmäßig belegbare Kirchenbuch Hellental wurde 1756, begonnen, also zum Zeitpunkt der planmäßigen dörflichen Besiedlung mit Anbauern.

Wegen der zwischenzeitlich eingetretenen Baufälligkeit erfolgte 1824 erstmals ein Abriss des Schul- und Kapellengebäudes; ihm sollten noch weitere folgen.

Das teilweise noch brauchbare Material soll im gleichen Jahr zum Bau des Gemeindebackhauses verwendet worden sein.

Schule und Kapelle wurden wiederum „unter einem Dach“ neu erbaut.

Beim Neubau des Schulgebäudes 1887 (1889?) soll die Kapellenhälfte erhalten geblieben sein.

Auf dem Dach der jetzt zweigeschossigen Schule wurde ersatzweise ein Dachreiter als „Kirchturm” mit Glocke errichtet.

Zu erwähnen ist auch, dass Pastoren vormals üblicherweise keine feste Vergütung erhielten, sondern ihre festliegenden Einnahmen lediglich durch „Pfründe“ (meist Kirchenabgaben in Naturalien) und die allgemeine Pfarrsteuer (Hafersteuer) erzielten.

Hinzu kamen noch „ungewisse” Gebühreneinnahmen durch Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Beerdigungen etc.

Ob der vorherrschenden großen Armut jener Tage belasteten die verfügten Kirchengebühren die Gemeinde Hellental und ihre Familien außerordentlich [LESSMANN 1984, RAULS 1983].

So wurde über die Kapelle von Hellental bereits am 23. November 1763 berichtet, dass die dortigen Altaristen Ernst Wilhelm Brömer und Andreas Deneke bei dem Superintendenten W. Ritmeier in Holzminden (zuvor Pastor in Deensen) erschienen seien, um mit ihm über die Bezahlung des Pastors Carl Friedrich Spohr aus Deensen zu verhandeln [zit. in LESSMANN 1984]:

 

Actum in Aedibus meis Holzminden, den 23. Nov. 1763

Dato erschienen die Altaristen der Kapelle zu Hellental, Ernst Wilhelm Brömer und Andreas Deneke, namens der ganzen Gemeinde, und zeigten an, dass sie über den ihnen durch den Herrn Commiss. Laurentius von mir vorgelegten zweifachen Accidenzien Ansatz des Herrn Pastor Spohr sich mit der Gemeinde besprochen, und den gewählt hätten, nach welchem sie kein jährliches Fixum, sondern für die jedesmaligen Amtsverrichtungen und Wege das angesetzte in braunschwg. courenter Münze entrichten wollen.

Ich las ihnen darauf das von dem Herrn Commissaire Laurentius mit Datum Schorborn, den 17. Nov. an mich gerichtete Schreiben vor, in welchem die Misterial-Gebühr für den Herrn Pastor Spohr nach den, von der Gemeinde gewählten Ansatz, bestimmt und reguliert sind.

Sie bekräftigten, dass das ihre WiIlensmeinung wäre, und damit nach allen Punkten seine Richtigkeit hätte. Sie wollen die Gebühr auf den nunmehr festgesetzten Fuss allemal mit willigem Herzen an den Herrn Pastor Spohr entrichten.

 

In der Zeit von 1779-1799 weigerte sich das Dorf Hellental, zum Bau des Pfarrwitwenhauses in Deesen seinen Beitrag im Rahmen des parochialen Zuschusses zu zahlen, einer Pflicht, die den Gemeinden bereits 1741 herzoglich auferlegt worden war [HANHE 1972].

Als dann um 1870 schließlich die feste Besoldung von Pastoren gesetzlich eingeführt und die Kirchengemeinde Heinade samt ihrer Filialgemeinden 1882 vom Kirchspiel Deensen abgetrennt wurde, erhielt auch Heinade seine eigene Pfarre mit eigenem Pastor [RAULS 1983, HAHNE 1972]. 1903 wurde Hellental schließlich Filial (Kapellengemeinde) von Heinade.

 

„Unter einem Dach“

Dorfkapelle mit Dachreiter auf dem First des Schulhauses

und Dorfschule und dem später entfernten Glocken-Dachreiter

Hellental, 1955

© [hmh, Foto: Privatbesitz von Hannelore Schulz, Hellental

 

STEINACKER [3] wusste zu berichten, dass um 1900 „die Kapelle, mit der Schule unter einem Dache“ im 18. Jahrhundert gebaut und „als Filial von Heinade versorgt“ wird.

Auch beschrieb STEINACKER, dass sich in der Kapelle ein „älterer, sechsarmiger Kronleuchter aus Gelbguss, 51 cm hoch, von etwas mageren Formen” befinde.

Heute fehlen allerdings jegliche Hinweise auf den Verbleib dieses alten Kronleuchters.

Im Herbst 1950 war die alte Holzbalkendecke derart marode, dass sogar Einsturzgefahr bestand.

Die komplette Deckenerneuerung kostete damals 2.647,74 DM.

Da diese Reparaturkosten weit über die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde hinaus gingen und zudem auch Fäulnisschäden an Gestühl und Wänden zu beseitigen waren, wurde ein Darlehen von 2.800 DM aufgenommen.

1960 erhielt die kleine Hellentaler Kapelle eine kleine elektrisch betriebene Pfeifenorgel des Orgelbauers Janke aus Bovenden.

Mangels elektrischem Anschluss in der Kapelle musste der Strom für den Orgelbetrieb über ein Verlängerungskabel aus dem Schulhaus hergeleitet werden.

Bereits ein Jahr später, 1961, war es erforderlich geworden, im angrenzenden Schulgarten einen provisorischen Glockenstuhl zu errichten, da der Dachreiter aus dem Jahr 1887 vom Holzfrass befallen war und die Kapelle noch einer größeren Instandsetzung bedurfte.

Schließlich erhielt die Kapelle 1963 die erforderliche elektrische Installation, zudem auch eine Heizung.

Es bestehen in dieser Zeit aktenkundige Hinweise dafür, dass sich die alte Hellentaler Kapelle in einem sehr schlechten, wenn nicht gar trostlosen Zustand befand und daher bereits überlegt wurde, die Kapelle abzureißen.

 

Provisorium: Glockenstuhl im Schulgarten 1960-1965

© Historisches Museum Hellental

 

Als der Dachreiter 1965 durch Wurmfraß einzustürzen drohte, wurde er abgerissen und im gleichen Jahr ein Kirchturm an der Stirnseite errichtet, am Eingang der Kapelle.

Zuvor war, nach längeren Auseinandersetzungen, 1964 vom Landeskirchenamt in Hannover eine Großinstandsetzung genehmigt und hierfür 23.000 DM zur Verfügung gestellt worden.

1971 wurde das Außenmauerwerk trocken gelegt.

Dass diese bauliche Erhaltungsmaßnahme nicht von langer Wirksamkeit war, verdeutlicht eine Pressemitteilung des Täglichen Anzeigers Holzminden vom 20. Dezember 1985, wonach die Hellentaler Kapelle erneut „instandsetzungsbedürftig“ war, da aufsteigende Feuchtigkeit dem Mauerwerk zu schaffen machte.

Als schließlich 1991 zwei Decken-Felder in der Kapelle einbrachen, wurde sie vorsorglich kurzzeitig gesperrt.

In gemeindlicher Eigenarbeit wurde eine Notsicherung vorgenommen

Nach langem Drängen und Verhandeln kam es 1994 zu einer kirchenbehördlichen Bestandsaufnahme der Bauschäden in der Kapelle.

Drei Jahre später, 1997, wurde mit der sanierenden Großbaumaßnahme begonnen, die zu Ostern 1999 abgeschlossen werden konnte.

Formalen Anlass für diese Baumaßnahmen gab der zuvor genannte Einsturz zweier Deckenfelder, was eine Dachstuhlsanierung und Neueindeckung des Daches nach sich zog.

Während der Bauarbeiten wurden eine Sakristei und eine neue Heizung eingerichtet.

 

Wiedereinweihung der Kapelle in Hellental am 05. April 1999

© Historisches Museum Hellental

 

Mit einem Festgottesdienst am Ostermontag, 05. April 1999, erfolgte - nach einer Renovierungs- und Instandsetzungszeit von mehr als zwei Jahren - unter Glockengeläut die Wiedereinweihung der Kapelle in Hellental.

Der Gemischte Chor „Einigkeit“ begleitete den Gottesdienst. Mit dem Singen der Lieder 322: „Nun danket all und binget Ehr“, 100: „Wir wollen alle fröhlich sein“ und 171: „Bewahre uns, Gott“ wurde von der versammelten Festtagsgemeinde Anlass und Inhalt des besonderen Gottesdienstes besonders gedacht.

Die Weihehandlung vollzog Landessuperintendent Buss aus Göttingen, im Beisein des Pastors Johannes Owsianowski, des Kapellenvorstandes Bettina Eikenberg, Elli Meier und Dieter Malchow (1925-2020) sowie der Küsterin Gerlinde Windorpski aus Hellental.

Das wohltuend schlicht gehaltene, helle und freundliche Kapelleninnere wird durch angenehme pastellfarbene Gelb- und Grüntöne bestimmt.

Die zum Hof hin gerichtete Nordostseite und die zur Hauptstraße hin gewandte Südwestseite der kleinen Dorfkapelle weist jeweils vier kleinere Fenster auf, unterteilt mit Fenstersprossen, durch die bei sonnigen Morgenstunden das Sonnenlicht wärmend den Innenraum erfüllt.

Beim Betreten des Kapellenraumes befinden sich rechts acht Bankreihen, links hingegen nur sieben, um der kleinen Orgel Platz zu gewähren.

Ausgestattet ist die Dorfkapelle im Altarbereich mit einem einfachen Altar mit zwei gedrechselten Holzkerzenständern.

Darüber hängt ein ebenfalls vom ehemaligen Kirchenvorsteher und Dorfkünstler Dieter Malchow handgeschnitztes Kruzifix.

Links neben dem Altar befindet sich ein von Malchow im Jahr 2002 geschnitztes Bild des Letzten Abendmahls von Jesus mit seinen zwölf Jüngern.

Ein von Malchow handgeschnitzter, großer Kerzenständer mit biblischen Szenen wurde im Mai 2002 der Kapelle übergeben.

Des Weiteren ist hier ein modern gehaltenes Taufbecken aufgestellt.

 

Kapellengebäude mit dem 1965 erbauten Kapellenturm Mai 2009

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Für den Zeitraum um 1854 besteht im Kreisarchiv Holzminden eine umfangreiche "Acta der Capelle zu Hellental".[1]

In den Jahren 1891-1907 wurden die Instandsetzung der "Cappelle in Hellental" geplant und die Restaurierungsarbeiten veranlasst.[2]

Dabei wurde im Auftrag des Gemeindevorstehers Zinkler der Kreismaurermeister und Steinbruchbesitzer H. Keunecke aus Arholzen involviert.

Der "Kostenanschlag" vom 16. Juli 1891 [1] betrug zusammengefasst 1.700,- Reichsmark, wobei folgende Gewerke differenziert aufgelistet und kalkuliert worden waren:

  • I Maurerarbeit

  • II Dachdeckerarbeit

  • III Kelmpnerarbeit

  • IV Tischlerarbeit

  • V Schlosserarbeit

  • VI Glaserarbeit

  • VII Malerarbeit

  • VIII "Insgemein"

 

 

Innenraum der Kapelle │ 1955

© HGV-HHM

 

Illuminierter Innenraum der Kapelle │ 30. August 2024

© [hmh, Foto: Christel Schulz-Weber

 

Um der bislang namenlos gebliebenen evangelisch-lutherischen Kapelle in Hellental einen Namen zu geben, erfolgte ehemals der Vorschlag des Kirchengemeinde Heinade an die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover, den Namen "Hubertus-Kapelle" zu nehmen.

Nachvollziehbar lehnte die Landeskirche Hannover dieses historisch völlig unreflektierte Ansinnen der Kirchengemeinde ab.

Das "Unternehmen Hubertus" war einst ein militärisches Pionierunternehmen der deutschen 6. Armee in der Schlacht um Stalingrad im November 1942.

 

Einweihung der neuen und erweiterten Orgel am 30. August 2024

mit "Feuer und Flamme"

Mit einem besonderen Orgelkonzert von Dr. phil. Friedhelm Flamme (* 1963) wurde die neue und erweiterte Orgel am 30. August 2024 in der festlich illuminierten Hellentaler Kapelle eingeweiht.

 

Die neue Orgel │ 30. August 2024

© HGV-HHM, Foto: Christel Schulz-Weber

 

Prof. Dr. Friedhelm Flamme an der Orgel

© HGV-HHM, Foto: Christel Schulz-Weber

 

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[1] KA HOL 1044.

[2] KA HOL 1045.

[3] STEINACKER 1907, S. 177-178.

[4] mit Unterstützung von Wolfgang F. Nägeler, Stadtoldendorf.