Die Dorf:Region │ Eine Annäherung an ihre Geschichte
Klaus A.E. Weber
Kulturelles Gedächtnis
Nach ASSMANN [1] ist ein "kulturelles Gedächtnis" das Ergebnis unablässiger, intensiver kultureller Arbeit, wobei er weiter ausführt:
"Die Gesellschaft braucht ein Gedächtnis, wie der Einzelne eins braucht: um zu wissen, wer wir sind und was wir erwarten können, um uns zu orientieren und zu entwickeln."
Dabei ist Kultur "dieses vielstimmige Gespräch über Generationen hinweg, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch widerstreitende Erzählungen verbindet".[15]

In Heinade um 1985
Foto: Wilhelm Landzettel [6]
Mit dem Onlineportal und dem Historischen Museum Hellental als regionalem LandMuseum für Geschichte, Archäologie und Alltagskultur wird die regionale Geschichte und Entwicklung der Dorf:Region öffentlich zugänglich sichtbar gemacht.
Mit dem Ziel, nicht an der Oberfläche stehen zu bleiben, soll der Kenntnisstand fortlaufend überarbeitet und verbessert werden.
Beleuchtet wird das eng mit den jeweiligen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen und nachfolgenden Veränderungen verquickte Schicksal der Menschen in der Dorf:Region innerhalb des Weserdistrikts im ehemaligen Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel.[4]
Hierbei soll aus dem Blickwinkel unseres modernen Zeitalters, gleichsam von unten, der „Geschichte vor Ort“ nachgegangen und zugleich die „Dorfbiografie“ personenbezogen mit Namen lebendig werden.
Tiefreichende Veränderungen der ländlichen Lebensbedingungen und damit verbunden auch des dörflichen Siedlungsbildes waren durch die demografischen, politischen und ökonomischen Entwicklungen vom 16.-19. Jahrhundert, teils auch früher ausgelöst worden.
Angereichert mit alltagsgeschichtlichen und -kulturellen Darstellungen werden historische „Skizzen“ von für die DorfRegion wesentlichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Prozessen zurückliegender Epochen vorgestellt.
Neben dem überlieferten Schriftgut sollen dabei auch Fotografien und Filmaufnahmen das visuelle Gedächtnis unserer Dorf:Region modern ergänzen.
Die historische Auseinandersetzung mit der in das überregionale Geschehen, insbesondere aber in die „Geschichtslandschaft Weserbergland“ eingebettete Dorfgeschichte lässt - frei nach Wilhelm Raabe (1831-1910) – deutlich erkennen: "im engsten Ringe – weltweite Dinge" [16].
»Geschichte ist weder in Stein gemeißelt - noch eine exakte Wissenschaft«
Wie auch KAPPEN [8] ausführt, birgt Geschichtswissen auch "Spekulatives", wobei die Geschichtsschreibung von "unterschiedlichem Kenntnisstand und verschiedenartigen Interpretationen gefärbt" ist.
Um vor diesem Hintergrund die Arbeit am "kulturellen Gedächtnis" zu gestalten, sollen durch "work in progress" Untersuchungsergebnisse auf der Website jeweils aktualisiert als Online-Veröffentlichungen publiziert sowie von Sammlungen und Ausstellungen des Historischen Museums Hellental begleitet werden.
Im Sinne einer Recherche-Plattform werden historische und archäologische, ortsgeschichtliche wie kulturhistorische und naturkundliche Beiträge in einem zeitgemäßen Format allgemein zugänglich gemacht.
Die in der DorfRegion eingeleitete lokale und regionale „Spurensuche“ soll je nach Stand der historischen (archivalischen) und archäologischen Erkenntnisse und deren Interpretation die dargestellten historischen Betrachtungen und Beiträge fortlaufend neu bewertet, überarbeitet und vervollständiget werden.
Nach dem Hannoveraner Historiker Carl-Hans Hauptmeyer [3] wurden in Niedersachsen die regionalen Entwicklungspotentiale über Jahrhunderte hinweg immer wieder von „nachholender Modernisierung oder Konkurrenzfähigkeit durch Imitation“ geprägt.
Dabei sei für Niedersachsen im interregionalen Vergleich die „hohe Stabilität sozialer Milieus und eine Langlebigkeit regionaler Identitäten“ charakteristisch.
Zudem stellte HAUPTMEYER [9] fest, dass nur genügend großer äußerer oder innerer Druck in Niedersachsen die Bereitschaft zu Reformen fördert und in anderen Teilen Deutschlands und Europas entworfene Vorbilder als Innovation übernommen werden.
Noch heute bleibt in Niedersachsen das bewahrende Moment „im Vergleich zu Südwestdeutschland oder Westeuropa stets stärker als das modernisierende“.
⋙ Landes- und historische Regionalentwicklung in Niedersachsen
⊚ Zum Anklicken
Heinade - auf einem Plateau [13]
⊚ Zum Anklicken
Hellental - am Berg [13]
⊚ Zum Anklicken
Merxhausen - in einem Bachtal [13]
Früher waren „die Zeiten weder besser noch die Menschen christlicher“ [7]
Der Höhepunkt mittelalterlicher Rodungen im Weserbergland liegt in den Jahrzehnten um 1200-1350.[16]
In diesem Zeitraum dürften am Nordsolling als agrarische Randsiedlungen auch Heinade und Merxhausen gegründet worden sein.
Wie in anderen Dörfern des nordwestdeutschen Raums entwickelte sich auch in den beiden Sollingranddörfern seit dem Spätmittelalter eine spezifische Lebens- und Wirtschaftsform, charakterisiert durch die „Grundherrschaft" und das „Meierrecht".
Erst durch die durchgreifenden Agrarreformen des 19. Jahrhunderts wurde jene über Jahrhunderte bewährte und weiterentwickelte Form der Agrarverfassung
abgelöst, die ländliche Gesellschaft von Grund auf verändert und die Voraussetzungen für die Industrialisierung geschaffen.
Anders als die benachbarten Bauerndörfer liegt das geschichtlich wesentlich jüngere, vorindustrielle Waldarbeiter- und Landhandwerkerdorf Hellental innerhalb einer Grabenstruktur des Nordsollings, wo es 1753 aus einer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts betriebenen Glasproduktionsstätte entstanden ist.
Geschichte und Einwohner zwischen Solling und Holzberg │ 2005
Erster Halbband Kapitel 1-5
Historische Betrachtungen und ortsgeschichtliche Beiträge von Dr. Klaus A. E. Weber
Zweiter Halbband Kapitel 6
Einwohner und Familien von Wolfgang F. Nägeler
"Grundsätzlich müsse man sich klarmachen, dass gerade in mündlichen Gesellschaften wie dem Mittelalter die Vergangenheit nicht unbedingt so überliefert wurde, wie sie sich zugetragen hatte." [10]
In den Naturräumen des nördlichen Sollings und der anschließenden hügeligen Landschaft des Holz- und Heukenbergs mit den Talsenken um Heinade und Merxhausen sowie in Pilgrim und im Hellental vollzog sich ein beispielhaftes Wechselspiel zwischen der durch Menschenhand veränderten Natur und Landschaft und den sich lokal auswirkenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen während des ausgehenden Spätmittelalters, der frühen Neuzeit und des neuzeitlichen Aufbruchs zur Industrialisierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts.
Das folgende 19. Jahrhundert gilt als die eigentliche Epoche der Industrialisierung.
Die Bedeutung der zuvor bestehenden, alten landwirtschaftlichen Ordnung wird ebenso skizziert wie deren Aufhebung durch die Agrarreformen des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts.
Zudem gilt es die zahlreichen Einwanderungen, vor allem aber die erheblichen Auswanderungen im 18./19. Jahrhundert (Aufbruch in die „Neue Welt“ – das "Americafieber") und deren politische wie soziale Dimension im demografischen Wandel zu skizzieren.
Hierbei wird deutlich, dass Migration und „demografischer Wandel“ nicht nur besonders zentrale (wieder entdeckte) Themen der Gegenwart sind, sondern vielmehr bereits auch welche in der Vergangenheit waren.
Bei den differenzierten Betrachtungen zu den Landleuten zwischen Nordsolling und „Holtzberg“ [14] können auch künftig nicht alle Aspekte der Siedlungs-, Wirtschafts- und Gewerbe-, Sozial- und allgemeinen Dorfgeschichte von Heinade, Hellental und Merxhausen aufgegriffen werden.
Die ländlichen, agrarischen wie nicht-agrarischen Einkommensstrukturen erlangten in der frühen Neuzeit zunehmend an Bedeutung.
Sie werden daher in ihren Grundzügen gegenübergestellt.
Wirtschafts- bzw. gewerbegeschichtlichen Aspekten wird insbesondere auch deshalb nachgegangen, da in unserer Zeit der klassischen Erwerbsarbeit nicht mehr die Bedeutung zukommt, die sie früher einmal innehatte. Erwerbsarbeit gilt heute nicht mehr als alleinig Sinn stiftend.
Mit einiger Berechtigung kann heute angenommen werden, dass mehr oder minder auch die „kleinen Landleute“ zwischen dem nördlichen "Sölling" und dem Holzberg in die regelmäßigen, wellenförmigen Veränderungen, in den konjunkturellen Auf- und Abwärtsbewegungen des überregionalen bis hin europäischen Wirtschaftsgeschehens, eingebettet waren.[11]
So vielgestaltig die historische Kulturlandschaft dieser Kleinregion ist, so mannigfach ist auch ihre jahrhundertealte Geschichte, die im Wesentlichen vom Verlauf der Agrarkonjunktur abhängig war.
Dabei kennzeichnete während des Mittelalters wie auch in der frühen Neuzeit insbesondere schwere landwirtschaftliche Krisen und anhaltende Agrardepressionen mit Hungerjahren das bäuerliche Leben und Arbeiten.
⊚ Zum Anklicken
Grenzort Merxhausen [2] - Das agrarisch geprägte "Dörp undern Sollige"
© HGV-HHM, Archiv
Die Region um die Sollingrandsiedlungen Heinade und Merxhausen mit der Sollingsiedlungen Pilgrim und Hellental sollte als eigener Sozialraum betrachtet werden, bis heute gekennzeichnet vom sozialen Miteinander - und auch Gegeneinander.
Aus der heutigen Position des beginnenden 21. Jahrhunderts zurückblickend, mag vordergründig bisweilen das Dorf als eine festgefügte Gemeinschaft weitgehend sozial gleichgestellter Personen erscheinen.
Dieser zu einfachen wie vereinfachenden Annahme war im Kontext der historischen Betrachtung auch anhand veröffentlichter Personendaten zu widersprechen.

⊚ Zum Anklicken
Ortstypische Bauernhäuser in Heinade um 1918 │ 2014
© HGV-HHM, Archiv │ © Foto: Klaus A.E. Weber
Heinade und Merxhausen können als spätmittelalterliche, agrarische Dorfansiedlungen angesehen werden.
In diesem Kontext wird auf das im Jahr 2010 veröffentlichte, umfassende Standardwerk zum Mittelalter in der Sollingregion von STEPHAN verwiesen.[12]
Während Heinade und Merxhausen mittelalterliche Bauerndörfer des hier betrachteten südniedersächsischen Berglandes sind, kann das Hellental mit seiner späten, erst neuzeitlichen Besiedlung hingegen eher als vorindustrielle „Gewerbelandschaft“ angesprochen werden, ebenso auch die kleine Sollingsiedlung Pilgrim im Hinblick auf ihre Glasgeschichte.
Die wichtigste Einnahmequelle der Landleute der beiden nördlichen Sollingranddörfer Heinade und Merxhausen war ehemals die Landwirtschaft. Heute sind die Folgen der modernen Mechanisierung und Spezialisierung in der Landwirtschaft allgegenwärtig.
So spielt die ehemals bedeutende Landwirtschaft in den hier betrachteten Dörfern eine immer mehr nachlassende Nebenrolle.
Inzwischen entwickelten sich Heinade, Hellental und Merxhausen vornehmlich zu Wohn-Pendler-Orten mit Freizeit- und Feierabendgemeinschaften.
Neben einer orientierenden Skizze zum traditionellen bäuerlichen Landleben sollte unter gewerbegeschichtlichen Aspekten gerade auch der facettenreiche teils legale, teils illegale Nebenerwerb durch ländliches Handwerk und Gewerbe - die Landleute als nichtzünftige „Pfuscher“ am Solling und Holzberg - mit einer angemessenen Betrachtung bedacht werden.
Während der frühen Neuzeit teilte sich die Landbevölkerung in „Vollbauern“ und „unterbäuerliche Schichten“ auf, die sich charakterisierend für diese Epoche stetig vergrößerte.
Angehörige jener „unterbäuerlichen Schichten“ waren typischerweise Kleinbauern ohne ausreichend großes Land für ihre ausschließlich agrarische Subsistenz, aber auch alleinige Hausbesitzer sowie land- und hausbesitzlose Familien.
Sie konnten sich nicht alleine auf landwirtschaftlicher Grundlage bedarfsgerecht ernähren.
Eine minimale Acker- oder Viehwirtschaft, nichtzünftiges ländliches Handwerk, hausgewerbliche Tätigkeiten sowie Lohnarbeit dienten, wie in Hellental, als Lebensgrundlage.

⊚ Zum Anklicken
Hellental - Ortstypische Arbeiterhäuser vom Typ "Sollinghaus"
© HGV-HHM, Archiv │ © Foto: Klaus A.E. Weber
Zeittypisch für Hellental, wie auch für andere Sollingdörfer, war, dass der Lebensunterhalt der meisten Familien nur durch Erwerbsarbeit verdient oder ergänzt werden konnte; Lebensmittel mussten gekauft oder zumindest zugekauft werden.
Archäologische Spuren in Form steinerner Hinterlassenschaften prähistorischer Menschen weisen heute darauf hin, dass bereits vor 7.500–11.000 Jahren - während der Mittelsteinzeit (Mesolithikum), der Übergangsphase zwischen Alt- und Jungsteinzeit - zwischen dem Dasseler Becken und dem Stadtoldendorfer Raum, aber auch im Verlauf des Hellentales nomadisierende Menschen als Rentierjäger aktiv gewesen sind.
Hierzu kann auf prähistorische Funde in der Nähe von Heinade und Merxhausen sowie im Hellental verwiesen werden.
Zudem bedeutet der Einzelfund eines schlichten Absatzbeils aus Kupferlegierung, dass sich auch während der älteren Bronzezeit (um 1.600 v. Chr.) Menschen in diesem nördlichen Sollingrandgebiet aufgehalten haben.
Anzumerken ist, dass in der verfügbaren Literatur nur gleichsam fragmentarisch nebeneinander stehende, themenspezifische Abhandlungen und Betrachtungen zu unterschiedlichen Einzelaspekten über die DorfRegion Heinade mit Pilgrim, Hellental und Merxhausen und zu ihrer spätmittelalterlichen, im Falle von Hellental und Pilgrim relativ jungen, neuzeitlichen Geschichte, zu finden sind.
Hingegen fehlte bislang eine umfassende, inhaltlich bündelnde Zusammenschau dessen, was die drei Dörfer heimat- und naturkundlich wie auch vornehmlich ortsgeschichtlich auszeichnet.
Für zahlreiche Ortschaften im Landkreis Holzminden wurden bereits Höfe-, Häuser- oder Dorfchroniken erstellt; zudem liegen auch umfängliche Register und Chroniken mit überwiegend familienkundlichem Bezug vor.
Auf die Ortsfamilienbücher von Nachbargemeinden wird daher verwiesen.
___________________________________________________________________
[1] ASSMANN 2018.
[2] Ausschnitt aus einer Tuschezeichnung von 1708 - NLA WO, Alt 2104, darin K13341│ CREYDT 2013, S. 84 Abb. 1.
[3] HAUPTMEYER 2004, S. 2, 90.
[4] Auf Grund ihrer historischen Zugehörigkeit zum Herzogtum Braunschweig und des Zuschnitts der Bezirksreform von 1978 zählen Heinade, Hellental, Merxhausen und Denkiehausen zum Archivsprengel Wolfenbüttel (→ Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel (NStAWb)).
[5] Rede von Prof. Saul Friedländer am 31. Januar 2019, Historiker und Holocaust-Überlebender / Gedenken im Deutschen Bundestag an die Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des 74. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.
[6] Abb. 14 in LANDZETTEL 1985, S. 114.
[7] nach HÄNDELER 2005.
[8] KAPPEN 2018, S. 3.
[9] HAUPTMEYER 2004, S. 102f.
[10] SCHUBERT 2015.
[11] HÄNDELER 2005.
[12] STEPHAN 2010, S. 134.
[13] Luftbildaufnahmen: © „Die Eule“, Zeitung in Einbeck - mit freundlicher Genehmigung 2016.
[14] seit 1991 Naturschutzgebiet HA 150 "Holzbergwiesen" mit einer Fläche von rund 375 Hektar.
[15] Seyla BENHABIB 2016 zitiert in ASSMANN 2018.
[16] Titel des Festvortrages des Raabeplakette-Trägers Ministerialdirigent Dr. jur. Thomas Sporn (Hannover) am 11.09.2004 in Eschershausen beim „Zukunftsforum – 175 Jahre Wilhelm Raabe“.



