Arme Leute auf dem rauen Solling

Klaus A.E. Weber

 

Verschärfung der sozialen Situation „kleiner Landleute“

In dem hier betrachteten Zeitraum erlangten - in der demografischen Zusammensetzung der ländlichen Bevölkerung - Landarme wie Landlose zahlenmäßig das Übergewicht gegenüber den Bauern.

Von der gesellschaftlich vorherrschenden Produktionsweise abhängig, gab es während der gesamten Wirtschafts- und Sozialgeschichte mehr oder weniger Tagelöhner und Tagelöhnerinnen.

Dieser vormals auch in der Sozialstruktur der hier betrachteten Dörfer häufig anzutreffende Sozialtypus war in differenzierter Ausprägung hauptsächlich durch ungeschützte und ungesicherte Arbeits- und Lebensverhältnisse gekennzeichnet, von spezifischen Formen abhängiger und saisonaler Beschäftigungsverhältnisse.

Tagelöhner lebten und arbeiteten in einem relativ abgeschlossenen bäuerlich-dörflichen oder städtischen Sozialgefüge, als Randexistenzen in einem rigiden System sozialer Schichtung.

Es gelang den Tagelöhnern nur selten eine selbständige Familienexistenz aufzubauen.

Die Ausbreitung des ländlichen Heimgewerbes in der Phase der „Proto-Industrialisierung“ begünstigte Tagelöhner, ihren Lebensunterhalt durch das arbeitsintensive textile Kleingewerbe – Garnspinnen und Leinenweben – zu verdienen, aber auch als Waldarbeiter.

Ihr vornehmlich saisonabhängiges Einkommen setzte sich aus Natural- und Barlöhnen zusammen.

Da diese selten das Niveau eines „Hungerlohnes“ überstiegen, waren Tagelöhner zumeist gezwungen, „aus ökonomischen Gründen auch unter den schlechtesten Bedingungen zu arbeiten“.[43]

Im 18. Jahrhundert verdiente ein Tagelöhner etwa 4 Mariengroschen (32 Pfennige) pro Tag, wobei damals der Preis für 1 Pfund Brot (468 g) 3 Pfennige, für 1 Pfund Butter 28 Pfennige betrug.

Um 1850 betrug der Tagesverdienst eines Tagelöhners nunmehr 16 gute Groschen (192 Pfennige).[44]

Den Berichten des ehemaligen Deenser Pastors und späteren Superintendenten Spohr von 1774 und 1775 ist hierzu anschaulich zu entnehmen[45]:

"Für Landarbeit bekommt ein Tagelöhner täglich 6 - 7 Mgr. (Anm.: Mariengroschen), wenn er sich selbst beköstigen muß. Gibt man ihm Essen oder Trinken, so erhält er 3 - 4 Mgr.

Eine Frauensperson bekommt 4 bis 4½ Mgr. oder mit Essen und Trinken 2 Mgr. Am besten ist es, wenn ein Hauswirt seine festen Tagelöhner hat.

Diesen Leuten sät er Lein mit auf seinen Acker oder gibt ihnen Land zum Erdtoffeln [46] pflanzen.

Er verrichtet kleine Fuhren für Holz und dergl. für sie.

Am Ende rechnet man gegeneinander ab.

Auf diese Weise bekommt man seine Arbeit ohne Geld getan; denn Geld ist das Seltenste auf dem Lande.

Die Tagelöhner aber haben Lebensmittel, und hierin besteht für den Landmann ein großer Nutzen.

Auch zum Dreschen nimmt man Tagelöhner, und so man starke Garben gebunden hat, drischt ein Kerl täglich 2 bis 2 bis 2 ¼ Stiegen Roggen, Sommerfrüchte aber kaum die Hälfte.

Er macht den 3. Tag das Korn rein und bringt es auf den Boden, wobei er täglich 6 Mgr. Bekommt und nichts zu essen.

Gibt man ihnen zu essen, so fangen die Drescher des Nachts um 12 Uhr an zu dreschen und trinken des Morgens um 4 Uhr den Branntwein, jeder etwa für 4 Pf. und essen dazu Brot ohne Butter oder Käse, dreschn darauf bis 6 Uhr, alsdann ess sie Milchmus von saurer Milch nebst Brot und Butter, Mittags warmes Essen nebst Brot, Butter und Käse, und des Abends wieder warm essen wie des Mittags.

Jeder bekommt außerdem dazu an Gelde 3 ggr".[47]

Die mangelhafte Ausbildung und fehlende berufliche Qualifikation, wie aber auch das völlig unzureichende Privatkapital verhinderten den sozialen Aufstieg von Tagelöhnern.

Zudem konnten die Tagelöhner - gegenüber Handwerkern und Gesellen - weder auf eine organisatorische Tradition (Gilden, Gesellenbrüderschaften) zurückgreifen, noch verfügten sie über Erfahrungen und Selbstbewusstsein, um gesellschafts- und sozialpolitische Wirkungen wie die zunehmend organisierte Arbeiterbewegung zu entfalten.

In der Phase der Hochindustrialisierung mit Stärkung der Gewerkschaftsbewegung und Durchsetzung der Tarifvertragsordnung von 1918 ging letztlich die Bedeutung des Sozialtypus „klassischer Tagelöhner“ allmählich verloren.[48]

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die soziale Situation der deutschen Bevölkerung im Wesentlichen von der Einkommenslage (Reallöhne) sowie von den Arbeits- und allgemeinen Lebensbedingungen beeinflusst.

Die Organisationsformen der vorindustriellen gewerblichen Produktion in Deutschland können nach HENNING (1989) als Handwerk, Verlag (in Heimarbeit) und Manufaktur beschrieben werden.[1]

Auch die Dorfbewohner am nördlichem Sollingrand waren zum überwiegenden Teil im primären und sekundären Wirtschaftssektor beschäftigt – in der Forstwirtschaft und im kleinbetrieblichen Landhandwerk.

Der Grundbedarf bzw. die Subsistenz der in Heinade, Merxhausen und Hellental lebenden Familien des 18./19. Jahrhunderts war wesentlich von den drei Faktoren bestimmt

  • Nahrung

  • Kleidung

  • Wohnung.

Somit waren in jener Zeit in den Dörfern

  • das Nahrungshandwerk (Müller)

  • das Kleidungshandwerk (Leinenweber, Schneider, Schuster, Schuhflicker)

  • das Bauhandwerk (Zimmerleute, Tischler, Maurer)

  • die Herstellung von Betriebsmitteln (Tonstampfer, Topfhändler, Böttcher, Schmiede, Stellmacher)

von besonderer gewerblicher Bedeutsamkeit.

Während der vorindustriellen Zeit waren insbesondere der Flachsanbau und die landhandwerkliche, arbeitsintensive Flachsverarbeitung (Garnspinnen, Leinenweben) von hervorgehobener wirtschaftlicher Relevanz.

Die vorindustrielle Armutssituation in Deutschland verschärfte sich im 19. Jahrhundert zunehmend als Massenarmut.

In den 1840er Jahren führten Wirtschaftskrisen zu erheblichen materiellen und sozialen Auswirkungen.

Bei einer stetig wachsenden Bevölkerung kam es zudem zu Ernährungskrisen, 1846/1847 zu regelrechten Hungerkrisen.

Darüber hinaus kam es in Folge allgemein niedriger Einkommen bei breiten Bevölkerungsschichten zu krisenhaften sozialen Entwicklungen, u.a. einhergehend mit verbreiteter Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung.

Die Zahl vermögensschwacher, vom Arbeitseinkommen abhängiger Personen wuchs in jener Zeit schneller als die der Gesamtbevölkerung.

Viele Bewohner in den abgelegenen Randregionen des Sollings lebten während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in bitterer Armut und Not.

Im gewerblichen Sektor des Verlagswesens kam es zu einer steigenden Anzahl arbeitender Frauen und Kinder, zum einen wegen der zunehmenden vorindustriellen Armuts- und Notsituation, zum anderen wegen der geringeren Entlohnung je Leistungseinheit.[1]

Der Niedergang des Leinengewerbes verschärfte zudem die soziale und wirtschaftliche Notsituation.

Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts verdrängte die billige, maschinell verarbeitete Baumwolle auch die hiesige Leinenproduktion.

Die „Leinenkrise“ lies zahlreiche Familien der ländlich-dörflichen Unterschicht erwerbslos werden; sie drückte die Stimmung der ohnehin notleidenden Bevölkerung.

Trostlose Lebens- und Arbeitsbedingungen dominierten während der 1830er und 1840er Jahre, insbesondere in den kleinen Walddörfern des Sollings und darüber hinaus.[3]

Die mitten durch den Solling verlaufende Landesgrenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover (ab 1866 preußische Provinz) war ehemals berüchtigt, nicht zuletzt auch wegen der häufigen, polizeilich verfolgten Wilddieberei und des verbreiteten Schmuggels in dieser exponierten Sollingregion.

Um 1840 hatte die Landesgrenze eine besondere Rolle erhalten, denn die auch inmitten des Hellentals verlaufende Herrschaftsgrenze wurde in jener Zeit wegen der häufigen Wilderei und des verbreiteten Schmuggels im bitterarmen Solling wieder berüchtigt.

Für lange Zeit galt der Solling als Hochburg der Wilddieberei, die sich als so genannte Freijagd im 18.-20. Jahrhundert bei den schwierigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründen entfaltete und vor allem in verarmten Walddörfern oft von den Dorfbewohnern unterstützt wurde.

In jenen ökonomisch wie sozial schwierigen Jahren des 18./19. Jahrhunderts, einhergehend mit Hunger und Massenarmut bei zunehmendem Bevölkerungswachstum, gab es typischerweise eine Vielzahl von Einzelstrategien, die die Dorfbewohner des Sollings wegen ihrer großen materiellen Armut und existentiellen Not entwickelten.

Zugleich kam es ab und an auch zu „gewissen Unregelmäßigkeiten” jenseits der damals geltenden Rechtsordnung.

Zu den Erwerbszweigen zählten schließlich auch Verbrechen und Betrügereien.

Auch zeigten sich die Bewohner der Walddörfer im Solling als besonders konfliktfreudig.

Die ausgeprägte materielle Not und ländliche Lebenspraxis bestimmte die Mentalität wie die dörflichen Vorstellungen von Moral und Recht, hingegen nicht gesellschaftliche oder rechtliche Normen.[4]

Das Strafmaß für den Schleichhandel resp. für das Zollvergehen bei Grenzübertretungen waren in jener Zeit recht hart bemessen (Geldstrafe, Zuchthaus, Festungshaft).

Ein Überleben vieler kleiner Landleute des Sollings war in jener armutsbehafteten Zeit oft nur durch Gesetzes- und Grenzübertretungen möglich.

Besondere lokale und individuelle Varianten bestanden in dem „Schmuggel rund um den Solling“ [5] und bei der facettenreichen Wilddieberei in den Sollingforsten des 18./19. Jahrhunderts [6] – begleitet von zahlreichen „erlebten und erlauschten“ Erzählungen, Jagderlebnissen und Wilderer-Geschichten aus dem Solling.[7]

 

Armutsassoziierte Schicksale

Wenden wir uns nun jenen armen Leuten auf dem rauen Solling zu, die in einer enormen sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit lebten und arbeiteten.

Mit seinen beiden regionalen Volkstumswerken „Die Sollinger“ und „Tchiff, tchaff, toho!“ veröffentlichte SOHNREY 1924 und 1929 eine bunte volkskundliche Sammlung zu „Brauch und Glaube“ und zum „Abergläubischen Allerlei“, der für den Solling auch volksmedizinische Überlieferungen zur diätetischen Ernährung, zu Besprechungsformeln, Bautesprüchen und Gebeten zu entnehmen sind.

Bei den Sollingbewohnern gab es erhebliche Unterschiede bei gesundheitsrelevanten Faktoren.

Im Vergleich zu benachbarten Städten an den Sollingrändern war die landärztliche Grundversorgung in den abgelegenen Sollingsdörfern weitaus prekärer, insbesondere die von

  • Schwangeren

  • Müttern

  • Kindern.

 

Trostlose Lebens- und Arbeitsbedingungen

in den kleinen Walddörfern des Sollings

Im Solling war das Leben der meisten Familien über Jahrhunderte hinweg geprägt von

  • großer Kargheit

  • Not und Bitterkeit

  • materieller Armut

  • armutsassoziierten Krankheiten

  • dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung

  • den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder.

Insbesondere in den kleinen Walddörfern des Sollings dominierten während der 1830er und 1840er Jahre trostlose Lebens- und Arbeitsbedingungen.

In Kirchenbüchern des 18.und 19. Jahrhunderts fanden sich hierzu passend alte Krankheitsbezeichnungen, wie „Auszehrung“ und „Entkräftung“ bei über 100 Fällen oder „Brustkrankheit“ bei über 220 Fällen, aber auch Hinweise auf gemeingefährliche übertragbare Krankheiten (Infektionskrankheiten), Tumorerkrankungen und schwerste Verletzungen.

In den Sollingdörfern entfalteten sich erhebliche psychische Gesundheitsstörungen.

In der Folge ereigneten sich Selbsttötungen durch Erschießen, „Selbstvergiftung” oder „Selbsterhängen“.

Von 1867 bis 1893 kam es in mindestens fünf Fällen bei Männern aus Hellental zu einer Selbsttötung.

Ein Dorfbewohner „hat sich aus Verdüsterung des Lebens selbst den Hals abgeschnitten“, wie es ein Kirchbucheintrag ausweist.

In der 1929 von SOHNREY veröffentlichten Wilddiebserzählung „Die Branntweinsbuddel auf dem Sarge“ aus „dem im braunschweigischen Teile des Sollings gelegenen Walddorfe Hellenthal“ geht es um den äußerst derben Hellentaler Wilddieb, den Brinksitzer Karl Greinert.

Einem Leineweber, der bei ihm wohnte und sich erhängt hatte, setzte er zum Spaß eine Branntweinbuddel auf den Sarg, weil der Leineweber gern einen getrunken hatte.

45-jährig tötete sich Greinert im August 1868 „mittels Erschießens“ selbst - mit jener Flinte, mit der er unzählige Hirsche und Rehe erlegt hatte.

 

Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion

Während des 18. und 19. Jahrhunderts zählten neben den Infektionskrankheiten auch

  • Unfälle, insbesondere Arbeitsunfälle

  • Erwerbsunfähigkeit (Invalidität)

  • Unterernährung

  • Altersarmut

  • früher Tod

zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion.

Hinzu trat der schwerwiegende Mangel an ausreichender zeit- und ortsnaher hausärztlicher Grundversorgung.

Ärzte und Tierärzte praktizierten nur in weit entfernten Kleinstädten – beispielsweise in Uslar, Stadtoldendorf oder in Dassel.

Bei schweren Krankheiten oder Unfällen waren Ärzte nur schwer und wenn überhaupt erst spät erreichbar.

Das Vertrauen der armen Leute auf dem rauen Solling in die überlieferte Volks- und Dorfmedizin war Jahrhunderte lang ausgeprägt, zumal sie vor Ort in den Dörfern rasch und meist kostengünstig verfügbar war.

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr.

Die Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung war relativ gering.

Nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

Vor rund 100 Jahren betrug die Lebenserwartung von Neugeborenen im Durchschnitt 45 Jahre.

Dem hingegen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von heute geborenen Frauen 82 Jahre, die Lebenserwartung von Männern 77 Jahre.

Besonders schicksalhaft war der vielfach dokumentierte Tod junger Frauen, die an den Folgen einer Entbindung im Wochenbett verstarben.

Somit ging oft eine Eheschließung nach nur wenigen Monaten oder Jahren durch den frühen Tod der Ehefrau abrupt zu Ende.

 

Epidemien des 19. und 20. Jahrhunderts

Führende Ursachen für Morbidität und Letalität in der Dorfbevölkerung des Sollings

Im 19. und 20. Jahrhundert waren epidemisch besonders imponierend

  • die Cholera

  • die Diphtherie

  • das Fleckfieber

  • die Grippe (Influenzs)

  • die Ruhr

  • die Tuberkulose

  • der Typhus abdominalis.

Zudem nahmen auch sexuell übertragbare Infektionen und Krankheiten, wie die Syphilis, epidemische Ausmaße an.

Von den Infektionskrankheiten waren hauptsächlich anfällige, unterernährte und biologisch am wenigsten gerüstete Personen besonders häufig und klinisch schwer betroffen, wie immuninkompetente alte Menschen und vor allem Säuglinge und Kinder.

Das Auftreten und die epidemische Weiterverbreitung von aerogen übertragbaren Infektionen sowie von Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die oft äußerst engen Wohn- und Schlafverhältnisse mit einer Vielzahl immungeschwächter Kontaktpersonen begünstigt.

Diese gehäuft in Erscheinung getretenen Infektionskrankheiten können bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als die führende Ursache für Morbidität und Letalität auch in der Dorfbevölkerung des Sollings gelten.

 

Pocken ("Blattern")

Sporadisch auftretende Pocken-Erkrankungen wie auch „bösartige” Pocken-Epidemien („Blattern”-Epidemien) traten Ende des 18. Jahrhunderts in südniedersächsischen Städten auf, beispielsweise in Einbeck und Duderstadt.

Die Pockenerkrankungen gingen dort mit einer hohen Sterblichkeit in den Sommer- und Herbstmonaten einher; insbesondere waren Kinder im Alter von 1 - 5 Jahren betroffen.

Das seuchenhistorisch hervorstechendste Merkmal der Pocken - auch „Blattern“ genannt - und der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit, verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate.

Eine weitere Besonderheit der Pocken-Erkrankung war, dass sie alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen betraf und damit nicht nur die öffentliche, sondern auch die Aufmerksamkeit der herrschenden Eliten auf sich zog.

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Säuglings- und Kindersterblichkeit im Alter von 1 - 7 Jahren.

Daraus resultierte schließlich ein geringeres Bevölkerungswachstum.

Landesherrlich gesehen war es strategisch aber entscheidend, dass dadurch für das Militärwesen allmählich weniger werdend junge Soldaten verfügbar waren.

Für Heinade, Merxhausen und Hellental konnten anhand von Kirchenbucheintragungen zwischen 1762 und 1872 insgesamt 25 dokumentierte „Blattern“- bzw. Pocken-Sterbefälle erfasst werden, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.

 

Keuchhusten („Stickhusten“)

Im späten 18. Jahrhundert kam es zu einer regionalen Häufung von durch Tröpfchen übertragenem „Keichhusten” („Stickhusten“, Keuchhusten, Pertussis) unter den Kindern, von denen viele an „Auszehrung“ verstarben.

In den Kirchenbucheinträgen von Heinade, Merxhausen, Hellental und Schorborn findet sich zur Todesursache auch oftmals der Vermerk „Frieseln“.

 

„Frieselfieber”

Der „Friesel” - auch als „echter Schweiß- oder Schwitzfriesel” bezeichnet - trat zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Hautausschlag bzw. als lokale Hautentzündung auf, mit und ohne Fieber, meist aber in Begleitung einer anderen Krankheit.

Die Beteiligung innerer Organe wurde beschrieben, wie auch plötzliche Todesfälle infolge der „Friesel”.

Das ehemals erkrankungsschwere Frieselfieber - möglicherweise auch als Masernerkrankung zu deuten - grassierte in jener Zeit auf dem Lande recht häufig mit „Frieselepidemien”.

Solche „Frieselausbrüche“ betrafen nicht nur Kinder, sondern ebenso Jugendliche und junge Erwachsene.

 

Die Tuberkulose

 

Der „Blaue Heinrich“

Historisches Museum Hellental

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

„Nicht auf den Boden spucken“ und der „Blaue Heinrich“ -

Wenn man Sie nun unverblümt auffordern würde, „nicht auf den Boden zu spucken“, so wären Sie sicherlich ziemlich irritiert.

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch „Spuckverbotstafeln“ auch in den Wirtshäusern des Sollings darauf hingewiesen worden sein, nicht auf den Boden zu spucken.“

Für an Tuberkulose erkrankte Patienten kam Abhilfe durch das eiförmige Glasgefäß in Form des „Blauen Heinrichs“ – die „Geheimrath Dr. Dettweiler's Taschenflasche für Hustende“ aus Falkenstein im Taunus - patentiert von der Firma Gebrüder Noelle in Lüdenscheid.

Die in unterschiedlicher Größe – mal groß, mal diskret klein produzierte gläserne Taschenspucknäpfe wiesen ein aus kobaltblauem Glas hergestelltes Unterteil auf mit einem mit einem mit Gummidichtung versehenen Sprungdeckel.

Als „Volksseuche“, „Weiße Pest“ oder als „Schwindsucht“ bezeichnet, war die Tuberkulose ein mit vielen Ängsten besetztes Massenphänomen des 19. und 20. Jahrhunderts - das „romantische Leiden“ im 18./19. Jahrhundert, die „Armenkrankheit“ oder „Proletarierkrankheit“ des 19./20. Jahrhunderts.

Regional unterschiedlich verteilt war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Lungentuberkulose eine der häufigsten Todesursachen im damaligen Deutschen Reich.

Die durch eine trickreiche Bakteriengruppe verursachte Tuberkulose wurde

  • durch ein geschwächtes Immunsystem

  • durch Unterernährung

  • Armut

  • mangelhafte, unhygienische Lebens- und Wohnbedingungen

  • Migration

  • medizinische Unterversorgung

besonders begünstigt - also durch jene sozialen Faktoren, die ehemals auch im Solling anzutreffen waren.

Wie auch genealogische Daten belegen, zählte im 18. und 19. Jahrhundert die Tuberkulose der Atmungsorgane zu den häufigsten Infektionskrankheiten der armen Leute im Solling jener Zeit.

Viele Dorfbewohner erkrankten und verstarben an der damals nicht effektiv behandelbaren Lungentuberkulose.

Neben den prekären Lebensbedingungen spielten auch die schlimmen Arbeitsbedingungen eine entscheidende Rolle, denn es verstarben viele Arbeiter an der Lungentuberkulose.

Gegen die Tuberkulose der Atmungsorgane wurde auch im Solling bis in das 20. Jahrhundert hinein Hundefett verkauft.

Wenig Ansehen genießende, meist im Verborgenen tätige Hundeschlachter gewannen noch in den 1950er Jahren jenes Fett von mehr oder minder heimlich getöteten herrnlosen oder altersschwachen Hunden.

 

Brannteweinsaufen im Solling

Der preiswerte Schnaps

Als einer der zentralen Schlüssel zum Verständnis einer Kultur gelten der gesellschaftliche Umgang mit dem trinkbaren Alkohol und die staatlichen wie auch andere Versuche, dessen Produktion und Verbrauch zu regulieren.

Regional unterschiedliche Traditionen in der Trinkkultur blieben hierbei dennoch wirkungsmächtig.

Auf dem agrarischen Land besaßen nur die Klöster und landesherrlichen Domänen das Braurecht, da die hier abhängig Beschäftigte, wie die Bauern, zu versorgen waren.

Dem gegenüber war das Brennen von Branntwein ein freies Gewerbe, welches sich zu einem wichtigen Nebengewerbe auf dem Lande entwickelte.

Der durch Destillation gewonnene Branntwein (Schnaps) war bis tief in das 19. Jahrhundert hinein ein weit verbreitetes, im Vergleich zum Bier, vergleichsweise billig herstellbares und haltbareres berauschendes alkoholisches Volksgetränk.

Bereits seit dem 17. Jahrhundert war der Schnaps ein Konkurrenzgetränk zu Bier und Wein, das aus Korn, Kartoffeln und Früchten unkompliziert gebrannt und zuhause wie auch in Wirts- oder Gasthäusern verzehrt werden konnte.

 

„Verderbliche Tyrannei“

Der Konsum von Branntwein spielte gerade in den "schlechten Jahren" im gesamten Solling eine bedeutende Rolle – am herzoglichen Hofe in Braunschweig gescholten als „Brannteweinsaufen“ und „verderbliche Tyrannei“.

Die im Solling weit verbreitete Trunksucht diente wohl auch der psychischen Entlastung vom alltäglichen wirtschaftlichen und sozialen Druck.

Bei den äußerst schlechten, materiell und sozial benachteiligenden Lebens- und Arbeitsbedingungen sahen viele Dorfbewohner*innen im preiswerten Branntweintrinken die einzige Möglichkeit, diese überhaupt psychisch ertragen und der drohenden Depression entfliehen zu können.

So beschreibt STEINACKER zu Beginn der 1830-er Jahre beispielhaft, dass die Verdienste der Leinenweber nach Einführung des englischen Fabrikwesens erheblich zurückgegangen waren und hierdurch eine problematische Entwicklung einsetzte.

Aber das Branntweintrinken war nicht die Ursache, als vielmehr eine Folge der Verarmung.

Zudem diente der Branntwein noch während der Ernährungskrisen der 1840-er Jahre großen Bevölkerungsteilen als wichtiger Kalorienlieferant.

Allerdings gilt es hierbei zu berücksichtigen, dass ein Tagelöhner um 1850 pro Tag 16 gute Groschen (192 Pfennige) verdiente und der Preis für eine Kanne Branntwein (1,9 l) 10 gute Groschen und 8 Pfennige (128 Pfennige) betrug.

Das Branntweintrinken wurde letztlich zum legalen Drogengebrauch und in der Folge auch vielfach zur schweren stoffgebundenen Sucht in der Sollingregion.

 

Schnapsglas Typ "Wachtmeister" │ Höhe: 11,8 cm

norddeutsch/Solling │ um 1800

Historisches Museum Hellental

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

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[1] JARCK/SCHILDT 2000; HENNING 1989; SCHUBERT 1997.

[3] SPIEKER/SCHÄFER 2000, S. 207.

Der Notar Steinacker in Holzminden beschrieb 1833 mutig und eindrucksvoll die zugespitzte soziale und ökonomische Situation jener Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts im Weserdistrikt des Herzogtums Braunschweig - zit. in RAULS 1983.

[4] SCHUBERT 1997

[5] CREYDT 1988, S. 26.

[6] Übersicht bei CREYDT 2010 und ALTHAUS 2006.

[7] u.a. bei BLIESCHIES 1978, S. 38-48.

[43] Akademie Bremen 1999.

[44] HENZE 2004, S. 91 ff.

[45] zit. in ANDERS 2004, S. 265 f.; RAULS 1983, S. 128.

[46] anspruchslose Sonnenblumenart.

[47] Gute Groschen.