Hellental - Hüttendorf und Grünlandtal

Klaus A.E. Weber

 

© HGV-HHM, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Ortsname

CASEMIR/OHAINSKI [2]: Die Ortsnamen des Landkreises Holzminden

 

In the middle of nowhere?

Rund um Natur, Geschichte und Kultur

Wie STEINACKER 1907 zu "Hellenthal" [1] ausführte, heißt „das von Merxhausen nach Neuhaus hinaufziehende Tal in der Gegend des Ortes bereits auf der Karte von 1603 das Helldahl, und der diesen Namen führende „Grund" wird auch schon Ende des XVI. Jahrhunderts im Fürstenberger Erbregister erwähnt."

Das Sollingdorf entstand durch die otsfeste Glashütte Steinbeke, die hier 1715 bis 1745 im Betriebe war und dann in herzoglicher Regie an den Schorborner Teich verlegt wurde.

Es entstand eine vorindustrielle Siedlung mit Waldarbeitern und Landhandwerkern, wobei der Ort, nun "Hellenthal" genannt, zum Amte Allersheim gehörte.

Lange bestand vormals für Hellental das gängige Image: Waldeinsamkeit - Armut - Wilddiebe.

»In the middle of nowhere« - so könnte man noch heute denken, aber Hellental ist vielfältig in seiner idealen Verbindung von Geschichte und Kultur, von artenreicher Natur und idyllischer Landschaft.

 

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© HGV-HHM, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Am Anfang war eine Glashütte

Von der „Glase Hütte“ zur Gründung der gewerblichen „Colonie im Hellenthale

Das abgelegene Sollingdorf Hellental ist keine landwirtschaftliche Siedlung des Mittelalters, sondern entstand erst  zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch die merkantilistische Wirtschaft- und Sozialpolitik im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel.

Wie das älteste fassbare Dokument zum Dorf "Hellenthal 1753" [10] ausweist, erfolgte im 1753 erfolgt im Zusammenhang mit der braunschweigischen Verordnung von Herzog Carl I. vom 19. März 1753 über den "Neuen Anbau auf dem Lande" die systematische Anlage des gewerblichen Dorfes Hellental zur „Beförderung des commerce“ im braunschweigischen "Weserdistrikt".[13]

 

"Hellenthal

was wegen des neuen Anbaus

und Einrichtung eines Dorfes

daselbst vorgekommen und

verordnet worden.

ab ann[o]: 1753."

[10]

 

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Glasstele Hellental

Die Arbeitsgemeinschaft Glaslandschaft Solling-Vogler–Hils im Weserbergland

informiert über die regionale Glastradition.

Die Master-Glasstele wurde am 15. Oktober 2020 in Hellental beim Wanderparkplatz errichtet.

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Menschen waren immer unterwegs

Vom steinzeitlichen Rastplatz zum Waldarbeiterdorf

Das Grünlandtal der Helle - das lang gestreckte Hellental - ist ein besonderes naturräumliches, kulturlandschaftliches und geschichtliches Kleinod in der kulturhistorischen Landschaft des Sollings - dem Waldgebiet des Jahres 2013.

  • Das Sollingtal liegt naturräumlich zwischen den Höhenzügen "Großer Ahrensberg" (524 m) und "Große Blöße" (529 m), den höchsten Erhebungen des Sollings.
  • Bodenfunde (Steinartefakte) aus dem Verlauf des Sollingtals deuten darauf hin, dass sich wahrscheinlich bereits während der europäischen Mittelsteinzeit (Mesolithikum, 8.000–5.500 v. Chr.) nomadisierende, jagende Menschen entlang des Mittelgebirgsbaches Helle aufgehalten haben; es sind die bisher ältesten erhaltenen Spuren eines Aufenthaltes prähistorischer Menschen im Hellental.
  • Die Entstehungs- und Ortsgeschichte des Glasmacherortes und späteren Sollingdorfes ist maßgeblich geprägt von der vielfältigen Waldnutzung des Sollings und deren Geschichte sowie insbesondere auch von Mobilität und Migration als Zuwanderungsdorf - vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.
  • Anders als benachbarte spätmittelalterliche Bauerndörfer am nördlichen Sollingrand entstand der braunschweigische Glasmacherort erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – am Vorabend des Siebenjährigen Krieges (1756-1763); staatlich gefördert als gewerbliches Dorf angelegt in der angrenzenden Landschaft eines trichterförmig ansteigenden Seitentales (265-362 m üNN), gelegen im abgelegenen "Weserdistrict" des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel; die Siedlungsstruktur blieb bis heute weitgehend erhalten.[4]
  • 1753 - älteste archivalisch fassbare Benennung des Dorfes Hellental im historischen Zusammenhang mit der herzoglichen Verordnung von Herzog Carl I. vom 19. März 1753 über den "Neuen Anbau auf dem Lande"
  • Die im 18./19. Jahrhundert in Hellental lebenden Menschen waren meist Kleinstellenbesitzer mit Nebengewerbe (kleingewerbliches Mischeinkommen, u.a. durch Leinwandherstellung und Waldarbeit).
  • Ende des 18. Jahrhunderts zählte das Bergdorf Hellental zu den bedeutenden Waldarbeiterdörfern des nördlichen Sollings.

 

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Schriftsteller

Der nicht unumstrittene Schriftsteller, Dichter, Jäger und Naturfreund Hermann Löns (1866-1914), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrfach das Hellental und seine natürliche Umgebung durchstreifte, gab ihm mit seinen beiden Erzählungen "Das Tal der Lieder" und "Das Hellental" einen bleibenden literarischen Namen.

Löns war stets Gast im ehemaligen Timmermann’schen Dorfkrug, dem von ihm beschriebenen "Wirtshaus an der Straße".

Hier traf er sich 1913 auch mit Erna Sassenberg, seiner letzten Lebensgefährdin.

Aber auch Wilhelm Raabe (1831-1910) und nicht zuletzt Heinrich Sohnrey (1859-1948) haben das Hellental und seine Menschen beschrieben.

 

Der alte "Lönskrug" um 1968

© HGV-HHM, Foto: Privatsammlung Rudolf Timmermann

 

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[1] STEINACKER 1907, S. 177-178.

[2] CASEMIR/OHAINSKI 2007, S. 109-110.

[4] Impressionen aus der Luft - Hellental: Uwe Hänsel bei www.youtube.com - veröffentlicht am 22. Mai 2017, aufgenommen am 21. Mai 2017 beim 40. Internationalen Museumstag.

[10] Aktenbestand NLA WO, 2 Alt 14459.

[13] TACKE 1943, S. 129-130.