Dorfgeschichte - in Raum und Zeit

Klaus A.E. Weber

 

Über allem stehen die zentralen Fragen unserer Zeit

Wie kommen wir in die Zukunft?

Wann kommt die Gemeinwohlökonomie?

Wie viel ist genug?

"Das Weniger muss mehr werden" [18]

 

Heraustreten aus dem Dunkeln der Dorfgeschichte

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Miteinander verbunden: Natur │ Menschen │ Kutur

Der Solling zählt zu dem 960 km² großen Kulturlandschaftsraum K37 "Solling, Bram- und Kaufunger Wald" in der Naturräumlichen Region "Weser- und Weser-Leinebergland" im Südwesten Niedersachsens - mit den Historischen Kulturlandschaften (HK) HK60, HK61, HK70 und HK 71.[16][17]

Die hier betrachtete DORF:REGION zwischen dem nördlichen Sollingrand, dem Heukenberg und Holzberg ist eine historische Kulturlandschaft, deren besondere Eigenart und landschaftliche Schönheit während langer Zeiträume von Menschen aus einer Naturlandschaft geformt wurde.

Erhalten gebliebene, gebaute wie gewachsene Kulturlandschaftselemente zeugen noch heute vom Umgang früherer, vor allem bäuerlicher Generationen mit der Natur und Landschaft des Sollings und dessen nördlichem Vorland.

Sie war und ist die Heimat zahlreicher Familien, über die im Ortsfamilienbuch ab 1648, nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, genealogisch berichtet wird.

 

Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen,

die dem Leben seinen Wert geben.

Wilhelm von Humboldt

 

Das anschauliche Bild des dörflichen Wandels von HAUPTMEYER [1] übernehmend, müssen wir eingangs feststellen, dass uns heute auch die drei Dörfer Heinade, Hellental und Merxhausen „gleichsam in der Schale der Vergangenheit“ entgegentreten und ihr „Innenleben“ sich inzwischen gänzlich verändert hat - und damit auch die Einwohner*innen und Familien.

Der Wandel in Dorf und ländlichem Raum wurde durch das Mittelalter und die Agrarreformen maßgeblich geprägt.[1]

So wurden auch die entscheidenden Grundlagen der Dörfer Heinade und Merxhausen bereits im hohen bis späten Mittelalter geschaffen und danach von den Agrarreformen im 19. Jahrhundert verändert.

Hellental hingegen entstand erst zur Mitte des 18. Jahrhunderts und weist daher eine abweichende dörfliche Entstehung und Prägung auf.

Allen Dörfern aber ist gemeinsam, dass sich in mehrgestaltiger Form und Ausprägung nebeneinander Entwicklungen von Gegenwart und Vergangenheit begegnen.

Wie in der Vergangenheit, so setzte auch in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein erheblicher dörflicher Wandel ein, der sich nicht zuletzt auf das Sozialgefüge der Dorfregion und die hier lebenden Familien auswirkte.

In den folgenden Abschnitten soll daher den Fragen nachgegangen werden, welche Mechanismen und Kräfte den Wandel in der Vergangenheit bewirkten und wie sie das Leben und die Produktionsverhältnisse im ländlichen Raum beeinflussten.

 

„Nur an der Oberfläche der Geschichte flackert das alltägliche Geschäft“ [2]

Die heute anzutreffenden Gegebenheiten sind das Resultat innerer wie äußerer historischer Prozesse und Strukturen.

Herrschaftliche und gesellschaftliche Strukturen oder die Mentalität regionaler sozialer Gruppen verändern sich gemächlich und nur selten mit Brüchen.

Einigen zentralen Spuren wurde bereits im Jahr 2005 in den historischen Betrachtungen des ersten Halbband des Ortsfamilienbuches nachgegangen.

Denn zum besseren Verständnis für die räumliche Entwicklung vom Hoch- bis Spätmittelalter über die frühe Neuzeit bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts ist es unerlässlich, wesentliche historische Bezüge zur Region und darüber hinaus herzustellen.

Dies gilt insbesondere für den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Werdegang der kleinen Dörfer in der nördlichen Sollingregion und ihrer ländlichen Bewohner*innen, der meist „kleinen Landleute“.

Die historischen Ausführungen sollen als markante Hintergründe für die dörfliche Existenz, wie vornehmlich für das Leben, Wohnen und Arbeiten der kleinen Leute und Bauern schwerpunktmäßig in jener bewegten Zeit des 17.-20. Jahrhunderts kursorisch beleuchtet werden.

Dabei müssen wir uns darüber bewusst sein, dass noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Landbevölkerung in grundherrlicher Abhängigkeit von Fürsten, Adligen, Klöstern und Städten lebte, was keine nachträgliche Idealisierung früherer ländlicher Lebensverhältnisse zulässt.[1]

Einen umfassenden Überblick über die Landwirtschaft Niedersachsens vom Beginn des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bietet die gleichnamige Schrift von WÄCHTER [15].

 

Aufbauen Mithalten Nachholen Konkurrieren

HAUPTMEYER [2] unterteilt anschaulich die historischen Entwicklungen und Strukturen in Niedersachsen in vier „thematische“ Phasen:

  • Aufbauen - bis um 1500

  • Mithalten - bis um 1800

  • Nachholen - 19. Jahrhundert

  • Konkurrieren - 20. Jahrhundert

 

Mehr oder minder landwirtschaftlich nutzbare Böden und ein ausreichend verfügbares Wasservorkommen dürften bei der Anlage der ersten mittelalterlichen Siedlungen und der späteren Dörfer Heinade und Merxhausen eine entscheidende Bedeutung gehabt haben, später, frühneuzeitlich auch für Hellental.

Die historischen Ortsbilder der Dörfer Heinade, Hellental und Merxhausen entsprechen mehr oder minder geordneten Haufen- bzw. Straßensiedlungen.

Hellental hingegen imponiert noch heute als eine fast geschlosse vorindustrielle Anbauer- bzw. Brinksitzeransiedlung (enge Bebauung, kleine Parzellen).

Das auf der Grundlage der Braunschweigischen General-Landesvermessung von 1746-1783 erstellte Kartenwerk „Historische Karte des Landes Braunschweig im 18. Jahrhundert“ zeigt hierzu ein detailliertes Bild der Landschaft und des Gemeinwesens vor rund 270 Jahren.[5]

 

Braunschweigische General-Landes-Vermessung 1746-1783 [7]

Dorf:Region im 18. Jahrhundert

Heinade 1756 │ Merxhausen 1763 │ Hellental 1792

 

Um Feldmarken aller Braunschweiger Dörfer für Zwecke der Landeskultur, des Katasterwesens (genaue Festlegung der Abgaben an den Staat) und der Flurbereinigung zu erhalten, ließ Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel von 1746-1783 eine allgemeine Landesvermessung für sein Fürstentum durchführen, unter der Leitung der „Fürstlichen General-Landes-Vermessungs-Kommission“.

Für jede Feldmark war ein Lokalkommissar bestellt worden.[6]

Die General-Landesvermessung zeigt Feldrisse im Maßstab 1:4.000 mit Dorf-, Feld- und Wiesenbeschreibungen und Besitzverhältnissen, auch für das südniedersächsische Berg- und Hügelland mit den hier betrachteten Dörfern Heinade und Merxhausen.

Erst 1792 wurde der im heutigen Naturschutzgebiet „Hellental” liegende Talbereich als "Im Höllen-Tal" sowie das Landarbeiterdorf selbst topografisch aufgenommen.[7]

Während des 13./14. Jahrhunderts dominierten zunächst die Eversteiner Grafen den Landstrich zwischen Holzminden und Hameln.

Nach dem Aussterben der miteinander konkurrierenden Geschlechter der Eversteiner Grafen und der Edelherren von der Homburg (Stadtoldendorf) zählte vom 16. Jahrhundert bis 1941 das Gebiet des heutigen Landkreises Holzminden zum Herzogtum Braunschweig, nach dem Ersten Weltkrieg, ab 1918, zum Freistaat Braunschweig

Der braunschweigische Weserdistrikt währte somit über 450 Jahre.

Der frühneuzeitliche Braunschweiger Territorialstaat bestand aus mehreren, nicht zusammenhängenden Gebieten und Enklaven.

Westliche Bereiche des Sollings, Teil des südniedersächsischen Mittelgebirgslandes, zählten ehemals zum braunschweigischen Landesteil.

Die „Durchgangslandschaft“ zwischen nördlichem Solling, Heukenberg und Holzberg war, wie das gesamte Weserbergland, vom Mittelpunkt der Zentralverwaltung (Wolfenbüttel, Braunschweig) weit abgelegen, wobei diese Region „über lange Zeiten hinweg ein mehr oder weniger ausgeprägtes Eigenleben“ führte.[8]

Eine relativ umfassende, chronologisch aufgebaute und mit Abbildungs- und Kartenmaterial versehene Darstellung der Braunschweiger Landesgeschichte kann der Veröffentlichung „Die Braunschweigische Landesgeschichte - Jahrtausendrückblick einer Region” entnommen werden.[9]

Das Standardwerk „Niedersächsische Geschichte“ [10] vermittelt einen themenbezogenen Einblick in eine Vielfalt historischer Themen zur wechselhaften niedersächsischen Geschichte.

Das nicht chronologisch ausgerichtete Geschichtswerk „konzentriert sich in der Darstellung auf die Entwicklung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse des Landes sowie auf die politische Geschichte“.

In dem heimatkundlichen Werk „Das Herzogtum Braunschweig“ von KNOLL/BODE in 2. Auflage 1891 herausgegeben, finden sich übersichtliche geschichtliche und topografische Beschreibungen des Herzogtums im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Zudem steht in Fachbibliotheken auch eine Vielzahl weiterer orts- und regionalgeschichtlicher Literatur ergänzend wie vertiefend zur Verfügung.[11]

Der im Südwesten gelegene niedersächsische Bereich des Weserberglandes, Teil des südniedersächsischen Berg- und Hügellandes, war traditionell ein „ökonomisches Intensivgebiet“, eine „altindustrielle Region“, gestützt auf die regionalen Rohstoffvorkommen (u.a. Holz).[12]

Bereits im Mittelalter entwickelten sich hier zahlreiche Gewerbe und nachfolgend frühe Industrien.[13]

Heute sind hier die ökonomischen und sozialen Folgen der Strukturkrisen im industriellen Sektor und der veränderten, vornehmlich nur kapitalorientierten Marktwirtschaft besonders erfahrbar.

Die vorherrschend naturräumlichen Bedingungen prägten im niedersächsischen Raum - wie auch in dem hier betrachteten Gebiet zwischen nördlichem Solling und Holzberg - die wirtschaftlichen Entwicklungen und Strukturen.[14]

 

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[1] HAUPTMEYER 1995.

[2] HAUPTMEYER 2004, S. 12.

[5] KLEINWÄCHTER 2004, S. 32.

[6] KLEINWÄCHTER 2004, S. 32 ff.

[7] KRAATZ 1975.

[8] TACKE 1943, S. 9.

[9] JARCK/SCHILDT 2000.

[10] HUCKER/SCHUBERT/WEISBROD 1997.

[11] u.a. Präsenzbibliothek und Regionalarchiv des „Heimat- u. Geschichtsvereins Holzminden“ im Weserrenaissance Schloss Bevern.

[12] KRUEGER 2003, S. 38 ff.

[13] HAUPTMEYER 2004, S. 10.

[14] HAUPTMEYER 2004, S. 55.

[15] WÄCHTER 1959.

[16] WIEGAND 2019, S. 284-295.

[17] NHB 2020, S. 82-83.

[18] UNMÜSSIG 2020.