Gebirgsstörung als historischer Grenzraum

Klaus A.E. Weber

 

Mit einem Grenzstein markierte Landesgrenze im unteren Hellental │ Oktober 2021

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Aus der Satellitenansicht imponiert das Hellental als nordöstliches Teilgebiet eines schmalen Grabenverlaufes innerhalb des Sollingmassivs, dem tiefen „Derental-Merxhausener-Graben“.

Die hier betrachtete Region liegt als Festgesteinsgebiet innerhalb des südniedersächsischen Berglandes, wobei die in große Schollen zerlegte Buntsandsteinfolge des Solling-Mittelgebirges das südliche Gebiet sowohl landschaftlich als auch kulturell und politisch bestimmte, einschließlich der zentral gelegenen, großen Grabenstrukturen.

Die als nordöstlicher Ausläufer des „Derental-Merxhausener-Grabens” fast geradlinig in südwestlich-nordöstlicher Richtung verlaufende, landschaftlich eindrucksvolle Grabenstruktur des „Hellentaler Grabens“, auch „Hellentaler Senke“ genannt, ist eine jungtertiäre Gebirgsstörung, eine tektonische Senke im Hochsolling und zugleich auch eine natürliche Grenzscheide im Solling.[1]

Der „Hellentaler Grabenbruch“ wird naturräumlich vom Großen Ahrensberg (525 m), Dasseler Mittelberg (507 m) sowie von der Großen Blöße (528 m) als den höchsten Erhebungen des Hochsollings begrenzt.

Sie bestimmen seit jeher zugleich auch die teilweise unwirtliche Steilheit der oberen Hänge des Hellentals.

 

Blick vom Heukenberg bei Merxhausen in das Hellental Mai 2017

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Natürliche Territorialgrenze im Hellental

Die Grabenstruktur des Hellentals ist beispielhaft dafür, wie im südniedersächsischen Bergland naturräumliche Kammerungen die Linienführung von Grenzverläufen seit dem Frühmittelalter beeinflussten.

Im Spätmittelalter folgten dem „Hellentaler Graben“ Territorialgrenzen (Diözesan-, Ämter-, Forst- und Landesgrenzen) zwischen dem

Noch heute erinnern eine Reihe infrastruktureller Gegebenheiten an die ehemals Braunschweiger Zugehörigkeit.[4]

Die vormals bestehende Zugehörigkeit der Dörfer Heinade, Hellental und Merxhausen zum Land Braunschweig war maßgeblich durch die territoriale, natürliche Rand- bzw. Grenzlage im und zum nördlichen Solling gekennzeichnet.

Seit Ende des 15. Jahrhunderts folgten dem „Hellentaler Grabenbruch“, die natürlichen Territorialgrenzen zwischen dem Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, Stift Hildesheim und Fürstentum Calenberg, später Kurfürstentum und Königreich Hannover.

Meist längs des Mittelgebirgsbaches „Helle“ in der Talsohle verlief bereits im Mittelalter eine bedeutende Grenze.

Das Leben, Wohnen und Arbeiten der alten Merxhäuser und Hellentaler Familien vollzog sich fast ausschließlich im Naturraum jenes „Hellental-Merxhausener Grabens”, der zugleich auch beispielhaft dafür ist, wie im niedersächsischen mittelgebirgigen Bergland ausgeprägte natürliche, landschaftliche Kammerungen die Linienführung von Grenzverläufen beeinflussten.[1]

Ältere Hellentaler Dorfbewohner bezeichnen noch heute den in der muldenförmigen Talsohle schnell fließenden Helle-Bach als „Die Grenze“.

Die am „Landesgrenzstein“ in Merxhausen beginnende, zunächst winkelig und dann fast geradlinig entlang der Talsohle des Hellentales bzw. der Helle verlaufende alte Landesgrenze ist nicht nur als eine einfache, „übliche“ Grenze zwischen Gebietskörperschaften zu interpretieren.

Vielmehr ist dieser Grenzverlauf von historischer, territorialpolitischer Bedeutung, legt man beispielsweise regionale Gebietsveränderungen in Folge des Wiener Kongresses von 1814/15 oder des Deutschen Krieges von 1866 zu Grunde.

Die hier betrachtete Dprf:Region lag ursprünglich nicht im welfischen Einflussbereich oder Bevölkerungskreis.

Waren von Beginn an die am nördlichen Sollingrand gelegenen Dörfer Heinade und Merxhausen, das Hellental wie das gleichnamige Sollingdorf, braunschweigisch, so gehörten sie bis zum 31. Dezember 2005 zum Zuständigkeitsbereich der Bezirksregierung Hannover.

Auch kirchlich war Merxhausen eine Grenzgemeinde.

Die Dorfbewohner wurden ehemals vom Kaplan im hildesheimischen Dassel betreut und gingen nach Mackensen zur Kirche.

Um 1687 verfügte die Landesregierung, die Gemeinde dem Kirchenspiel Heinade zuzuordnen, so dass dem Pastor in Deensen die kirchliche Versorgung zufiel.[2]

 

Ämterkarte von TACKE [8]

 

Die braunschweigisch-hannoversch-preußischer Grenze

Ein Abschnitt der Südostgrenze des Landkreises Holzminden zieht sich über die Höhenlinie des Ohlenbergs und Heukenbergs zu der Tiefenlinie des tertiären „Meinbrexen-Merxhausen-Grabens“.

Der Grenzverlauf endet südlich im oberen Hellental am „Dreiämterstein“, an dem sowohl das Herzogtum Braunschweig als auch das Hochstift Hildesheim und das Fürstentum Göttingen Anteil hatten.

Seit Ende des 15. Jahrhunderts folgten der Grabenstruktur des Hellentals die natürlichen Territorialgrenzen zwischen dem Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, Hochstift Hildesheim und Fürstentum Calenberg, später Kurfürstentum Hannover und Königreich Hannover.

Längs des im Hochmoor Mecklenbruch entspringenden Mittelgebirgsbachs Helle verlief bereits im Mittelalter eine bedeutende Landesgrenze.

Ältere Hellentaler Dorfbewohner bezeichnen daher noch heute den in der muldenförmigen Talsohle fließenden Helle-Bach als „Die Grenze“.

Als erhaltene Relikte zeugen noch heute die im Hellental errichteten Landes- und Ämtergrenzsteine sowie forstliche und fiskalische Abteilungssteine von den jeweiligen herrschaftlichen Gebietsansprüchen in den vergangenen Epochen.

Diese teils mit Ordnungszahlen und –buchstaben gekennzeichneten Grenzsteine sind stille Zeugen eines alten Grenzraums in der Landschaft des Hellentals.

Die eingemeißelten Ordnungsbuchstaben und –zahlen geben Auskünfte darüber, von welcher Gebietskörperschaft der jeweilige Landes- oder Ämtergrenzstein vormals gesetzt wurde.

Die Setzung der Grenzsteine mit den Bezeichnungen HB / KH (Herzogtum Braunschweig / Königreich Hannover) erfolgte im Zeitraum 1814-1828.

Bei der 1901 durchgeführten Grenzfeststellung wurde erstmals der Grenzabschnitt im Hellental versteint und mit den Hoheitszeichen B│P (für Braunschweig und Preußen) gekennzeichnet.

Im Naturschutzgebiet des oberen Hellentals steht versteckt am Ufer der Helle, am Zusammenfluss mit einem kleineren Nebenbach, ein besonderer braunschweigischer Hoheitsgrenzstein: der 1828 gesetzte dreikantige "Dreiämterstein".

Hier im "Hellen Thal" grenzten in einem Schnittpunkt dreier Amtsbereiche und herrschaftlicher Territorien - als „Dreiländer-/Ämterecke“ - direkt aneinander:

  • Amt Holzminden (Herzogtum Braunschweig)
  • Amt Hunnesrück (Hochstift Hildesheim)
  • Amt Uslar (Kurfürstentum Hannover).

Der im Jahr der Setzung des "Dreiämtersteins" aufgenommene herzogliche Landesgrenzplan gibt mit dem Flurnameneintrag „Der Glaseplack“ einen kartografischen Hinweis auf die große frühneuzeitliche Glashütte "Oberes Hellental" am „rothen Wasser“, unterhalb der Anhöhe „Der Räuberbrink“ und zwischen den braunschweigischen Hellentaler und den hannoverschen Mackenser Wiesen gelegen.

Die Bedeutung des Grenzraumes im Hellental unterstreichend, weisen die Kirchenbücher für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere „Grenzaufseher” aus:

  • Heinrich Julius August Albrecht,
  • den 1806 in Braunschweig geborenen Carl August Garbe, Christian Friedrich Eisbrecher,
  • den „Grenzcontrolleur” Gottlieb Pabst,
  • den in Merseburg geborenen Bernhard Friedrich Senff, Heinrich Friedrich Ahlborn in Merxhausen (1844), der 1862 Forstaufseher in Pilgrim wurde.

In seinem „Niedersächsischen Skizzenbuch“ beschrieb Hermann Löns (1866-1914) zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Das Hellental“ und darin u.a. auch den Verlauf des Helle-Baches und der Landesgrenze:

"Das Tal, [...], hat von alters her den Namen Hellental.

In seinem Grunde, neben dem sich ein hellroter Fahrweg entlangzieht, läuft die Grenze zwischen Braunschweig und Hannover entlang, und es ist so schmal, dass die Hirsche, die hüben und drüben hinter den Gattern stehen und sich im Herbste wütend anschreien, einander wittern können, wenn der Wind danach ist."

 

Der „Hellentaler Grabenbruch”

Geologische Grabenstruktur im Solling

Geografisch gesehen, liegt das Hellental in der Region Süd-Ost-Niedersachsen, landschaftsräumlich im Weserbergland.

Geologisch betrachtet, ist das Hellental ein Teilgebiet der von Südwesten nach Nordosten, von Meinbrexen an der Weser bis Merxhausen und Denkiehausen mit dem Heukenberg, das mächtige Sollinggewölbe geradlinig querenden Grabensenke, die „Hellentalfurche“ [5], in der jüngere Gesteinsschichten wie Unterer Muschelkalk als präoligozän versenkte Schollen und Tertiär liegen.

Das Hellental ist ein optisch reizvolles, in diese Grabensenke hinein entwickeltes Muldental in der südniedersächsischen Mittelgebirgslandschaft, im nördlichen Massiv der Buntsandsteinkuppel des Sollings.

Die auffällige Landschaftsform des „Hellentaler Grabens” ist ein erdgeschichtliches Zeugnis von besonderer Seltenheit und Schönheit zugleich und kann als kleines regionales „Archiv” der erdgeschichtlichen Entwicklung angesehen werden.

Im Naturraum Hellental kann man in engster Nachbarschaft unterschiedliche geologische Formationen antreffen, wie beispielsweise den für das Solling-Mittelgebirge typischen

aber auch imponierende Karsterscheinungen, wie

An diese „geradlinig gestreckte Achse des kleinen Hellentals“ lehnt sich die den Solling querende Grenze des alten Landes Braunschweig an.[6]

Seit dem frühen 18. Jahrhundert erfolgten Rodungen an den Außenrändern des Sollings und seiner Vorberge.

Im Einwohner*innen des hannoverschen Dorfes Mackensen ausgewiesen Forstgrund "Im Hellental" wurde beim Bestandsverhältnis "ein wenig unfruchtbar Holz" im Jahr 1711 eine "Wiese" durch Rodung angelegt mit einer relativ großen Fläche von 8 hannoverschen Morgen und 30 hannoversche Quadraturen (ca. 21.400 m²).[7]

 

Die den Solling durchquerende Grenze des alten Landes Braunschweig

hier entlang des Verlaufes der Helle als "Grenzbach"

"Die Gerlachsche Karte des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel (1763-1775)" [3]

 

Der Hellebach - „Die Grenze”

Die Talsohle des Hellentales kann auch als historisches „Grenzland” faszinieren, begleitet von erhaltenen, regionalgeschichtlich bedeutsamen Grenzsteinen mit territorialer Kennzeichnung.

Der landschaftsprägende Bach des Hellentals ist die weitgehend naturnah erhaltene, „muntere Helle“, die mit einem erheblichen Gefälle mäandrierend das tief in den Solling eingeschnittene Wiesental munter und schnell durchfließt.

Die Helle ist in wirtschaftlicher Hinsicht immer ein völlig unbedeutender Sollingbach gewesen.

Zugleich ist die Helle seit Jahrhunderten ein territorialer Grenzbach mit teilweise erhaltenen Grenzsteinrelikten als Zeugen einer bewegten Regionalgeschichte.

Im Dorf Hellental wird der Mittelgebirgsbach daher noch heute „Die Grenze“ genannt.

Insbesondere im Frühjahr plätschern aus vielen Verwerfungsquellen gespeist kleine Rinnsale und Bäche die mehr oder minder steilen Berghänge beiderseits der Helle die Wiesen herunter, weshalb das Hellental früher auch als „Tal der 200 Quellen“ bezeichnet wurde.

Es sind landesherrschaftliche Zeichen des historischen Grenzverlaufes entlang der Helle – daher im Dorf „Die Grenze“ genannt - bis zu ihren Quellgebieten vorhanden.

Entlang des Bachbettes stehen zahlreiche, um 1901 gesetzte Landesgrenzsteine mit einfach gehaltenen Territorialinitialen (B = Herzogtum Braunschweig / P = Königreich Preußen).

 

Von Braunschweig gesetzter Grenzstein, rückseitig gekennzeichnet mit "P" für Preußen

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Preußische Landesaufnahme

In den Jahren 1877-1912 wurden auch für das Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen die Erstausgaben der Topographischen Karte 1:25.000 (TK 25) als Preußische Landesaufnahme (Messtischblätter) aufgenommen.

Wegen des großen Aufwandes hatte auch das Herzogtum Braunschweig dem Preußischen Staat die Vermessung und die kartographische Darstellung seiner Landesflächen übertragen.

Für den hier behandelten Grenzverlauf wurde die Vermessung 1896 durchgeführt.[9]

 

Grenzstein mit der Inschrift "KH│HB" im unteren Hellental │ Oktober 2021

KH = Königreich Hannover

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Literatur

CREYDT, DETLEF, HILKO LINNEMANN, KLAUS A.E. WEBER: Die historische Landesgrenze des Kreises Holzminden zum ehemaligen Hochstift Hildesheim. In: Jahrbuch 2007 für den Landkreis Holzminden. Bd. 25. 2007, S. 41-68.

WEINREIS, HORST: Wege, Steine und Gräben. Zeugnisse der Vergangenheit im Solling, Revier Nienover. Teil I. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 1/2008, S. 9-21.

WEINREIS, HORST: Wege, Steine und Gräben. Zeugnisse der Vergangenheit im Solling, Revier Nienover. Teil II. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2008, S. 11-20.

 

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[1] JARCK/SCHILDT 2000.

[2] RAULS 1983, S. 142.

[5] MODERHACKL 1979, S. 3.

[6] MODERHACK 1979, S. 11.

[7] REDDERSEN 1934, S. 23 Tab.

[8] TACKE 1943, S. 10 Abb. 1.

[9] CREYDT/LINNEMANN/WEBER 2007.