Die Dorfgastwirtschaften

Klaus A.E. Weber

 

Der „untere“ und „obere Kreuger“

Während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert wurden die Dorfgastwirtschaften oftmals häufiger und mehr besucht als die Kirchen oder Kapellen.

Bereits um 1765 war unter den Gewerbetreibenden Hellentals ein Krüger angegeben worden [LESSMANN 1984].

Somit ist anzunehmen, dass bereits zu dieser frühen Gründungsphase des neu entstehenden Sollingdorfes ein Dorfkrug betrieben wurde.

 

Der „untere Kreuger“ (Ass.-№ 3)

Im alten Hellentaler Dorfkrug, dem „unteren Kreuger“ (= Krüger), ergänzten sich über viele Jahrzehnte hin Land- und Gastwirtschaft auf gute synergistische Weise.

In seinem noch heute in Hellental weitgehend bekannten Gedicht „Die böse Sieben” soll Hermann Löns mit dem Wirtshaus an der Straße den ehemaligen Dorfgasthof beschrieben haben, einen Vorgängerbau des heutigen modernen „Landgasthauses Lönskrug” in der Lönsstraße 2.

Schon vom ins Tal einmündenden „Birkenweg” aus sei, so Hermann Löns, die leuchtende, das Bild bestimmende Fassade des mehrstöckigen Dorfgasthofes zu sehen gewesen.

Es wird angenommen, dass der Glasmachermeister „Herr“ Jobst Heinrich Gundelach nach 1717 nicht nur die große Glasproduktionsanlage, sondern typischerweise auch ein eigenes Wohnhaus erbaute, sein Herren- oder Meisterhaus.

Es soll für die damaligen örtlichen Verhältnisse ein außergewöhnlich stattliches Wohnhaus gewesen sein [LESSMANN 1984].

Um 1743 sei nach der Stilllegung der Glashütte Zur Steinbeke das ehemalige Gundelach’sche Herrenhaus vom braunschweigischen Staat gegen die Entrichtung des stattlichen Kaufpreises von 1.500 Reichstalern erworben und dem damaligen Förster Meyer - „Jäger Meyer“ – als Dienstwohnung (Forsthaus) zur Verfügung gestellt worden.

Nach LESSMANN [1984] sei nach dem Tode von Meyer 1756 das Wohnhaus seiner Witwe zum Kauf angeboten worden, die das Haus mit Grundstück (Garten) gemeinsam mit ihrem Sohn für 200 Taler erworben habe.

Wie RAULS in seiner „Ortschronik Deensen“ [1983, S. 327] dem hingegen ausführt, soll der Reitende Förster Johann Christoph Borchers in dem Herrenhaus der verlassenen Steinbeker Glashütte gewohnt haben.

Wenn dies tatsächlich zuträfe, lebte Borchers dort nur für einen kurzen Zeitraum, da er bereits um 1744 das 1721 in Schießhaus errichtete und 1812 wieder abgebrochene Wildwächterhaus übernommen haben soll.

In dem Wildwächterhaus hatte zuvor der „Eichelbinder“ Sigismund Steinmell als erster Bewohner mit seiner Familie gelebt (er verstarb dort 1744).

Johann Christoph Borchers kaufte dann 1754 den Großkothof Ass.-№ 52 in Deensen (mit Hof, 10 ½ Morgen Meierland, 2 Fuder Wiesenwuchs, dem Wohnhaus mit Hecken und Planken) für 167 Taler und 18 Mariengroschen.

Noch 1792 wurde das Gebäude mit Ass.-№ 3 unter dem Namen Jäger Meyers Erben geführt (Fläche der Hausstelle: 10 Ruten, 64 Fuß), einschließlich des für Hellentaler Besitzverhältnisse ungewöhnlich großen Grundstückes von 5 Morgen und 107 Ruten (= 12.997 m²), davon 3 Morgen, 120 Ruten, 15 Fuß Garten und 1 Morgen, 136 Ruten, 82 Fuß Wiesen.

Zu der späteren „Timmermannschen Gastwirtschaft“ ist der kurzen Dortbeschreibung „Hellenthal“ von STEINACKER [1907, S. 178] zu entnehmen, dass diese vormals das „Wohnhaus vom Leiter der Glashütte“ gewesen sei.

Auch LAMBRECHT [1863, S. 706] beschrieb bereits vier Jahrzehnte zuvor, dass die jetzige Wirthschaft das ehemalige Herrenhaus sei und dasselbe das älteste des Dorfes.

STEINACKER berichtete 1907, dass es sich um einen zweigeschossigen Fachwerkbau „mit Tür in der Längsseite, Giebel an der Straße und Däle rückwärts quer“ gehandelt und somit im Wesentlichen den „Typus III“ der Einhäuser vertreten habe.

STEINACKER führte weiter aus:

Die Vorkragung von Oberstock und Giebel hat scharfkantige Schwelle und gerundetes Füllholz.

Im Oberstock ein Zimmer mit roh gearbeiteter Stuckverzierung: niedriges Sockelgetäfel mit aufgemalten Spitzquadern, an der Eingangswand zwei farbige Stuckpilaster mit Rahmenwerk, gegenüber zwei Arkaden über Pilastern, in den Zwickeln Blätter und Früchte, die eine Arkade einst offen gegen ein Nebenzimmer, die andere eine Kaminumrahmung , Decke mit Gesims und einfachem Rahmenwerk, in einer Wand (Giebelseite) drei kleine Fenster, als Fußboden ein Gipsestrich.“

Um 1809 wird der am 07. November 1775 geborene Forstaufseher und Klaftermeister Johann Daniel Germann als „Krugwirt“ im Kirchenbuch Heinade geführt; er starb am 19. April 1827 in Hellental.

Auch wurde Johann Karl Löhr als „Krugwirt“ benannt, jedoch ohne zeitliche Zuordnung (vor 1854), ebenso ein Krüger und Krämer namens Meyer.

Das Hellentaler Brandversicherungskataster von 1834 nennt Georg Timmermann als Eigentümer des Hauses Ass.-№ 3.

Hierbei wird auch ein „Nebengebäude“ sowie eine „Holzremise (Anm.: Holzschuppen) oder Scheuer“ erwähnt.

Der am 07. Mai 1823 in Hellental geborene Tabakfabrikant Georg Friedrich Daniel Theodor Timmermann wird um 1855 als Gastwirt im Kirchenbuch Heinade angegeben (gestorben am 11. Januar 1868 in Hellental).

Der Gastwirt Timmermann heiratete am 03. Juni 1847 in Hellental die am 25. September 1825 ebenfalls in Hellental geborene Johanne Luise Friederike Appel.

Deren Sohn, der am 08. September 1852 in Hellental geborene Brinksitzer, Gastwirth und Krämer Wilhelm Carl Julius August Timmermann wird um 1877 in der gemeindlichen „Hebeliste“ als brandversicherungspflichtiger Gebäudeeigentümer ausgewiesen.

Am 02. Oktober 1903 brannten abends die Wohngebäude, Stallungen und der Tanzsaal der zwischenzeitlich neu errichteten „Timmermann’sche Gastwirtschaft” nieder.

Wie berichtet wurde, habe Carl Timmermann 1905 mit dem Wiederaufbau seiner Gastwirtschaft begonnen.

Allerdings sei hierbei das Gebäude etwas weiter von der Straße zurückversetzt wiedererrichtet worden.

Der neue Dorfkrug sei nun größer und schöner als zuvor geworden und es soll jetzt sogar eine eigene Sängerstube gegeben haben [LESSMANN 1984].

Die älteste in Hellental erhalten gebliebene Fotografie des Dorfkruges zeigt ihn als schlichtes zweistöckiges Fachwerkgebäude um das Jahr 1900, wie es am ehesten der zuvor zitierten Beschreibung von STEINACKER 1907 entsprach.

Der Heimatdichter Hermann Löns ließ sich gern und oft im gemütlichen Gasthaus von Carl Timmermann nieder.

Löns schloss schließlich mit dem Gastwirt und seiner Familie eine bleibende Freundschaft, aber auch mit Hellental und der umgebenden Landschaft.

Hermann Löns war über Jahre eng mit der Geschichte des später nach ihm benannten „Lönskruges” verbunden, dem alten Wirtshaus an der Straße.

Ein im Original erhaltener, handschriftlicher Eintrag von Hermann Löns im Fremdenverkehrsbuch des Dorfkruges weist den 01. April 1913 aus.

 

Der „obere Kreuger“ (Ass.-№ 12)

Der am nordwestlichen Hang, oberhalb des historischen Dornkerns, gelegene Gebäudekomplex (Wohnhaus und Gastwirtschaft mit Saal) der ehemals weithin bekannten Timmermann’schen Gastwirtschaft - früher „oberer Kreuger“, später auch „Grüner Jäger“ bzw. volkstümlich „bei Heinschen“ genannt - soll auf ein Haus aus dem Jahr 1740 zurückzuführen sein (persönliche Mitteilung eines Privateigentümers).

Heute ist das umgebaute und sanierte Gebäude das stattliche Wohnhaus Zum Winkel 2.

Wie von Friedrich Schütte zu erfahren war, habe Anna Timmermann (geb. Sturm) bei ihrer Verheiratung mit dem Gastwirtsohn Carl Heinrich Theodor Timmermann das zweigeschossige Wohnhaus (Ass.-№ 12) mit in die Ehe eingebracht.

Theodor Timmermann wurde am 14. Januar 1878 in Hellental geboren, wo er am 24. Juli 1943 verstarb.

Er war der Sohn von Carl Heinrich Theodor Timmermann, der am 01. September 1850 in die Familie eines Waldarbeiters in Hellental geboren wurde.

Carl Timmermann hatte am 01. November 1877 in Heinade die am 19. Dezember 1854 in Hellental als Tochter eines Brinksitzers geborene Hanne Friederike Amalie Eikenberg geheiratet.

Nach mündlicher Überlieferung habe das Ehepaar Anna und Theodor Timmermann um 1910 ein zweigeschossiges Gebäude als Anbau an das bereits vorhandene Wohnhaus errichtet.

Die Gastwirtschaft firmierte unter „Theodor Timmermann, Gastwirtschaft – Logis – Ausspann“.

Im Neubau war ein Gast- und Clubraum im ersten Obergeschoss, ein ebenerdiger

Reisestall und Bierkeller, zwei Fremdenzimmer sowie ein Saal für Vergnügungsfeste im zweiten Obergeschoss eingerichtet.

Der jüngste Sohn, Heinrich Timmermann – genannt „Heinschen“ -, übernahm nach dem Tode seiner Eltern die Gastwirtschaft und führte sie vorerst in Eigenregie weiter.