Der Schinkenschmuggel

Klaus A.E. Weber

 

"Dei Schinkensmuggel bei Merkshiusen"

Der im Gersbach Verlag (Hannover) zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen Schrift des Freundes plattdeutschen Volkshumors WILHELM HENZE „Eck segge man bloß. Schwänke und Geschichten“ [1] ist die folgende, in plattdeutscher Sprache abgefasste, humorvolle Begebenheit eines geschickten, wahrheitsgemäßen „Schinkenschmuggels“ über die braunschweigisch-preußische Landesgrenze beim „Grenzkrug“ bei Merxhausen zu entnehmen:

"In Merkshiusen, in’n Dickedurchschen, seiten bei Biuren been Ossenwirt in’n Krauge un diskereeren ober die natte Witterunge, ober dei Duirnisse, ob bei Kreeg wol balle tau Enne wöre, und at dei Kujonen von Engelänners den Casement nin doch bennerichtet härren, un ob dat Unnerseebott „Duitschland“ wol weer heile herower keime, un dat Poinkarree un Gree en Klestier mit Glasscherben hebben mößten, un sau güng dat dörenanner.

Da kummt bei Dörphallbuß herringeflitzt; bei is ganz iut der Piuste un röpt: „Kinners, wettet jet all? Juse Fürst het sämtligge Sweene, Speck, Schinken un Mettworst met Beslag beleggen laten; et darf nicks mähr iut’n Lanne, un wer war na iutwärts verkäupen will, mott et duir vertollen.“

Dat gaff niu en grotet Geköne un Upregunge. Dei Smed slug met der Fiust up’n Disch un reip: „Wat gahet den Fürsten iuse Sweene an? – Lat ’ne seck ümme süs wat bekümmern, denn hette genaug tau daune. Aberst eck segge ja, dei groten Herren stäket öhre Näse in alles!“

„Er is man giut, dat eck alles verkofft hebbe,“ greene Kunrad Barnstorff, „eck hebbe for’t Pfundseeben Mark ’ekreegen; da hebbe eck en gladden Gröschen riuteflahn.“

„Tja,“ segget Bullmeier Kläuker, „dei Händlers iut’r Stadt drewet et tau dulle.Sistern was eine iut Hannover bee meck un wolle Eier käupen, - hei bot meck for’t Stück drüttig Pennje.

Eck fraug dhne, woveel datte denn hebben wolle.

Och, meine hei, sauveel wee eck härre, un wenn’t diusend Stück wören.

– Den hebbe eck aberst von’n Howwe jaget, dat bei dei Schauh verloren het, - denn wenn düsse Keerl drüttig Pennje for’t Stück betahlt, wat möttet denn bei Städters betahlen?“

„Tja!“ reip en anner, „eck weit of nich, wee iuse Fürst datau kümmt; we sind doch of duitsche Patreoten un möttet doch of genaug Stuiern betahlen, - et is man gaut, dat eck of all verkofft hebbe, - wenn we ok en betten knapp anbeeten möttet, dat Geld is aberst inne!“

Da springet dei Schulmester up un seggt: „Was?”

Ihr wollt Patrioten sein?

Ihr seid ja noch schlimmer als die Engländer!

Der Fürst hat ganz recht getan; sonst hätten seine übrigen Landeskinder nichts, und ihr lutschtet Torf.

Eure Geldgier kennt ja keine Grenzen!

Ihr müßtet unter Vormundschaft gestellt werden! Ihr haltet euch über die Städter auf, aber ihr seid ebenso raffig.

Werft sie hinaus, wie es Kläuker mit dem Eierkerl gemacht hat!

Unser Fürst hätte die Maßregel schon längst ergreifen müssen, dann wären die Preise nicht so in die Höhe geschroben; aber ihr seid nie zufrieden, und wenn die ernte auch noch so gut ausgefallen ist!“

„Na, Schaulmester,“ seggt Veehändler Kracke, „niu giff deck man taufree’en, füs werste noch häßliger as diu all bist; un denn wird dei Bree ok nich sau heit ’eleppelt, wee’e uppefüllt wird.

Un wenn dei Sweene tau billig sind, denn weeret se einfach nich verkofft.“

„So,“ reip dei Schaulmester, „dann esst ihr sie alle selber, daß ihr platzt, und füttert eure Knechte und Mägde fett; so seht ihr grade aus!“

„Dat willt we denn wol inrichten; diu Schaulmester werster ganz gewiß nich fett von.

Eck bringe morgen freuh twei Schinken ower dei Grenze, ohne dat eck dei vertolle,“ seggt Kracke.

„Dei wusste nicht vertollen?“ frögget Kläuker.

„Wee maakeste denn dat?“

„Wee eck dat anfnage, dat sind ja meene Saken,“ seggt Kracke.

Wee künnt jo ’ne Wedde maken!“

“Giut!” reip Kläuker, “up dei Wedde gahe eck in, dat diu bee den Tollkunterlör nich mee dörkümmst, wenn diut’r deck of mee dutzest; dat is en scharpen Faußrmann, dei lett seck nich bestäken.”

“Eck will ’ne ok nich bestäken; eck will dei Wahrheit seggen un kome doch ohne Toll dör.”

Dei Wedde word ’emaket, un en annern Morgen spanne Kracke seene Schimmel vor dei Schäse, lä seene beiden Schinken ünner den Bocksitz, wo hei seck upsette; Kläuker satt as Zuige up den Hinnersitz, un sau keimen sei vor’n Zollhiuse an.

Kracke heilt stille; dei Kunterlör kamm beriut un reip: „Suih, giuden Dag, Kracke; na, heste wat tau vertollen?“

„Jawoll, twei Schinken!“

„Wo hest se denn, un woveel wäget se?“

„Tja, dat weit eck nich, eck sitter uppe,“ greene Kracke.

„Paß mal up!“ rei dei Kunterlör, „diu wutt meck woll foppen?

Mak dat diu wegkümmst! Deene beiden Schinken sind free, dei briukeste nich tau vertollen!“

„Dat hebbe eck meck wol ’edacht,“ greene Kracke.

„Na, denn up Wedderseihn! – Jüh, Schimmels!“

Hei harre seene Wedde gewunnen."

 

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[1] HENZE, o. J., S. 113 ff.