Unvergleichbare Form- & Gestaltungsvielfalt an kostbarem Glas

Klaus A.E. Weber

 

Fußschale (Konfektschale) mit blauem Rand

 

Kaum eine andere Glashütte des Oberweserraumes umfasst ein der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert eine vergleichbare Form- und Gestaltungsvielfalt mit breiter Herstellungskreativität wie die Schorborner Glasmanufaktur mit ihren nahegelgenen Filialglashütten im Solling - Wein- und Biergläser, Schnapsgläser, Bierkrüge, Flaschen und Gebrauchsgegenstände.[1]

Die merkantilistische Gründung der Schorborner Glasmanufaktur, zunächst unter fürstlicher Administration, führte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem außergewöhnlich breiten Produktionsspektrum an Hohlglas und Flachglas (Fensterglas), böhmischem Tafelglas und schließlich farblosem (weißem) Hohlglas - mit einem Katalog typischer Merkmale bei den Hohlgläsern.[2][3][11]

Als Übersicht ist eine "Verkaufstabelle von weißem und grünem Hohlgals der Schorborner Hütte 1778" bei OHLMS [6] hinterlegt zu

  • Weingläsern

  • Biergläsern

  • Brandteweingläsern

  • Krügen

  • Flaschen, Caraffinen

 

Formmarkierte Einheitsflaschen - "einerley & gezeichnete Bouteillen"

Die landesherrliche Verordnung vom 14. Dezember 1748 verfügte, dass die Herstellung von "einerley und gezeichneten Bouteillen" einzig den Fürstlichen Glashütten zu Schorborn im Solling und Holzen am Ith oblag.

Ziel war es hierbei, für jene einheimischen, formmarkierten Einheitsflaschen ausschließlich eine inländische Nutzung im Herzogtum Braunschweig zugewährleisten.

Zugleich verboten weitere Verordnungen, "fremdes" (ausländisches) Hohlglas einzuführen, um den Absatz dieser beiden landeseigenen Hohlglashütten zu sichern.[4]

 

Böhmisches Tafelglas & "Geschnittene & verguldete Gläser"

Neben Grünglasprodukten war für die Schorborner Glasmanufaktur ökonomisch die Fertigung von "böhmischem Tafelglas" (farbloses "weißes" Flach-/Fensterglas) bedeutsam.

Wie Ausführungen von BLOSS [4] zu entnehmen ist, habe zunächst in den ersten Jahrzehnten der Absatz wie wohl auch die Fabrikation "geschnittener und verguldeter Gläser" nur eine untergeordnete Rolle gespielt; bedeutender sei der Absatz von böhmischem Tafelglas gewesen.

Neben der traditionellen Grünglasfabrikation wurde in der Schorborner Glasmanufaktur zugleich auch ein glastechnisches Verfahren entwickelt, wonach farbloses "Christallglas" hergestellt werden konnte, welches sich als Hartglas für die Dekoration mit feinem Kunstschnitt wie auch zum Kunstschliff eignete.

Laut einem bei BLOSS [4] angeführten "Verzeichnis der Lagerbestände" aus dem Jahr 1768 waren u.a. folgende Glasgegenstände auf der Hütte vorhanden:

  • geschliffene Pokale mit dem königlich-preußischen Wappen und Namenszuge

  • Pokale mit Pelikan und Devise

  • Pokale mit und ohne Deckel

  • Pokale mit braunschweigischem Wappen

  • Deckelgläser mit geschnittener Jagd

  • Deckelgläser mit geschnittenem Hirschkopf

  • Deckelgläser mit herzoglichem Wappen und Namen

  • Blumentöpfe

  • große Tafelaufsätze

  • Fruchtkörbe

  • Tafelleuchter mit und ohne Ketten

  • geschliffene Konfektschalen

  • Spitzgläser

  • Wein- und Biergläser

 

Braune und grüne bocksbeutelähnliche Plattflasche mit Glasmarke

 Frühe Schorborner Produktionszeit, nach Hüttengründung um 1744 ("grüne Hütte")

(Formsammlung Städtisches Museum Braunschweig)

 

  

Farbloser Spitzkelch mit Blaurand und Luftblasen im Schaft (Formsammlung Städtisches Museum Braunschweig)

Vollständig in blauem Glas hergestelltes Gefäß [1]

 Schorborn, 19. Jahrhundert

 

"Schorborner Glas"

Bei großer Form- und Gestaltungsvielfalt und hoher Produktivität lieferte die Schorborner Glashütte bedeutende Gläser an den Braunschweiger Hof und trug mit ihrer großen Form- und Gestaltungsvielfalt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert wesentlich zur Abdeckung des gewachsenen Glasbedarfs im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel bei.

▷ "Schorborner Glas"

  • Pokale, geschliffen und geschnitten - prunkvolle höfische Tafelkultur │ hochwertige Abendmahlkelche und andere Gläser für den kirchlichen Gebrauch

  • Kelche (Spitz- und Perlenkelche)

  • Bouteillen - Flaschen für den Haushalt und das Gewerbe

  • Wirtschafts-/Gebrauchsgläser (u.a. Blaurandgläser)

  • Gläser mit farbiger Emaille-Bemalung

  • Apparate- und Medizingläser

  • Gefäße für die Arzneiausgabe durch Apotheken
  • Geschirrgläser

Nach Angaben von BLOSS [4] habe sich laut Inventar aus dem Jahr 1774 in der Schorborner Kirche "über dem Gange dem Altar gegenüber ... eine große gläserne Lichterkrone, die mit 6 Armleuchten, verschiedenen Bandeloquen und sonstigen Zierrathen versehen, 1000 Hüttenstücke halten und 40 Rthlr. wehrt seyn soll" befunden.[5]

 

Produktionsumfang & Glaspreise

1814 stellte Schorborn binnen 44 Wochen 293.000 "Hüttenstück ordinären weißen Hohlglases" her.[6]

In den beiden Filialglashütten Pilgrim und Mecklenbruch betrug nach OHLMS [6] die Produktionsmenge in jeweils etwa 20 Wochen 400 "Hüttentausend" grünes Hohlglas und 350 - 380 Kisten grünes Fenstglas (1 Kiste grünes Fensterglas enthielt 120 Glastafeln (21 x 18 Zoll)), während in Mühlenberg jährlich in 44 - 46 Wochen 3.500 "Bund" Tafelglas und 352 "Hüttentausend" Medizinglas hergestellt wurden.

Die Herstellung von Flaschen und weißem Tafelglas soll bedarfsdeckend für das Braunschweiger Land gewesen sein.

Um 1814 beliefen sich die Preise für

  • 100 "Hüttenstück" weißes Hohlglas incl. Einfasselohn auf 4 Thaler 6 Gute Groschen

  • 1 "Hüttentausend" grünes Hohlglas auf 12 Thaler

  • 1 Kiste Fensterglas auf 11Thaler

  • 1 "Bund" weißes Tafelglas auf 2 ½ Thaler

  • 1 "Hüttentausend" Medizinglas auf 10 Thaler.

Im Zeitraum von 1818 bis 1827 konnte ein Gesamtwert der zehnjährigen Glasproduktion in Höhe von 189.698 Thalern erzielt werden, davon entfielen auf die

  • Glashütte Schorborn 59.193 Thaler = 31,2 %

  • Glashüttte Pilgrim 58.642 Thaler = 30,9 %

  • Glashütte Mühlenberg 71.863 Thaler = 37,9 %

 

"Eigentümlichkeiten" & Produktqualität Schorborner Glaserzeugnisse

Zu "Eigentümlichkeiten" Schorborner Glaserzeugnisse findet sich ein Überblick mit detaillierten Hinweisen zur Herkunftsbestimmung und weiteren Informationen bei OHLMS 2006:

  • Medizinglas [9]

  • Grünglas [10]

Den Nachteil der außerordentlich hohen Transportkosten bei den Holzeinschlägen im Solling betriebswirtschaftlich ausgleichend, führte zur Senkung der Stückkosten mit negativen Auswirkungen auf die Prokuktqualität.

Nach KRAMER [12] war der Vorbereitungszeitraum für die verarbeitungsfertige Glasmasse strikt auf drei Tage verknappt und die Glasöfen "bis zu 40 Wochen oder länger im Jahr betrieben" worden.

Dies könne möglichweise eine Erkläung dafür sein, dass das Schorborner Glas in seiner Qualität "durchgängig etwas schlierig", grünlich und mit Blasen durchsetzt ist; ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Nachbarglashütten Osterwald im Amt Lauenstein, Altmünden und Emde.

In größerem Umfang wurde in Schorborn seit den 1770er Jahren auch Farbglas hergestellt.

 

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] Die fürstliche Glasmanufaktur Schorborn. Ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Erich-Mäder-Glasmuseum Grünenplan. 17.05.2015 - 01.11.2015.

[2] Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Glasmuseum Grünenplan - Wissenschaftliches Fachsymposium am 10. Oktober 2015.

[3] Sonderausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März - 02. Juli 2017. Täglicher Anzeiger Holzminden vom 20. März 2017, S. 15.

[4] BLOSS 1950a, S. 23-24. Hier wird auf eine Dissertation von Dr. Wilhelm Becker aus dem Jahr 1925 über die Fürstlich-Braunschweigischen Glashütten verwiesen.

[5] Wie BLOSS hierzu ausführte sei die Arbeitsleistung der Glasmacher "nach Hüttenstück" berechnet. 40 Reichstaler = halber Jahreslohn eines Vorbläsers = Wert eines Reitpferdes.

[6] OHLMS 2006, S. 16.

[7] OHLMS 2006, S. 22-23.

[8] OHLMS 2006, S. 25-50.

[9] OHLMS 2006, S. 51.

[10] OHLMS 2006, S. 52-54.

[11] KRAMER 2017a, S. 16-21.

[12] KRAMER 2017a, S. 21.