Die „Grenzgänger” & ihr lukrativer nächtlicher Schleichhandel

Klaus A.E. Weber

 

Im Schutze von Nacht & Nebel über „Die Grenze“ - „Zollfreier“ Schleichhandel im braunschweigisch-hannoverschen/preußischen Grenzraum

Um 1840 hatte die mitten durch den Solling - zwischen dem Herzogtum Braunschweig und Königreich Hannover - führende Landesgrenze eine besondere Rolle erhalten, denn die auch inmitten des Hellentals verlaufende Herrschaftsgrenze wurde in jener Zeit wegen der häufigen Wilderei und des verbreiteten Schmuggels in dieser bitterarmen Sollingregion wieder berüchtigt.

In jenen ökonomisch wie sozial schwierigen Jahren des 18./19. Jahrhunderts, einhergehend mit großem Hunger und Massenarmut bei zunehmendem Bevölkerungswachstum, gab es typischerweise eine Vielzahl von Einzelstrategien die Dorfbewohner des Sollings wegen ihrer großen materiellen Armut und existentiellen Not entwickelten.

Besondere lokale wie individuelle Varianten bestanden hierbei in dem „Schmuggel rund um den Solling“ und der facettenreichen „Wilderei“ im 18. und 19. Jahrhundert.

Ein Überleben vieler kleiner Landleute des Sollings war in jener armutsbehafteten Zeit oft nur durch Gesetzes- und Grenzübertretungen möglich.


 

Die Errichtung vieler Kleinstaaten mit unzähligen, den Handel blockierenden Zollhaupt- und Zollnebenstationen nach dem Wiener Kongress 1814-1815 und später die ökonomischen Folgen des Zusammenbruchs der napoleonischen Herrschaft einerseits, andererseits die Last grundherrlicher Abgaben und Hand- und Spanndienste leiteten auch im Sollingraum eine zunehmende Verarmung und Verelendung der dort ohnehin sozial benachteiligten Dorfbevölkerung ein.[8]

Als Reaktion hierauf entwickelte sich verbreitet an den Ämter-, Landes- und Zollgrenzen im Solling eine zwar rechtswidrige, hingegen aber existentiell wichtige Einnahmequelle für arme Dorfbewohner: die „Grenzgängerei“ bzw. der „Schleichhandel“, so auch im braunschweigisch-hannoverschen Grenzraum im Hellental.

Insbesondere soll damals der Schmuggel von

im Grenzgebiet des Hochsollings recht lukrativ gewesen sein.

Noch heute ist gerade der Zuckerschmuggel im Zusammenhang mit dem Hellentaler Grenzdorf wohl bekannt, so auch die alte „Zuckereiche” am Vogelherd und die „Zuckereichenschneise” zwischen Holzminden und Hellental.

Der hohle Stamm der großen „Zuckereiche“ soll seiner Zeit als Umschlagsplatz für allerlei Schmuggelware gedient haben, u.a. auch für die den Namen gebenden Zuckersäcke der aus dem Westfälischen kommenden Schmuggler.

Von einer alteingesessenen Hellentaler Familie, die eine „Zigarrenfabrikation“ besaß und zugleich auch mit Zucker handelte, wird berichtet, sie sei deshalb zu einem ansehnlichen Privatvermögen gekommen, da sie „preiswerte Ware“ von Schmugglern bezogen habe, die jene nachts aus der besagten „Zuckereiche“ heranholten.

Mehrere dörfliche Erzählungen kreisen auch um die besonders exponierte braunschweigisch-hannoversche/preußische Grenzlage des alten „Grenzkrugs“ zwischen Merxhausen (heute Landkreis Holzminden) und Mackensen (heute Landkreis Northeim).

 

Tabak- & Zuckerschmuggel im Grenzdorf „Höllenthal“

Über viele Jahrzehnte hinweg hatten die Hellentaler Männer in ihrer Nachbarschaft ein auch noch heute Augen zwinkernd anzutreffendes Image als besonders ausgeprägte

  • „Sauf- und Raufbolde”

  • „Schmuggler”

  •  „Wilddiebe”.

Die Hellentaler Dorfbewohner jener Zeit waren wegen ihres „Hanges zu Raufereien” und gelegentlicher Wilddiebsgeschichten bekannt und gefürchtet.

Zudem seien Hellentaler Familien dann von einer besonderen Schlitzohrigkeit gewesen, wenn es um ihre eigene Vorteilnahme ging, gleich welcher Art und in welchem Umfang.[9]

Wie noch heute in Hellental vielfach erzählt wird, soll es in den schlechten Zeiten des 19./20. Jahrhunderts auch vorgekommen sein, dass manch einer dem anderen buchstäblich nicht den Grashalm für das wenige weidende Vieh gönnte, andere gruben dem Nachbarn auf den wasser- und nährstoffarmen Hangwiesen im Tal regelrecht das Wasser ab.

In jenen ökonomisch wie sozial schwierigen Jahren – mit Hunger, Massenarmut bei zunehmendem Bevölkerungswachstum – gab es typischerweise eine Vielzahl von geradezu schlitzohrigen Einzelstrategien, die, ob ihrer bitteren materiellen Armut und existentiellen Not, auch bei einigen Hellentaler Familien entwickelt wurden.

Zugleich kam es ab und an auch zu „gewissen Unregelmäßigkeiten” jenseits der damals geltenden Rechtsordnung.

 

„Zuckereiche” & „Zuckereichenschneise”

Historisch nicht sicher belegt, soll dabei - wie es die nur mündlich überlieferten Bezeichnungen besagen - die „Zuckereiche” am Vogelherd in Verbindung mit der „Zuckereichenschneise” eine besondere strategische Bedeutung für den Zuckerschmuggel und andere Schmuggelware auf herzoglich-braunschweigischem Grund gehabt haben.

Die forstamtlich unerwähnte, inoffiziell als „Zuckereichenschneise” bezeichnete Schneise im Hochsolling, soll in der Nähe von Schießhaus in Richtung Mühlenberg gelegen haben, dort, wo sich Anlaufwege kreuzten.

In jener „Zuckereichenschneise“ habe ehemals eine betagte Eiche gestanden, „die als markante Besonderheit einen geräumigen, hohlen Stamm hatte".[10]

Der regensichere hohle Stamm der dicken „Zuckereiche“ könnte in alten Zeiten einem „Pascher“ oder gar Schmugglerkolonnen als illegaler, aber ungestörter Umschlagsplatz für den nächtlichen Schmuggel von Zuckersäcken, möglicherweise auch für allerlei sonstige Schmuggelware (Tabak, Leinwand) gedient haben.

Dabei könnten möglicherweise Schmugglerkolonnen aus dem hannoverschen, später preußischen Gebiet Zucker und rohen Tabak „zollfrei“ eingeführt und als Rückfracht Salz mitgenommen haben.“[11]

Nach mündlicher Familienüberlieferung sollen Vorfahren der alteingesessenen Hellentaler Familie Timmermann durch Zucker- und Tabaksschmuggel ein ansehnliches finanzielles Privatvermögen erzielt haben.

Neben einer "Tabacks- und Cigarren-Fabrikation", in der sie mehrere Zigarrendreher beschäftigte, besaß die Familie auch einen dörflichen Zucker-Handel.

Die Familie Timmermann habe ab und an preisgünstig Schmugglerware (Zucker, Tabak) erhalten, welche im Schutze der Nacht aus der hohlen „Zuckereiche“ geholt worden war.

Aus dem Westfälischen kommend, sollen Schmuggler bei geeigneten nächtlichen Verhältnissen ihre schweren Zuckersäcke in der besagten alten „Zuckereiche“ am Vogelherd deponiert haben.

Ins benachbarte "Hannoversche" könnte dann die Familie Timmermann ihre Ware über den nahen „Grenzkrug“ zwischen Merxhausen und Mackense veräußert haben.[12]

Nachweislich waren Georg Heinrich Konrad Timmermann als „Tabakfabrikant“ im Hellentaler Tabakwesen tätig gewesen, ebenso auch der Gastwirt Georg Friedrich Daniel Theodor Timmermann und Karl Friedrich Ludwig Schütte.[13]

 

"Unerquickliche Verhältnisse"

Der Premier-Lieutenant und Steuerrat Justus Lohmann, seit 1846 Leiter des Obergrenzbezirkes Stadtoldendorf im Hauptzollamtsbezirk Holzminden, fand als streng auf Zucht und Ordnung setzender preußischer Beamter "unerquicklichen Verhältnisse" im Herzogtum Braunschweig vor.

Den von Justus Heinrich Wilhelm Lohmann (1804-1885) wohl erst um 1880 verfertigten Lebenserinnerungen ist die folgende ausführliche, allerdings subjektiv gefärbte Schilderung zu entnehmen:[14]

"Nachdem ich zwei Jahre in Helmstedt gewesen war, hatten die Zollvereinsstaaten mit dem Steuervereine wieder ausgesöhnt, und in Folge dessen trat Hannover auch den südlichen Theil des Amts Fallersleben wieder an den Zollverein ab, was dann auch die Auflösung des Ober-Grenz-Kontrollbezirks Helmstedt zur Folge hatte.

Alle Aufseher meines Bezirks wurden nun theils im Herzogthume Braunschweig wieder untergebracht, theils aber auch nach Preußen zurückversetzt, und mir wurde der Ober-Grenzbezirk Stadtoldendorf im Haupt-Zollamtsbezirk Holzminden übertragen.

Auch hier, wo ich mit meiner Familie am 1. Januar 1846 anlangte, war in der Dienstverwaltung eine arge Unordnung und das Aufsichtspersonal recht verwahrlost.

Der berittene Grenzaufseher Paternack, ein Preuße, hatte den Ober-Kontrole-Bezirk 10 Monate lang commissarisch verwaltet, und recht sehr verwahrlost.

Zum dritten Male hatte ich im Winter meinen Umzug, und dies Mal auf eine Entfernung von 20 Meilen zu bewirkten.

...

Der Schmuggel nahm einen großen Aufschwung und wenngleich es wie es schien, bei den Braunschweigischen Behörden ungern gesehen wurde, wenn Beschlagnahmen stattfanden so ließ ich mich doch nicht abhalten meinen Dienst nach wie vor streng auszuführen und meine Untergebenen ebenfalls dazu anzuhalten.

Besonders war in meinem Bezirke das, an einem steilen Bergabhange des Sollinger Waldes belegene Dorf Höllenthal an welchem unmittelbar die Hannöversche Grenzlinie sich befindet, welches sich darin, unterstützt durch die überaus günstige Lage, hervorthat.

Es befand sich in demselben eine Tabacks- und Cigarren-Fabrikation, und so wurde denn vornehmlich roher Taback eingeschmuggelt, der zu Wagen in Ballen bis an die Grenzlinie dicht an das Dorf gebracht wurde um dann in einem günstigen Momente eingeschmuggelt zu werden, woran sich die ganze Bevölkerung des Dorfes alt und jung Mann und Weib, betheiligte.

Als mir eines Tages die Kunde zuging, daß wiederum ein bedeutender Transport Taback in das Dorf gelangt sei, und ich schon Kenntniß davon hatte, daß die eingeschmuggelten Waren in den einzelnen Häusern versteckt waren, und die Empfänger davon nichts in die eigenen Wohnungen aufzunehmen pflegten, beorderte ich an einem bestimmten Tage eine größere Anzahl Aufseher aus anderen Stationen vor Tages Anbruch in die Nähe von Höllenthal postirte sie dann hinter den Gärten der Häuser so, daß sie dieselben übersehen konnten, und begab mich dann später ins Dorf zum Ortsvorsteher, von dem ich wußte, daß er auch betheiligt war, oder doch um den Schmuggel wußte.

Ich sagte ihm, daß ich genöthigt sei, im Dorfe, und zwar Haus bei Haus, Haussuchungen nach dem eingeschmuggelten Taback abzuhalten, und daß er mich nach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen dabei assistiren, oder doch zugegen sein müsse.

Ich ersuchte ihn nun noch recht angelegentlich dies Niemandem mitzutheilen, selbst seinen Hausgenossen davon nicht zu sagen, ich würde nach Verlauf einer halben Stunde wieder zu ihm kommen, und nur noch den im Orte stationirten beiden Aufsehern, die mit zugegen sein sollten, Bescheid sagen und abholen.

Was ich mir erwartet hatte geschah:

Der Ortsvorsteher schickte sofort Leute ab an die Einwohner bei denen Taback und andere geschmuggelte Waren verborgen waren, und setzte sie von meinem Vorhaben in Kenntniß.

Diese hatten nun nichts eiligeres zu thun als die, bei ihnen verborgenen Waaren in die hinter ihren Häusern befindlichen, und an den Wald anschließenden Gärten zu schaffen, die von den einzelnen an den Berghängen im Versteck liegenden Aufsehern übersehen werden konnten.

Diese waren dann auch rechtzeitig zur Hand, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, befand sich der ganze Transport in den Händen der Beamten.

Da nun eine Haussuchung überflüssig war, ging ich wieder zum Ortsvorsteher, theilte ihm mit was geschehen worüber er sich sehr erstaunt anstellte, und sagte ihm, daß ich von einer weiteren  Haussuchung Abstand nehmen, und nur noch die Kapelle gern sehen wolle, in der, da im Orte selbst ein Prediger sich nicht befand, von 14 zu 14 Tagen, von einem anderen Orte, ich glaube Merxhausen, ein solcher herüber kam, und den Gottesdienst abhielt.

Den Schlüssel zu dieser Kapelle hatte ein Einwohner, der im Orte Küsterdienst verrichtete.

Auf mein Ersuchen begleitete mich der Ortsvorsteher zu diesem Küster, der indeß nicht geneigt schien, die Kapelle zu öffnen, indeß auf Zureden des Ortsvorstehers doch nachgab.

Ich hatte nämlich erfahren, daß diese Kapelle und namentlich der hohle Raum unter dem Altar zum Versteck geschmuggelter Gegenstände benutzt werde.

Einige Aufseher waren in deren Nähe schon im Voraus postirt.

Nachdem ich die einzelnen Räume oberflächlich durchgegangen war, kam ich zum Altare und fragte den Küster, wie man in den Raum gelange, der sich unter dem Altarblatte befinde, und von allen Seiten mit Brettern verschlossen war.

Davon wollte der Küster und auch der Vorsteher nichts wissen.

Bald aber entdeckte einer meiner Aufseher ein verschiebbares Brett, und siehe da, es befanden sich in diesem Verstecke 12 Brode Zucker, die allerdings, da ein Eigenthümer sich nicht meldete confiszirt wurden.

Wenn nicht inzwischen der berittene Aufseher, den ich nach Merxhausen (½ Stunde entfernt) gesandt hatte, um das nothwendige Fuhrwerk zum Fortschaffen der Sachen herbeizuholen - denn im Dorfe Höllenthal war dergleichen nicht - mit dem Wagen eingetroffen wäre und ich 10-12 bewaffnete Aufseher zur Stelle gehabt hätte, dann würde es gewiß noch zu Attaquen gekommen sein, denn das Volk wurde schon sehr unruhig und machte Miene, die confiscirten Ballen pp mit Gewalt fortzunehmen.

Durch die Drohung, daß bei der geringsten Gewaltthätigkeit von der Schußwaffe Gebrauch gemacht werden würde, wurden die Leute noch zurückgehalten."

 

Fotografie: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[8] JARCK/SCHILDT 2000; HAHNE 1972.

[9] CREYDT 1985.

[10] Sollte es diese „uralte“ Eiche im Solling je gegeben haben, so könnte es sich am ehesten um eine typische Hutewald-Eiche gehandelt haben.

[11] CREYDT 1985; BLIESCHIES 1978, S. 73-74.

[12] CREYDT 1985.

[13] NÄGELER/WEBER 2005, S. 336-337.

[14] LOHMANN/GECK 2009 – dankenswerterweise überlassener 13seitiger Auszug aus den Lebenserinnerungen des Justus Heinrich Wilhelm Lohmann (* 09. Juni 1804 - † 27. Mai 1885).