Arbeiten & Leben auf der Glashütte mit wachsender Belegschaft

Klaus A.E. Weber

 

Mit den "Glashuettenleuten" entstand ein ortsfester Werkweiler im Solling

Die erste urkundlich fassbare Erwähnung der eingewanderten Mecklenburger Glasmacher "uff der Steinbeker Glashütten" und damit erstmals die Glashütte im Hellental als solche dokumentierend ist dem Taufeintrag im Kirchenbuch Heinade vom 06. Juni 1717 zu entnehmen, wobei die historischen Hintergründe für die Gründung der Glashütte Zur Steinbeke noch unbekannt sind.

Es kann angenommen werden, dass der Glasermeister Gundelach dem Braunschweiger Landesherren als Eigentümer der herzoglich-braunschweigischen Forst Merxhausen einen jährlichen Forstzins für das Holz und als Konzessionsabgabe eine bestimmte Menge Glaswaren frei oder zu festgesetzten Preisen abzuliefern hatte.

Auch über die Arbeitsorganisation und das Alltagsleben der Glasmacherfamilien ist nichts bekannt.

Im Analogieschluss zu historischen Berichten zur Glasbranche kann aber angenommen werden, dass auf der Glashütte Zur Steinbeke ein akzeptabler Lebensstandard erreicht wurde.

Den genealogischen Erkenntnissen zur Folge, dürfte es sich um einen prosperierenden Glashüttenbetrieb gehandelt haben.

Er umfasste eine Gesamtfläche von schätzungsweise etwa 2.000 m².

Im Zentrum eines Glashüttenbetriebes standen ein oder mehrere Schmelzöfen und der Arbeitsraum für die Glasmacher.

Folgende drei Aufgabenbereiche im Produktionsprozess waren für einen damaligen mecklenburgischen Glashüttenbetrieb kennzeichnend.

Dabei ist anzunehmen, dass die Glashütte Zur Steinbeke auf Grund der vornehmlich mecklenburgischen Herkunft ihrer Betreiber eine mehr oder minder ähnliche Zusammensetzung ihrer Glashuettenleute aufgewiesen haben könnte:

 

Hüttenbetriebsleitung

  • Glashüttenmeister - Er war Eigentümer der Glashütte und sorgte für die Betriebsfinanzierung und den Glaswarenabsatz.
  • Vizemeister - Dieser war zuständig für den technischen Betrieb der Glashütte und das Hüttenpersonal.

 

Fachkräfte mit mehrjähriger Berufserfahrung bzw. qualifizierter Ausbildung (spezialiserte Facharbeiter)

  • Schürer ("Feuersman") - waren verantwortlich für die Holzbefeuerung und den gleichmäßigen Betrieb des Schmelzofens, dem Herzstück einer Glasproduktionsanlage
  • Glasmacher, Gemenger - überwachte die Vor- und Aufbereitung der Glasrohmasse mit Einhaltung der Glasrezeptur, sofern dies nicht durch den Vizemeister selbst wahrgenommen wurde; zugleich auch zuständig für die Bereitstellung der mit Glasrohmasse gefüllten Häfen
  • Glasschmelzer, Glaswerker, Werker - beaufsichtigten die in den Hüttenofen eingebrachten Schmelzhäfen
  • Glasaufbläser, Aufbläser, „Drink-Glasmacher”, Hohlgläser, Flaschenmacher - stellten durch Blasen mit der Glasmacherpfeife die entsprechenden Hohlglaswaren her
  • Strecker - stellten Flachglas (Fensterglas) her

 

Hilfspersonal (gering bis nicht spezialisiert - wahrscheinlich aus den Dörfern Merxhausen, Heinade, Deensen)

  • Holzhauer fällten in ausgewiesenen Waldungen das erforderliche Holz und bereiteten es bedarfsgerecht vor.
  • Holzfahrer übernahmen mit Pferdewagen den Transport zur Glashütte.

  • Aschenbrenner, Aschefahrer - Aschebrenner verbrannten Holz, das aus dem Kahlschlag anfiel und zur Ofenfeuerung ungeeignet war (Pottaschenbrennerei). Aschefahrer verbrachten die (Pott-)Asche zur Glashütte; sie sammelten auch Asche aus umliegenden Orten für die Glashütte.
  • Materialstampfer, Pfleger, Einträger - Sie wurden als Hilfsarbeiter für die zuvor genannten Facharbeitskräfte eingesetzt; teilweise aber auch als Auszubildende zum Facharbeiter.
  • Kistenmacher - Diese stellten die Transportholzkisten her.
  • sonstige Hilfskräfte, wie Tagelöhner, Knechte, Hirten, Mägde, Schulmeister u.a. - Sie waren ergänzend auf der Glashütte beschäftigt, um die Landwirtschaft zur Eigenversorgung der Hüttenbelegschaft zu betreuen; ebenso betreuten sie den Haushalt des Glashütten- und Vizemeisters. Hüttenschulmeistern oblag die schulische Ausbildung der Kinder.
  • Weitere Hilfskräfte wurden für sonstige Tätigkeiten im Glashüttenbereich eingesetzt.

 

Eine feste Werkssiedlung entsteht

Die in der "Steinbeker Glase Hütte" beschäftigten Hüttenleute entstammen letztlich alten mittel- und süddeutschen Glasmacherfamilien.[11]

Meister Gundelach selbst habe aus seiner Heimat, aus dem "Mecklenburgischen", noch weitere Träger von Glasmachernamen mitgebracht.[12]

Vor dem Hintergrund der Gebrauchsglasherstellung in ihrer Heimat dürften auch die Glaswaren dieser eingewanderten Glasmacher in der Steinbeker Glashütte zumindest anfangs maßgeblich von schlichtem und unverziertem grünen und braunen Gebrauchsglas geprägt gewesen sein, denn sie dürften ihre bewährten Glasrezepturen und Glasformen aus Mecklenburg mitbrachten haben.

Zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der „Steinbeker“ Glasmacher konnten bisher leider keine dokumentarischen Überlieferungen erschlossen werden.

Nach BLOSS [1] soll die Glashütte, gemessen an der Anzahl der Beschäftigten, größer gewesen sein "als alle bsher erwähnten Hütten".

Auch konnten bislang keine archäologischen Hinweise zur Alltagskultur von Glasmacherfamilien auf der Glashütte Zur Steinbeke gesichert werden, wie sie beispielsweise für Glashütten im Hils bestehen.[13]

Da Glasmacher einer anspruchsvollen Tätigkeit nachgingen, dürfte es sich auch bei den Glashüttenleuten Zur Steinbeke weitgehend um hoch qualifizierte Facharbeiter gehandelt haben.

Für die Glashütte Zur Steinbeke darf angenommen werden, dass die Glasarbeiter, ihre Familienangehörigen sowie das Hilfspersonal ausschließlich in der Nähe des Hüttenplatzes in einer ersten, ortsfesten Werkssiedlung aus Wohn- bzw. Laborantenhütten gelebt haben, in mit Stroh gedeckten, einfachen Holzhütten.[14]

Wie in vergleichbaren Glasproduktionsgebieten, so dürfte auch auf der Hellentaler Glashütte die Viehwirtschaft (Kühe, "Rindt Vieh", Schweine) und Milchverarbeitung eine maßgebliche Quelle der Ernährung und Existenzsicherung, zugleich aber auch ein wesentlicher Bestandteil des Hüttenvertrages gewesen sein.

Ortsfeste Glashütten jener Epoche hatten einen vielseitigen Hüttenbetrieb und beschäftigten dabei eine größere Anzahl von Glasmachern, die mit ihren Familien, Gesellen und Gehilfen entweder in einer nahen Ortschaft oder auf der Glashütte selbst wohnten.[15]

Langjährig berufserfahrene Fachkräfte einer Glashütte wurden vom Hüttenmeister für einen längeren Zeitraum eingestellt mit der Option einer Kontraktverlängerung oder sie zogen als spezialisierte „Arbeitsmigranten” zur nächsten Glashütte.

Hilfskräfte und anderes Personal wurden demgegenüber bedarfsabhängig nur zeitweilig beschäftigt.

Es waren meist Dorfbewohner der näheren Umgebung, die für Hilfsarbeiten angeworben wurden.[16]

 

Berufliche Spezialisierung & Arbeitsteilung

Die Glashüttenarbeit einer typischen Glashüttenbelegschaft, die "Glashuettenleute", jener Tage zeichnete sich durch ein hohes Maß an beruflicher Spezialisierung und strenger Arbeitsteilung im technischen Produktionsablauf und gewerblichen Vertrieb aus.

Die Beschäftigungslage einer Glashütte war von ihrer jährlichen Betriebszeit abhängig.

Die Arbeit auf der Glashütte war schlichtweg quälende Schwerstarbeit.

Die Glasöfen waren ständig, also Tag und Nacht, zu bedienen.

Dies forderte die volle Arbeitskraft mit regelmäßiger Arbeitszeit des auf der Glashütte beschäftigten Fachpersonals.

Die Arbeitsbedingungen der Glasmacher waren in mehrfacher Hinsicht recht problematisch.

So gab es im Glashüttenbetrieb noch keinen adäquaten Arbeitsschutz im heutigen berufsgenossenschaftlichen Sinne.

Ständig waren die Glasmacher gegenüber dem Rauch und anderen Abgasen aus den Öfen und gegenüber dem Hüttenstaub im Hütteninnenraum ausgesetzt.

Sie waren zudem gegenüber der großen Hitze und enormen Lichtstrahlung aus den Schmelzöfen und von den rotglühenden Glaskörpern exponiert gewesen.

Die Glashüttensiedlung Zur Steinbeke umfasste während ihrer Gründungsphase zu Beginn des 18. Jahrhunderts (um 1715/1717) möglicherweise etwa 40–50 Personen.[17]

In den folgenden Jahren sollen noch weitere fremde Familien, mit z.T. typischen Glasmachernamen, hinzugekommen sein, so dass von einem stetig wachsenden Hüttenbetrieb und der Entwicklung einer größeren ortsfesten Hüttensiedlung (Werkssiedlung) ausgegangen werden kann.[18]

 

Zeittypische Hüttenbelegschaft

Zu einer typischen Hüttenbelegschaft jener Zeit zählten,

  • neben den Glasmachern, deren Ehefrauen und Kinder,

  • zudem auch Aschenbrenner,

  • Köhler,

  • Holzhauer,

  • Einbringer/innen,

  • Verpacker/innen,

  • Kistenmacher,

  • Pferdeknechte,

  • Hirten,

  • Mägde,

  • ein Schulmeister [19],

  • ein Müller [2]

So war nachweislich Jobst Jacephet ein „Kistenmacher“, dessen beiden Kinder Baltasar Christian (1719) und Anna Sophia (1722) „auf der Steinbecker Glasehütte“ geboren wurden.

Angehörige unterbäuerlicher Schichten von benachbarten Dörfern dürften von dem Produktionsbetrieb Zur Steinbeke wegen des Zusatzverdienstes profitiert haben, durch Tagelöhner- oder andere Dienste.

Zugtiere besitzende Bauern konnten durch den Transport von Glasrohstoffen und -endprodukten ein Zubrot hinzuverdienten.

Die geringer spezialisierten Holzhauer und Einträger kamen wahrscheinlich aus der näheren Umgebung des Hellentales - aus den Dörfern Merxhausen, Heinade, Deensen.

 

 

Text & Fotografie: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


[1] BLOSS 1950a, S. 9.

[2] BLOSS 1950a, S. 11.

[11] LILGE 1993; BLOSS 1977, 1976, 1961, 1950.

[12] SCHOPPE 1989; BLOSS 1950.

[13] LEIBER 1994, S. 37 f.

[14] SCHOPPE 1989.

[15] BLOSS 1977, 1976, 1961, 1950.

[16] BRODHAGE/MÜLLER 1996; LESSMANN 1984; BLOSS 1977, 1976, 1961, 1950.

[17] SCHOPPE 1989.

[18] BLOSS 1976, 1950.

[19] HENZE 2004, S. 104.