Saisonale Festsetzungen durch Zunftordnungen

Klaus A.E. Weber

 

Spessartbund, 15. Jahrhundert │ Hessischer Gläsnerbund, 16. Jahrhundert

Einst waren im Spätmittelalter die Glasmachermeister, auch "Gläsner" genannt, in einer Zunft als Zunftgemeinschaft zusammengeschlossen, einer ständischen Körperschaft zur Wahrung gemeinsamer Interessen und zur sozialen, ökonomischen und religiösen Systemregelung.[1]

 

"Gleser uff (und) umb den Spethßart" - "Spessartbund" von 1406

Während des 14. und 15. Jahrhunderts galt der Spessart als Mittelpunkt der mitteldeutschen Glasherstellung und als Ursprung der Glasmacherzunft "auf und um den Spessart", d.h. im Spessart und umliegenden Gebieten.

Einhergehend mit der strengen Handwerkerordnung vom 23. Juli 1406 wurde hier die ständische Körperschaft des "Spessartbundes" - der Bund der "Gleser uff (und) umb den Spethßart" - als überregionaler Glasmacherbund gegründet (Bundesordnung).

Die Zunftartikel betrafen die Arbeitszeit, den Produktionsumfang und das Glasmachergewerbe.

Hierdurch war vorgegeben, dass die Glasherstellung nur zwischen Ostern und Martini (11. November), also insgesamt über 34 Wochen, erfolgen und montags kein Glas geblasen werden durfte - so auch im "Alten Tal der Glasmacher" im Solling.

In der Winterzeit erfolgte der Holzeinschlag zur Ofenbefeuerung und die holzintensive Pottaschengewinnung für die kommende "Glaskampagne".

Zudem wurden die Ofenanlagen ausgebessert und die Glashäfen gebrannt.

Nach dem Deutschen Bauernkrieg von 1524 bis 1526 wurde gezwungenermaßen der "Spessartbund" aufgelöst.

 

Glasmuseum Immenhausen

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

"Hessischer Gläsnerbund" von 1537

Schließlich wurde die Zunft 1537 in Großalmerode im Kaufunger Wald als "Hessischer Gläsnerbund" in Form einer ständischen Körperschaft (Zunftgemeinschaft) erneut gegründet.[2]

Dabei wurde die alte Zunftordnung des frühen 15. Jahrhunderts übernommen, welche den gesamten Herstellungsprozess regelte.

Das im Mittelpunkt stehende Großalmerode war zugleich auch Sitz des Gläsnergerichtes.

Den Vorsitz des Bundes übernahm als Obervogt Landgraf Philipp I. von Hessen-Kassel (1504-1567).

In der Zunftordnung war wiederum genau vorgeschrieben, dass eine Glashütte nur von Ostern bis Martinstag über 34 Wochen betrieben und welche tägliche Menge an Gläsern angefertigt werden durfte:

Ein Glasmachermeister durfte am Tag mit einem "Knecht" "vor dem großen Loch" 200 Gutrolfe (besonderer Flaschentyp) oder 300 Becher herstellen, ein Geselle dem hingegen nur jeweils 100 bzw. 175 Gläser.

Als Höchstmengenbegrenzug für die Herstellung von Fensterglas sollte jede Glashütte nur einen Streckofen haben, wobei dort täglich höchstens 6 Zentner „kleines Glas“ oder 4 Zentner „großes Glas“ gemacht werden sollten.

Von Samstagabend bis Dienstagmorgen dauerten die verschiedenen "Schmelzungen" und "Läuterungen der Masse", von Dienstag bis Samstag wurde ausgearbeitet und geformt. 

Vorgegeben war auch, dass ein Glsmachermeister nur zwei bis drei Gesellen beschäftigen konnte.

Als Auszubildende kamen nur die Söhne aus Glasmacherfamilien in Frage, weil hiermit das Wissen stets nur vom Vater auf den Sohn übertragbar war.

Preise und Absatzmärkte für die Glaswaren wurden mit der Einhaltung der Zunftordnung gesichert.

 



[1] ALMELING 2006. S. 21-23.

[2] BLOSS 1950a, S. 7-8.