Besondere Hausform in der Sollingregion: Sollinghaus │ Solling-Arbeiterhaus │ Glasmacherhaus

Klaus A.E. Weber

 

Eingangs sind die grundlegenden entwicklungsgeschichtlichen, siedlungs- und kulturgeographischen Darstellungen (Kulturlandschaftsentwicklungen) über den Solling von REDDERSEN 1935 und TACKE 1943 hervorzuheben, auf deren Beschreibungen der Hausform "Sollinghauses" hier vornehmlich Bezug genommen wird.

Im 18. Jahrhundert entstand auf Anregung der landesherrlichen Obrigkeit die Bauform „Sollinghaus” [4][8][15], der für jene Anbauer (meist Tagelöhner) und ihre Familien errichtet wurde, die als Kleinstellenbesitzer eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben.

Bereits 1744 war eine landesherrliche Bauordnung erlassen worden.

In der Bauverordnung für den „Weser-Distrikt“ war 1750 von Herzog Carl I. u. a. festgelegt worden, dass das Erdgeschoss von solchen Gebäuden möglichst mit massivem Mauerwerk ausgeführt werden sollte.[5]

Ein Haus dieser Bauform ist das erhalten gebliebene Gemeindebackhaus im Dorfzentrum von Hellental (Ass.-№ 53), wie das ehemalige Gemeindebackhaus (Ass.-№ 64) in der Dorfmitte von Deensen.[5]

Aus der Dorfbeschreibung „Hellenthal“ von STEINACKER geht hingegen hervor, dass die Tagelöhnerhäuser aus Fachwerk keine Dälen (Hausdielen) hatten und "meist Längsfronten mit zwei Geschossen, dürftigen Profilen unter dem oberen Geschoß und Kröppelwalm" seien.[6]

Auf den Dachböden der Fachwerkhäuser des Hellentaler „Sollinghäuser“ wurde, neben Getreide, auch rasch entzündliches Heu und Stroh eingelagert.

Entfachte in einem der Dachböden ein sich rasch ausdehnender Brand, so drohte das Feuer auch auf die benachbarten, ehemals nur durch eine schmale Gasse ("Gaze") voneinander getrennten Wohnhäuser und Stallungen überzugreifen.

 

Hausform „Sollinghaus“ - Es waren "reine Zweckmäßigkeitsgründe maßgebend"

Ein regionales kulturhistorisches Erbe Südniedersachsens ist der auch in der ehenmaligen Arbeiterkolonie Hellental anzutreffende Fachwerkhaustyp „Sollinghaus“, ein meist traufständig zur Dorfstraße erschlossenes Wohnstallhaus in Holzarchitektur.

Die Bewohner*innen der „Sollinghäuser“ waren vormals meist Brinksitzer, Handwerker Glashütten-, Wald- und Steinbrucharbeiter, die mit ihrer Familie nur eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben.

Im Unterschied zum niederdeutschen Hallenhaus sind in der Sonderform des mitteldeutschen Ernhauses bautypisch Stall, Wohnbereich und Vorratsraum übereinander angeordnet.

Noch heute prägt im Hellentaler Oberdorf die baugeschichtlich junge ländliche Hausform in zweigeschossiger Rähmbauweise das historische Ortsbild in der lokalen Hauslandschaft:

  • Sockelmauerwerk - mit Stall zur Tierhaltung

In dem aus Buntsandstein massiv gemauerten Unterbau befand sich einst der Stall zur Tierhaltung.

  • Wohnung - mit flurartiger Diele, Stube, Kammer und Küche

Von außen wurde der darüber liegende Wohntrakt über eine aus Buntsandstein gesetzte Freitreppe mit Podest erschlossen.

Die am steilen Talhang mit einem Geländegefälle von ca. 15 % errichteten Fachwerkhäuser haben von der Wohnung aus einen rückseitigen, ebenerdigen Ausgang zum Garten.

  • Dachgeschoss - mit Vorratsraum

Die ehemals geringen Ernteerträge (Getreide, Heu, Stroh) wurden im Dachgeschoss gelagert.

Die Dachflächen waren einst mit einer geraden Schuppendeckung aus lokalen „Solling-Platten“ eingedeckt.

 

Beschreibung von REDDERSEN 1934

Nach REDDERSEN kommt im Solling „ein ihm eigener Haustyp vor, der der Beschäftigung des Bergbewohners als Anbauer und Tagelöhner (Waldarbeiter, Glashüttenarbeiter, Steinbrecher) entspricht.

Das Haus enthält in seinem Unterbau Ställe, worüber sich die Wohnräume befinden.

Als Baumaterial wird das anstehende Gestein verwandt, im Solling Buntsandstein, im Sollingvorlande desgleichen, außerdem Muschelkalk.

Eine eigentümliche Note erhalten die Siedlungen des Sollings sowie seiner Umrandung durch die Verwendung der Sollingplatten als Dachbedeckung und Außenbehang."

Auf den bevölkerungspolitischen „Anbau“ des 18. Jahrhundert gerade in Waldgebieten mit kleineren Feldmarken wie auch auf die damit in geschlossenen Siedlungen verbundene Häuservermehrung durch die Bevölkerungsbewegung zurückführend, zeichneten sich die Wohngebäude im Solling aus

a) durch eine „Ausnutzung des vorhandenen Raumes innerhalb der bestehenden Häuserkomplexe“ und der damit verknüpften „Verdichtung“ und

b) durch „ein Bauen in die Enge“,

nicht zuletzt verbunden mit einer „vergrößerten Feuergefahr“.[1]

Unter Nutzung von anstehendem Buntsandstein als Baumaterial werden durch Glimmerplättchen spaltbare Sollingplatten als Dachbedeckung und Außenbehang verwendet.

Die eher düster wirkenden Sollingplatten sind „sehr schwer und verlangen einen besonders stabilen Unterbau im allgemein vorherrschenden Fachwerkbau.[2]

 

"Solling-Arbeiterhaus" │ Beschreibung von TACKE 1943

Nach TACKE [11] kam es in Industriesiedlungen "ohne oder nur mit geringem bäuerlichen Einschlag", wie in Grünenplan im Hils, Fürstenberg und in "Dörfern des inneren Sollings" auch „zur Herausbildung einer besonderen, sonst nirgends anzutreffenden Hausform, des so genannten Solling-Arbeiterhauses".

Hierdurch wird die kurzgefasste Begriffsbeschreibung "Sollinghauses" als "Solling-Arbeiterbeiterhaus" erstmals siedlungs- und kulturgeographisch in der Literatur fassbar.

Nach der Interpretation von TACKE [15] läßt sich diese Hausform, wie die des Hilsarbeiterhauses, "weder von dem Niedersachsenhause noch von dem mitteldeutschen Hause ableiten".

Darüber hinaus erläuterte TACKE an gleicher Stelle, dass "für ihren bis in die Einzelheiten hinein genormten, wie der Grundrißplan errechneten und auf Nurbewohnbarkeit zugeschnittenen Aufbau  ... reine Zweckmäßigkeitsgründe maßgebend" waren.

So mußte nach den Vorschrfiten v. Langens "in Neuen Anbau am Grünen Plan ... jedes Haus 32 Fuß lang, 26 Fuß breit und 10 Fuß hoch erbaut werden und zwei Stuben, zwei Kammern, Küche, Keller und Hausdehle enthalten".[15]

Das vorherrschende Bauelement war hierbei das Eichenfachwerk „in enger Anlehnung an die überlieferte landschaftsgebundene Bauweise“.[15]

 

"Solling- oder Glasmacherhaus" │ Beschreibung von LILGE 2003

Wie LILGE [10] ausführte, wurden im 18. Jahrhundert für Glasmacher erstmals Häuser eines besonderen, nicht bäuerlichen Typs errichtet, die so genannten Solling- oder Glasmacherhäuser, wie beispielsweise in Schorborn ab 1745 oder in Silberborn [18].

Sie dienten alleinig dem Wohnen und Hauswirtschaften.

LILGE [15] stellte zusammenfassend fest, dass die „Sollinghäuser“, wie auch jene in Hellental, typischerweise in den Berghang hinein gebaut wurden,

  • so daß der massiv gemauerte Keller gegen den Berg hin völlig in der Erde war, gegen das Tal hin aber fast ebenerdig zugänglich.

  • Der Keller diente früher als Stall.

  • Eine hohe Freitreppe führte zur Haustür, die Wohnräume befanden sich in einem Fachwerkgeschoß.

  • Später wurde zuweilen ein Stockwerk aufgesetzt.

  • Der Dachboden war für die Lagerung von Heu oder – sofern man Acker hatte – Korn bestimmt“.

 

Als „Solling- oder Glasmacherhaus“ bezeichnet:

Das alte Pottaschenhaus in Silberborn [19][20]

 

"Sollinghaus" │ Beschreibung bei BUSSE 2008

Nach BUSSE [16] tritt mit dem Sollinghaus „eine Sonderform des Fachwerkhauses im Sollingraum“ auf:

Das Besondere dieses Haustyps ist, dass Stall, Wohnbereich und Vorratsraum übereinander gelagert sind.

Der Unterbau ist massiv und besteht aus dem örtlich anstehenden Sandstein.

Darin war der Stall untergebracht.

Im Winter war die Wärme aus dem Stall in der sich darüber liegenden Wohnung willkommen, die von außen über eine Freitreppe ebenfalls aus Sandstein erschlossen wurde.

Meist liegen diese Häuser am Talhang und haben dann von der Wohnung aus rückseitig einen ebenerdigen Ausgang.

Das Dachgeschoss diente der Lagerung der damaligen geringen Ernteerträge.

Bewohner dieser Häuser waren Glashütten-, Wald- und Steinbrucharbeiter, die nur eine kleine Landwirtschaft betrieben.

Die Häuser stehen meist traufständig zur Straße und sind im Laufe der Zeit auch verändert (aufgestockt) oder durch Scheunen und Stallgebäude erweitert worden.

 

Holzarchitektur des Fachwerkhaustyps

Zur Charakterisierung der Grundstruktur des Balkengefüges der "Sollinghäuser" und ihrer Gerüstteile kann auf kulturhistorischen Ausführungen von HANSEN [14] zurückgegriffen werden:

"Beim Fachwerk stehen die senkrechten Ständer als rechteckige Kanthölzer an ihrem Fußende auf einer waagrecht laufenden Schwelle, während sie an ihrem Kopfende durch das waagrecht laufende Rähm zusammengehalten werden.

Auf dem Rähm ruht das obere Geschoß- bzw. Dachbalkenwerk.

Der Zusammenhalt der senkrechten Ständer wird verstärkt durch die waagrechten Riegel ... zwischen den Ständern. ...

Die feste Zusammenfügung der einzelnen Gerüstteile erfolgt durch ihre Verzapfung.

Jedes Balkenteil hat einen Holzzapfen, der in ein Zapfenloch des entsprechenden Balkenteils paßt und durch eichene Holznägel festgehalten wird."

 

Abbildung aus JÜRGENS 1995 [13]


Schauseiten der westlich gelegenen "Solling-Fachwerkhäuser" im Oberdorf von Hellental - gestern und heute

 

Die Schorborner "Fabrikantenhäuser" zum Vergleich - "... einerlei Größe und gleicher Einrichtung"

Nach BLOSS ⦋3⦌ wird in dem „Inventar der fürstlichen Glashütte zu Schorborn und deren Zubehörungen von 1774“ ausgewiesen:

„Dieses Gebäude ist an 1745 von Eichenholtz in Ständerwerk aufgeführet, die Balken und Sparren aber von Tannen Holtz … Die Wände sind gezähnet, gekleibet und mit Kalch überzogen.“

Bauweise aller Gebäude der Fürstlichen Glasmaufaktur Schorborn ist durchgehend gekennzeicht durch

  • Fachwerk aus Eichenholz

  • "Tannenholz" (Fichte) für Türen, Fensterläden usw.

Das Baumaterial der Dacheindeckung bestand ausnahmlos aus "Sollingsteinen", was einersteits eine enorme Dachlast, andererseits aber einen wirksamen Feuerschutz ergab.

"Sollingsteine" wurden zudem auch als Fußbodenbelag der Dählen, als Treppenstufen und als Gartenpfosten verwendet.

 

Planmäßige Anlage der Schorborner Arbeiterhäuser ("Sopllinghäuser“) in der "Langen Reihe"

um 1950 [17]

 

Der Hof-Jägermeister Freiherr Johann Georg v. Langen (1699-1776) soll die Glasmachersiedlung mit ihrem schachbrettartigen Grundriss und die Hausanlage der Fabrikantenhäuser persönlich entworfen haben -"einerlei Größe und gleicher Einrichtung", vorgesehen für zwei Familien (Hauswirt und Mietsleute).[9]

Übertragen auf das SOLLINGHAUS Weber | Museum der Alltagskultur mit der Ass.-№ 40 bedeutet dies ein eher schlichtes, zweigeschossiges, traufenständiges Fachwerkhaus zum Wohnen und Wirtschaften ehemals staatlich geförderter Anbauer (Waldarbeiter, Leinenweber, andere Gewerbetreibende).

Das Museumshaus wurde, wie die meisten halbmassiven "Sollinghäuser" im Hellentaler Oberdorf, durch Neu-, Um- und Anbaumaßnahmen wesentlich baulich verändert, zudem ergänzt durch einen Scheunenanbau.

Wie die Vermessungskarte von 1792 ausweist, bestand zum Ende des 18. Jahrhunderts im ansonsten besiedelten Hellentaler Oberdorf keine Hausstelle auf dem Flurstück 19.[7]

Das Fachwerkhaus wurde nachweislich 1884 errichtet, wahrscheinlich auf den Grundmauern eines abgebrannten Vorgängergebäudes (Keller und Stallraum).

Erstmals ist es 1834 als Liegenschaft mit der Ass.-№ 40 nachweisbar.

 

Fotografien: Archiv HGV-HHM │ Dr. Klaus Weber, Hellental

 


[1] REDDERSEN 1934, S. 6-7, 131, 141.

[2] REDDERSEN 1934, S. 7.

[3] BLOSS 1950a, S. 14-17.

[4] LILGE 1997; BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[5] RAULS 1983, S. 139.

[6] STEINACKER 1907, S. 178.

[7] NStAWb K 3344.

[8] LILGE 1993a, S. 17.

[9] BLOSS 1950a, S. 20.

[10] LILGE 2003, S. 191.

[11] TACKE 1943, S. 17.

[12] Fotografie aus der Privatsammlung von Günther Sturm (†), Hellental.

[13] JÜRGENS, A.: Dorferneuerungsplan Hellental 1994/95. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Heinade und dem Arbeitskreis für Dorferneuerung in Hellental. Hildesheim/Hellental 1995.

[14] HANSEN 1980, S. 9-10.

[15] TACKE 1943, S. 142.

[16] BUSSE 2008.

[17] Zeichnung von Curt Sauermilch (Holzminden) in BLOSS 1950a, S. 5 Abb. 1.

[18] BRODHAGE/MÜLLER 1996, S. 207.

[19] Ausschnitt aus einer sw-Fotografie bei BRODHAGE/MÜLLER 1996, S. 72 Abb. 19.

[20] Ausschnitt aus einer sw-Fotografie im TAH 2006.