Solling-Fachwerkhaus - "... einerlei Größe und gleicher Einrichtung"

Klaus A.E. Weber

 

Ein regionales kulturhistorisches Erbe Südniedersachsens ist der auch in Hellental anzutreffende Fachwerkhaustyp „Sollinghaus“, ein meist traufständig zur Dorfstraße erschlossenes Wohnstallhaus in Holzarchitektur.

Die Bewohner*innen der „Sollinghäuser“ waren vormals meist Brinksitzer, Handwerker Glashütten-, Wald- und Steinbrucharbeiter, die mit ihrer Familie nur eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben.

Im Unterschied zum niederdeutschen Hallenhaus sind in der Sonderform des mitteldeutschen Ernhauses bautypisch Stall, Wohnbereich und Vorratsraum übereinander angeordnet.

Noch heute prägt im Hellentaler Oberdorf die baugeschichtlich junge ländliche Hausform in zweigeschossiger Rähmbauweise das historische Ortsbild in der lokalen Hauslandschaft:

  • Sockelmauerwerk - mit Stall zur Tierhaltung

In dem aus Buntsandstein massiv gemauerten Unterbau befand sich einst der Stall zur Tierhaltung.

  • Wohnung - mit flurartiger Diele, Stube, Kammer und Küche

Von außen wurde der darüber liegende Wohntrakt über eine aus Buntsandstein gesetzte Freitreppe mit Podest erschlossen.

Die am steilen Talhang mit einem Geländegefälle von ca. 15 % errichteten Fachwerkhäuser haben von der Wohnung aus einen rückseitigen, ebenerdigen Ausgang zum Garten.

  • Dachgeschoss - mit Vorratsraum

Die ehemals geringen Ernteerträge (Getreide, Heu, Stroh) wurden im Dachgeschoss gelagert.

Die Dachflächen waren einst mit einer geraden Schuppendeckung aus lokalen „Solling-Platten“ eingedeckt.

 

Holzarchitektur des Fachwerkhaustyps „Sollinghaus“

Zur Charakterisierung der Grundstruktur des Balkengefüges der "Sollinghäuser" und ihrer Gerüstteile kann auf kulturhistorischen Ausführungen von HANSEN [14] zurückgegriffen werden:

"Beim Fachwerk stehen die senkrechten Ständer als rechteckige Kanthölzer an ihrem Fußende auf einer waagrecht laufenden Schwelle, während sie an ihrem Kopfende durch das waagrecht laufende Rähm zusammengehalten werden.

Auf dem Rähm ruht das obere Geschoß- bzw. Dachbalkenwerk.

Der Zusammenhalt der senkrechten Ständer wird verstärkt durch die waagrechten Riegel ... zwischen den Ständern. ...

Die feste Zusammenfügung der einzelnen Gerüstteile erfolgt durch ihre Verzapfung.

Jedes Balkenteil hat einen Holzzapfen, der in ein Zapfenloch des entsprechenden Balkenteils paßt und durch eichene Holznägel festgehalten wird."

 

Abb. aus JÜRGENS 1995 [13]


Das „Solling-Arbeiterhaus“

Wie LILGE [10] ausführte, wurden im 18. Jahrhundert für Glasmacher erstmals Häuser eines besonderen, nicht bäuerlichen Typs errichtet, die so genannten Sollinghäuser (z.B. in Schorborn ab 1745).

Sie dienten alleinig dem Wohnen und Hauswirtschaften.

Nach TACKE [11] kam es in Industriesiedlungen, wie beispielsweise in Grünenplan im Hils, „zur Herausbildung einer besonderen, sonst nirgends anzutreffenden Hausform, des so genannten Solling-Arbeiterhauses".

LILGE [10] stellte 2003 zusammenfassend fest, dass die „Sollinghäuser“, wie auch jene in Hellental, typischerweise in den Berghang hinein gebaut wurden,

  • „so daß der massiv gemauerte Keller gegen den Berg hin völlig in der Erde war, gegen das Tal hin aber fast ebenerdig zugänglich.

  • Der Keller diente früher als Stall.

  • Eine hohe Freitreppe führte zur Haustür, die Wohnräume befanden sich in einem Fachwerkgeschoß.

  • Später wurde zuweilen ein Stockwerk aufgesetzt.

  • Der Dachboden war für die Lagerung von Heu oder – sofern man Acker hatte – Korn bestimmt“.

 

„Solling-Fachwerkhäuser“ im Oberdorf von Hellental mit unbefestigter steiler Dorfstraße

1920er Jahre [12]

 

Der Begriff der Bauweise „Sollinghaus” wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von REDDERSEN eingeführt.[1][2]

Im 18. Jahrhundert soll nicht zuletzt auf Anregung der landesherrlichen Obrigkeit der Bautyp „Sollinghaus” entstanden sein [4][8], der für jene Anbauer (meist Tagelöhner) und ihre Familien errichtet wurde, die als Kleinstellenbesitzer eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben.

Bereits 1744 war eine landesherrliche Bauordnung erlassen worden.

In der Bauverordnung für den „Weser-Distrikt“ war 1750 von Herzog Carl I. u. a. festgelegt worden, dass das Erdgeschoss von solchen Gebäuden möglichst mit massivem Mauerwerk ausgeführt werden sollte.[5]

Ein Haus dieser Art ist das erhalten gebliebene Gemeindebackhaus im Dorfzentrum von Hellental (Ass.-№ 53), wie das ehemalige Gemeindebackhaus (Ass.-№ 64) in der Dorfmitte von Deensen.[5]

Aus der Dorfbeschreibung „Hellenthal“ von STEINACKER geht hervor, dass die Tagelöhnerhäuser aus Fachwerk keine Dälen (Hausdielen) hatten und "meist Längsfronten mit zwei Geschossen, dürftigen Profilen unter dem oberen Geschoß und Kröppelwalm" seien.[6]

Auf den Dachböden der Fachwerkhäuser des Hellentaler „Sollinghäuser“ wurde, neben Getreide, auch rasch entzündliches Heu und Stroh eingelagert.

Entfachte in einem der Dachböden ein sich rasch ausdehnender Brand, so drohte das Feuer auch auf die benachbarten, ehemals nur durch eine schmale Gasse ("Gaze") voneinander getrennten Wohnhäuser und Stallungen überzugreifen.

 

Die Schorborner "Fabrikantenhäuser" zum Vergleich - "... einerlei Größe und gleicher Einrichtung"

Nach BLOSS ⦋3⦌ wird in dem „Inventar der fürstlichen Glashütte zu Schorborn und deren Zubehörungen von 1774“ ausgewiesen:

„Dieses Gebäude ist an 1745 von Eichenholtz in Ständerwerk aufgeführet, die Balken und Sparren aber von Tannen Holtz … Die Wände sind gezähnet, gekleibet und mit Kalch überzogen.“

Bauweise aller Gebäude der Fürstlichen Glasmaufaktur Schorborn ist durchgehend gekennzeicht durch

  • Fachwerk aus Eichenholz

  • "Tannenholz" (Fichte) für Türen, Fensterläden usw.

Das Baumaterial der Dacheindeckung bestand ausnahmlos aus "Sollingsteinen", was einersteits eine enorme Dachlast, andererseits aber einen wirksamen Feuerschutz ergab.

"Sollingsteine" wurden zudem auch als Fußbodenbelag der Dählen, als Treppenstufen und als Gartenpfosten verwendet.

Der braunschweigische Hof-Jägermeister Freiherr Johann Georg v. Langen (1699-1776) soll die Glasmachersiedlung mit ihrem schachbrettartigen Grundriss und die Hausanlage der Fabrikantenhäuser persönlich entworfen haben -"einerlei Größe und gleicher Einrichtung", vorgesehen für zwei Familien (Hauswirt und Mietsleute).[9]

 

 

Schauseiten der westlich gelegenen "Solling-Fachwerkhäuser" im Oberdorf von Hellental - gestern und heute

 

Übertragen auf das SOLLINGHAUS Weber | Museum der Alltagskultur mit der Ass.-№ 40 bedeutet dies ein eher schlichtes, zweigeschossiges, traufenständiges Fachwerkhaus zum Wohnen und Wirtschaften ehemals staatlich geförderter Anbauer (Waldarbeiter, Leinenweber, andere Gewerbetreibende).

Das Museumshaus wurde, wie die meisten halbmassiven "Sollinghäuser" im Hellentaler Oberdorf, durch Neu-, Um- und Anbaumaßnahmen wesentlich baulich verändert, zudem ergänzt durch einen Scheunenanbau.

Wie die Vermessungskarte von 1792 ausweist, bestand zum Ende des 18. Jahrhunderts im ansonsten besiedelten Hellentaler Oberdorf keine Hausstelle auf dem Flurstück 19.[7]

Das Fachwerkhaus wurde nachweislich 1884 errichtet, wahrscheinlich auf den Grundmauern eines abgebrannten Vorgängergebäudes (Keller und Stallraum).

Erstmals ist es 1834 als Liegenschaft mit der Ass.-№ 40 nachweisbar.

 

 

Fotografien: Archiv HGV-HHM; Dr. Klaus Weber, Hellental

 


[1] REDDERSEN 1934.

[2] Erika Reddersen: Die Veränderungen des Landschaftsbildes im hannoverschen Solling  und seinem Vorlande seit dem frühen 18. Jahrhundert von H. Voges │ Buchbesprechung in den Göttinger Blättern für Geschichte und Heimatkunde Südhannovers, 1. Jg. 1935, Heft 3, S. 53.

[3] BLOSS 1950a, S. 14-17.

[4] LILGE 1997; BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[5] RAULS 1983, S. 139.

[6] STEINACKER 1907, S. 178.

[7] NStAWb K 3344.

[8] LILGE 1993a, S. 17.

[9] BLOSS 1950a, S. 20.

[10] LILGE 2003, S. 191.

[11] TACKE 1943, S. 17.

[12] Fotografie aus der Privatsammlung von Günther Sturm (†), Hellental.

[13] JÜRGENS, A.: Dorferneuerungsplan Hellental 1994/95. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Heinade und dem Arbeitskreis für Dorferneuerung in Hellental. Hildesheim/Hellental 1995.

[14] HANSEN 1980, S. 9-10.