Historische Kulturlandschaft im Solling

Klaus A.E. Weber

 

Eichenalleen prägen das Landschaftsbild des Sollings │ Mai 2020 [8]

 

Eine umfassende gutachtliche Erfassung, Darstellung und Bewertung der 42 individuellen Kulturlandschaftsräume und historischen Kulturlandschaften von landesweiter Bedeutung in Niedersachsen findet sich in der Publikation von WIEGAND 2019:

  • Der 960 km² große Kulturlandschaftsraum K37 "Solling, Bram- und Kauffunger Wald" im Südwesten Niedersachsens [6][7]

Neben Unterschieden im Relief und in der Geologie sind WIEGAND [6] kennzeichnende Merkmale dieses Kulturlandschaftsraums:

  • geringer Grad der Besiedlung

  • geringe verkehrliche Erschließung

  • flächenmäßig untergeordnete Rolle der Landwirtschaft

  • bedeutende Rolle der Forstwirtschaft.

 

Historische Kulturlandschaft

Ein Ausschnitt aus der aktuellen Kulturlandschaft ist die historische Kulturlandschaft, die definitionsgemäß "sehr stark durch historische Elemente und Strukturen geprägt wird" und deren Strukturen und Elemente "aus einer abgeschlossenen Geschichtsepoche stammen".[5]

"Kulturlandschaften, deren geschichtliche Entwicklung in ihrem heutigen Erscheinungsbild sichtbar geblieben ist, geben dem Menschen die Möglichkeit, die Gegenwart als ein Resultat der Vergangenheit zu betrachten."[3]

 

Langgestreckte Trockenmauer im Hellental │ März 2020


Durch viefältige Landnutzung historisch gewachsene Elemente & Strukturen 

Die Landschaft des langgestreckten Sollingtales Hellental im Naturschutzgebiet "Moore und Wälder im Hochsolling, Hellental" wurde vormals und wird noch heute im steten Wandel sowohl von natürlich bestimmten als auch von menschlich geprägten Prozessen fortlaufend verändert.

Insbesondere das Wirken zugewanderter Menschen prägte über Jahrhunderte aus ökonomischen wie sozialen Gründen das heutige Landschaftsbild des Hellentals im Hochsolling.

Abhängig vom den naturräumlich gegebenen Standorteigenschaften entstand so in den zurückliegenden Geschichtsepochen eine regional einzigartige Kulturlandschaft innerhalb des Sollings in der naturräumlichen Region des Weser-Leineberglandes.[4]

 

Wiesentypen im Hellental │ Darstellung im WildparkHaus [1]

 

Als prägende historische Elemente und Strukturen des kulturhistorischen Landschaftsbildes eines extensiv bewirtschafteten Dauergrünlandes gelten

  • markante Schattbäume, Sträucher, Hecken und Streuobstwiesen
  • Zuleitungsgräben ("Fleuegräben") eines früheren Wiesenbewässerungssystems
  • Furten durch die Helle
  • besondere Flurformen mit Ackerterassen
  • zahlreiche, langgestreckte Trockenmauern
  • Bodendenkmäler mittelalterlicher und neuzeitlicher Waldglashütten im "Alten Tal der Glasmacher"
  • Standorte des Holzkohle produzierenden Köhlergewerbes
  • Relikt eines neuzeitlichen Kalkofens bei Merxhausen

 

Typisches Sollingtal │ Bachtal │ „Tal der 200 Quellen“

Die Landschaft des Sollingtales Hellental wurde vormals und wird noch heute im steten Wandel sowohl von natürlich bestimmten als auch von menschlich geprägten Prozessen fortlaufend verändert.

So entstand in zurückliegenden Geschichtsepochen eine einzigartige Kulturlandschaft innerhalb des Sollings im Weserbergland.

Menschen prägten über Jahrhunderte hin aus ökonomischen wie sozialen Gründen das heutige Landschaftsbild, die besondere historische Kulturlandschaft des Hellentals.

Im Verbund mit dem HISTORISCHEN MUSEUM HELLENTAL vermittelt der Graslandpfad Hellental die natürlichen und kulturhistorischen Besonderheiten des Naturschutzgebietes Hellental und des gleichnamigen Glasmacherortes im Solling. 

Entlang des Solling-Baches Helle führt zudem die LebensRaumRoute (LLR) Wiesental/Hellental durch das Hellental sowie die LRR Hochmoor/Mecklenbruch durch das Naturschutzgebiet "Moore und Wälder im Hochsolling, Hellental".

  • ֍ Naturpark Solling-Vogler │ Lebensraum Wiesental / Hellental │ Mai 2015

Aus einem Mosaik aus Wiesen und Weiden bestehend ist das Grünlandtal ein wertvoller Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten des Sollings - im Naturpark Solling-Vogler (Interaktives Naturparkbuch).

Das Hellental liegt als Vorranggebiet für Natur und Landschaft im Landschaftsschutzgebiet Naturpark Solling-Vogler.

Im September 1990 wurde es in seinem südwestlichen Abschnitt als Naturschutzgebiet ausgewiesen (insgesamt ca. 182 ha, davon 128 ha im Landkreis Holzminden).

Das Wirtschafts-, Feucht- und Nassgrünland des Hellentals wird besonders durch seine Quellen und Hangquellmoore, das Fließgewässer Helle, die Niedermoorflächen und Borstgrasrasen im südlichen Hellental sowie durch Bergwiesenfragmente charakterisiert.

Die ästhetisch ansprechende, stimmungsvolle Landschaft des offenen beweideten Sollingtals ist ein reizvolles, von harter menschlicher Arbeit typisch geprägter Lebens- und Kulturraum - als Grünlandtal eines der schönsten Wiesentäler des Sollingraums und südniedersächsischen Berg- und Hügellandes.

Das Hellental ist fast vollständig von Laub- und Mischwälder umgeben, die nahe an das Dorf grenzen.

Überwiegend sind standortheimische Baumarten anzutreffen, wie die Rotbuche.

 

Blick nach Südwesten in das offene Grünlandtal Hellental │ um 1955 [2]

 

In dem Wiesental besteht noch heute ein hoher Artenreichtum an Pflanzen und Tieren, wobei insbesondere eine beachtliche Biodiversität von Gefäßpflanzen, Moosen, Flechten und Pilzen nachgewiesen werden konnte.

Besonders seltene oder lokal interessante Arten unterstreichen als Biotoptypen die hervorgehobene Bedeutung des gesamten Hellentals für den Schutz pflanzlicher und tierischer Arten und deren Lebensgemeinschaften.

Markante Einzel- sowie Schattbäume, Sträucher, Hecken und andere Kleingehölze, Streuobstwiesen (mit teils alten Obstsorten) und noch erhaltene Ackerterassen sowie Relikte von Flachsrotten runden das typische kulturhistorische Landschaftsbild eines extensiv bewirtschafteten Grünlandtals harmonisch ab.

Einst eingebettet in eine Landschaft mit Sumpfgebieten und bewaldeten Steilhanglagen erwies sich die exponierte Randlage im Nordsolling für das mit Laub- und Bruchwäldern dicht bestandene Hellental als nachteilig.

Das Hellental galt bis zur frühen Neuzeit als unzugänglich, siedlungsfeindlich und unbewohnbar.

Zudem waren die Böden der Hanglagen aus der Verwitterung des oberflächennahen Buntsandsteins hervorgegangen und auch die wenigen Braunerdeböden eigneten sich nicht für einen rentablen Ackerbau.  

Die vielfach in und um den Glasmacherort Hellental vorhandenen Trockenmauern sind eines der besonderen Elemente der historischen Kulturlandschaft des nördlichen Sollings.

Die an den östlichen Wiesenhängen erkennbaren Spuren linienförmiger Zuleitungsgräben ("Fleuegräben") eines früheren Wiesenbewässerungssystems – zum regulären „Fleuen” wasser- und nährstoffarmer Hangwiesen – sind ein gewässerhistorisch wie kulturlandschaftlich bedeutsames Flächenrelikt in Südniedersachsen.

Auch haben im Hellental einst zahlreiche Kohlenmeiler mit Köhlerhütten gestanden.

Ehemalige Standorte des Holzkohle produzierenden Köhlergewerbes können auf eingeebneten Wiesenflächen im gesamten Talverlauf ausgemacht werden.



 

Relikte einer Ackerterrasse im mittleren Hellental │ Mai 2008

 

Vor diesem Hintergrund wie auch durch die Steilhanglage, die Flachgründigkeit und die geminderte Bodenfruchtbarkeit infolge geringen Nährstoffgehalts entwickelte sich im Hellental nur eine ertragsschwächere Grünlandnutzung.

Die noch vielfach in und um Hellental vorhandenen, teilweise wiederhergestellten Trockenmauern (aus ortständigem Buntsandstein) sind eines der besonderen Elemente der historischen Kulturlandschaft des nördlichen Sollings.

Die geländemorphologisch an den östlichen Wiesenhängen erkennbaren Spuren linienförmiger Zuleitungsgräben eines früheren Wiesenbewässerungssystems – zum regulären „Fleuen” wasser- und nährstoffarmer Hangwiesen – sind ein gewässerhistorisch wie kulturlandschaftlich bedeutsames Flächenrelikt in Südniedersachsen.

 

 

Spuren von drei übereinander angeordneten "Fleuegräben" zur ehemaligen Wiesenbewässerung │ August 2008

 

Noch heute genutzte Furt durch die Helle im oberen Hellental │ August 2008

 

Das die Landschaft des Hellentals prägende Fließgewässer ist die teilweise noch naturraumtypische Helle, ein schnell fließender Mittelgebirgsbach, der mehrere Standorte ehemaliger Waldglashütten im Talverlauf passiert.

Einem Quellgebiet im Naturschutzgebiet des Hochmoores Mecklenbruch bei Silberborn entspringend, durchfließt sie weitgehend naturbelassen als klarer Bach das lang gestreckte Muldental, teils oberirdisch, teils über Bachschwinden unsichtbar in unterirdischen Karstwasserleitern.

Abhängig vom jahreszeitlichen Niederschlag wird die Helle auch von zahlreichen Hangquellen gespeist („Tal der 200 Quellen“).

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] WildparkHaus - Das Solling Besucherzentrum bei Neuhaus.

[2] Ansichtskarte von Foto-Gering, Merxhausen, Kreis Holzminden - Archiv Museum Sollinghaus.

[3] WIEGAND 2019, S. 3.

[4] vergl. WIEGAND 2019, S. 9, Karte 1 (8.2).

[5] WIEGAND 2019, S. 12 Definition.

[6] WIEGAND 2019, S. 284-295.

[7] NHB 2020, S. 82-83.

[8] KRUEGER/LINNEMANN 2013, S. 42-43, 68-69.