Meist Frauensache: Klostermedizin │ Dorfmedizin │ Volksheilkunde

Klaus A.E. Weber

 

 

  • Die Kräuterfrau Jule Johler (1822-1910) │ Stadtoldendorf

 

Einigen wenigen ausgewählten Spuren regionaler volksheilkundlicher, volks- und dorfmedizinischer Traditionen, verbunden mit medizinhistorischen Aspekten, soll sozialmedizinisch nachgespürt werden.[1]

Wollen wir nun Spuren überlieferter volks- und dorfmedizinischer Traditionen im Solling nachgehen, so bedarf es eingangs des Versuches einer kurzgefassten Bestimmung des schillernden, heute weitgehend vergessenen Begriffes „Volksmedizin“.

Zudem ist der Begriff „Volksmedizin“ in Beziehung zu dem Begriff der so genannten klassischen Schulmedizin setzen.

Heute tummelt sich auf dem bunten, gewinnorientierten Gesundheitsjahrmarkt „unkonventioneller Heilmethoden“ und der „Alternativmedizin“ geradezu ein Sammelsurium unscharf gefasster Begriffe und vager Angebote im Wettbewerb.

Wie medizinethnologische und kultursoziologische Studien nachwiesen, sind es vor allem kulturbedingte Vorstellungen, die Menschen dazu veranlassen, bestimmte Heilweisen und Behandlungskonzepte zu akzeptieren oder auch zu verwerfen.

Das betrifft gerade auch die wissenschaftliche Medizin mit den Spielarten ihres diagnostischen und therapeutischen Denkens und Handelns.

Dabei gilt es auch zu berücksichtigen, dass die jeweils vorherrschenden Medizinsysteme historischen Wandlungsprozessen unterlagen.

 

Weise Frauen, Visionärinnen, schaurige Weiber oder böse Hexen?

Als typisches historisches Beispiel für die klösterlich geprägte Heilkunst des Mittelalters ist die Benediktinerin und Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) mit ihren audio-visionären, mystischen Erfahrungen zu nennen.

Die bedeutende Universalgelehrte des Hochmittelalters gilt als die erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters.

Nach den Überlieferungen befassten sich ihre Werke mit Religion, Musik, Ethik und Kosmologie.

Auch ist bekannt, dass Hildegard in den 1150er Jahren wohl auch medizinische Abhandlungen zu dem Wesen, den Ursachen, der Behandlung und der Heilung der Krankheiten verfasste.

Allerdings sind - im Gegensatz zu ihren religiösen Schriften - keine Originalhandschriften als zeitnahe Nachweise erhalten geblieben.

Die gern zitierten Texte, die Hildegard als Verfasserin angeben, entstammen dem spätmittelalterlichen Zeitraum des 13. bis 15. Jahrhunderts, in welchem Abschriften, Ergänzungen und Umschreibungen erfolgten.

Erst im Jahr 1970 wird die Bezeichnung „Hildegard-Medizin“ als profitbewusster Marketing-Begriff im deutschen Sprachraum eingeführt, wozu – mittelalterlich orientiert - Pflanzenheilkunde, Ernährungsregeln, Ausleitungsverfahren und Edelsteintherapie gehören.

Nicht selten lebten und agierten Frauen im Mittelalter wie in der beginnenden Neuzeit als Heilerinnen mit außergewöhnlichen Kräften.

Sie verfügten über ganzheitliches volksmedizinisches Wissen ihrer Zeit, wobei sie sich insbesondere mit Kräutern, mit Handauflegen und Besprechen auskannten.

So genannte „weise Frauen“ wurden als Vertreterinnen einer bewegten weiblichen Heilkunst zugleich verehrt, gefürchtet und verfolgt.

Dabei ging es auch um den "Reiz der Macht, den imaginierter Zauber bieten kann".[5]

Letztlich stand insbesondere für Frauen häufig genug die existenzielle Frage im Raum:

Weise Frau, schauriges Weib oder böse Hexe?[5]

Davon wird auch noch bei der Betrachtung des Handauflegens und typischer Besprechungsformeln in den volksmedizinischen Traditionen armer Leute im Solling zu hören sein – und auch davon, dass eben vor allem Frauen volksmedizinisches Wissen auf dem rauen Solling tradierend bewahrten und anwandten, wenn auch nicht ausschließlich.

Erinnern sollte man sich auch an die Sozialreformerin, Statistikerin und "Visionärin der Fürsorge" Florence Nightingale (1820-1910), die im 19. Jahrhundert in London den Grundstein für die moderne Krankenpflege legte und damit die moderne westliche Krankenpflege begründete.[6]

 

„Schulmedizin“ & „Volksmedizin“ - kulturbedingte Vorstellungen

Es kann aus heutiger historischer Sicht zwischen den Medizinsystemen der gelehrten „Schulmedizin“ einerseits - und der alternativen, einfachen „Volksmedizin“ andererseits unterschieden werden kann.

Wie es die Nutzung der Heilkräuter historisch erkennen lässt, standen sich universitäre „Schulmedizin“ und nicht-akademische Volksmedizin und Naturheilkunde keineswegs fremd gegenüber oder schlossen sich gar gegeneinander aus.

Ihre Erkenntnisse entwickelten sich stetig weiter, gerade auch in wechselseitiger Ergänzung.

Spätestens ab dem 19. Jahrhundert trennten sich dann ihre Wege.

Die Berufskarriere eines frühneuzeitlichen Arztes war einerseits von wissenschaftlicher, andererseits von ärztlicher Tätigkeit gekennzeichnet.

Im frühen 19. Jahrhundert changierten ärztliche Behandlungen zwischen Hilfe, Kontrolle und Forschung.

Prozesse der Professionalisierung, Systematisierung und Verwissenschaftlichung der Heilkunde in der „Schulmedizin“ können medizinhistorisch als ein markantes Unterscheidungskriterium gegenüber der Laienmedizin - hier in Form der Volksmedizin - herangezogen werden.

Besondere Bedeutung kommt dabei der schulmedizinischen Arzneimitteltherapie zu.

Das bekannteste Selbstmedikationsprodukt eines 1826 gegründeten Kölner Pharmaunternehmens – der „Klosterfrau Melissengeist“ -, mag noch heute daran erinnern, dass die soziale Fürsorge und Krankenpflege „armer siechen“ seit dem Frühmittelalter maßgeblich in Klöstern und Hospitälern ausgeübt wurde.

1843 veröffentlichte der Mediziner Georg Friedrich Most (1794-1845) seine „Enzyclopädie der gesamten Volksmedicin - oder Lexikon der vorzüglichsten und wirksamsten Haus- und Volksarzneimittel aller Länder“.

Dieser „nach den besten Quellen und nach dreißigjährigen, im In- und Ausland selbst gemachten zahlreichen Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Volksleben“ gesammelten und herausgegebenen Enzyklopädie ist das folgende Zitat entnommen:

"... Alle große, wahrhafte Ärzte und Helfer der leidenden Menschheit, sowohl der Vor- als Jeztzeit, waren und sind davon überzeugt, dass der echte, tüchtige Arzt die Volksmedizin, die Haus- und Volksarzneimittel, nicht verachten, vornehm bespötteln und geringschätzen, sondern kennen lernen, untersuchen und prüfen müsse, ob darin nicht manches Goldkorn vergraben liege, was noch nicht zu seiner Kenntnis gekommen und was dennoch von Wichtigkeit zur Bereicherung seiner Kunst und zur Förderung der medizinischen Wissenschaft sei. ..."

 

Porträt einer Gottesfürchtigen 15. Jahrhundert

Le Galerie Degli Uffizi │ Firenze.

 

Buchmedizin│Mönchsmedizin│Klostermedizin

Um die Wurzeln und das Wesen der volksmedizinischen Traditionen im Solling aufzuspüren und nachzuvollziehen, möchte ich zunächst kurz auf die medizinische Heilkunst des frühen bis späten Mittelalters eingehen.

Im Mittelalter begegnen wir einer klösterlich geprägten Heilkunst mit jenen heilkundlichen Behandlungsmethoden, die uns später noch in der konkreten Beschreibung volksmedizinischer Traditionen im Solling beschäftigen werden.

Die Medizin des Mittelalters basiert innerhalb wie außerhalb der Klöster im Wesentlichen auf der klassischen griechisch-lateinischen „Viersäftelehre“ mit den vier Elementen

  • Luft

  • Feuer

  • Erde

  • Wasser.

Anklänge hieran finden sich durchaus auch im „Abergläubischen Allerlei“ der überlieferten Volks- und Dorfmedizin im Solling.

 

Glasfenster mit der Darstellung der Heiligen Elisabeth │ Glas/Blei

Niedersachsen oder Nordhessen │ um 1430/1440

Hessisches Landesmuseum in Kassel │ Oktober 2018

 

In mittelalterlichen Klöstern – den kulturellen Trägern medizinischen Wissens - befassten sich Mönche wie Nonnen im Kontext ihrer christlichen Gartenkulturmit der Pflanzenheilkunde.

Sie verfügten über grundlegende Kenntnisse des Anbaus von Küchenkräutern und zur Heilwirkung von Kräutern, Heil- und Arzneipflanzen – den einzigen wirksamen Medikamenten jener Zeit.

Heilkundige Mönche und Nonnen - "starke Frauen im Mittelalter" - verbesserten alte Rezepturen und entwickelten neue.

Zudem fertigten sie Abschriften von Kräuterbüchern an, wobei sie sich meistens auf Angaben griechischer und römischer Gelehrter der Pharmazie und Heilkunst stützten.

Wie der 2010 von SCHUBERT für die klassische „Schulmedizin“ hinterlegte Begriff „Buchmedizin“ anschaulich werden lässt, verfasste die klösterliche oder akademische Medizin ihr Gesundheitswissen schriftlich mit Auswirkungen auf die Lebensordnungen.

So wurde antikes und zeitgenössisches Medizinwissen universitär oder in Klöstern von Arzt zu Arzt in schriftlicher Form durch „Fachliteratur“ und durch „Vorlesungen“ weitergegeben.

In verschiedener Form und Dosierung blieb die traditionelle Kräutermedizin lange das Mittel der Wahl in der medizinischen Praxis.

Das Wissen um die Heilungskraft von Kräutern war ehemals in nicht-ärztlichen Laienkreisen weit verbreitet - und wurde ärztlich ausdrücklich gefördert.

Als wesentlicher Teil mittelalterlicher Medizin gilt die „Mönchsmedizin" bzw. „Klostermedizin“, die medizingeschichtlich die Zeitspanne vom Frühmittelalter bis zum Hochmittelalter umfasst.

Während der Hauptphase der „Klostermedizin“ vom 8. Jahrhundert bis Mitte des 12. Jahrhunderts oblag die medizinische Versorgung in Europa ausschließlich Mönchen und Nonnen, da die Medizin in jener Zeit als ein Handwerk und als angewandte Theologie galt.

Außerhalb von Klostermauern erfolgte daher auch keine Ausbildung für Ärzte.

Ohnehin galten Krankheiten als von Gott gesandt und eine Heilung ohne Gottes Hilfe erschien als unmöglich.

So wurde die Pest – der Inbegriff für alle Seuchen des Mittelalters und der frühen Neuzeit – als „Geißel Gottes“ aufgefasst.

Wie noch zu zeigen ist, spiegelt sich diese mittelalterlich religiöse Sicht noch in der einen oder anderen Variante der Volks- und Dorfmedizin im Solling wieder.

Von den antiken griechischen Heilprinzipien mit Wasser- und Phytotherapie geprägt, beruhte sie während des 8. – 12. Jahrhunderts vornehmlich auf der Phytotherapie – Heilen mit Kräutern und Arzneipflanzen - und auf der Hydrotherapie.

Entscheidend für den mittelalterlich-christlichen Heilungsansatz war, den Körper als Partner der Seele anzusehen.

 

Ausstellung im Landesmuseum Zürich:

֍ Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter. Wie vielfältig die Lebensformen geistlicher Frauen im Mittelalter waren.

 

Krankheitsbehandlung & Lebensführung in der aufkommenden Neuzeit

An der Schwelle zur frühen Neuzeit begann eine gemeinnützige landesherrliche Fürsorge in Verklammerung mit der sozialen Verantwortung der politischen Macht – nicht zuletzt auch in Form einer staatlichen Armenmedizin.

Das Leiden von Patienten zu lindern und sie zu unterstützen war in der frühen Neuzeit eine originäre kurative Aufgabe des approbierten Arztes.

Daher befassten sich seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert akademische Ärzte zunehmend mit Fragen einer adäquaten Krankheitsbehandlung auf dem Boden der alten lateinischen „Buchmedizin“.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert wurde die durch theoretisches Wissen und durch empirisches Engagement geprägte Erfahrungsmedizin mit dem Aufstieg der modernen, zunehmend wissenschaftlicher agierenden Medizin in den Hintergrund gedrängt.

Die Medizin entwickelte sich schließlich zur praxisorientierten Erfahrungswissenschaft mit den modernen Aufgabenfeldern

  • Prävention (Vorbeugung) von Erkrankungen oder von deren Komplikationen,

  • Kuration (Heilung) von heilbaren Erkrankungen,

  • Palliation (Linderung) der Beschwerden in unheilbaren Situationen,

  • Rehabilitation (Wiederherstellung) der körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Patienten.

Noch von der antiken „Viersäftelehre“ beeinflusst, bestanden die allgemein üblichen therapeutischen Maßnahmen der gelehrten Medizin des späten 18. und des 19. Jahrhunderts dem gegenüber vornehmlich

  • im Aderlass,

  • der Eingabe von Brech- und Abführmitteln oder

  • sonstiger „Arzeneyen“.

Mit der auf antikem Wissen beruhenden Prämisse, dass die Grundlage menschlicher Gesundheit in der angemessenen Ernährung liegt, wurde bereits Ende des 5. Jahrhunderts ein überzeitlicher medizinischer Ratschlag erteilt.

Die Diätetik sollte die Lebensführung regeln.

Auch für den Solling volkskundlich überlieferte Gebräuche lassen im Zusammenhang mit der Verwendung von allerlei Kräutern in der einfachen Küche durchaus ernährungstherapeutische Komponenten im Hinblick auf die volksmedizinische Traditionen erkennen.

So gab es im östlichen Solling einmal einen Arzt, der Sauerkohl und Schweinefleisch „gut für‘s kalte Fieber“ gehalten habe.

Damit kurierte er einen Schmied so erfolgreich, dass er das gleiche Rezept immer häufiger angewandte, so auch bei einem Schneider.

Im Gegensatz zum Schmied verstarb aber der Schneider.

Der Arzt vermerkte unter dem Rezept in seinem Praxisjournal, dass man damit zwar einen Schmied, aber keinen Schneider kurieren kann.

 

Arme Leute auf dem rauen Solling & ihre armutsassoziierten Schicksale

Wenden wir uns nun jenen armen Leuten auf dem rauen Solling zu, die in einer enormen sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit lebten und arbeiteten.

Mit seinen beiden regionalen Volkstumswerken „Die Sollinger“ und „Tchiff, tchaff, toho!“ veröffentlichte SOHNREY 1924 und 1929 eine bunte volkskundliche Sammlung zu „Brauch und Glaube“ und zum „Abergläubischen Allerlei“, der für den Solling auch volksmedizinische Überlieferungen zur diätetischen Ernährung, zu Besprechungsformeln, Bautesprüchen und Gebeten zu entnehmen sind.

Bei den Sollingbewohnern gab es erhebliche Unterschiede bei gesundheitsrelevanten Faktoren.

Im Vergleich zu benachbarten Städten an den Sollingrändern war die landärztliche Grundversorgung in den abgelegenen Sollingsdörfern weitaus prekärer, insbesondere die von

  • Schwangeren

  • Müttern

  • Kindern.

 

„Nicht auf den Boden spucken“ & der „Blaue Heinrich“ - Die Tuberkulose

Wenn man Sie nun unverblümt auffordern würde, „nicht auf den Boden zu spucken“, so wären Sie sicherlich ziemlich irritiert.

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch „Spuckverbotstafeln“ auch in den Wirtshäusern des Sollings darauf hingewiesen worden sein, nicht auf den Boden zu spucken.“

Für an Tuberkulose erkrankte Patienten kam Abhilfe durch das eiförmige Glasgefäß in Form des „Blauen Heinrichs“ – die „Geheimrath Dr. Dettweiler's Taschenflasche für Hustende“ aus Falkenstein im Taunus - patentiert von der Firma Gebrüder Noelle in Lüdenscheid.

Die in unterschiedlicher Größe – mal groß, mal diskret klein produzierte gläserne Taschenspucknäpfe wiesen ein aus kobaltblauem Glas hergestelltes Unterteil auf mit einem mit einem mit Gummidichtung versehenen Sprungdeckel.

Als „Volksseuche“, „Weiße Pest“ oder als „Schwindsucht“ bezeichnet, war die Tuberkulose ein mit vielen Ängsten besetztes Massenphänomen des 19. und 20. Jahrhunderts - das „romantische Leiden“ im 18./19. Jahrhundert, die „Armenkrankheit“ oder „Proletarierkrankheit“ des 19./20. Jahrhunderts.

Regional unterschiedlich verteilt war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Lungentuberkulose eine der häufigsten Todesursachen im damaligen Deutschen Reich.

Die durch eine trickreiche Bakteriengruppe verursachte Tuberkulose wurde

  • durch ein geschwächtes Immunsystem

  • durch Unterernährung

  • Armut

  • mangelhafte, unhygienische Lebens- und Wohnbedingungen

  • Migration

  • medizinische Unterversorgung

besonders begünstigt - also durch jene sozialen Faktoren, die ehemals auch im Solling anzutreffen waren.

Wie auch genealogische Daten belegen, zählte im 18. und 19. Jahrhundert die Tuberkulose der Atmungsorgane zu den häufigsten Infektionskrankheiten der armen Leute im Solling jener Zeit.

Viele Dorfbewohner erkrankten und verstarben an der damals nicht effektiv behandelbaren Lungentuberkulose.

Neben den prekären Lebensbedingungen spielten auch die schlimmen Arbeitsbedingungen eine entscheidende Rolle, denn es verstarben viele Arbeiter an der Lungentuberkulose.

Gegen die Tuberkulose der Atmungsorgane wurde auch im Solling bis in das 20. Jahrhundert hinein Hundefett verkauft.

Wenig Ansehen genießende, meist im Verborgenen tätige Hundeschlachter gewannen noch in den 1950er Jahren jenes Fett von mehr oder minder heimlich getöteten herrnlosen oder altersschwachen Hunden.

 

Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion

Während des 18. und 19. Jahrhunderts zählten neben den Infektionskrankheiten auch

  • Unfälle, insbesondere Arbeitsunfälle

  • Erwerbsunfähigkeit (Invalidität)

  • Unterernährung

  • Altersarmut

  • früher Tod

zu den besonderen Lebensrisiken der Menschen in der Sollingregion.

Hinzu trat der schwerwiegende Mangel an ausreichender zeit- und ortsnaher hausärztlicher Grundversorgung.

Ärzte und Tierärzte praktizierten nur in weit entfernten Kleinstädten – beispielsweise in Uslar, Stadtoldendorf oder in Dassel.

Bei schweren Krankheiten oder Unfällen waren Ärzte nur schwer und wenn überhaupt erst spät erreichbar.

Das Vertrauen der armen Leute auf dem rauen Solling in die überlieferte Volks- und Dorfmedizin war Jahrhunderte lang ausgeprägt, zumal sie vor Ort in den Dörfern rasch und meist kostengünstig verfügbar war.

Bis in die frühe Neuzeit hinein verstarben etwa 40 % der Kinder noch vor ihrem 14. Lebensjahr.

Die Lebenserwartung der Allgemeinbevölkerung war relativ gering.

Nur ca. 3,5 % der Menschen erreichten das 70. Lebensjahr.

Vor rund 100 Jahren betrug die Lebenserwartung von Neugeborenen im Durchschnitt 45 Jahre.

Dem hingegen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von heute geborenen Frauen 82 Jahre, die Lebenserwartung von Männern 77 Jahre.

Besonders schicksalhaft war der vielfach dokumentierte Tod junger Frauen, die an den Folgen einer Entbindung im Wochenbett verstarben.

Somit ging oft eine Eheschließung nach nur wenigen Monaten oder Jahren durch den frühen Tod der Ehefrau abrupt zu Ende.

 

Epidemien des 19. & 20. Jahrhunderts

Führende Ursachen für Morbidität & Letalität in der Dorfbevölkerung des Sollings

Im 19. und 20. Jahrhundert waren epidemisch besonders imponierend

Zudem nahmen auch sexuell übertragbare Infektionen und Krankheiten, wie die Syphilis, epidemische Ausmaße an.

Von den Infektionskrankheiten waren hauptsächlich anfällige, unterernährte und biologisch am wenigsten gerüstete Personen besonders häufig und klinisch schwer betroffen, wie immuninkompetente alte Menschen und vor allem Säuglinge und Kinder.

Das Auftreten und die epidemische Weiterverbreitung von aerogen übertragbaren Infektionen sowie von Kontaktinfektionen wurden insbesondere durch die oft äußerst engen Wohn- und Schlafverhältnisse mit einer Vielzahl immungeschwächter Kontaktpersonen begünstigt.

Diese gehäuft in Erscheinung getretenen Infektionskrankheiten können bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als die führende Ursache für Morbidität und Letalität auch in der Dorfbevölkerung des Sollings gelten.

 

Pocken ("Blattern")

Sporadisch auftretende Pocken-Erkrankungen wie auch „bösartige” Pocken-Epidemien („Blattern”-Epidemien) traten Ende des 18. Jahrhunderts in südniedersächsischen Städten auf, beispielsweise in Einbeck und Duderstadt.

Die Pockenerkrankungen gingen dort mit einer hohen Sterblichkeit in den Sommer- und Herbstmonaten einher; insbesondere waren Kinder im Alter von 1 - 5 Jahren betroffen.

Das seuchenhistorisch hervorstechendste Merkmal der Pocken - auch „Blattern“ genannt - und der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit, verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate.

Eine weitere Besonderheit der Pocken-Erkrankung war, dass sie alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen betraf und damit nicht nur die öffentliche, sondern auch die Aufmerksamkeit der herrschenden Eliten auf sich zog.

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Säuglings- und Kindersterblichkeit im Alter von 1 - 7 Jahren.

Daraus resultierte schließlich ein geringeres Bevölkerungswachstum.

Landesherrlich gesehen war es strategisch aber entscheidend, dass dadurch für das Militärwesen allmählich weniger werdend junge Soldaten verfügbar waren.

Für Heinade, Merxhausen und Hellental konnten anhand von Kirchenbucheintragungen zwischen 1762 und 1872 insgesamt 25 dokumentierte „Blattern“- bzw. Pocken-Sterbefälle erfasst werden, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.

 

Keuchhusten („Stickhusten“)

Im späten 18. Jahrhundert kam es zu einer regionalen Häufung von durch Tröpfchen übertragenem „Keichhusten” („Stickhusten“, Keuchhusten, Pertussis) unter den Kindern, von denen viele an „Auszehrung“ verstarben.

In den Kirchenbucheinträgen von Heinade, Merxhausen, Hellental und Schorborn findet sich zur Todesursache auch oftmals der Vermerk „Frieseln“.

 

„Frieselfieber”

Der „Friesel” - auch als „echter Schweiß- oder Schwitzfriesel” bezeichnet - trat zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Hautausschlag bzw. als lokale Hautentzündung auf, mit und ohne Fieber, meist aber in Begleitung einer anderen Krankheit.

Die Beteiligung innerer Organe wurde beschrieben, wie auch plötzliche Todesfälle infolge der „Friesel”.

Das ehemals erkrankungsschwere Frieselfieber - möglicherweise auch als Masernerkrankung zu deuten - grassierte in jener Zeit auf dem Lande recht häufig mit „Frieselepidemien”.

Solche „Frieselausbrüche“ betrafen nicht nur Kinder, sondern ebenso Jugendliche und junge Erwachsene.

 

Von Frau zu Frau: Weitergabe heilkundlichen Wissens durch mündliche Überlieferung

In der anfangs skizzierten mittelalterlich geprägten Volksmedizin erfolgte die Weitergabe traditionellen heilkundlichen Wissens der weisen Frauen durch mündliche Überlieferung - als Kräuterfrauen, Pflegerinnen, Ratgeberinnen, Heilkundige und auch als Hebammen.

Dabei floss zudem auch Wissen aus eigenen Erfahrungen ein.

Als nicht-akademische „Ärztinnen des Volkes“ kannten die weisen Frauen seltene und begehrte Heilkräuter, deren bevorzugten Standorte und den magischen Zeitpunkt ihres Pflückens.

Sie wussten als Hebammen über Möglichkeiten der Geburtenkontrolle, der Schwangerschaftsverhütung und über natürliche Mittel zum Schwangerschaftsabbruch.

Nicht nur aus physiologischen Gründen befand sich seit alters her die Betreuung der Schwangeren, der Gebärenden und der Wöchnerin ausschließlich in den Händen von Frauen.

Über Generationen hinweg wurde das Wissen um die Geburtsvorgänge von Frau zu Frau vermittelt.

 

Geburten - Ein „harter Überlebenskampf“

Als weise Frauen genossen die Stadt- und Landhebammen traditionell ein hohes Sozialprestige und verfügten über eine besondere Machtstellung.

In der frühen Neuzeit führten Frauen bei der Geburt ihrer Kinder – die in der Regel im eigenen Hause stattfand - einen „harten Überlebenskampf“.

Die Überlebenschancen von Mutter und Kind waren in jener Zeit relativ gering.

Zahlreiche Mütter verstarben bereits im „Kindbett“, viele Säuglinge erlagen oft dem „Krippentod“.

Sowohl bei der Geburt als auch im „Wochenbett“ war der frühe Tod den Frauen im Solling also allgegenwärtig.

So erwartete eine Familie nicht nur das Kind, sondern zugleich auch eine Todesgefahr für Mutter und Kind.

Es galt für die Neugeborenen wie für die Mütter die großen Lebensgefahren der ersten nachgeburtlichen Zeit gesundheitlich unbeschadet zu überstehen.

„Krämpfe in Folge der Entbindung“ und „Kindbettfieber“ waren für die jungen Frauen oft von einem tödlichen Verlauf gekennzeichnet.

Ein hierfür besonders beeindruckendes Beispiel ist das schwere Schicksal der alten Hellentaler Brinksitzer-Familie Engelbrecht, deren Nachkommen noch heute in Hellental wohnen:

Der 1815 in Hellental geborene Carl Engelbrecht heiratete 1839 in Hellental Luise Meier.

Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.

Das letztgeborene Kind verstarb 1851 knapp sechs Monate nach seiner Geburt an „Auszehrung“.

Zuvor war im Dezember 1850, nur wenige Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes, Luise Engelbrecht an „Kehlschwindsucht“ im Alter von nur 33 Jahren verstorben.

Carl Engelbrecht heiratete in zweiter Ehe im Mai 1851 Luise Kuhlmann, die Tochter eines Schuhmachers aus Negenborn.

Aus der zweiten Ehe gingen drei Töchter hervor.

Die erste Tochter verstarb zwei Wochen nach ihrer Geburt 1852 an „Scheuerchen“, die dritte Tochter 1872 im Alter von vier Jahren an „Rachenbräune“.

Nachdem die 1838 in Mühlenberg geborene Wilhelmine Dörries - Ehefrau des zuvor genannten, im Solling verunglückten Hellentaler Holzhauers August Bartels - vier Kinder geboren hatte, erkrankte sie im fünften Wochenbett sehr schwer.

Wilhelmine Dörries verstarb fast gleichzeitig mit dem Neugeborenen.

Es wurde der toten Wöchnerin in den Arm gelegt und gemeinsam mit ihr in Mühlenberg bestattet.

 

Trostlose Lebens- & Arbeitsbedingungen in den kleinen Walddörfern des Sollings

Im Solling war das Leben der meisten Familien über Jahrhunderte hinweg geprägt von

  • großer Kargheit,

  • Not und Bitterkeit,

  • materieller Armut,

  • armutsassoziierten Krankheiten,

  • dem tagtäglichen Kampf um die soziale Existenzsicherung und

  • den genügenden Broterwerb für die vielköpfigen Familienmitglieder.

Insbesondere in den kleinen Walddörfern des Sollings dominierten während der 1830er und 1840er Jahre trostlose Lebens- und Arbeitsbedingungen.

In Kirchenbüchern des 18.und 19. Jahrhunderts fanden sich hierzu passend alte Krankheitsbezeichnungen, wie „Auszehrung“ und „Entkräftung“ bei über 100 Fällen oder „Brustkrankheit“ bei über 220 Fällen, aber auch Hinweise auf gemeingefährliche übertragbare Krankheiten (Infektionskrankheiten), Tumorerkrankungen und schwerste Verletzungen.

In den Sollingdörfern entfalteten sich erhebliche psychische Gesundheitsstörungen.

In der Folge ereigneten sich Selbsttötungen durch Erschießen, „Selbstvergiftung” oder „Selbsterhängen“.

Von 1867 bis 1893 kam es in mindestens fünf Fällen bei Männern aus Hellental zu einer Selbsttötung.

Ein Dorfbewohner „hat sich aus Verdüsterung des Lebens selbst den Hals abgeschnitten“, wie es ein Kirchbucheintrag ausweist.

In der 1929 von SOHNREY veröffentlichten Wilddiebserzählung „Die Branntweinsbuddel auf dem Sarge“ aus „dem im braunschweigischen Teile des Sollings gelegenen Walddorfe Hellenthal“ geht es um den äußerst derben Hellentaler Wilddieb, den Brinksitzer Karl Greinert.

Einem Leineweber, der bei ihm wohnte und sich erhängt hatte, setzte er zum Spaß eine Branntweinbuddel auf den Sarg, weil der Leineweber gern einen getrunken hatte.

45-jährig tötete sich Greinert im August 1868 „mittels Erschießens“ selbst - mit jener Flinte, mit der er unzählige Hirsche und Rehe erlegt hatte.

 

Das preiswerte Branntweintrinken

Branntwein war bis tief in das 19. Jahrhundert hinein ein weit verbreitetes, im Vergleich zum Bier ein vergleichsweise billiges alkoholisches Volksgetränk.

Als einer der zentralen Schlüssel zum Verständnis einer Kultur gelten der gesellschaftliche Umgang mit dem trinkbaren Alkohol und die staatlichen wie auch andere Versuche, dessen Produktion und Verbrauch zu regulieren.

Regional unterschiedliche Traditionen in der Trinkkultur blieben hierbei dennoch wirkungsmächtig.

Auf dem agrarischen Land besaßen nur die Klöster und landesherrlichen Domänen das Braurecht, da die hier abhängig Beschäftigte, wie die Bauern, zu versorgen waren.

Dem gegenüber war das Brennen von Branntwein ein freies Gewerbe, welches sich zu einem wichtigen Nebengewerbe auf dem Lande entwickelte.

Insbesondere der Schnaps (Branntwein) war bis tief ins 19. Jahrhundert ein weit verbreitetes alkoholisches Volksgetränk.

Der Konsum von Branntwein spielte gerade in den schlechten Jahren im gesamten Solling eine sehr bedeutende Rolle – am herzoglichen Hofe in Braunschweig gescholten als „Brannteweinsaufen“ und „verderbliche Tyrannei“.

Die im Solling weit verbreitete Trunksucht diente wohl auch der psychischen Entlastung vom alltäglichen wirtschaftlichen und sozialen Druck.

Bei den äußerst schlechten, materiell und sozial benachteiligenden Lebens- und Arbeitsbedingungen sahen viele Dorfbewohner im preiswerten Branntweintrinken die einzige Möglichkeit, diese überhaupt psychisch ertragen und der drohenden Depression entfliehen zu können.

So beschreibt STEINACKER zu Beginn der 1830-er Jahre beispielhaft, dass die Verdienste der Leinenweber nach Einführung des englischen Fabrikwesens erheblich zurückgegangen waren und hierdurch eine problematische Entwicklung einsetzte.

Aber das Branntweintrinken war nicht die Ursache, als vielmehr eine Folge der Verarmung.

Zudem diente der Branntwein noch während der Ernährungskrisen der 1840-er Jahre großen Bevölkerungsteilen als wichtiger Kalorienlieferant.

Allerdings gilt es hierbei zu berücksichtigen, dass ein Tagelöhner um 1850 pro Tag 16 gute Groschen (192 Pfennige) verdiente und der Preis für eine Kanne Branntwein (1,9 l) 10 gute Groschen und 8 Pfennige (128 Pfennige) betrug.

Das Branntweintrinken wurde letztlich zum legalen Drogengebrauch und in der Folge auch vielfach zur schweren stoffgebundenen Sucht in der Sollingregion.

 

Mangelhafte Trinkwasserversorgung & Abwasserentsorgung

Die Cholera als wassergebundene Infektionskrankheit

Immer wieder traten während des 18. und 19. Jahrhunderts wassergebundene Infektionskrankheiten auf - wie Ruhr, Cholera oder Typhus abdominalis.

Diese meist klinisch schwer verlaufenden bis hin gar tödlichen Infektionserkrankungen können vornehmlich im Zusammenhang mit der hygienisch mangelhaften Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung in jener Zeit gesehen werden.

Zeittypisches Beispiel hierfür ist die als „asiatische Brechruhr“ bezeichnete Cholera, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals als verheerende Epidemie in Europa wütete.

Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Fremdheit des dramatischen Auftretens der Cholera führte zu einer besonderen öffentlichen und politischen Wahrnehmung der Infektionskrankheit.

Der ersten europäischen Cholera-Welle folgten weitere in unterschiedlicher regionaler Ausprägung, wie 1850 im Alt-Kreis Holzminden.

Von Juli bis September 1850 verbreitete sich die Cholera entlang des Leinetals und forderte beispielsweise in der Stadt Uslar und in dem Sollingdorf Sievershausen zahlreiche Todesopfer.

Am 19. August 1850 trat am nordöstlichen Sollingrand – im Bauerndorf Heinade - der erste Choleratodesfall im Alt-Kreis Holzminden auf.

Auch das benachbarte Sollingranddorf Merxhausen wurde von der Cholera-Epidemie heimgesucht.

Für Heinade und Merxhausen konnten insgesamt 34 Cholerasterbefälle ermittelt werden.

Der schlimmste Cholera-Tag in dem Walddorf Sieverhausen sei der 26. August 1850 gewesen, an dem „nicht weniger als 37 Tote“ gezählt wurden.

Wie Berichten der Kreisdirektion und dem Hauptbericht des Herzoglichen Ober-Sanitäts-Collegiums zu Braunschweig zu entnehmen ist, verstarben an der Cholera vom August bis zum Dezember 1850 - mit erkrankungstypischem Maximum in den Spätsommermonaten September und Oktober - insgesamt 352 Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts und mit unterschiedlichem sozio-ökonomischem Status.

Legt man die durchschnittliche Sterblichkeitsrate der schweren Infektionskrankheit zugrunde, so dürften schätzungsweise bis zu 700 Kreiseinwohner an der Cholera erkrankt gewesen sein.

Die tiefe Abgeschiedenheit mit mangelhafter verkehrsräumlicher Erschließung erwies sich für Hellental in jenem Jahr der schweren Cholera-Epidemie als vorteilhafte geografische Barriere gegenüber einer Infektionseinschleppung.

ie geografische Isolierung führte zu einem infektionsepidemiologischen Sonderstatus gegenüber benachbarten, verkehrsräumlich besser erschlossenen Bauerndörfern am nördlichen Sollingrand.

Aber auch die Berglage des Sollingdorfes mit stagnationsfreiem Quellwasser wirkte sich gegenüber einem Import der Cholera offenbar vorbeugend für die ansonsten Not leidenden Dorfbewohner aus.

Aus tiefem religiösem Dank heraus, dass durch „göttliche Fügung“ die fürchterliche Choleraepidemie keine Todesopfer gefordert hatte, fasste die Hellentaler Gemeindevertretung den Beschluss, für „ewige Zeiten“ jährlich für die Errettung von der Cholera zu danken.

Ab 1851 wurde der erste Mittwoch im September als örtlicher Buß-, Bet- und Gedächtnistag bestimmt.

Der angelobte „Cholerafeiertag“ wurde danach jährlich etwa 100 Jahre lang würdigend mit einem Abendmahlgang in der Hellentaler Dorfkapelle begangen.

 

„Fettewase“│„Reuikewase“│„Christinewase“ & das "Besprechen"

Dem kirchlich-religiös geprägten Mittelalter entspringend war in alter Zeit das volksmedizinische Gesundheitswissen in den entlegenen Sollingdörfern eng verknüpft mit abergläubischen oder metaphysischen Praktiken und Ritualen.

Wie Wolfgang Schäfer aus seinem Heimatort Lippoldberg am Westrand des Sollings berichtete, war um 1839 ein Totenbeschauer der wichtigste Heilkundige in Lippoldsberg, der „im Notfalle schröpfen und aderlassen“ konnte.

Auch der Schäfer sei ein wichtiger Heilkundiger gewesen.

Er stand am Rande der dörflichen Gemeinschaft, da dessen Beruf als „unehrlich“ angesehen wurde.

Dennoch suchten Dorfbewohner bei schwerwiegenden Erkrankungen den Rat des Schäfers.

Die von ihm gelieferten Schafläuse galten als eine Art Wundermittel bei Gelbsucht – allerdings nur dann, wenn die Ektoparasiten in einer „Schafläusekur“ frisch und lebend eingenommen wurden.

Noch heutzutage wird die Schaflaus oder Schafszecke – zoologisch: Schaf-Lausfliege (Melophagus ovinus) - von gesunden und artgerecht gehaltenen Schafen als altes Hausmittel therapeutisch gegen verschiedene Lebererkrankungen geschluckt, wie eben beispielsweise gegen Gelbsucht.

Dabei ist eine gesundheitliche Wirkung der lebend eingenommenen Ektoparasiten gegen Lebererkrankungen weder wissenschaftlich belegt noch medizinisch plausibel.

Solange im Solling die „Fettewase“, „Reuikewase“ oder „Christinewase“ oder auch der „Orgvetter“ das Besprechen verstanden - also anhaltenden therapeutischen Erfolg hatten - wanden sich die Sollinger nicht an einen Arzt.

Für jede Erkrankung, die besprochen werden konnte, gab es in der Volksmedizin des Sollings besondere Besprechungsformeln, Bautesprüche und Gebete, die allerdings nicht an jedem Tag angewandt werden durften, um deren Erfolg nicht zu gefährden.

Hierzu von SOHNREY überlieferte Erkrankungen sind

  • Augenerkrankungen

  • Blasen auf der Zunge

  • Flechte (Lichen; Knötchenflechte, Knötchenausschlag)

  • Flöhe

  • Gicht (Arthritis urica)

  • „Dat Hilge“ / dat hilge Wark“ (Erysipel, Wundrose)

  • Schnittwunden

  • Suirken („Säuerchen“, „Mundfäulnis“, Stomatitis ulcerosa)

  • „Oberbein“ („Überbein“)

  • Warzen

  • Zahnschmerzen.

Die wirtschaftliche Not lies bei den „armen Leuten im rauen Solling“ stets die bange Frage aufkommen, ob die zu erwartende ärztliche Honorarforderung überhaupt beglichen werden könne.

So konnte von der Hellentaler Familie wegen der Kosten weder ein Arzt geholt, noch konnten „lindernde Medikamente“ beschafft werden, als der Waldarbeiter und Maurer Christian Bartels um 1861 an Magenkrebs erkrankte.

 

Die weibliche Heilkunst der Johanne Christine Amalie Grupe - Die "Stinewase von Hellenthal"

In dem Glasmacherdorf Hellental vollzog sich die gesundheitliche Versorgung lange in einem Umfeld von tiefer Religiosität, unerschütterlichem Aberglauben, Ritualen und Mystizismus.

Als typische Vertreterin einer seit dem Mittelalter bewegten weiblichen Heilkunst kann die Ratgeberin, Seelsorgerin und Laienheilerin Johanne Christine Amalie Grupe angesehen werden.[4]

Christine Grupe wurde 1850 in Schorborn geboren.

Als einfache, aber weise Dorffrau wurde Christine Grupe im Alter von allen liebevoll „Stinewase“ genannt.

Die „Stinewase“ saß oft am Bett von Gebärenden, Kranken und Sterbenden; pflegte und heilte mit Intuition, ruhiger Anteilnahme - und in Kenntnis von Kräutern und Heilpflanzen.

Im kritischen Diskurs können der traditionellen Volksmedizin sowohl reale als auch irreale Seiten abgewonnen werden.

So spiegelt das dorfmedizinische Agieren der „Stinewase“ anschaulich die Doppelseitigkeit der traditionellen Volksmedizin wider – eben die reale und die irreale Seite.

Auf der realen Seite steht, dass die „Stinewase“ an die Kraft der Natur glaubte, um Heilpflanzen wusste, auf die heilende Wirkung der Kräuter des Sollings vertraute und als Heilkundige gegen viele Krankheiten helfende Naturmittel wusste.

In gewisser Weise entsprach sie dem mittelalterlichen Bild einer „Ärztin des Volkes“.

Modern formuliert könnte die gutmütige „Hellentaler Stinewase“ auch als multi-tasking-fähige „Gemeindeschwester“ charakterisiert werden.

Die „Stinewase“ wurde nahe an den existenziellen Lebensbereichen von Geburt und Tod tätig.

Die irreale Seite zeigt dem hingegen, dass die „Stinewase“ auch rituelle magische Heilmethoden anwandte, wobei sie besondere Besprechungsformeln nutzte mit der „zwingenden Kraft magischer Rituale“.

Nach einer Erzählung von SOHNREY habe sie durch Anwendung gewisser Beschwörungsformeln – was landläufig „besprechen“ oder „Baute tun“ genannt wurde - alle jene Krankheiten geheilt, „die in ihrem Bereiche“ lagen.

Ungeachtet der damals geltenden Volksregel, dass eine Frau Heilmittel nur von einem Mann und ein Mann sie nur von einer Frau lernen darf, hatte sie das Heilen von Krankheiten durch Heilkräuter und alte Hausmittel, deren Zubereitung und Anwendung, im Wesentlichen durch die mündliche Überlieferung von ihrer Mutter Justine Schmidtmann in Schorborn erworben.

Die mehrjährigen Dienstzeiten jenseits des Sollings beim kleinstädtischen Bürgertum in Holzminden dürften Christine Grupe in der damals modernen ländlichen Gesundheitspflege geschult haben.

Zunächst hatte Christine Grupe eine Anstellung als Kleinmagd auf einem Bauernhof an der Weser bei Holzminden inne, die sie im Alter von 14 Jahren antrat.

Als 21-Jährige ging Christine Grupe dann aus familiären Gründen in einen städtischen Bürgerhaushalt in Holzminden in Stellung.

Nach mehreren Beratungen heiratete die 23-jährige Christine Grupe 1873 in Hellental den 25-jährigen Wegarbeiter Wilhelm Schütte, der den Webstuhl gegen die Axt eingetauscht hatte.

So kam „das stille, feine Mädchen mit den sinnigen blaugrauen Augen“ von der Kreisstadt Holzminden wieder in den rauen Solling zurück - in das abgelegene Bergdorf Hellental.

Das Wirken und Handeln der weisen Christine Gruppe, jetzt verheiratete Schütte, lag jenseits einer universitär-wissenschaftlichen Medizin unserer Tage.

Es war vielmehr religiös, trotz tiefer christlich-religiöser Einstellung mithin auch mystisch und durch Aberglauben bestimmt.

Wie mittelalterliche Heilerinnen kannte sie sich mit Heilkräutern, mit Handauflegen und Besprechungsformeln gut aus.

Die stete samariterhafte Hilfsbereitschaft, insbesondere ihr soziales und volksmedizinisches Engagement in der Dorfgemeinschaft waren beispielgebend für die Hellentaler Dorfbewohner.

Die „Stinewase“ in dem weit von jeglicher ärztlichen Versorgung entfernten Sollingdorf war als stets hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung von Mensch und Tier gleichermaßen beliebt.

Neben der Hebamme wurde die „Stinewase“ gerne bei Entbindungen hinzugezogen.

Auch besuchte sie, tröstend oder pflegend jene Kranke, die bettlägerig waren.

Informationen zur volksmedizinischen Heilmethode des Besprechens und zu den hauptsächlichen Krankheiten, die der sozial engagierten „Stinewase“ geläufig waren, sind einer „kleinen Auslese“ in dem Sollingwerk „Tchiff, tchaff, toho!” von Heinrich SOHNREY zu entnehmen.

Wie SOHNREY [3] dabei kritisch kommentierte, habe die Heilkraft der „Stinewase von Hellenthal“ immer dort Erfolg gehabt, wo der Glaube nicht gefehlt habe.

Der Glaube an die helfende Kraft der Besprechung sei unerlässlich gewesen; daran habe es „wohl nie oder selten gefehlt.“

Als heilendes Medium sprach die „Stinewase“ mit der Magie der Sprache ihre wohl wirkkräftigen Besprechungsformeln offen und laut aus, die auch ihre innige religiöse Einstellung widerspiegeln - und vollzog dabei magische Rituale.

So habe sie beim Besprechen der „Rose“ oder „Blattrose“ „mit ihrer wundertätigen Hand“ über die Haut der betroffenen Körperstelle gestrichen, drei Kreuze gemacht und dazu dreimal wiederholend geflüstert:

„Rose, Rose, weiche, flieh‘ auf eine Leiche; lass den Lebenden befrei’n von nun an bis in Ewigkeit. Im Namen Gottes usw.“

Die „Stinewase“ ist wohl oft in Hellental und in den umliegenden Sollingdörfern zu Kleinkindern wegen der Erkrankung „Scheuerken“ oder „Scheuerschen“ gerufen worden.

Bei der zur damaligen Zeit bei Kleinkindern im Solling weit verbreiteten Krankheit soll sie dreimal beschwörend gesagt haben:

„Was ich hier finde, der liebe Gott gebe, dass es schwinde. Es soll verschwinden und muss verschwinden. Im Namen Gottes usw.“

In der rituellen Sprachhandlung streichelten ihre warmen Hände dreimal das erkrankte Kind.

Die Beschreibungen

  • „Scheuerchen”
  • „Schürken“

  • „Scheuerken”

  • „Schürchen”

sind als Sammelbegriffe für verschiedenartige Kinderkrankheiten zu interpretieren, häufig mit Todesfolge.

Hierzu zählen diagnostisch Krämpfe, Epilepsie oder auch kurzfristige Erkrankungen, schwerere, fieberhafte Infektionserkrankungen der Atemwege oder des Darmes mit Fieberschüben.

Bei Todesfällen in Heinade, Merxhausen, Hellental und Schorborn wurde in den Kirchenbüchern auffallend häufig die Todesursache „Scheuerchen“ angegeben.

Das verwundert medizinhistorisch insofern nicht, als im 18. und 19. Jahrhundert „Scheuerchen“ die häufigste Todesursache bei Kindern vornehmlich in den ersten Lebenswochen und Lebensmonate darstellten.

Aber auch bei Kleinkindern bis etwa zum 4. Lebensjahr waren „Scheuerchen“ noch recht häufig anzutreffen.

Hatten Kleinkinder einen „Mundsar“, so tauchte die „Stinewase“ ein „Zeugplättchen“ ins Wasser und strich damit die Mundhöhle des Kindes aus.

Dazu sprach sie dreimal:

„Der liebe Gott gebe, dass es verschwinde. Es soll verschwinden und muss verschwinden. Im Namen Gottes usw.“

Wie SOHNREY berichtete, habe man sich - da „der Arzt von Hellenthal weit“ war - auch in allen sonstigen Krankheitsfällen zunächst immer an die heilkundige Stinewase gewandt.

So habe die „Stinewase“ Frauen „mit schlimmen Brüsten“ nicht nur durch Besprechen geheilt, sondern auch durch Umschläge.

Hierfür bereitete die „Stinewase“ aus Leinsamen, Milch und Mehl einen steifen Brei zu.

Sei die schlimme Entzündung vorüber gewesen, so habe sie „Stinewase“ einen Umschlag mit Rüböl „zum Zuwachsen” angelegt.

Überhaupt sei Rüböl bei „Anschöt“ (Entzündungen) das beste Heilmittel der „Stinewase“ gewesen.

Wie sie berichtete, sei ihre Mutter so gottheilig gewesen und habe alles mit Rüböl geheilt.

Schließlich habe Christus ja auch alles mit Öl geheilt.

Aus heutiger medizinischer Sicht war die „Stinewase von Hellenthal“ auch in der dörflichen ambulanten Palliativversorgung tätig – quasi als kommunale „Palliativschwester“.

Immer dann nämlich, wenn es ums Sterben ging und Angehörige ratlos waren, soll die Stinewase gerufen worden sein, die dann die Pflege übernahm, mit dem Kranken betete und mit ihrer sanften Hand das Sterben erleichterte.

In einer Fußnote merkte SOHNREY [3] in seinem Sollingwerk „Tchiff, tchaff, toho!“ zu den seltsamen, dem Aberglauben entstammenden Besprechungsformeln der „Stinewase“ von Hellental an, dass sich bereits ein Geistlicher im „Pfarrerblatt“ gegen den an anderer Stelle veröffentlichten Erstdruck des kleinen Lebensbildes der „Stinewase“ ereifert habe.

 

Naturheilkunde & Volksmedizin in der Zeit des Nationalsozialismus

Über das vielfältig Gesagte hinaus wäre das wenig erforschte Themenfeld der Naturheilkunde und der Volksmedizin in der Zeit des Nationalsozialismus durchaus einen eigenen Vortrag wert.

Vielleicht mit der provozierenden Fragestellung:

Wie nationalsozialistisch war insbesondere die Naturheilkunde?

Hierzu sei abschließend an dieser Stelle nur so viel angemerkt:

Während der Endphase der Weimarer Republik (1919-1933) entstand eine massenhafte „Vertrauenskrise“ gegenüber der übermächtig gewordenen „Schulmedizin“.

Sie wurde nationalsozialistisch kritisiert als „jüdisch-marxistisch“ durchsetzt, als zu stark sozialmedizinisch orientiert.

Hitlers Gefolgsleute nutzten die „Krise der Medizin“ planvoll, widerstandslos eine gleichgeschaltete nationalsozialistische Gesundheitspolitik zu organisieren und eine „Neue Deutsche Heilkunde“ zu entwickeln.

Ohnehin stand der Nationalsozialismus der Naturheilkunde und der Volksmedizin von Beginn an positiv gegenüber.

Im „Dritten Reich“ sollte im Rahmen der gesundheitspolitischen Gleichschaltung die „Schulmedizin“ und die Naturheilkunde in einer konzeptionell angestrebten „Synthese“ zusammengefasst werden.

Dabei waren die populäre Kräutermedizin und die traditionelle Pflanzenheilkunde von zentraler Bedeutung in der nationalsozialistischen „Neuen Deutschen Heilkunde“.

Im Mai 1935 wurde in Nürnberg als Dachverband die „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“ gegründet, im gleichen Jahr als Zusammenschluss der Laienverbände die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäß Lebens- und Heilweisen“ sowie als weiterer Dachverband die „Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde“.

Im Februar 1939 trat das Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung – das Heilpraktikergesetz - in Kraft.

Das Heilpraktikergesetz hat, wenn auch in veränderter Form, weiterhin Gültigkeit in der Bundesrepublik Deutschland.

Zur unabhängigen Arzneimittelversorgung wurden im Konzentrationslager Dachau Heilpflanzgärten angelegt.

Traditionen der Volksmedizin im Solling weiter nachzuspüren könnte auch mit der spannenden Frage verknüpft werden, welche Spuren und Auswirkungen die nationalsozialistisch ausgerichtete Naturheilkunde und Volksmedizin in der Solling-Region hinterlassen hat.

 



 

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

© Archiv HGV-HHM



[1] „Hexenkraut für Holzfäller - Traditionen der Volksmedizin im Solling“ - In dem lokalgeschichtlichen und medizinhistorischen Vortrag sind am 08. März 2013 im „Lönskrug“ in Hellental Dr. Wolfgang Schäfer (Sozialwissenschaftler, Bodenfelde) und Dr. Klaus A. E. Weber (Sozialmedizinier, Hellental) sowie in Dassel und Boffzen 2013/2014 Spuren der Volksmedizin im Solling nachgegangen.

"Von Anschöt, Scheuerchen & Blattern - Traditionen der Heilkunde & Mittelalterlich geprägte Volksmedizin im Solling" - Vortrag von Ltd. Medizinaldirektor i. R. Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental, am 22. März 2018 in Holzminden–Neuhaus.

[3] SOHNREY 1929, S. 50-58; BUSSE 2009, S. 304-308. Sohnrey veranschaulicht, wie die weise, betagte „Stinewase“ in dem weit von medizinischer Versorgung abgelegenen Sollingdorf als „gute Samariterin”, hilfsbereite Ratgeberin und Heilerin bei der Krankenversorgung von Mensch und Tier gleichermaßen beliebt war.

[4] WEBER, KLAUS: "Was ich hier finde, der liebe Gott gebe, dass es schwinde". Vom volksmedizinischen Wirken der "Stinewase von Hellental. In: Sollingkurier für Solling, Vogler und Wesertal. Nr. 3. Juni 2014. Neuhaus im Solling, S. 13-15.

[5] HASS 2011.

[6] MEYER 2020.