Zur Rachitis-Prophylaxe im Säuglingsalter

Klaus A.E. Weber

 

Vitamin-D-Mangel-Rachitis als „Volkskrankheit“ der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Lebertran zur Rachitis-Prophylaxe

Danewerkmuseum (Danevirke Museum), Kreis Schleswig-Flensburg

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Rachitis die „verbreiteste Krankheit in den Jahren, die unmittelbar auf das Säuglingsalter folgen“.[59]

Während der landärztlichen Tätigkeit von PAULA TOBIAS trat das eigenständige Krankheitsbild der Rachitis auf als „Störung des Knochenwachstums“ mit gestörter Mineralisierung und Strukturstörung der Wachstumsfuge - makropathologisch eine Systemerkrankung der kindlichen Knochen, vornehmlich verursacht durch eine Fehlnahrung oder Mangelernährung.[60]

Die Rachitis wurde seinerzeit auch „Englische Krankheit“ genannt, da sie früher besonders in England häufig vertreten war.

Die Vitamin-D-Mangel-Rachitis im Säuglings- und frühen Kleinkinderalter manifestierte sich primär mit klinisch konstanten Skelettsymptomen, wie den mehr oder weniger starken Knochendeformierungen durch eine Störung des Calcium- und Phosphatstoffwechsels infolge eines Lichtmangels (mangelnde Umwandlung des Prävitamins in der Haut) und verminderter Zufuhr von Vitamin D (1,25 OH-Cholecalciferol) über die Nahrung.

Das Hauptmanifestationsalter der Vitamin-D-Mangel-Rachitis lag im 3.-9. (4.-6.) Lebensmonat, vor dem 3. Lebensmonat gelegentlich bei Frühgeborenen und bei Kindern von mangelernährten Müttern.

Bei erhöhter Infektanfälligkeit traten zudem Infektionserkrankungen als Komplikationen auf.[61]

Um 1930 heilte die Rachitis regelhaft im 2.-3. Lebensjahr aus.

War dies nicht der Fall, so kam es makropathologisch zum „rachitischen Kümmerwuchs“.[62]

Neben der Vitamin-D-Mangel-Rachitis als Grunderkrankung kam es ernährungsbedingt auch zu Begleitanämien.

Während der Weimarer Republik war im Rahmen von „Säuglingsberatungsstellen“ die Früherkennung der Vitamin-D-Mangel-Rachitis von außerordentlicher Wichtigkeit.

Neben der Tuberkulose galt die Rachitis als „Volkskrankheit“.

Die Ätiologie der Vitamin-D-Mangel-Rachitis war während der Weimarer Republik medizinisch noch ungeklärt.

Im Hinblick auf heilkundliche Vorbeuge- und Behandlungsoptionen bestanden recht unterschiedliche ärztliche Einschätzungen und Auffassungen.

Im Jahr 1938 wurde zur Verhütung der Rachitis die öffentliche Rachitis-Prophylaxe eingeführt mit natürlicher Vorbeugung und unterstützender Medikation.[63]

Ein Jahr später, 1939, konnte schließlich aufgrund der Vitaminforschung eine Rachitis-Primärprophylaxe mit Vitamin D3 eingeführt werden, denn aus Fischleberölen hatte der Chemiker BROCKMANN [64] diesen Wirkstoff isolieren können.

Seither gilt Vitamin D3 als antirachitischer Bestandteil des an Vitamin D und Vitamin A besonders reichen Lebertrans, jenes dünnflüssige, gelbliche Fischöl mit dem penetranten Geschmack.

Es sei daran erinnert, dass bis in die 1960er Jahre Kindern zur Vorbeugung und Stärkung täglich ein Löffel voll Lebertran verabreicht wurde.

In diesem Kontext finden sich in der dem Autor begrenzt verfügbaren Medizinliteratur um das Jahr 1929 Hinweise auf „allgemeine“ und „spezielle“ Aufgaben zur Rachitis-Prophylaxe.

Bei den allgemeinen Aufgaben waren die gesundheitsfürsorgerische Einflussnahme auf den Wohnungsbau, die weitere Erforschung der Vitamin-D-Mangel-Rachitis und die Mütterberatung vorgesehen.

Im Speziellen referierten Fürsorgeärzte und Fürsorgeärztinnen von Mütterberatungsstellen bei Vortragsabenden über die Rachitis und gaben Empfehlungen zur Behandlung und Prophylaxe mit Höhensonne (ultraviolettes Licht), mit „Kalk-Phosphor-Lebertran“[65] und mit Vigantol (Vitamin D3-Monopräparat).

Dabei wurden auch Sonnenkuren geradezu populär.

Die Rachitis-Prophylaxe wurde durch die allgemeine Mütterberatung über Ernährungsfragen, durch erzieherische Kochkurse für Mütter (obst- und gemüsereiche Kost) und durch Kochvorschriften ergänzt.

Auch sollte die natürliche „Brusternährung“ - das Stillen - durch Vorträge und Zeitungsartikel gefördert werden.[66]

Die als nachrangig eingestufte, mit dem 3. Lebensmonat einsetzende „künstliche Ernährung mit Beikost“ sollte als Vorbeugemaßnahme Avitaminose verhüten, insbesondere die Rachitis.

Um 1940 wurde nach Vollendung des 2. Lebensmonats Säuglingen eine Flasche „Vigantolöl“, nach etwa 2 weiteren Monaten eine 2. Flasche zugesprochen.[67]

In den Jahren 1928-1933 - als die Landärztin PAULA TOBIAS im Flecken Bevern die Mütterberatung aufgenommen hatte - bestand nunmehr ein umfassendes heilmethodisches Konzept zur Erkennung, Vorbeugung und Behandlung der Vitamin-D-Mangel-Rachitis.

Bei der Rachitis-Behandlung verfolgte man eine Strategie der diätetisch-klimatischen Prophylaxe - mit milcharmer Diät, gemischter Kost, Freiluftkuren, Höhensonne und medikamentös in Form von Vigantol-Lebertran mit Calcium (Kalk) und Phosphor.[68]



[59] GROTJAHN 1921, S. 137-138.

[60] Historischer, medizinischer Überblick bei DORNBLÜTH 1910, S. 450-451 und BRUGSCH 1930, S. 279-284.

[61] WISKOTT 1977, S. 14.70 -14.77; SANDRITTER/THOMAS 1977, S. 195; REINHARDT 1999, E 19 S. 41-43; SIMON 1980, S. 32-37.

[62] BRUGSCH 1930, S. 281.

[63] GUNDERMANN 1958, S. 282.

[64] HANS BROCKMANN (1903–1988).

[65] Das natürliche Vitamin D3 ist in Fischleberölen reichlich enthalten.

[66] RAHAMMER 2009, S. 58-59.

[67] SCHÜTT/WOLLENWEBER 1941, S.468.

[68] RAHAMMER 2009, S 101-103..