Glashütten in Silberborn - im hannoverschen Solling

Klaus A.E. Weber

 

„Konkurrenz jenseits der Grenzen“


 

Die im braunschweigisch-wolfenbüttelschen Solling unter Herzog Carl I. gegründeten staatlichen Glashütten standen mit den weiterhin privatwirtschaftlich betriebenen Hütten des hannoverschen Sollings, wie der Ruhländischen Glashütte in Silberborn jener Zeit, in krisenhafter ökonomischer Konkurrenz.

Anzumerken ist, dass - wie dem „Sollingischen Forstbereitungsprotocoll“ vom 18. April 1735 bis zum 03. Juli 1736 zu entnehmen ist [4] - bereits um 1735 im Raum Silberborn in dem "Ambts Uslarischen Forst" Glashütten bestanden haben,

  • "eine Glashütten, welche im Meyersgrund gelegen",
  • daneben eine "Glashütte im Thünneken Born".[6]

 

Ruhländische Glashütte "beym Silberbrunnen" & "ohnweit dem Neuen Hause" (1742-1748)

Nach BLOSS [12] kurzlebige Glashütte: S 42 Glashütte am Silberbrunn (1742-1748) - "Glashütte am Dasselischen Mittelberge", zutreffender "Glashütte am Moosberge"

Die Gründer der im hannoverschen Silberborn - "beym Silberbrunnen" - 1742 errichteten Glashütte [3] war die gut betuchte Glasmacherfamilie Ruhländer:

  • Glase-Meister „Vater“ Georg Ruhländer (* um 1660 – † um 1742)
  • dessen Sohn, der „jüngere“ Glase-Meister Johann Justus Ruhländer (* 1690 - † 1744).

Zuvor war am 18. Januar 1742 im zuständigen Amt Uslar festgehalten worden, dass "der jüngere Johann, Julius Ruhländer" angezeigt habe, "daß sein VaterSchwachheit halber nicht am Ambte sich einfinden könne, er wäre indessen betreit, vor sich und Nahmens seines Vaters des Amtes Vorschlag zu vernehmen und darauf seine Erklärung zu geben".[2]

Der längere, 16 detaillierte Einzelpunkte umfassende Hüttenkontrakt ("Pacht=Contract") wurde dann am 23. Februar 1742 vertraglich geschlossen:[2]

"Des Allerdurchlauchtigsten, Wir, Ew. Königl. Majestät und Churfürstl. Cammer verordenete Cammer Präsident, Geheimte=Räthe, Geheimte=Cammer=auch Cammer=Räthe, uhrkunden und bekennen hiermit, daß, nachdem denen Glase-Meistern Georg und Johann Justus Ruhländer eine Glase-Hütte an dem Dasselschen Mittelberge ohnweit dem Neuen Hause, Ambts Uslar, anzulegen verstattet, wir mit denenselben folgenden Glase-Hütten-Contract verabredet und geschlopssen haben."

Während des Hüttenbetriebes von 1742 bis 1748 wurde Flach- und Hohlglas hergestellt, wobei ohne Unterschied je Klafter Holz 24 Mariengroschen als Pacht (Forstzins) gezahlt werden sollten.

 

Ausschnitt aus dem drei Jahre geltenden "Glase-Hütten-Pacht=Contract" vom 23. Februar 1742

Glas- und Heimatmuseum Silberborn

 

1743 - „... ein Grund zu größter Besorgnis.“

Die Ortschronik von Silberborn [8] weis zu berichten, dass der Vorgang der Schließung und Verlegung der Glashütte im Braunschweiger Hellental „etwas ganz Neues für die Glaserinnung und eine schwere Konkurrenz“ gewesen sei.

Für die Hüttenbelegschaft sei dies sogar „ein Grund zu größter Besorgnis“ gewesen.

Im Winter 1743 soll der Silberborner Glasermeister Justus Ruhländer wutentbrannt zur braunschweigschen „Glashütte Steinbeke“ im Hellental geritten sein.

Es sei dabei aber nicht überliefert, ob der Glasermeister Ruhländer in Hellental einige seiner früheren Hüttenleute zurückholen oder aber neue anwerben wollte.

Justus Ruhländer beabsichtigte zudem, den Abtransport von Ofensteinen für die geplante braunschweigische Schorborner Glasmanufaktur mit Unterstützung örtlicher Beamter unterbinden.

Nach altem Gewohnheitsrecht konnten bis in die merkantile Epoche hinein die für den Glashüttenbetrieb benötigten Materialien in den Sollingforsten - ohne Beachtung territorial-hoheitlicher Gegebenheiten - dort gewonnen und abtransportiert werden, wo sie natürlicherweise anstanden.

 

"Gleich über dem Grentz Bache" - Die wieder freigelegte "alte Sandwäsche" bei Neuhaus

 

So wurde feiner Quarzsand für das Herstellungsgemenge im Braunschweigisch-Wolfenbüttelschen, "gleich über dem Grentz Bache" [1] gewonnen.

Zu jener Zeit war im Braunschweiger Solling der "Wolfenbüttelschen Cammer Raths Thomas Ziesich" (1686-1761) als herzoglicher Kommissar (Hütteninspektor) für die fiskalischen Hüttengründungen zuständig.

Die ganz im aufblühenden Geist des Merkantilismus unter Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel zeitgleich 1744 gegründeten

  • fürstlichen Glasmanufaktur am Schorborn (mit Filialglashütten),

  • unter dem Renneberg bei Holzen (Grünglashütte als "Bouteillen-Manufactur")

  • am Grünenplan (Spiegelglashütte)

sind auf konzeptionelle Vorschläge des Kammerrates Ziesisch zurückzuführen, der durch sein "unterthänigstes pro Memoria" vom 25. Juli 1743 für den Aufbau eines Manufakturwesens den Ausgangspunkt lieferte, aber auch für den Bau und die Inbetriebnahme verantwortlich war.[51]

Die benachbarten Glashütten des Herzogtums Braunschweig und des Königreiches Hannover standen in wirtschaftlicher Konkurrenz mit Abwerbung von Facharbeitskräften (hannoversche Glashütte in Amelith-Polier vs. braunschweigsche Glashütte in Grünenplan).[5]

Wie in der Silberborner Ortschronik ausgeführt wird, soll es zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen sein, die zu einem umfänglichen Schriftwechsel zwischen der Verwaltung des Herzogtums Braunschweig und der Kammer des Landes Hannover führte.

Der Kammerrat Thomas Ziesich hatte sich als Beauftragter des Braunschweiger Herzogs in einem 16 Seiten umfassenden Schreiben über den Glasmachermeister Justus Ruhländer und einige seiner Hüttenleute beschwert.

Die neu angelegte Glashütte am „Silberbrunn“ beschäftigte nicht weniger als 35 Personen.[12]

Der Wolfenbütteler Kammerrat und "Ober Glas Hütten Inspector" Thomas Ziesisch beschwerte sich als Beauftragter des Braunschweiger Herzogs Carl I. in einem 16 Seiten umfassenden Schreiben über den Glasmachermeister Justus Ruhländer und einige seiner Hüttenleute.

 

Konkurrenz jenseits der Grenzen

Hierzu die folgenden, historisch aufschlussreichen Auszüge aus dem herzoglichen Dokument, welches der Silberborner Ortschronik entnommen wurde.

Es beschreibt anschaulich die deutliche „Konkurrenz jenseits der Grenzen“ im Hochsolling – zwischen „Silberbrunn“, Hellental und Schorborn [12] - zwischen den Ländern Braunschweig und Hannover [8]:

"Dieser GlasMeister Ruhländer kam verwichenen Winter in meiner Abwesenheit auf die Steinbecker Glashütte, um einige GlasMacher zu capern, präparirte ein und anderes dazu, ritte weg, und kam nachmittags zurück bey der Hütten vorbey, riefe den Glasmachern, deren keiner heraus wollte, zu, er wolle etwas mit ihnen reden, geht darauf in des Verwalters Stube, verlanget zu Trinken, das ihm gegeben wird.

Endlich konnte er seine Jalousie (Anm.: Neid, Eifersucht) nicht länger cachiren (Anm.: verbergen, verstecken), sondern brach allerhand spöttisches Reden von der Glashütte und meine Person aus, auch daß sie neulich gehoffet hätten, der Teuffel würde mich auf meiner Reise geholet haben, aus.

Worauf ihm jemand sagt, er solle nicht so spöttisch raisoniren (Anm.: schimpfen), sondern wissen, daß er in einem herrschaftlichen Hause sey, fängt er an, diese irrespecteuse (Anm.: respektlose) Reden zu evomiren (Anm.: ausstoßen):

>Was herrschaftlich Hauß hin oder her! Der Herzog ist ja nichts mehr als ich auch, er ist jetzo ein GlasMeister, wie ich!< (…)

Als ich nun selbstens wieder nach der Steinbecker Hütte kam, und solches erfahre, gebe dem Verwalter eine starke reprimade (Anm.: Verweis), daß er diesen Menschen, der den hohen Respect gegen Ihro Hochfürstl. Durchlaucht, meinen gnädigen Fürsten und Herren vergessen, nicht sogleich habe arrestieren lassen.

Indeßen schickte Ruhländer den 13. einen Glas-Macher, nahmens Sturm, von seiner Hütte nach Schorborn an mich, als ich dort eine praetension (Anm.: Amtsausübung) machte, dieser sagte mir unter anderem, der Glasermeister Ruhländer habe sich sagen lassen, ich wäre gegen ihn sehr irritiert und wisse er doch nicht warum, er wolle selber zu mir kommen und scheue sich gar nicht, mit mir auf der Steinbecker Hütte zu sprechen, er schriebe sich allezeit einen Freund von mir, worauf ich ihm antwortete, es wäre sein Glück, daß er seine Reden nicht in meiner Anwesenheit geführt hätte.

Es würde mir gantz angenehm sein, wenn er zu mir kommen wollte, ich verhoffte ihm Lehren zu geben, wie man von einem großen Herren mit allem Respect reden müsse, übrigens wäre mir an seiner Freundschaft ebensoviel wie an seiner Feindschaft gelegen.

Es hätte mir die Hüttenleute referirt (Anm.: berichtet), wie brutal er ihnen begegnet und bey Teuffel holen geschworen, es solle kein Stein von seiner Seite hierher verabfolget werden, ob denn dieser nichtswürdige Mensche nicht wisse, daß er alle alle Sandsteine zu seinen Öfen bisher gratis empfangen und bis dato seine Hütte mit dem auf meines Gnädigen Herren Territorio gegrabenen Sand bloß allein betrieben hätte, er würde durch seine schlechte conduite (Anm.: Benehmen) so viel verursachen, daß wir ihm das fernere Sandgraben, wenn er die geringste Schwierigkeit wegen der Steine, über welche er nichtmahl zu disponieren hätte, machen würde, verbieten müßten.

Da nun dieser Glasemacher reagierte, sein Herr Vetter weiß sowohl daß solches geschehen würde, er fragte nichts danach, er habe schon anderen Sand, indeßen hätte er ihm empfohlen, mir zu sagen, ich möchte nur nicht daran gedenken, einen faustgroßen Stein dorten weg zu bekommen, so hieß ich ihn fortgehen.

Am 14. schickte ich Leute zum Steinebrechen für die Schorhorner Hütte ins Hannoversche.

Dabei wurde meinen Leuten von dem gehenden Förster Meier eine Picke und eine Haue gepfändet, des Försters Bruder wolle nach Uslar reiten und Befehl zum Pfänden holen.

Ein Glasmacher von der Steinbecker Hütte (Anm.: diese Leute wurden jetzt in Schorhorn beschäftigt) sagte mir unter anderem; es habe der Ruhländer sich erfrechet, ihm unter die Augen zu sagen, ihr sollt nun keine Steine haben, und wenn euer Hertzog sölbstens käme und solche wegführen wollte, ich ihn bald davonjage, laßt euch nur nicht mit euren Pferden blicken, ich will sie bald haben.

Darauf schickte den 17. die beiden herrschaftlichen Wagen mit 8 Pferden bespannt nach dem Neuen Hause (Anm.: Neuhaus im Solling), die gebrochenen Steine aufzuladen, mit ausdrücklicher Order, sich, wenn der Förster Meier würklich so impertinent sein würde, sich an den herrschaftlichen Pferden zu vergreifen, im geringsten nicht zu widersetzen, sondern ihm das von Rauschblatsche Original-Schreiben in welchem er das Steinebrechen und Abfahren erlaubt, vorzuzeigen.

Als nun die hiesigen Hütten Knechte die gebrochenen Steine auf zwey Wagen aufgeladen, und bey des Ruhländers Glasehütten vorbey fahren. kommt des Försters Meiers Bruder, und fällt ihnen in die Pferde, solche auszuspannen, die Knechte widersetzen sich anfänglich und presentieret der eine des Forstbeamten Schreiben, dem Jäger zu zeigen, der Ruhländer aber nimmt ihm solches aus der Hand mit den Worten:

>So, so, das ist gantz guth, der Brief ist guth für mich<, steckte ihn ein, und mochte der Knecht machen oder sagen was er wollte, so behielt er, Ruhländer das Schreiben, welches zu meiner Legimitation diente, sowelcher Weise ich deswegen und da keine Copia davon habe, solches unterthänig beyzulegen außer Stande bin, und nahm das vom Jäger ausgespannte Pferd, und führte es in seinen Stall.

Die Knechte fuhren daraufhin mit dem Reste fort, mußten aber, sobald sie auf dem hiesigen Territorio waren, etliche Steine abwerfen, und brachten die übrigen nach dem Schorborner Teiche.

Des Ruhländers Glasmacher sollen auch auf sein Zurufen bereits aus der Hütte gelaufen seyn, um dieseitige Knechte zu insurgieren (Anm.: reizen) einer aber determinirte (Anm.: begrenzte, beruhigte) sie, und ist groß Glücke, daß die dießseitigen Glasmachern mit ihren Instrumenten nicht dabey gewesen, es dürfte sonst ein Handgemenge gegeben haben …"

Die landesherrliche Kammer in Hannover habe daraufhin einige Wochen später von ihren Sollinger Beamten (Amt Uslar) einen Bericht über die "von Ruhländer angeblich ausgestoßene ungebührliche Reden gegen des Regirenden Herzogs Durchlaucht" angefordert, der jedoch nicht zustande gekommen sei.

Vom zuständigen Amt Uslar sei im November 1744 nach gründlicher Untersuchung der Vorgänge lediglich berichtet worden, der Glasermeister Justus Ruhländer sei am 15. Oktober 1744 "plötzlich Todes verblichen".

Neben seiner großen Familie als "aller Unglückseligste und Erbarmungswürdige Armseligste Leute" und der Hüttenbelegschaft hinterließ Ruhländer offenbar eine hoch verschuldete Glashütte.[8]

Trotz Vertragsverlängerung wurde wegen des zunehmenden Holzverbrauchs und der erschwerten Anfuhr des Buchenholzes zur Ofenbefeuerung und Pottachengewinnung schließlich die Glashütte am Dasselschen Mittelberg eingestellt - mit Entscheidung vom 24. Februar 1748.[2]

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil IV. Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.

 


[1] Die "alte Sandwäsche" bei Neuhaus.

[2] nach Angaben des Glas- und Heimatmuseums Silberborn.

[3] gelegen hinter dem heutigen Haus Angerstraße 8.

[4] SOLLINGER HEIMATSCHRIFTEN 1999.

[5] ALTHAUS 2015.

[6] SOLLINGER HEIMATSCHRIFTEN 1999, S. 36 (3.5), 37-38, 40.

[7] SOLLINGER HEIMATSCHRIFTEN 1999, S. 40-41 (3.8).

[8] BRODHAGE/MÜLLER 1996.

[12] BLOSS 1977, S. 63, 119-120.

[13] WOHLAUF 1981; BLOSS 1977.

[14] Ausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März bis 02. Juli 2017.

[43] OHLMS 2006; BRODHAGE/MÜLLER 1996; SCHOPPE 1989; LESSMANN 1984; LILGE o. J.; BLOSS 1961, 1950.

[44] TACKE 1943, S. 93.

[46] OHLMS 2006; BLOSS 1950, S. 31 ff.

[47] STEINACKER 1907.