Glasschmelzgefäße aus Ton (Häfen)

Klaus A.E. Weber

 

Der Glasschmelzhafen

Wichtigster technischer Gegenstand bei der Glaserzeugung

Als spezielle technische Keramik befanden sich im Ofeninneren eines Glasschmelzofens mehrere, aus feuerfestem Ton gefertigte Schmelztiegel - „Hafen“ oder „Glashafen“ genannt.

Zur detaillierten Beschreibung der Arbeitsvorgängen bei der Herstellung von Glashäfen wird auf STEPHAN [6] verwiesen.

Wie die heutigen großen industriellen Glasschmelzwannen, so waren auch die vergleichsweise kleinen Glashäfen sensible Konstrukte, die stetig auf Temperatur gehalten werden mussten.

 

Schematische Rekonstruktion

spätmittelalterlicher Glasschmelzofen [20]

Glasschmelztiegel

auf einer ebenen, stabilen Hafenbank

in einem liegenden Ofen

mit vertikal angeordneter Feuerung plaziert

[hmh, farbliche Markierungen von Klaus A.E. Weber

 

Technische Spezialkeramik aus hochwertigem Glashafenton

Die Qualität des Hafentons und seiner Verarbeitung waren entscheidende Faktoren für die Dauer der Verwendbarkeit der Glasschmelztiegel, die hohen Temperaturschwankungen ausgesetzt waren.

Je nach Grad des Verschleißes wurden die Schmelztiegel etwa alle 11 Wochen, manchmal sogar auch nach 4-6 Wochen ausgetauscht.[18]

 

Herkunftsfrage weiterhin offen

Vor den Hintergrund, dass hochfeuerfeste, geologisch alte Tone nicht überall verfügbar sind, war bislang die produktionstechnische Frage ungeklärt nach

  • der Herkunft des formbaren und feuerfesten Tons (Feuerfesttone) für die Glashafenherstellung

  • dem Ort ihrer Fertigung (Eigenfertigung?) im Mittelalter - vor 1500.

Plan- und serienmäßig durchgeführte und ausgewertete archäometrische Untersuchungen mit der zerstörungsfreien RFA zeigten, dass mittelalterliche Glasmacher im Werra-Weser-Leine-Bergland vor 1500 den speziellen Großalmeroder Glashafentons nicht für ihre Fertigung von Glasschmelzgefäßen nutzten.[4]

Sehr viel mehr spricht für die Gewinnung lokaler in noch geringerer Distanz anstehender, möglicherweise aus dem Solling oder z. B. auch aus dem Raum Duingen stammender feuerfester Tone.“[4]

In Südniedersachsen befinden sich noch heute umfangreiche Tonlagerstätten (auch Hafentonlagerstätten?) und Töpfereien im Raum Fredelsloh (Bengerode) am Solling sowie im Pottland rund um Duingen, einer historisch bedeutenden Töpferregion zwischen Weser und Leine.

Nach REDDERSEN [16] sind in den zahlreichen „Tertiäreinbrüchen“ des Sollings tertiäre Sande und feuerfeste Tone erhalten geblieben, die der Glashüttenindustrie und Töpferei im Solling das Material geliefert haben sollen.

Wenn nicht durch den regulierten Handel mit in Großalmerode im nordhessischen Gelstertal (Kaufunger Wald) [12][13], dem Sitz des Hessischen Gläsnerbundes, vorgefertigten getemperten oder ungebrannten Glashäfen erworben, so ist es durchaus auch denkbar, dass im Hellental während des 12./13. Jahrhunderts Glashäfen aus Rohstoffen der ehemals unmittelbar in dem Sollingtal vorgefundenen Tonvorkommen [14] oder aber im Bramwald und/oder im Umfeld von Duingen gefertigt wurden.[5][15]

Wie HOCK bereits 1981 ausführte, finden sich bereits 1443 Mitteilungen über den Tonabbau bei Großalmerode im Zusammenhang mit Glashütten des Kaufunger Waldes, bei denen feuerfester Ton zum Ofenbau und zur Herstellung der Glashäfen genutzt wurde und sich wohl im 16. Jahrhundert die Fabrikation von Schmelztiegeln entwickelte, wobei bei dem besonders feuerbeständigen Tiegelton gerade der Glashafenton "wegen seines hohen Schmelzwiderstandes am meisten geschätzt" war.[12]

Weiterhin führte HOCK aus, dass "von den seit etwa 1500 ausgebeuteten landesherrschaftlichen Tongruben ... früh und lange Zeit Ton auch ins außerhessische und nichtdeutsche Ausland verkauft worden" ist.[12]

Hierzu passt die Bewertung von WILKE und STEPHAN, wonach inzwischen hinreichend belegt sei, dass erst seit 1500 - jedenfalls erst seit dem 16. Jahrhundert - bei der Herstellung von Schmelzhäfen im Solling - und somit wohl auch im Hellental - magerer Großalmeroder Glashafenton aus Nordhessen (nahe Kassel) Verwendung fand.[1][2][18]

Es wird davon ausgegangen, dass in den (mittelalterlichen) Glashütten die Schmelztiegel aus Rohton und gemahlenen Hafenfragmenten selbst angefertigt wurden. [18]

Georg Gundelach soll 1693 Schmelztiegel geliefert haben.[12]

 

Glashafen der mittelalterlichen Waldglashütte "Bremer Wiese" im Hellental

spätes 12. Jahrhundert [7][8]

freihandgeformt

 

Glashäfen einer karolingerzeitlichen Waldglashütte im Solling

9. Jahrhundert [3]

Die frühmittelalterliche Waldglashütte (Bo7) konnte in der östlichen Sollingregion - am Waldrand im Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier - archäologisch nachgewiesen und anhand lokaler Gebrauchskeramik dem 9. Jahrhundert - der Karolingerzeit - zugeordnet und engräumig drei, eher kleine Öfen - Hauptofen als Schmelz- und Arbeitsofen, zwei Nebenöfen (davon ein Kühlofen) - der karolingerzeitlichen Waldglashütte an einem kleinen Bachlauf freigelegt werden.

Ein in Scherben geborgener, aus gelblichem Ton gefertigter Glashafen von 0,75 Liter Volumen wurde geborgen und nahezu wieder komplett zusammengesetzt.

Daneben fanden sich weitgehend erhaltene, sehr kleine Häfen.

 

Glashäfen einer hochmittelalterlichen Glashütte im Solling

um 1100-1150 [3]

Im Nordwestsolling - im Rumohrtal zwischen Neuhaus-Fohlenplacken und Holzminden - konnte die Produktionsstätte einer hochmittelalterlichen Waldglashütte und deren fünf Glasöfen archäologisch untersucht und anhand der Gebrauchskeramik in die Zeit um 1100-1150 datiert werden.

Dabei konnten auch zahlreiche, relativ große und dickwandige, freihändig gefertigte Glasschmelzgefäße geborgen werden, die teilweise innenseitig eine grüne Bleiglasur oder auch den für Bleiglashäfen typischen "Lochfraß" aufwiesen.

In der hochmittelalterlichen Waldglashütte wurden hochwertige romanische Holzasche-Blei-Mischgläser erzeugt.

 

Hochmittelalterliche Waldglashütte

"An der Holzminde (S-NW3)

um 1100-1150

Glashafen auf der Hafenbank

Bleiglashafenfragment (grüne Innenseite)

Zwei aus Fragmenten

zusammengesetzte, dickwandige Glasschmelzgefäße

Rumohrtal im Nordwestsolling

zwischen Neuhaus-Fohlenplacken

und Holzminden [9]

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Große neuzeitliche Glasschmelzgefäße

Im Zeitraum um 1950 fasste ein industrieller Hafen etwa 400 kg Glasmasse, wobei in einem Schmelzofen meist 6-12 Häfen stehen, "in die in der Nacht das Schmelzgut eingelegt wird".[19]

 

Aus hochwertiger technischer Spezialkeramik

gefertigte Glasschmelzgefäße

Tafelausschnitt aus Diderots Enzyklopädie.

Die Bildtafeln 1762-1777 [17]

Holzbottich mit aufgelegtem

Leinentuch und Stampfwerkzeug

zur manuellen Formung eines

Glasschmelzgefäßes [4]

Gebranntes Glasschmelzgefäße

mit erstarrter Grünglasmasse

20. Jahrhundert

Glashütte Gernheim LWL-Industriemuseum

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

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[1] STEPAHN 2017, S. 11; zudem auch persönliche Mitteilung von STEPHAN und WILKE am 30. November 2017.

[2] WILKE/STEPHAN/MYSZKA 2016.

[3] DBU 2018.

[4] DBU 2018, S. 84-85, 128.

[5] STEPHAN 1995, S. 67.

[6] STEPHAN 1995, S. 73-74.

[7] WEBER 2012b, S. 14-21.

[8] WEBER 2012c, S. 8-17.

[12] HOCK 1981.

[13] ALMELING 2006. S. 22-23.

[14] Persönliche Mitteilung von Johannes Klett-Drechsel am 20. Juni 2019 (Kunsttöpfer, Fredelsloh).

[15] LANDESMUSEUM FÜR NATUR UND MENSCH 2004, S. 33.

[16] REDDERSEN 1934, S. 4.

[17] Tafelausschnitt aus DIDEROTS ENZYKLOPÄDIE. Die Bildtafeln 1762-1777. 4. Bd. Reprint Augsburg 1995, S. 2571, 2574.

[18] TSCHIRR 2009, S. 8 .

[19] SÜSSMUTH (1950), S. 21.

[20] FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 248 Abb. 133.