Der Solling - Ein Kernraum europäischer Glasherstellung

Klaus A.E. Weber

 

Nach neueren archäologischen Ausgrabungen und Untersuchungen konnte im Jahr 2015 am Südrand des Sollings eine Waldglashütte des 9. Jahrhunderts (Karolingerzeit) lokalisiert werden - im historischen Kontext mit der Glasverarbeitung in den baubezogenen Corveyer Klosterwerkstätten.[3]

Somit dürfte die Waldglashüttenzeit etwa 300 Jahre älter sein als bislang in der Fachwelt angenommen wurde.

 

Prof. Hans-Georg Stephan (Mitte) und Radoslaw Myszka auf der Grabungsfläche der hochmittelalterlichen Glashütte „Am Wiegelweg“

Holzmindetal, Dezember 2018

 

Bereits im 9. Jahrhundert fertigten Glasmacher im Solling Rohglas

Mit Beginn des 9. Jahrhunderts fertigten Glasmacher erstmals inmitten der holzreichen Sollingforsten Rohglas.

Die Rohglasmasse gelangte anschließend zum Standort des karolingischen Klosters Corvey an der Weser, wo sie weiterverarbeitet wurde.

Aus den ersten Waldglashütten entwickelte sich dann im 12. Jahrhundert im Weserbergland ein Kernraum europäischer Glasherstellung, das größte Glasmacherzentrum im nördlichen Mitteleuropa.

Nach STEPHAN und MYSZKA (2018) habe sich "inzwischen herauskristallisiert, dass im Tal der Holzminde eine in Niedersachsen in ihrer Art und Weise einzigartige frühe Waldglashüttenlandschaft des 12. Jshrhunderts verborgen ist, die europaweit ihresgleichen sucht".

 

Glashütte des 9. Jahrhunderts: Waldglashütte im Kreickgrund

Die frühmittelalterliche Waldglashütte im Kreickgrund konnte in der östlichen Sollingregion - am Waldrand im Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier - archäologisch nachgewisen und anhand lokaler Gebrauchskeramik dem 9. Jahrhundert - der Karolingerzeit - zugeordnet werden.[4][19]

Es konnten engräumig drei, eher kleine Öfen - Hauptofen als Schmelz- und Arbeitsofen, zwei Nebenöfen (davon ein Kühlofen) - der karolingerzeitlichen Waldglashütte an einem kleinen Bachlauf freigelegt werden.

Ein in Scherben geborgener, aus gelblichem Ton gefertigter Glashafen von 0,75 Liter Volumen wurde geborgen und nahezu wieder komplett zusammengestzt; daneben fanden sich weitgehend erhaltene, sehr kleine Häfen.

In größerer Anzahl konnten grüne wie auch blaue Glastropfen sowie keine Fragemente Rohglas geborgen werden, ergänzt durch den einzigartigen Fund eines vollständigen, nur an der Oberfläche angegriffenen Glättglases (Glätter) aus grünlichem Glas.

Die frühmittelalterliche Waldglashütte kann in Verbindung mit der ehemaligen Reichsabtei Corvey mit karolingischer Hauptbauzeit gesehen werden, zumal das Benediktinerkloster 833 Königsgut in Bodenfelde besaß.

 

Archäologischer Nachweis zweier hochmittelalterlicher Glashütten im Solling - 1. Hälfte 12. Jahrhundert

Im Nordwestsolling - Ausgrabungsstellen im Rumohrtal zwischen Neuhaus-Fohlenplacken und Holzminden [1] - konnten die Produktionsstätten zweier Waldglashütten archäologisch untersucht und anhand der Gebrauchskeramik in die Zeit um 1100-1150 datiert werden.⦋2⦌[16][18]

  • Waldgashütte „Am Wiegelweg“

Die vorherrschenden gebrauchskeramischen Grundformen und die Herstellungstechnik der Fragmente der traditionell eher grob, reduzierend weich bis hart gebrannten Irdenware weisen in die 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts.

Als  Produktionskeramik imponieren mehrere, unterschiedlich große Glashafen-Fragmente mit variierender Wandungsstärke.

Die hauptsächlich gefundenen, unterschiedlich großen Flachglas-Fundstücke bestehen vornehmlich aus verschieden farbigem Kali-Blei-Glas: (smaragd-)grün, blau, rot, gelb-bräunlich und fast farblos.

 

Smaragdgrünes Flachglas-Fragment mit roten Schlieren

Hochmittelalterliche Glashütte „Am Wiegelweg“

Holzmindetal, Dezember 2018

 

Das Flachglas (Fensterscheiben) ist wahrscheinlich im Zylinderblasverfahren unter Weiterverarbeitung im Streckofen hergestellt worden.

Außerordentlich gut erhaltene Glasfragmente mit "frischer" Farbigkeit und großer Klarheit der Glasmasse legen nahe, dass es sich hierbei um "Kaliglas" (Kaliumcarbonat = Pottasche als Flussmittel) handelt, welchem in hoher Dosierung Bleioxid zugesetzt worden war. 

 

Mehrofenanlage "An der Holzminde"

Die Waldglashütte an der Holzminde bestand aus fünf Glasöfen:

  • Schmelz- und Arbeitsofen

  • Streckofen zur Fensterglasfertigung

  • Kühlofen

  • Frittenofen

  • Metallschmelzofen.

In der hochmittelalterlichen Waldglashütte wurden hochwertige romanische Holzasche-Blei-Mischgläser erzeugt.

So fanden sich im Fundmaterial grünes Hohlglas mit roten Schlieren, qualitativ hochwertiges dünnwandiges hellblaues Hohlglas mit feiner opakweißen Fadenauflage, Glasringe und Glasperlen (Glasköpfe) wie auch grünes iund blaues Fensterglas.

Vermutlich wurde das bunte Fensterglas für das ehemalige Benediktinerkloster mit karolingischem Westwerk - das Kloster Corvey - gefertigt.

 

Ofenanlage der Waldglashütte "An der Holzminde"

Stand: September 2018

 

Mehrofenanlage „Am Wiegelweg“

Als größter und am besten erhaltener Standort gilt nach STEPHAN und MYSZKA (2018) die Hüttenanlage „Am Wiegelweg“, wobei die Glasöfen eine ähnliche streng geregelte Anlage wie auf der Glashütte "An der Holzminde" ausweisen.

Der Hüttenbetrieb der Zeit um 1100-1150 weist neben dem Schmelzofen mehrere Nebenöfen auf:

  • Frittofen - zur Fertigung eines Vorproduktes - der Fritte,

  • Streckofen - zur Herstellung von Fensterglas im Zylinderblasverfahren

  • Kühlofen - zum langsamen Herunterkühlen der Produkte.

Neben dem mutmaßlichen Schwerpunkt der Produktion auf hochwertigen bleihaltigen Kalium-Gläsern sei auch Holzascheglas hergestellt worden.

 

Innenseitig tief blau verfärbtes Glashafen-Fragment von der hochmittelalterlichen Glashütte „Am Wiegelweg“

Holzmindetal, Dezember 2018

 

Wie bei beiden Waldglashütten sei es "sehr wahrscheinlich, dass die Häufung der ungewöhnlich alten Glashütten und deren Fokus auf der Fertigung von Fensterglas mit dem nahegelegenen ehemaligen Reichskloster Corvey zusammenhängt, welches über reiche Besitzungen im Umfeld und Waldrechte im Solling verfügte".

STEPHAN und MYSZKA (2018) gehen davon aus, dass diese archäologischen Entdeckungen ein "helles Licht auf die Technik der Glasmacher" werfen und "neue Einsichten bezüglich des weltberühmten Kompendiums der technischen Künste, welches wahrscheinlich im nahen Helmarshausen entstand" ermöglichen (Theophilus Presbyter, möglicherweise Rogerus von Helmarshausen: „De diversis artibus“).

Zu den höchsten Leistungen der mittelalterlichen Kunst zählen wertvolle farbenfrohe Bildfenster, wobei die beiden hochmittelalterlichen Glashütten gut 100 Jahre vor den ältesten am Bau erhaltenen Farbglasfenstern in Niedersachsen (z. B. in Bücken bei Bremen, Goslar, Amelungsborn) arbeiteten.

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental │ Christel Schulz-Weber, Hellental

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[1] Seit 2012 werden Ausgrabungen und Forschungen zu mittelalterlichen Waldglashütten im Solling von Prof. Dr. Hans-Georg Stephan und Radoslaw Myszka als Grabungsleiter durchgeführt; seit 2017 besteht ein neuer Fokus auf frühe Hütten bei Holzminden.

⦋2⦌ KRAMER 2018d, S. 12-15.

[3] STEPHAN 2015a, S. 4-8.

[4] STEPHAN 2015a, S. 4-8.

[5] LEIBER, CHRISTIAN: Überfall auf eine Waldglashütte im Hils bei Grünenplan während des Dreißigjährigen Krieges. In: GÄRTNER, TOBIAS, STEFAN HESSE, SONJA KÖNIG: Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag. Alteuropäische Forschungen. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neue Folge 7. Langenweißbach 2015, S. 277-290.

[6] Vortrag beim Kulturnachmittag des Heimatpflege- und Kulturvereins Schorborn-Schießhaus am 13. November 2015 in Schorborn: Die Waldglashütten im Nordsolling, Referent: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental.

[7] LEIBER 2017, S. 61-70.

[8] LEIBER 1994, S. 24.

[9] LEIBER 2004, S. 111; ALBRECHT 1991.

[10] HENZE 2004, S. 99; TACKE 1969. 

[11] WIRTSCHAFT "Region mit Zukunft" - Hameln, Bad Pyrmont, Holzminden, Springe, Rinteln, Stadthagen, Bückeburg. Ausgabe Juli 2015, S. 7.

[12] KRAMER 2017b, S. 22-23.

[19] Untersuchungszeitraum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Prof. Dr. Hans-Georg Stephan) 2012-2015/16.