"Im Solling stehen wir unter Druck": Die geologische Grabenstruktur im Solling

Klaus A.E. Weber

 

Der quellreiche "Hellentaler Graben" in der Buntsandstein-Landschaft des Sollings


"Geologische Skizze" um 1984 [1]

 

Der Landkreis Holzminden liegt als grundwasserarmes Festgesteinsgebiet innerhalb des südniedersächischen Berglandes.

Die in große Schollen zerlegte Buntsandsteinfolge des mittelgebirgigen Solling-Gewölbes als ovale Kuppel bestimmt das südliche Kreisgebiet landschaftlich und hydrologisch, einschließlich der zentral gelegenen, großen Grabenstrukturen.

Die heutige Landschaftsstruktur prägend war eine recht wechselvolle Erdgeschichte während des

  • Paläozoikums (Erdaltertum)
  • Mesozoikums (Erdmittelalter)
  • Känozoikums (Erdneuzeit)

mit der Untergliederung der Trias in

  • Keuper
  • Muschelkalk
  • Buntsandstein.

 



Der "Hellentaler Graben" als Scheitelgraben im Solling-Gewölbe - von landesweiter Bedeutung

Wie der Naturpark Solling-Vogler ausführt, kann hierbei - geologisch betrachtet - das Hellental als "ein absolutes Highlight im Naturpark Solling-Vogler" bezeichnet werden.

Das Hellental ist der nordöstliche Ausläufer des tiefen bis Linnenkamp/Emmerborn reichenden, langgestreckten „Meinbrexen-Neuhaus-Merxhausen-Grabenssystems“, ein schmaler Grabenverlauf innerhalb der breit gespannten und nach allen Seiten abgeflachten Sollingkuppel aus Buntsandstein (Roter Wesersandstein).

Die vom Wasser ausgeräumte Grabensenke im Waldbergland des Sollings charakterisiert das Hellental.

Dessen an Quellen reiche geologische Grabenstruktur bildet eine natürliche Grenzscheide im nördlichen Sollingmassiv.

Der „Hellentaler Graben“ verläuft gut 6 km fast geradlinig in südwestlich-nordöstlicher Richtung.

Es ist eine etwa 300-600 m breite und etwa 100 m tiefe, landschaftlich eindrucksvolle Grabenstruktur - eine jungtertiäre geotektonische Besonderheit als Gebirgsstörung im zentralen Solling.

Naturräumlich wird der „Hellentaler Graben“ - das Hellental - von den Höhenzügen

  • des "Großen Ahrensbergs" (524 m)
  • des "Dasseler Mittelbergs" (507 m)
  • der "Großen Blöße" (529 m)

als den höchsten Erhebungen des Sollings flankiert (Hochsolling).

Das südwestliche, „obere Hellental“ weist eine Höhenlage von etwa 520 m auf, das nordöstliche, „untere Hellental“ liegt etwa 100 m tiefer.

Die etwa parallel verlaufenden, teilweise steilen Talhänge können in vier Abschnitte unterteilt werden, die auch unterschiedliche geologische, kleinklimatische wie vegetationskundliche Aspekte aufweisen:

  • Südost-Hang

  • Südwest-Hang

  • Nordost-Hang

  • Nordwest-Hang.

 

Beschreibung von LESSMANN 1984 [2]

 

Das tief in die aus Buntsandstein hoch aufgewölbte Sollingsedimenttafel versenkte Hellental - im Naturraum „Weser-Leine-Bergland“ – ist ein besonderes regionales Zeugnis geologischer Entwicklungen im Erdmittelalter.

Es verdankt seine Entstehung einem tektonischen Geschehen im Festgesteinsgebiet des ehemals etwa 2.000 m mächtigen Solling-Buntsandsteingewölbes (Mittlerer Buntsandstein - 250,6 Ma).

Durch Anhebung des mit Muschelkalk überlagerten Solling-Sandsteingewölbes entstand ein tertiärer Scheitelbruch, eine langgestreckte tektonische Einbruchszone des Muschelkalkes, der den Graben ausfüllt.

Der zuvor das Buntsandsteingewölbe flächenhaft überlagernde Untere Muschelkalk blieb dabei als Grabenfüllung teilweise erhalten.

In der gradlinig querenden Grabensenke des Hellentals liegen in den flach gelagerten Buntsandsteinschichten jüngere Gesteinsschichten wie Muschelkalk und Tertiär.

Eng benachbart sind unterschiedliche geomorphologische Formationen und Landschaftsteile anzutreffen:

  • Mittlerer Buntsandstein (Solling-Folge)

  • Unterer Muschelkalk

  • Abschlämmmassen- und Hangschuttfeinsand eiszeitlicher Fließerde.

 

Muschelkalk-Aufschluss im Hellental

 

Bachschwinden ("Schlucklöscher") und Erdfälle (Einsturztrichter) weisen auf die verkarstungsfähigen Muschelkalk-Schichten im Untergrund des entlegenen Sollingtales hin und zeichnen somit das Hellental als typisches Karstgebiet aus.

Einige wenige der ehemals zahlreichen Erdfälle sind noch heute an den Berghängen und im Talgrund des Hellentals auszumachen.

Sie lassen sich auf unterirdische Auswaschungen im Muschelkalk und des oberen Buntsandsteins zurückführen.

 

Bachschwinde ("Schluckloch") im oberen Hellental

 

Der meiste Niederschlag versickert im Buntsandstein.

Wegen dessen starken Zerklüftung wird die Wasserdurchlässigkeit noch erhöht, wobei die Sandsteinklüftungen für die unterirdische Wasserzirkulation bzw. Grundwasserhorizonte (Aquifere) besonders bedeutsam sind, insbesondere auch für die Wasserführung in den tieferen Sollingtälern, wie im Hellental.

Das von der Niederschlagsmenge relativ unabhängige Grundwasser spielt dabei gegenüber dem Oberflächenwasser die bedeutendere Rolle im Wasserhaushalt.

Das landschaftsprägende, kleine Fließgewässer des heute von hohen Waldhängen natürlich umsäumten Hellentals ist die naturraumtypische Helle, die schwach mäandrierend das Muldental rasch von Südwest nach Nordost durchfließt, teils oberirdisch im mit Sumpfdotterblumen oder Auwäldchen umsäumten Bachbett, teils über Bachschwinden unsichtbar in einem unterirdischen Karstwasserleiter.

Über Jahrtausende währende Auswaschungen führten im Untergrund der Talsohle des Hellentals zu Bachschwinden ("Schlucklöscher" als Karsterscheinung), in denen das Wasser des Helle-Baches unvermittelt versickert, um talabwärts wieder an die Taloberfläche zu treten.

Die Talhänge bestehen aus Mittlerem Buntsandstein, der durchflossene Bruchgraben aus pleistozänem Hangschutt (steiniges Ton-Schluff-Feinsandgemenge).

Im Spätherbst bei starken Regenfällen und im frühen Frühjahr, nach Einsetzen der Schneeschmelze, kommt es rasch zu Hochwasser, wobei sich die Helle über die angrenzenden Wiesenflächen ausbreitet und gelegentlich neue seitliche Bachverläufe hervortreten.

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


[1] Abb. in LESSMANN 1984, S. 1.

[2] LESSMANN 1984, S. 2-3.

 

 


Literatur

LEPPER, JOCHEN: Geologisch-erdgeschichtlicher Abriß der Umgebung von Holzminden. Jahrbuch Landkreis Holzminden. Bd. 3 1985, S. 3-7.

LEPPER, JOCHEN: Geologische Wanderkarte Mittleres Weserbergland mit Naturpark Solling-Vogler. 1:100.000. Hannover 1990.

LEPPER, JOCHEN: Beiheft zur Geologischen Wanderkarte. Beih. Ber. naturhist. Ges. Hannover 10. Hannover 1991.

LEPPER, JOCHEN: Baulandschaft und Bausteine der Weserromanik und Weserrenaissance. Jber. Mitt. oberrhein. geol. Ver., N.F. 95, 289-319, 17 Abb., 3 Tab. Stuttgart 2013.