Glas in Phönizien/Levante und Mesopotamien

Klaus A.E. Weber

 

Vorderer Orient in der Römerzeit - mit Phönizien/Levante und Mesopotamien [17]

 

Anfänge antiker vorrömischer Glaskunst

6.-12. Jahrhundert bis 1. Jahrhundert v. Chr.

 

Recherchierbarer digitaler Sammlungskatalog der WLM Glassammlung Ernesto Wolf:

 

Der Ursprung und die Entwicklungsgeschichte des künstlichen, amorphen Werkstoffes Glas wird maßgeblich

zugeschrieben, mit ersten Glasgefäßen des 2. Jahrtausends v. Chr. - prähistorische Glasobjekte, wie mesopotamische, ägyptische und ägäische.

Während Glas uns in der Regel formgeschmolzen begegnet, wuden Fayencen ("Quarzkeramiken") kalt geformt.[1]

Neben Ägypten kannt man auch in Mesopotamien seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. die Glasur und seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. auch Glas als eigenständigen Werkstoff, wobei etwa zeitgleich mit Ägypten gegen Ende des 16. Jahrhunderts v. Chr. Glasgefäße auftreten.[3]

Glasarbeiten in Form von in Model gestrichenen und gepressten Zier-/Schmuckplättchen (Gewand-, Kopfschmuck) bzw. verschiedenfarbige Glaspasten aus blauem und grünem Glas waren im mykenischen Kulturbereich (etwa 1600-1100 v. Chr.) beliebt, möglicherweise über importierte Rohglas-Barren aus

erzeugt.[3][7][8][12]

 

Glieder einer Halskette │ ursprünglich vergoldete Glasmasse │ Kreta │ 14.-13. Jh. v. Chr.

Antikenmuseum Basel [4]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

"Glaschemie"

Antike Gläser erwiesen sich in der chemischen Analyse zumeist als Alkali-Kalk-Silikat-Gläser.

Europäische prähistorische, römische und mittelalterliche Gläser lassen sich anhand der prozentualen Anteile von

in verschiedene Gruppen von Alkali-Kalk-Gläsern differenzieren.[1]

Wie KRAMER [16] angibt, habe sich antikes Sodaglas zusammengesetzt aus

  • ~ 45 % Quarzsand

  • ~ 46 % Soda

  • ~ 8 % Kalk.

Zudem konnte Manganoxid (Braunstein) zur Erzeugung des beliebten farblosen Glases sowie Kupfer und Cobalt zur Glasfärbung zugesetzt werden.

 

Antikes Glas

  • kerngeformt und formgeschmolzen

  • gestrichen und gepresst

  • frei und in die Form geblasen

 

Kerngeformtes Glas ("Sandkerntechnik") - Farbige Kerngefäße

In vorrömischer Zeit wurden kleine kerngeformte Gläser, wie Salbgefäße, in vier typischen, mediterranen Grundformen als kostbares Handelsgut hergestellt:

Herstellungstechnisch wurde hierfür ein fester, tonhaltiger Kern aus Formsand (für den späteren Hohlraum des Gefäßes) vermutlich um das Ende eines Arbeits- und Haltestabes vorgeformt und entweder durch Eintauchen mit heißer zähflüssiger Glasmasse überzogen oder es konnten verschiedenfarbige Glasfäden im heißplastischen Zustand auf dem vorgeformten Kern aufgewickelt werden.[2][3][15]

Anschließend wurde das Gefäß glatt geschmolzen und der Rohling vor dem Ofen oder auf einer "Marbelplatte" in seine Form gebracht, einschließlich der Applikation von Henkeln.

Der Glaskörper war innen rauh und undurchsichtig.

Zumeist wurde die dem dunkelbauen Glasgefäß aufgeschmolzenen Fadenauflagen mit einem Fischgrätenmuster verziert.

Der Gefäßfuß und die Mündung wurden vom Glasmacher frei mit der Zange angearbeitet.

Nach dem Erkalten der Glasmasse löste sich das Glas vom Formsand und der porös gewordene, mürbe Keramikkern konnte gelockert und herausgearbeitet werden (herauskratzen, ausspülen).

Über offenem Feuer war zuvor das Gemenge in Tiegeln geschmolzen worden.

In Mesopotamien und Ägypten wurden ab Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. die frühesten Kerngefäße erzeugt.

Eine szenische Darstellung ägyptischer „Glasbläser“ im Alten Reich befindet sich in der monumentalen Mastaba (Grabbau) des Mereruka, Wesir unter Pharao Teti (2311-2281 v. Chr. - 6. Dynastie), in der altägyptischen Nekropole von Sakkara (Saqqara) am westlichen Nilufer.

Nachweislich wurden in Etrurien im 7. Jahrhundert v. Chr. erstmals mittels der so genannten Kerntechnik Glasgefäße hergestellt.[2]

Für die "Sandkerntechnik" wie auch für die Herstellungstechniken, Glasmasse in Model zu streichen und kalt zu schneiden, ist Phönikien mit seinen Städten ein antikes Zentrum.

Von dort aus wurden kerngeformte Gefäße bis nach Mesopotamien und Spanien, an die Küsten Nordafrikas und in die Alpenländer exportiert.[3]

Die "Sandkerntechnik" war im Prinzip noch bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. gebräuchlich.

 

(Sand-)Kerngefäße des östlichen Mittelmeerraumes mit geometrischem Dekor

an Keramik erinnerndes opakes Glas mit zu Zickzackmustern "gekämmten" farbigen Glasfäden [3]

  • Amphoriskos │ 5.-4. Jh. v. Chr. 
  • Alabastron │ ~ 4.-3. Jh. v. Chr. 
  • Aryballos │ ~ 4.-3. Jh. v. Chr.

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast [11]

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

"Dunkles Zeitalter"

Der Zeitraum von ca. 1000-800 v. Chr. gilt für unsere Kenntnisse über die antike Glasherstellung als so genanntes dunkles Zeitalter; erst im 8. Jahrhundert v. Chr. ist Glas wieder vielfach nachweisbar.[3]

 

"Schwere" Rippenschalen │ Italien │ 30-60 v. Chr.

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Fertigprodukte als Luxusgläser

Durch die glashandwerkliche Technik des

  • Gießens

  • Formschmelzens

  • Pressens

  • Absenkens eines Glasfadens

konnten antike Glasmacher dicke, glattwandige Becher und vor allem die beliebten Schliffrillen- und Rippenschalen herstellen, wodurch sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr, ein breites Spektrum an Formen und Techniken entwickelte.[3]

Dem hingegen gestaltete sich die Herstellung des frühen Mosaikglases aus kleinen buntern, nebeneinander gesetzten und dann miteinander verschmolzenen Glasstücken weitaus komplizierter, ebenso auch die anhand bunter, unterschiedlich aufgebauter Glasstäbe gestalteten Fertigprodukte als Luxusgläser [5], wie

  • Millefiorigläser
  • Reticellagläser
  • Achatgläser
  • Goldbandgläser.

 

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[1] KOCH 2011, S. 16-19.

[2] KOCH 2011, S. 114-118 (Abb. 67).

[3] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29-31.

[4] Das Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig präsentiert 5000 Jahre Kultur aus dem Mittelmeerraum – mit Sammlungsschwerpunkt Ägypten, der Vordere Orient, Griechenland und Italien von 4000 v. Chr. bis 400 n. Chr.

[5] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 31.

[6] Levante - in der römischen Orientprovinz Syrien (Sidon = phönikische Stadt).

[7] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 32.

[8] WIESE 2001, S. 89 Abb.51, 94.

[9]  Mesopotamien = Zweistromland - Land "zwischen den Flüssen" Euphrat und Tigris.

[10] RICKE 1995, S. 16.

[11] RICKE 1995, S. 17 (3, 4).

[12] RICKE 1995, S. 20.

[13] Die Levante umfasst die Ostkste des Mittelmeers.

[14] Phönizier, ein semitisches Volk aus dem Libanon, handelten im gesamten Mittelmeerraum u. a. auch mit Glas.

[15] TSCHIRR 2009, S. 20.

[16] KRAMER 2021, S. 29.

[17] Kartenausschnitt aus SIEGLIN 1903, S. 9.