Glas der römischen Hochkultur - Vorbildlich mit vielfältigen Formen, reich an Verzierungen

Klaus A.E. Weber

 

Ruine des wohl in augusteischer Zeit erbauten römischen Forumstempel („Diana-Tempel“) in Évora März 2011

 

Vom zerbrechlichen Luxus mit Prunkgefäßen

zur Massenware des täglichen Gebrauchs


Römische Glasurne

 Historisches Museum Basel Barfüsserkirche November 2019

 

Recherchierbarer digitaler Sammlungskatalog der WLM Glassammlung Ernesto Wolf:

◼ Römische Gläser 1. Jahrhundert v. Chr. - 5. Jahrhundert n. Chr.

Wenngleich im römischen Imperium (Imperium Romanum) ähnliche Glasformen in kaum abweichender Qualität in zahlreichen Werkstätten im Kernland Italien, in Spanien, in der Region an den Ufern des Schwarzen Meeres und vermutlich auch an der afrikanischen Küste erzeugt werden konnten, so lagen die Glas produzierenden Zentren doch weiterhin in Syrien, Mesopotamien und Unterägypten aufgrund der vorzüglich geeigneten Sande und der natürlichen Lagerstätten von Natursoda ⦋Natriumcarbonat (Na2CO3)⦌ bzw. Natron ⦋Natriumhydrogencarbonat (NaHCO3)⦌, welche bei der Glasgewinnung als Flussmittel eingesetzt werden konnten.[49]

Nach RICKE wurde der Aufstieg des Römischen Reiches zur Führungsmacht der antiken Welt von einem ungeahnten Aufschwung der Glasherstellung im Mittelmeerraum begleitet.[49]

Als eine der schöpferischsten Perioden der Glasgeschichte und als absolutes Vorbild für alle folgenden Blütezeiten gilt die römische Epoche - mit ihrer Formenvielfalt und ihrem Verzierungsreichtum an frei geblasenem und variant geformtem Glas.

So treten zahlreiche Verzierungsarten auf, wie plastische Rippen, Riefen, Schliffmuster und ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. aufgelegte farbige Nuppen und Zickzackfadenauflagen.[57]

 

Augusta Raurica bei Basel │ Eine der bedeutendsten römischen Fundstätten der Schweiz Mai 2018

 

Kurze Chronologie zur Geschichte Roms [36]

 

Frühes Italien und "Die Zeit der Könige" - um 900-509 v. Chr.

  • 800 v. Chr. Aufstieg der etruskischen Zivilisation
  • 753 v. Chr. Gründung Roms

 

Die Republik - um 509-27 v. Chr.

  • 509 v. Chr. Ausweisung des letzten Königs von Rom │ Gründung der Republik 
  • 474 v. Chr. Niederlage der Etrusker in der Schlacht von Cumae
  • 27 v. Chr. Octavian wird zu Augustus, erster Kaiser von Rom [58]

 

Frühes Kaiserreich - um 27 v. Chr. - 285 n. Chr.

  • 43 n. Chr. Britannien wird eine römische Provinz
  • 79 n. Chr. Ausbruch des Vesuvs
  • 212 n. Chr. Garantierte Bürgerrechte für alle in den Provinzen Geborenen

 

Spätes Kaiserreich - 285-476 n. Chr.

  • 312 n. Chr. Konstantin wird in Rom erster christlicher Kaiser
  • 395 n. Chr. Christentum wird zur einzigen Religion Roms
  • 476 n. Chr. Fall von Rom

 

Reichsteilung von 395 n. Chr.

Spätantike Teilung des Römischen Reichs (Reichsteilung) in das Weströmische Reich und in das Byzantinisches Reich (Oströmisches Reich, Byzanz) nach dem Tode des Kaisers Theodosius I. im Jahre 395

 

Erhalten gebliebene antike Gläser als Grabbeigaben: Becher │ Ascheurne (Brandbegräbnis) [50] │ Doppelhenkelflasche

Römisches Reich (verm. Rheinland) und Naher Osten │ 2. Hälfte 1.-2. Jh. n. Chr.

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast Düsseldorf

 

Römische Glasurne │ 1.-2. Jh. n. Chr.

Kastell Saalburg im Taunus │ Obergermanisch-Raetischer Limes


Das Soda-Kalk-Glas war im Imperium Romanum einerseits ein „zerbrechlicher Luxus“ mit Zier- und Prunkstücken, andererseits zugleich aber auch eine Massenware für römische Haushalte und für den imperialen Handel.[52]

Glas wurde wegen seiner Geruchsneutralität bei Römern, wie später auch bei den Franken, geschätzt, ebenso auch seine Verwendung als Tafel- und Vorratsgefäß und als Urne.

Glasgefäße dienten wohl auch propagantistischen Zwecken mit Darstellung der psychischen Stärke und kulturellen Überlegenheit gegenüber den Barbaren, insbesonder in Grenzregionen.

  • Geformtes Hohlglas entstand im 4.-1. Jh. v. Chr.
  • Echt (optisch) geblasene Gefäße ab Mitte ⎸2. Hälfte 1. Jh. v. Chr.

 

Weit verbreitete, verschiedenfarbige Rippenschalen

Zarte Rippenschalen, 2. Hälfte 1, Jh. n. Chr.  │

Schwere Rippenschalen, 30-60 v. Chr.

Römisches Reich ⎸Italien

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast Düsseldorf [51]

 

Für gläsernes römisches Tafelgeschirr war die intensive Farbigkeit der Gefäße in der frühen Kaiserzeit (1. Jh. v. Chr. - 1. Jh. n. Chr.) charakteristisch, entsprechend der hellenistischen Tradition.

Die Glaskunst der frühen römischen Kaiserzeit wurde um 50-150 n. Chr. nachhaltig von der vielgestaltigen Luxusglasherstellung im ägyptischen Alexandria bestimmt [48], wobei verschiedenfarbige Rippenschalen sehr beliebt waren.

In die rotierende Form gepresste Farbglasschalen, wie auch die Millefiori - und Mosaikglasteller, wurden, wie auch andere Glasgefäße, aus der hellenistischen Kulturwelt übernommen.[49]

Nach RICKE treten seit dem 2. Jahrhundert treten in der späteren Kaiserzeit im Erscheinungsbild mehr und mehr Transparenz, Leitigkeit und der Oberflächenglanz des Materilas in den Vordergrund, verbunden mit einer zunehmenden Tendenz im Dekorverständnis zu einer reicheren Detaillgestaltung, farblichen Akzentuierung sowie geschliffener und gravierter Dekors.[52]

 

Der Werkstoff Glas gelangte mit den Römern in den Raum nördlich der Alpen

Glasimporte aus der Zeit um Christi Geburt kam als kostbares mediterranes Handelsgut aus Syrien in das Römische Reich.

Gläser wurden schließlich bis in die niedergermanische Provinz importiert.

Hierbei gab es während der römischen Kaiserzeit provinzübergreifende Moden bei gängigen Glasgefäßen und -dekore, so dass bei der Zuordnung zwischen dem Ort ihrer Herstellung und dem ihrer Nutzung zu unterscheiden ist.[25]

 

Fabenfrohe Schälchen aus dunkelrotem, grünem und weißem opakem Glas │ frühes 1. Jh. n. Chr.

Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) Mainz

 

Die Innovation der Glasmacherpfeife in der römischen Provinz Syrien

Die Glaserzeugung in römischen Provinzen gelangte infolge der sidonischen glastechnischen "Revolution" mit der Glasmacherpfeife zur Blüte.

Erstmals war dadurch eine große Gefäßvariabilität für unterschiedliche Verwendungszwecke möglich.

 

Absolutes Vorbild

Die Glaskunst der Römer blieb für alle folgenden Blütezeiten das absolute Vorbild.[1]

Bis zur römischen Antike wurde Glas auch rot gefärbt (opakrotes Glas u.a. mittels Beimengung von Kupfer und Einhaltung bestimmter Schmelzbedingungen), wie es der bis heute einzigartige spätantike "Lykurgos-Becher" mit teils vollplastischem Hochschnitt zeigt.[6]

 


 

Antike Zierschale aus blauem Glas - Ausstattung eines reichen Kammergrabes

4. Jh. n. Chr. - Schiffstyp, 1. Jh. n. Chr. (?) 

Museum für Antike Schifffahrt des RGZM Mainz

 

Hoher Standart römischer Glaskunst & Wandmalerei

Auf die Ausstellung "Römische Glaskunst und Wandmalerei" des Landesmuseums Mainz vom 12. Dezember 1999 - 20. Februar 2000 wird verwiesen; insbesondere auf den hierzu 1999 in Mainz erschienenen, 160-seitigen Ausstellungskatalog.[7]

Das Landesmuseum Mainz, eines der ältesten Museen in Deutschland, besitzt eine der größten und bedeutendsten Sammlungen römischer Gläser im deutschsprachigen Raum: "Schätze aus der Römersammlung".

 

Glasschmuck: Glasperlen │ römische Gutshofes (Villa rustica) │ 2.-3. Jh. n. Chr.

Museum Roemervilla Bad Neuenahr-Ahrweiler am Silberberg

 

Verwendung des Materials Glas in antiken römischen Haushalten [14]

Mit der Herstellung von Massenware für den täglichen Gebrauchs wurde Glas verstärkt auch zur Handelsware und zugleich zum Zeugnis der Überlegenheit der römischen gegenüber der barbarischen Kultur.[49]

Nahezu alle in römischen Haushalten benötigten kleinen Gefäße und Geräte wurden seit dem 1.-2. Jahrhundert n. Chr. - neben Tafelgeschirr aus Keramik (Terra Sigillata) oder Holz - in Glas hergestellt.[49]

  • Verpackung für Flüssigkeiten und empfindliche Stoffe: Behältnisse für Salböle (Salbölbehälter, Salbgefäße, "Merkurflaschen"), Duftstoffe/Parfüm, Kosmetika bzw. kostbare Essenzen, Arzneimittel
  • Tischgeschirr │ Speise- und Trinkgeschirr: Kannen und Krüge, Teller/Schalen, Trinkhörner, Becher, Pokale, Näpfe
  • Maßgefäße (Volumen), (Stapel-)Gewichte, Trichter, "Saugheber"
  • Vorratsgeschirr zur ungeziefersicheren Aufbewahrung von Lebensmitteln
  • Lampen, Kerzenhalter, Tintenfässer
  • Kinderspielzeug und Spielsteine
  • Glasschmuck: Halsketten, Ohrgehänge, Glasgemmen für Fingerringe
  • Fensterglas als übliche Ausstattung römischer Wohnhäuser und Thermen
  • Graburnen für Brandbegräbnisse (Ascheurnen): Amphoren, Krüge, Kugeltöpfe
  • Glasperlen als Spielsteine

 

Gläsernes spätrömisches Tischgeschirr (Grabbeigaben): Teller, Schale, Becher und Näpfe

Römisch-Germanisches Museum Köln

 

Spätrömisches Gräberfeld Basel-Aeschenvorstadt

Aus diesem römisch-frühmittelalterlichen Gräberfeld konnte eine Perlenkette der 2. Hälfte 4. Jahrhundert n. Chr. geborgen werden (Frühmittelalter Basel│5.–9. Jahrhundert).[59]

Des Weiteren ließen sich in Gräbern des spätrömischen Friedhofes als Grabbeigaben zahlreiche frei geblasene kleine Glasflaschen - "Unguentarien" - nachweisen, die kostbare Salböle, Parfüme oder auch Farbstoffe für Schminke enthielten und hiermit den hohen sozialen Status von Frauen und Männern im 4. Jahrhundert n. Chr. bezeugen.[60]

 

Halskette und Armband aus Glas und Bernstein │ 350-400 n. Chr.

Saugflaschen mit kleiner Tülle für Kinder │ Keramik 30-100 n. Chr. │ Glas 170-230 n. Chr. / 2. Jh. - frühes 5. Jh. n. Chr.

Augusta Raurica │ Basel Landschaft


Verschiedenfarbiges Fensterglas

Um in römischer Zeit Fensterglas herzustellen, wurde nicht entfärbte, heiße Glasmasse in ein Sandbett gegossen, worin sich dann das Glas entspannen und abkühlen konnte.

Das Verfahren der Fensterglasherstellung wird noch diskutiert.[16]

Während die Oberfläschenstruktur des Glases der einer "Puddinghaut" mit leicht eingezogenen Rändern glich, blieb die Unterseite rauh aufgrund der Abdrücke von Sandkörnern.

Obgleich nicht durchsichtig, so ließ das kleinflächig erzeugte Fenstglas denoch ausreichend Licht in die Räume einer Römervilla fallen.

Mit dünnen Holzleisten wurden die einzelnen Glasscheiben in hölzernen Rahmen befestigt; Fenstesprossen waren aus Tannen- und Fichtenholz gefertigt.[16]

 

Gefärbte, undurchsichtige Fensterscheibenfragmente eines römischen Gutshofes (Villa rustica) │ 2.-3. Jh. n. Chr.

Museum Roemervilla Bad Neuenahr-Ahrweiler am Silberberg

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] nach: Museum Kunstpalast – Spot on 07 Düsseldorf 2011.

[2] CÜPPERS 2005, S. 293.

[3] FISCHER/TRIER 2014, S. 218-221.

[4] SCHLOSSER 1977, S. 51 (Abb. 42).

[5] SCHLOSSER 1977, S. 33 (Abb. II.).

[6] KERSSENBROCK-KROSIGK 2001, S. 15-19.

[7] KLEIN 1999.

[8] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 62, 129-130 Abb., 131.

[9] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 126-128 Abb.

[10] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 117, 118-119 Abb., 120-121.

[11] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 104-116.

[12] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 7.

[13] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 37.

[14] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 41-52.

[15] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 51.

[16] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 52.

[17] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 55-63.

[18] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 60-61.

[19] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 132-138.

[20] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 64-77.

[21] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 65-67.

[22] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 65-73.

[23] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 73-77.

[24] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 80-90.

[25] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 91.

[26] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 92-100.

[27] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 101-103.

[28] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 86 Abb.

[29] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 131 Abb.

[30] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 113-114 Abb., 115.

[31] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 107, 108 Abb., 110-111.

[32] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 121-123.

[33] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 124, 125 Abb., 126.

[34] Das mittelitalienische Volk der Sabiner (Sabini) war in der Antike ein unmittelbarer Nachbar der Römer und stammte von den Umbrern in den Sabiner Bergen des Apennins ab („Raub der Sabinerinnen“).

[35] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 143 Abb., 144.

[36] CAMPBELL 2018, S. 8-9.

[37] CAMPBELL 2018, S. 161.

[38] CAMPBELL 2018, S. 166-167.

[39] CAMPBELL 2018, S. 168-169.

[40] CAMPBELL 2018, S. 170.

[41] CAMPBELL 2018, S. 174.

[42] CAMPBELL 2018, S. 187.

[43] CAMPBELL 2018, S. 238.

[44] CAMPBELL 2018, S. 249.

[45] CAMPBELL 2018, S. 254-255.

[46] CAMPBELL 2018, S. 258-259.

[47] CAMPBELL 2018, S. 270-271.

[48] RICKE 1995, S. 16.

[49] RICKE 1995, S. 20.

[50] RICKE 1995, S. 28 (26).

[51] RICKE 1995, S. 28 (23-25).

[52] RICKE 1995, S. 20-35.

[53] RICKE 1995, S. 31 (33).

[54] DIETRICH 2013, Abb. 6.

[55] DIETRICH 2013, S. 29-42.

[56] KRAMER 2018c, S. 44-45 (Abb. 4-6).

[57] Sonderausstellung des Landesmuiseum Mainz 2019: "Zu Tisch!" 2000 Jahre Genusskultur in Rheinland-Pfalz entdecken.

[58] THOMAS 2014.

[59] ARCHÄOLOGISCHE BODENFORSCHUNG BASEL-STADT / HISTORISCHES MUSEUM BASEL 2008, S. 176-177.

[60] ARCHÄOLOGISCHE BODENFORSCHUNG BASEL-STADT / HISTORISCHES MUSEUM BASEL 2008, S. 198-200.