Jobst Henrich Gundelach (1676-1740)

Klaus A.E. Weber

 

"Glasermeister im Sölling" - mit hochgestelltem Sozialstatus

Erst "Hüttenmanager", dann Amtmann 

Die archivalische Kenntnislage, insbesondere jene zu den erwerbsbiografischen Daten zu Jobst Henrich Gundelach ist relativ spärlich und demzufolge teilweise nur vage darstellbar.

So bestehen in der Biografie von Jobst Henrich Gundelach erhebliche Lücken und ungefüllte Lebenszeiten.

Die bislang früheste urkundliche Erwähnung und sozialräumliche Erfassung der Glashütte als "uff der Steinbeker Glashütten" ist dem Taufeintrag im Kirchenbuch Heinade vom 06. Juni 1717 zu entnehmen.[6]

Dem hingegen wird Jobst Henrich Gundelach als "Glasemeister" erstmals durch einen Taufeintrag am 30. Januar 1718 "auf der Glasehütte" fassbar.[15]

Vieles deutet darauf hin, dass "Herr" Jobst Henrich Gundelach die Glashütte als erfahrener Hüttenmeister und Kaufmann in hoch geachteter sozialer Stellung führte - mit unternehmerischen Kontakten zumindest nach Holzminden.

Nach BLOSS [6] habe "Herr" Gundelach bereits aus Mecklenburg ein hohes Ansehen mitgebracht und "Personen von Rang und Stand zu Paten seiner Kinder" gewählt.

Auch errichtete er nahe bei seiner Glashütte ein "zweigeschossiges ansehnliches Wohnhaus".[6]

 

1676

In Stück bei Perlin in Mecklenburg geboren

Jobst Henrich Gundelach entstammt einer alten Glasmacherdynastie der Gundelach-Becker-Linie, die u.a. auch in das Land Mecklenburg einwanderte, wo im 17. Jahrhundert eine der bedeutendsten deutschen Glashüttenzentren entstand.[18]

Der am 18. Februar 1676 in Stück[en] bei Perlin in Mecklenburg als ältester Sohn des Glashütten-, Erb- und Gerichtsherren zu Törriesdorf Jobst Gund[e]lach und dessen Ehefrau Elisabeth Wentzel [4][5] geborene Jobst Henrich Gundelach war nicht nur Glasmachermeister und privater Hüttenbesitzer, sondern auch eine besondere Unternehmerpersönlichkeit.[28]

  • Vater: Jobst Gundelach [* 13. August 1645 in Toddin/Mecklenburg - † 29. April 1710 in Krembz/Mecklenburg] betrieb seinerzeit in Mecklenburg Glashütten in Cremtz, Stücken und Weltzien und dessen Vater gleichen Namens Glashütten zu Gamlin, Rentzau, Stücken und Toddien.

  • Mutter: Elisabeth Wentzel [* 22. Mai 1653 - † 28. November 1728 in in Torisdorf/Mecklenburg] war eine Tochter von Heinrich Wentzel, dem Herren der Glashütten zu Lützau in Mecklenburg.[5]

  • ∞ am 17. September 1672 auf der Perliner Glashütte │ aus der Ehe gehen 1676-1699 acht Kinder hervor

 

1704-1715

Nach NÄGELER [26] ist zu Beginn des 18. Jahrhunderts Jobst Henrich Gundelach als Glasermeister in der Glashütte Groß Weltzin in Nordwestmecklenburg verortet (1704-1715).

Nach KUNZE [8] soll Jobst Henrich Gundelach vor seiner Zeit im Hellental 1704 in seiner mecklenburgischen Heimat Catharina Bruns aus Hornstorf geheiratet haben.

 

Um 1715

Gründung der Glashütte in der alten „Merxhäuser Forst“

Vermutlich erfolgte um 1715 die Vorbereitung zur Gründung der Glashütte in der staatlichen „Merxhäuser Forst“.

Der "Glase Meister" Jobst Henrich Gundelach soll nach SCHOPPE [21] um 1716 vom Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel (Regierungszeit: 1714-1731) die landesherrliche Konzession („Glashütten-Contract“) erhalten haben, „in Steinbeke an der Helle im Solling eine Grünglashütte errichten und betreiben“ zu dürfen.

Erstmals ist für das Jahr 1717 der Betrieb der "Steinbeker Glashütte" im braunschweigischen Solling anhand eines Kirchenbucheintrags in Heinade belegbar:

  • "Anno 1717 den 6 t. jun. zu Heenade Hanß Henrich Hessen Söhnlein getaufft und ist dasselbe Hieronymus Christian genanndt worden, die Gevattern waren Christian Wentzel, Hieronymus Kauffel und Ilsabet Matha Kamelion, alle auß dem Mecklinburgischem."

Der nächste Taufeintrag auf der „Glashütte bei Merxhausen“ erfolgte am 02. Januar 1718:

  • "Anno 1718, den 2 ten jan. auf der Glasehütte bei Merxhausen Christian Wentzels Töchterlein getauft und ist daselbe Anna Maria genannt worden, die Gevattern [Anm.: Paten] waren Hieronymus Kauffel [Anm.: Kaufhold, Kauffeld], Burchard Zitz [Anm.: Seitz] uxor und Baltasar Wentzels Filia alle aus dem Mecklenburgischen."

Damit ist die Hüttengründung in den Beginn der Epoche des Aufbruchs zur Industrialisierung (1735–1835) zu datieren, der Entwicklung frühkapitalistischer, industrieller Produktionsweisen und des staatlich geförderten Manufakturwesens.

Nach den genealogischen Untersuchungsergebnissen kann man davon ausgehen, dass Jobst Heinrich Gundelach bei seiner Hüttengründung in Steinbeke von fünf seiner Brüder unterstützt wurde:[35]

  • Henrich Gundelach

  • Friedrich Gundelach

  • Christian Gundelach

  • Jobst Christoph Gundelach

  • Heinrich Christian Gundelach

 

1718

Erstmals archivalisch fassbar

Als "Gevattern" (Pate) wird "Herr" Jobst Henrich Gundelach als "Glasemeister" erstmals archivalisch durch den Taufeintrag von Jost Georg Kauffelt am 30. Januar 1718 "auf der Glasehütte", neben Burchhard Zitz und Christian Gundelach fassbar.[15]

Ein weiterer früher urkundlicher Beleg ist der Kirchenbucheintrag vom 07. Februar 1719 anlässlich seiner Eheschließung in Holzminden.[3]

 

1719

Vornehme Heirat in der Stadtkirche Holzminden

Als Hüttenbesitzer war es für den Glasermeister Gundelach – neben der Produktionsleitung, der kaufmännischen Betriebsgestaltung und Mitarbeiterführung – auch eine besondere Aufgabe, durch lohnende Aufträge Arbeit für seine Glashütte heranzuschaffen und den lukrativen Verkauf seiner Hellentaler Glaswaren zu organisieren.

Diese zentrale Managementaufgabe dürfte ihn regelmäßig auch nach Holzminden und zum dortigen Weserhafen geführt haben.

In der Kleinstadt an der Weser, die in jener Zeit auch bedeutender Sitz der evangelischen General-Superintendentur war, wird der evangelische Hüttenmeister bald Elisabeth Juliane Sophia Behm kennen und schätzen gelernt haben.

Sie war die älteste Tochter aus der ersten Ehe von "Herrn" Christian Heinrich Behm [1662-1740] aus Holzminden und dessen Wolfenbüttelschen Ehefrau Johanna Dorothea Behrens [1676-1708].[10]
  • Elisabeth Juliane Sophia Behm (Behmen) [~ am 23. Juli 1696 Wolfenbüttel, St. Johannis - † vermutlich am 18. Mai 1755 Steuerwald]

„Herr” Heinrich Behm war seinerzeit Generalsuperintendent des "Weserdistricts" und zugleich "Fürstlich Braunschweigischer Abt zum Closter Amelunxenborn" (Kloster Amelungsborn).[9][6]

Nur wenige Zeit später, am 07. Februar 1719, heiratete in der evangelischen Stadtkirche von Holzminden der in Mecklenburg gebürtige, 43-jährige Hüttenmeister „Herr” Gundelach die deutlich jüngere, 23-jährige Elisabeth Juliane Sophia Behm [1696 - ~ 1755/1756].[3][6]

 

Auszug aus dem Kirchenbuch Holzminden [3]

"H.[err] Jobst Henrich Gundlag aus Mecklenburg gebürtig und Jgf.[Jungfrau] Elisabeth Juliane Sophia Behmen H.[err] Abt Behmen und General Superintendent alhier ehel.[ichte] ältiste Tochter"

 

1719

Prieche für die Glasarbeiter

1719 sei in der Kirche eine besondere Prieche für die Glasarbeiter angelegt worden - errichtet auf dessen Kosten für 10 Taler.[7]

Am Ende der abgesonderten Sitzplätze habe Gundelach seinen Stand eingenommen.

Dies könnte bezeugen, dass Gundelach als Glasmachermeister einen höheren Stand innerhalb der Kirchengemeinde inne hatte.

 

1735-1740

Lichtenberg/Braunschweig: Amtmann & Domänenpächter

 

1735

Ernennung zum Amtmann

Um 1735 verließ Jobst Henrich Gundelach samt seiner kinderreichen Familie den Wohnsitz bei der „Steinbeker Glashütte“ im Solling.

Der "bisherige Glase Meisters am Solling Jobst Henrich Gundelach" war 28. März 1735 - etwa 20 Jahre nach der Glashüttengründung im Hellental - von Herzog Ferdinand Albrecht II. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1680-1735) zum fürstlichen braunschweigisch-lüneburgischen Amtmann [22] des Staatsgutes in Lichtenberg (bei Salzgitter) bestallt worden.[2][24][25]

Zugleich war Gundelach Pächter der Braunschweiger Domäne zu Lichtenberg.[1][11]

In den Aufzeichnungen „Hildesheimer Leichenpredigten“ [20] findet sich die Angabe, dass Jobst Henrich Gundelach am 27. August 1740 in Lichtenberg verstarb - somit im gleichen Jahr wie sein Schwiegervater Abt Christian He(i)nrich Behm.

1741 regelte die Kammerverwaltung des Amtes Lichtenberg die Fischerei in der Fuhse und ihre Verpachtung an den Amtmann Gundelach in Lichtenberg.[12]

 

1736

Stiftungen an die Kirche in Heinade

Wie der bauhistorischen Beschreibung von STEINACKER [19] und der „Ortschronik von Deensen“ von RAULS [13] sei 1736 der große Taufstein der 1624 in Heinade errichteten Kirche durch einen Taufengel mit zinnerner Schüssel auf Veranlassung des Amtmannes Jobst Heinrich Gundelach zu Lichtenberg/Braunschweig ersetzt worden.

Möglicherweise hing der Taufengel in der Heinader Kirche – wie in jener Zeit häufig – an einem Seil unter der Kirchendecke und hatte eine Taufschale in der Hand, aus der die Taufe vorgenommen worden sei.

Nach RAULS [7][13] soll Gundelach der Kirche in Heinade

  • einen Abendmahlskelch

  • eine Altarbekleidung

  • einen Taufengel

stiftet haben.

Abweichend von RAULS [13] habe nach BLOSS [14] der Glasermeister Gundelach der Kirche von Heinade 1735 zwei silberne vergoldete Abendmahlskelche überlassen; Gundelachs Ehefrau habe einen silbernen Kelch gestiftet.

Der Amtmann Gundelach habe schließlich auch 1741 - Jobst Henrich Gundelach war aber nachweislich bereits 1740 verstorben - den Altar nebst einer kostbaren Nesseltuch-Decke und einer Decke von grünem Samt mit goldenen Borten gestiftet.

 

1740

In Lichtenberg als Amtmann verstorben

Der Hüttenbesitzer und Lichtenberger Amtmann Jobst Henrich Gundlach verstarb 64-jährig am 27. August 1740 und wurde am 04. September in Lichtenberg beigesetzt.[1]

Um 1741/1743 heiratete seine Witwe Elisabetha Juliana Sophia Gundelach in zweiter Ehe den Chur-Cöllinischen Amtsrath Carl Gustav Klenze (1708-1776).

"Herr" Carl Gustav Klen(t)ze war 1743-1745 Amtmann und Pächter der Domäne Lichtenberg.

Als kurkölnischer Amtsrat vertrat er 1751 Mitglieder der Familie Gundelach in einer Rechtsangelegenheit gegenüber dem Braunschweiger Hof wegen der "abgetretenen väterlichen Hütte im Sölling - vormaliger Gundelachsen Hütten".

Die erbenden Kinder wohnten zu dieser Zeit nicht mehr auf der Glashütte Zur Steinbeke, so dass in der Folgezeit in Hellental auch keine Nachfahren der Glasmacherfamilie Gundelach mehr ansässig waren.

Hierbei ist hervorzuheben, dass eine familiäre Verbindung zwischen der braunschweigischen Steinbeker Glashütte im Hellental und der hannoverschen "Glashütte auf dem Osterwalde" bestand. 

 

1752

„Gundelach’sche Erbin”

Henriette Elisabeth Friederike Gundelach, wohnhaft zu Eldagsen, wurde 1752 als „Gundelach’sche Erbin” genannt.[39]

 

Familiäre Verbindung

zwischen der braunschweigischen Glashütte Steinbeke im Hellental & der hannoverschen Glashütte auf dem Osterwalde (1701–1827)

 

Johanne Sophia Christiane Gundelach (1724-1746) │ Sophia Louise Christiane Gundelach (1727-1768) [16]

⊚ Zum Anklicken

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Die auf der braunschweigischen Glashütte Steinbeke im Hellental geborenen, 1744 und 1748 im hannoverschen Eldagsen nacheinandermit Johann Conrad Wedemeyer nacheinander verheirateten Töchter von Jost Henrich und Sophia Gundelach [1]:

Johanne Sophia Christiane Gundelach

*   29. August 1724 - Steinbecker Glashütte

∞  24. Januar 1744 - Lichtenberg

†   14. Dezember 1746 - Eldagsen

 

Sophia Louise Christiane Gundelach

*   24. Juli 1727 - Steinbecker Glashütte

∞  08. Oktober 1748 - Eldagsen

†   07. Mai 1768 - Eldagsen

 

Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil IV. Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.



[1] NLA WO, 3 Alt 574, 4 Alt 2 Lichtbg 1323; KAUFMANN 2010, S. 25.

[2] NLA WO, 3 Alt 574 Bestallungen Bd. 22, Bl. 96.

[3] Kirchenbuch Holzminden Band L 2, Seite 7 / Holzmindener Kirchenbücher Bd. III – Trauungen 1712 – 1750, N 866, Seite 7 rechts, 1719 No. 6; Hildesheimer Leichenpredigten; 1963, S. 106.

[4] Nach BLOSS [1977, S. 116] soll nach den Forschungen von Friedrich Strecker in mecklenburgischen Kirchenbüchern laut Kirchenbuch Perlin I (bei Gadebusch) am 19.02.1676 dem Glashüttenherrn Jobst Gundelach zu Stück bei Perlin ein namens Jost Henrich getauft worden.

[5] Hildesheimer Leichenpredigten; 1963, S. 106.

[6] BLOSS 1950a, S. 10.

[7] RAULS 1983, S. 315-316.

[8] KUNZE 2000, S. 148.

[9] nach HEUTGER 2000 Position 44 der Amelungsborner Abtliste.

[10] NÄGELER/WEBER 2005, 2004; KUNZE 2000, S. 148; KNOLL/BODE 1891, S. 175.

[11] nach dem Verzeichnis der Amtmänner und Pächter der Domäne Lichtenberg (Ernst-Ludwig Holzhausen).

[12] NLA WO, 4 Alt 2 Lichtbg Nr. 2198.

[13] RAULS 1983, S.142.

[14] BLOSS 1877, S. 116.

[15] NÄGELER/WEBER 2004, S. 782.

[16] Barockgemälde im Privatbesitz von Dr. Hans-Christian v. Wedemeyer in Eldagsen.

[17] JANKE/JUNGHANS/LEWERENZ 2010.

[18] OEYNHAUSEN 1905, S. 267-312.

[19] STEINACKER 1907, S. 175 f.

[20] Hildesheimer Leichenpredigten 1963, S. 106.

[21] SCHOPPE 1989.

[22] bei damals ungeteilter Staatsgewalt fungierte der Amtsmann zugleich als Verwaltungsbeamter und Richter.

[24] Vater von Herzog Carl I. (1713-1780), geboren am 27. Mai 1680 in Bevern (Schloss); Erziehung durch den Generalsuperintendenten Heinrich Christian Behm; JARCK 2006, S. 74-75, 216-217.

[25] BLOSS 1977, S. 116.

[26] NÄGELER: Die Glasmacherfamilien auf der Glashütte Steinbeke 1715 – 1744/1745. 2020.

[28] OHLMS 2006; KUNZE 2000, S. 148; LILGE 1993; SCHOPPE 1989; BLOSS 1950 u. 1977, S. 115 f.

[32] NLA WO, 20 Alt 178.

[33] Der Gundelach’sche Familienhumpen befindet sich im Hessischen Landesmuseum in Kassel.

[34] HÖCK 1975; WOLLENHAUPT o. J.

[35] NÄGELER/WEBER 2004.

[39] 1755 war dem Gerichtsschultheiss Christoph Jacob Laurentius zu Eschershausen die landesherrliche Zivilgerichtsbarkeit bei den Glas- und Spiegelhütten übertragen worden [HENZE 2004].

[57] NLA WO, 4 Alt 4 Nr. 214.