Frühneuzeitliche Glashütten

Klaus A.E. Weber

 

Erstes Drittel 17. Jahrhundert│Hexenwahn & Dreißigjähriger Krieg (1618-1648)


Verbreitungskarte der Standorte neuzeitlicher Glashütten im Umfeld des Hellentals │ Forschungsstand: 2018-11-21 (WEBER)

 

Vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert entfaltete sich die Blütezeit des bereits hoch entwickelten Glashüttengewerbes im Weser-Werra-Bergland, einem wichtigen Herstellungsgebiet für Glas in Europa.

Das Holz aus den Solling-Forsten wurde staatlich verwertet und hierdurch zugleich das Steueraufkommen aufgebessert.

In diesem glashistorischen Kontext sind im oberen Hellental während des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts zwei größere Waldglashüttenstandorte zu sehen, jeweils abseits an einem ganzjährig Wasser führenden Bachlauf gelegen - als eigenständiger Sozialraum.

Bei den glastechnischen Bodendenkmalen handelte es sich wahrscheinlich um ehemals weilerartige Glasmachersiedlungen mit Produktions-, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. 

Ende des 16. Jahrhunderts und zu Beginn des 17. Jahrhunderts zählte das westliche Hellental zum Wolfenbütteler Amt Fürstenberg, im Osten angrenzend an die Fürstentümer Calenberg und Göttingen mit dem Amt Uslar.


Zwei "inländische Glashütten" im "Hellthall" im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel

Die im Folgenden beschriebenen Waldglashütten unterstanden der Verwaltung des Amtssitzes Fürstenberg als forstlicher Unterbehörde. 

Untersuchungen der im oberen Hellental produzierenden Glashütte ergaben eine gemischte Produktion von regionaltypischem Hohl- und Flachglas der Spätrenaissance.

Zum einen sind Hohlglasgruppen unterschiedlicher Formen, Verzierungen und Farbgebungen nachzuweisen, zum anderen Fenster- und Butzenscheiben.

Weiteres Fundgut dokumentiert einen sozio-ökonomisch gehobenen Lebensstil auf den Glashütten mit weitläufigen Handelsbeziehungen.

Anzahl und Anordnung der teils markanten Ofenhügel lassen differenzierte Arbeitsprozesse beim Glashüttenbetrieb annehmen.

Umfang und Art der Bodenfunde legen nahe, dass die Hütten über eine längere Zeitspanne hinweg betrieben wurden.

Aufgrund holzökonomisch bilanzierender Betrachtungen wäre davon auszugehen, dass die beiden Hellentaler Waldglashütten nicht zeitgleich produzierten.

Dem gegenüber belegt aber eine Forstrechnung des Amtes Fürstenberg von 1624/1625 zwei Glashütten - eine obere und eine untere Hütte - "im Hellthall" mit einem Jahreszins von 225 Talern (405 Gulden).[1]

Eine eindeutige Zuordnung der Kammerrechnungen zu einer der beiden frühneuzeitlichen Waldglashütten ist bislang nicht möglich.

Legt man die Zeitangaben zugrunde, würde sich für die beiden Glashüttenstandorte eine nicht unplausibel erscheinende vertragliche Produktionszeitspanne von mindestens 6-8 Jahren ergeben. 

Nach WILKE ist inzwischen hinreichend belegt, dass seit 1500 (jedenfalls seit dem 16. Jahrhundert) bei der Herstellung von Schmelzhäfen im Solling magerer Großalmeroder Glashafenton aus Nordhessen Verwendung fand [11][12] - und somit wohl auch bei den beiden Hellentaler Waldglashütten des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts.

In der von Johannes KRABBE 1603 erstellten Sollingkarte (Herzoglich-braunschweigische Jagdkarte) sind die beiden im Hellental gelegenen Waldglashütten "Oberes Hellental" und "Am Lummenborn" nicht kartografisch verzeichnet [9], so dass anzunehmen ist, das beide Glashütten um 1600 noch nicht betrieben wurden.

Archivalisch ist bislang lediglich nachweisbar, dass Trinkgläser aus dem Hellental für die Alltagstafel der herzoglichen Hofhaltung in Wolfenbüttel unter Herzog Friedrich Ulrich, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel von 1613 bis 1634 [10], geliefert wurden.

 

Glashütten-Organisation

Das bisherige Fundgut dokumentiert einen sozio-ökonomisch gehobenen Lebensstil auf der Waldglashütte mit weitläufigen Handelsbeziehungen.

Anzahl und Anordnung der teils markanten Ofenhügel lassen differenzierte Arbeitsprozesse beim Glashüttenbetrieb annehmen.

Umfang und Art der Bodenfunde legen nahe, dass die Hütte über eine längere Zeitspanne hinweg betrieben wurde.

Als Betriebsgemeinschaft dürften etwa 20–30 Hüttenbeschäftigte [7] sowie Personen ihrer Familien im oberen Hellental gelebt, gearbeitet und sich durch eine „kleine Landwirtschaft“ selbst versorgt haben.

Zur Frage einer möglichen Ausgestaltung von Produktions-, Wohn- und Wirtschaftsbereichen der Hüttenanlage sowie zur Produktpalette kann regional vergleichend auf die Ergebnisse der Ausgrabungen frühneuzeitlicher Glashütten bei Grünenplan im Hils und am 8,6 km entfernten, südlich von Hellental gelegenen „Lakenborn“ im Solling zurückgegriffen werden.[8]

Eine hoch entwickelte Arbeitsteilung im Hüttenteam ist anzunehmen:

  • Schmelzer (Wirker)

  • Schürer (Heizer)

  • Vorbläser (Külbelmacher)

  • Hohlglasbläser

  • Strecker für Flachglas

  • Hafenmacher

Um den Arbeitsofen auf die Schmelztemperatur von 1.200-1.300° C anzuheizen und die Temperatur über die Produktionszeit hinweg konstant zu halten, dürften zwei "Schürer" erforderlich gewesenen sein. 

Hinzu kamen wahrscheinlich etwa 6-7 Hohlglasmacher sowie ca. 6 Fensterglasmacher.

Ein "Kesseljunge" dürfte Hohlgläser aus der Ofenanlage gehoben haben.

"Aufbläser" und "Wirker" brachten vor allem im sog. Zylinderblasverfahren die Glasblasen in die Länge eines Glaszylinders, die der "Strecker" dann im Streckofen zur Flachglasherstellung spaltete bzw. platt bügelte.

 

Erstausgabe des Romans "Der Abenteuerliche Simpliccisimus Teutsch

von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen 1668/1669

Museum der Stadt Gelnhausen

 

Überfall auf die Glashütte am "rothen Wasser" während des Dreißigjährigen Krieges?

Als abgelegene "Hüttendörfer" auf Zeit bildeten sie jeweils eine wirtschaftliche und soziale Einheit im Solling - in der Frühphase des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648).

Spätestens zur Mitte des Jahres 1622 wurde auch der hiesige Raum vom Kriegsgeschehen des Dreißigjährigen Krieges heimgesucht.

Am 14. Januar 1624 war es zu einem feindlichen Einfall des Feldherrn Tilly mit seinen kaiserlichen Truppen in das braunschweigische Holzminden gekommen.

Im Sommer des gleichen Jahres kam es durch Tillys Truppen der katholischen Liga zur Besetzung, Plünderung und teilweisen Brandschatzung von Stadtoldendorf.

Im Zeitraum 1625-1627 blieben letztlich kein Dorf und keine Stadt der Sollingregion vom Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen verschont.

Archivalisch wie archäologisch gut dokumentiert ist, dass während des Dreißigjährigen Krieges eine 1624 von Meister Hans Greiner errichtete Waldglashütte im Hils bei Grünenplan bereits ein Jahr später im Sommer 1625 von marodierenden Soldaten der katholischen Liga überfallen, niedergebrannt und eine Glaswarenlieferung zerstört wurde.[4]

Zwei Jahre später wurde durch den Einfall kaiserlicher Soldaten eine auch von Meister Hans Greiner im Vogler betriebene Glashütte 1627 wochenlang "vom selbigen Glaßebrennen gantz verhindert und abgehalten".[5]

1633 wurde "durch das Krieges wesen" wiederum eine Glashütte in der Hilsregion mitsamt ihrer Glasvorräte zerstört, ebenso 1635/1636 eine von Meister Franz Seidensticker und Wentzel Muth "unter dem Hilsborn" betriebene Glashütte.[5]

 

Unterschiedliche kugelförmige Bleiprojektile im Umfeld der Waldglashütte "Oberes Hellental"

werfen einen langen, dunklen Schatten auf die regionalen Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges

 

Im Umfeld des Betriebsgeländes der Waldglashütte "Oberes Hellental" konnte ein Streufund von bislang acht Bleikugeln geborgen werden [2], abgefeuert aus Musketen, Karabinern und/oder Pistolen in nicht allzu großer, möglicherweise aus nur etwa 60 – 70 m Entfernung.

Im Spiegel der von LEIBER archivalisch wie insbesondere archäologisch dokumentierten Überfälle auf Glashütten im Hils und Vogler während des Dreißigjährigen Krieges, könnten bei aller vorsichtigen Interpretation die Geschosskugeln möglicherweise in einem kausalen Zusammenhang mit einem zerstörerischen Überfall kaiserlicher Soldaten auf die abgelegene Waldglashütte stehen.[6]

Auch der Bodenfund der wahrscheinlich kompletten Glasmacherpfeife könnte in dieser Richtung diskutiert werden, da die Fundumstände und die unbewöhnliche Lage im Boden nahe legen, dass das an sich glashandwerklich wertvolle Werkzeug bei einem Überfall (um 1625?) unkontrolliert verloren oder fluchtartig weggeworfen wurde.

 

Literatur

BLOSS, OTTO: Die älteren Glashütten in Südniedersachsen. Veröffentlichungen des Instituts für historische Landesforschung der Universität Göttingen. Bd. 9. Hildesheim 1977.

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert.

- Teil I   Glashüttenforschung im Umfeld des Hellentals. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 1/2012, S. 14-21.

- Teil II  Glashütten des Mittelalters im Umfeld des Hellentals - 12.-14- Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2012, S. 8-17.

- Teil III Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 17. Jahrhundert.  Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 3/2012, S. 13-22.

- Teil IV  Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] JÖRN/JÖRN 2007a, 99 (Fußnote 348), 156; JÖRN/JÖRN 2007b, 193 (W-27, lfd. Nr. 48, f. 152), 223-224 (W-17, 27, lfd. Nr. 48, f. 152), 257 lfd. Nr. 7 - Im Verlauf des 16./17. Jahrhunderts soll nach BLOSS im nordhessischen Kaufunger Wald auch der Glasmachername Drebing bzw. Drebingk auftreten sein.

[2] Bodenuntersuchung von Michael Begemann, Holtensen (Einbeck).

[4] LEIBER, CHRISTIAN: Überfall auf eine Waldglashütte im Hils bei Grünenplan während des Dreißigjährigen Krieges. In: GÄRTNER, TOBIAS, STEFAN HESSE, SONJA KÖNIG (Hg.): Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag. Alteuropäische Forschungen. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neue Folge 7. Langenweißbach 2015. S. 277-290.

[5] LEIBER 2015 (ebd.),  S. 285.

[6] vergl. LEIBER 2015 (ebd.),  S. 287-288.

[7] Arbeitsbericht von MERIAN 1654, zitiert in: LEIBER 1994, S. 27-28.

[8] BLOSS 1977, S. 98-101; LEIBER 1994, S. 26-38; LEIBER 2003, S. 18-26; MYSKA 2005, S. 92-95; STEPHAN 2008, S. 125-131.

[9] Blatt 12 der faksimilierten Sollingkarte von 1603 [ARNOLD/CASEMIR/OHAINSKI (Hg.), 2004 - NStAWF K 202.

[10] JARCK 2006, S. 234-235.

[11] STEPAHN 2017, S. 11; zudem auch persönliche Mitteilung von Detlef Wilke am 30.11.2017.

[12] WILKE/STEPHAN/MYSZKA 2016.