Hoch- bis spätmittelalterliche Glashütten

Klaus A.E. Weber

 

12.-13./14. Jahrhundert │ Glashütten im Zeichen des "Aufbruchs in die Gotik" [1]

Das 12./13. Jahrhundert war eine mittelalterliche Epoche der Herrschaft, Repräsentation und Frömmigkeit, geprägt von Burgen, Rittern, Klöstern und aufkommenden Städten.

In jenem Zeitraum erfolgte der epochale „Aufbruch in die Gotik“ mit technischen Innovationen.

Die im #Datenportal beschriebenen hoch- bis spätmittelalterlichen Glashüttenstandorte liegen „korrespondierend“ in einem Westtal des nördlichen Hellentals.

Beginnend auf dem Waldplateau des Forstortes Pottbusch im Hochsolling zieht das Seitental bogenförmig im Bereich der Forstorte Steinlade, Heidelbrink und Buchholz zum unteren Hellental, wo es nahe Merxhausen ins Hellental einmündet.

Hierbei ist zu erwähnen, dass im oberen Abschnitt des Seitentals zwei Glashütten nahe eines alten talwärts führenden Fahrweges liegen, der in Verbindung mit der nahen „Alten Einbecker Straße“ gesehen werden kann.

 

Zeit mittelalterlicher Blüte

In diesem Kontext kann in Hinblick auf die Entstehung der mittelalterlichen Glashüttenlandschaft - wie auch jene im Umfeld des Hellentals - eine Reihe allgemeiner sozial-, kultur- und technikgeschichtlicher Faktoren angenommen werden

  • aufblühende Entwicklung von Wirtschaft, der Wissenschaften und der Gesellschaft einhergehend mit europaweitem Kultur- und Wissenstransfer und zunehmendef großräumigef Mobilität
  • städtisches Leben und bürgerliches Selbstbewusstsein nehmen einen bislang nicht gekannten Aufschwung, verbunden mit gestiegenen Ansprüchen beim Lebensstandard
  • die Städtegründungsperiode zwischen 1150 und 1300 führte zu einem erhöhten Bedarf an verschiedenen Glaswaren
  • infolge große Bevölkerungsgruppen erfassender kirchlicher Reformbewegungen erhielt die Baukunst der Romanik mit den reichen bunten Glasfenstern eine neue kirchliche Akzentuierung
  • Klostergründungen wie auch eine Vielzahl von Neubauten und Neustiftungen von Klöstern und Pfarrkirchen erzeugten eine Baudynamik und einen zunehmenden Glasbedarf.

 

Verbreitungskarte der Standorte hoch- bis spätmittelalterlicher Glashütten im Umfeld des Hellentals

Forschungsstand: 2018-11-21 (WEBER)

 

Oberflächenfundplätze

- Ergebnisse intensiver Geländebegehungen │ bislang erfolgte an keiner Hüttenstelle eine archäologisch-wissenschaftliche Ausgrabung

Die mühsame Suche nach Standorten wüstgefallener mittelalterlicher Waldglashütten im Umfeld der Glashütten-Landschaft des Hellentals erfolgt seit dem Jahr 2003 durch wiederholte systematische Oberflächenbegehungen zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten.

Grundlegende Betrachtungen zur Siedlungsgeschichte und zum Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft im Oberweserraum finden sich in Veröffentlichungen von STEPHAN [6].

Nach STEPHAN waren Einwohner*innen der mittelalterlichen Stadtwüstung Nienover mutmaßlich an der Vermarktung der Erzeugnisse regionaler Glasmacher beteiligt.[8]

Stadtwüstung Nienover in den Höhenlagen des Sollings - Rekonstruktion eines Mittelalterhauses der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts

Ausgemachte Oberflächenmerkmale und Oberflächenfunde sowie deren Interpretaion bestimmen die ungefähre Zeitstellung.

Für die zeitliche Einordnung ausgemachter Hüttenplätze ist wesentlich, dass im Wesergebland mittelalterliche Waldglashütten auffallend konzentriert in der Zeit um 1150-1250 bestanden.

Im Hinblick auf gebrauchskeramisches Fundgut gilt, dass die graue Irdenware in den Jahrzehnten um 1120/1160 und vor 1240/1260 eingeführt wurde.[2]

Auf den kleinen mittelalterlichen Glashütten dürfte erwartungsgemäß Holzascheglas hergestellt worden sein.

Zudem sind die Glashüttenstandorte ein wichtiger Indikator dafür, dass in der hier fassbaren hoch-/spätmittelalterlichen Zeitstellung (noch) größere Restbestände von Sollingwald gegeben waren.[3]

Allgemein gilt glasarchäologisch, dass vielerorts der oberflächennah erkennbare Erhaltungszustand zahlreicher wüstgefallener mittelalterlicher Glashütten eher schlecht ist und nur spärliche Funde anhand von Oberflächenbegehungen auszumachen sind.[2]

Obwohl daher das Auffinden hoch- bis spätmittelalterlicher Glashüttenstellen mit ihren holzbefeuerten Glasöfen (unscheinbare Ofenhügel) geländemorphologisch wie auch wegen spärlicher oberirdischer Produktionsrelikte besonders schwierig ist, konnten anhand kleinräumig angelegter, systematischer Geländerecherchen oberflächennah aufgefundene Relikte in das 12./13. bis 14. Jahrhundert datiert werden.

Somit konnte für die abgelegene Glashütten-Landschaft des Hellentals der archäologische Nachweis erbracht werden, dass dort bereits seit dem Hoch- bis Spätmittelalter Ofenanlagen sowohl zur Glaserzeugung als auch zur Glasverarbeitung betrieben wurden.

Während des Mittelalters im Hellentaler Umfeld betriebene Glashütten dürften zumindest teilweise „Wanderglashütten“ gewesen sein, also dem Holzvorkommen nachwandernde, eigenständige Produktionsstätten mit Kleinsiedlungen auf Zeit.

Ohnehin fällt die Zeit des 12./13. Jahrhunderts in die "Pionierepoche" für große Waldbestände und nachhaltige Rodungen durch den Grundherren.

Die Entfernung zwischen den mittelalterlichen Glashüttenplätzen schwankt zwischen 140 m und 380 m. 

Bei allen mittelalterlichen Glashüttenstandorten im Umfeld des Hellentals konnte obertägig bislang kein gläsernes Fundgut in Form von Hohl- oder Flachglas gesichert nachgewiesen werden. 

Glashistorisch interessant ist der hoch- bis spätmittelalterliche Komplex dreier relativ nahe benachbart liegenden Glashütten im Hochsolling.

Geht man von der Annahme eines engen zeitlichen Betriebszusammenhangs des „Waldglashüttentrios“ aus, so könnten nacheinander oder miteinander auf einer Strecke von 380 m zwei Glas erzeugende wie zugleich auch verarbeitende Mehr-Ofen-Anlagen bestanden haben, gefolgt von einer 140 m weiter betriebenen Ein-Ofen-Anlage zur Rohglaserzeugung als Nebenofen zur nächst benachbarten Mehr-Ofen-Anlage als Haupthütte.

Wie bei anderen mittelalterlichen Glashüttenstandorten, so ist auch hier die Frage ungeklärt nach

  • der Betriebsorganisation

  • der Ofentechnologie & Befeuerungstechnik

  • den Rezepturen

  • der Glasprodukte

  • der Lebens- und Arbeitsbedingungen.

 

Interpretation ausgemachter Oberflächenmerkmale & Oberflächenfunde

Das Weser-Werra-Bergland (Weserbergland wie der gesamte Oberweserraum) gilt heute nach STEPHAN als "ein Kernraum der historischen Glaserzeugung Europas im Mittelalter bei hoher Anzahl im Gelände lokalisierter mittelalterlicher Hüttenplätzen, besonders aus dem 12./13. JaHahrhundert, auch aus dem 14./15. Jahrhundert".[8]

So konnten insbesondere auch in den dicht bewaldeten Mittelgebirgen von Hils, Vogler, Homburgwald und Solling, in denen ab dem Hochmittelalter Glas hergestellt wurde, zahlreiche mittelalterliche Glashüttenstandorte des 12.-14./15. Jahrhunderts dokumentiert werden.

Wie Geländebegehungen entlang permanent oder periodisch Wasser führender Bodenstrukturen ergaben, hinterließen mittelalterliche Glasmacher auch in der Landschaft des Hellentals archäologisch fassbare Spuren ihrer manuellen Kunstfertigkeit als Wanderarbeiter. 

Glastechnische Relikte und gebrauchskeramische Funde belegen, dass bereits im 12./13. Jahrhundert in dem für das Spezialgewerbe ressourcenreichen Waldgebiet des Nordsoliings Glas hergestellt wurde.

Alle im Hellentaler Umfeld (re)lokalisierten wüstgefallenen Glashüttenstandorte lagen abseits von dem von der mittelalterlichen Besiedlung erfassten nördlichen Sollingrand. 

Das anhand von Oberflächenbegehungen erfasste Fundmaterial (Oberflächenfunde) ist bislang noch zu wenig aussagekräftig, als dass es eine hinreichend genaue Abgrenzung des potentiellen Produktionszeitraumes der hier angesprochenen Glashütten erlauben würde. 

Auf mittelalterlichen Hüttenplätzen geborgene gebrauchskeramische Fundstücke (Irdenware) dürften der Formen- und Warenentwicklung der Zeit um 1180-1270 in der Sollingregion (kugelbauchige Warenarten) entsprechen.

Ihre Provenienz ist zwar bislang ungesichert, vermutlich aber der Irdenwareproduktion mittelalterlicher Töpfereien in den historischen Töpferregionen zwischen Weser, Werra, Leine und/oder Nordhessen zuzuordnen.


 

Erste Zeugnisse (Oberflächenfunde im März 2007) der mittelalterlichen Glashütte "Bremer Wiese"

12./13. Jahrhundert │ mittleres Hellental


Als nichtkeramisches Fundgut waren Glastropfen, Glaskügelchen und Glasfäden (vermutlich aus Holzascheglas) in unterschiedlicher Anzahl, Größe und Färbung bei Oberflächenbegehungen oder bei Mikroschürfungen anzutreffen, nicht unerwartet hingegen aber keine sicheren Bodenfunde mittelalterlichen Hohl- wie Flachglases.

Somit bestehen keine Anhaltspunkte für das im Umfeld des Hellentals hergestellte Formenspektrum mittelalterlicher Glaswaren.

 

Streng geregelte Baukriterien mittelalterlicher Glashütten - als Mehrofenanlagen

Zur Frage, wie - bei bislang fehlenden archäologisch-wissenschaftlichen Grabungen - die Betriebsanlagen der mittelalterlichen Glasöfen im Umfeld des Hellentals ausgesehen haben könnten, kann vergleichend Bezug genommen werden auf die bisherigen Grabungsuntersuchungen (2017-2018) hochmittelalterlicher Waldglashütten im Tal der Holzminden im Glaserzeugungskreis Solling.⦋12⦌[16][18]

 

Zum Vergleich: Archäologische Grabungen im Holzmindetal/Nordwestsolling (2017-2018) [16][18]

Freigelegter Feuerungskanal des Schmelzofens und des metallurgischen Arbeitsofens der hochmittelalterlichen Glashütte „Am Wiegelweg“

1. Hälfte 12. Jahrhundert

 

Es ergeben sich im Hinblick auf den Aufbau und Grundriss der hochmittelalterlichen Waldglashütten der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts folgende übereinstimmende baulichen Kriterien für die Schmelz- und Nebenöfen:

  • rechteckig-gestreckter Hauptschmelzofen mit parallel angeordneten, erhöhten Hafenbänken (Länge ca. 1,2 m)

  • Ofen zur Herstellung der Fritte

  • Streckofen für die Flachglasherstellung

  • Kühlofen

  • Nebenöfen (kleinere Hilfsöfen) zur Zubereitung von Farbpigmenten bzw. für metallurgisches Arbeiten (Länge ca. 0,8 m) - Vor-Ort-Aufbereitung metallischer Flussmittel, wie Blei- und/oder Kupferoxid

  • Haupt- und Nebenöfen sind radial um eine durch Sollingsandsteinplatten befestigte Arbeitsfläche angeordnet

  • Feuer- wie Schüröffnungen sind nach innen auf die zentrale  Arbeitfläche ausgerichtet

 

Schematische Rekonstruktion des rechteckig-gestreckten Schmelzofens der spätmittelalterlichen Glashütte Glaswasen im Schönbuch [9]

zwischen 1470-1500


 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] PUHLE 2009.

[2] STEPAHN 2014.

[3] STEPHAN 2010, S. 71.

[4] GÖHMANN 1982, S. 50, 109-115.

[5] HEUTGER 1968, S. 12-24.

[6] MICHELS 2006.

[7] Ausstellung "Die Zisterzienser - Das Europa der Klöster" im Museum des Landschaftsverbands Rheinland in Bonn (2017-2018).

[8] STEPHAN 2017, S. 8-16.

[9] FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 248 Abb. 133.

[10] RING 2003, S. 29.

⦋11⦌ STEPHAN 1978, S. 329-335.

⦋12⦌ KRAMER 2018d, S. 12-15.

[16] STEPHAN 2017a, S. 8-16.

[18] STEPHAN 2017b, S. 11.


Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil II. Glashütten des Mittelalters im Umfeld des Hellentals - 12.-14. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2012, S. 8-17.

STEPHAN, HANS-GEORG: Mittelalterliche und frühneuzeitliche Glashütten im Solling (1200-1740/50). Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2006, S. 13-18.

STEPHAN, HANS-GEORG (Hg.): Der Solling im Mittelalter. Archäologie - Landschaft - Geschichte im Weser- und Leinebergland. 2010, S. 507-527.

STEPHAN, HANS-GEORG: Mittelalterliche Glashütten im Weserbergland. Die karolingerzeitlichen Anfänge der Waldglashütten und der Umbruch der Glaserzeugung im 15. Jahrhundert im regionalen und weiteren europäischen Kontext. In: CERNA, EVA, PETER STEPPUHN (Hg.): Glasarchäologie in Europa. Regionen - Produkte - Analysen. 2014, S. 35-77.

FROMMER, SÖREN, ALINE KOTTMANN: Die Glashütte Glaswasen im Schönbuch. Produktionsprozess, Infrastruktur und Arbeitsalltag eines spätmittelalterlichen Betriebs. Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie. Bd. 1. Büchenbach 2004.