Hoch- bis spätmittelalterliche Waldglashütten

Klaus A.E. Weber

 

Mittelalter

Die Zeitspanne zwischen der Antike und der Frühen Neuzeit wird im lateinisch-katholischen Europa als "Mittelalter" bezeichnet.

Nachträglich als Übergangszeit empfunden, wurde diese Phase ab dem 14./15. Jahrhundert als mittleres Zeitalter benannt.[15]

  • Frühmittelalter  5.-10. Jahrhundert   │ um 500 - um 1050

  • Hochmittelalter  11.-13. Jahrhundert │ um 1050 - um 1250

  • Spätmittelalter  14./15. Jahrhundert │ um 1250 - um 1500

 

In den dicht bewaldeten Mittelgebirgen von Hils, Vogler, Homburgwald und Solling wurde ab dem Hochmittelalter Glas hergestellt, frühestens seit dem 9. Jahrhundert.

Hier konnten zahlreiche Glashüttenstandorte des 12.-14./15. Jahrhunderts dokumentiert werden.

Alleine im Kaufunger Wald, Vogler und Hils gelang der Nachweis von ca. 200 mittelalterlichen Waldglashütten.

Findet sich nach STEPHAN für den Solling eine auffallende, unregelmäßig verteilte Konzentration früher Waldglashütten im Zeitraum um 1150/1200-1250, so sind hier hingegen spätmittelalterliche Glashütten des 14. Jahrhunderts besonders schwer nachweisbar.

Auch sind nach seiner Auffassung „die Verhältnisse im Solling sehr diffizil und differenziert zu beurteilen.“[49]

Vor dem regionalhistorischen Hintergrund, dass um 1200 resp. zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Grafen von Dassel und Nienover ihre Herrschaft auch über den Solling ausübten - was die kultur- und wirtschaftsgeografische Lage der wüst gefallenen städtischen Siedlung Nienover als deren Haupt- und Residenzort belegt –, könnten mutmaßlich die Grafen wie andere Grundherren ihre Erlaubnis erteilt haben, im Sollingwald Glashütten errichten zu können und damit auch im waldreichen Umfeld des Hellentals.[50]

Nach STEPHAN waren Einwohner*innen der mittelalterlichen Stadtwüstung Nienover in den Höhenlagen des Sollings mutmaßlich an der Vermarktung der Erzeugnisse regionaler Glasmacher beteiligt.[6]

 

Zeit mittelalterlicher Blüte

Im Hinblick auf die Entstehung der Glashüttenlandschaft im Mittelalter - wie auch jene im Umfeld des Hellentals - kann eine Reihe allgemeiner sozial-, kultur- und technikgeschichtlicher Faktoren angenommen werden:

  • aufblühende Entwicklung von Wirtschaft, der Wissenschaften und der Gesellschaft einhergehend mit europaweitem Kultur- und Wissenstransfer und zunehmendef großräumigef Mobilität
  • städtisches Leben und bürgerliches Selbstbewusstsein nehmen einen bislang nicht gekannten Aufschwung, verbunden mit gestiegenen Ansprüchen beim Lebensstandard
  • die Städtegründungsperiode zwischen 1150 und 1300 führte zu einem erhöhten Bedarf an verschiedenen Glaswaren
  • infolge große Bevölkerungsgruppen erfassender kirchlicher Reformbewegungen erhielt die Baukunst der Romanik mit den reichen bunten Glasfenstern eine neue kirchliche Akzentuierung
  • Klostergründungen wie auch eine Vielzahl von Neubauten und Neustiftungen von Klöstern und Pfarrkirchen erzeugten eine Baudynamik und einen zunehmenden Glasbedarf.

Die früh einsetzende Eisengewinnung und Metallverarbeitung am Sollingrand um Dassel und Markoldendorf dürfte in direkter Konkurrenz mit den ebenfalls holzintensiven Glashütten und ihrer potentiellen Anlage gestanden haben.[51]

Bei mittelalterlichen Glashütten handelte es sich um saisonale Betriebe, die vorgabengemäß zeitlich befristet Hohl- und Flachglaswaren herstellten.

Die mit Buchenholzscheiden gefeuerten Arbeitsöfen brannten von Ostern bis Martini (11. November) pausenlos Tag für Tag und Nacht für Nacht.

Der kontinuierliche, wenig kontrollierbare Vorgang der Glasschmelze erforderte ein produktionsortnahes Wohnen der Glasmacher sowie eine Betriebsorganisation im Schichtdienst rund um die Uhr.

Während der Winterzeit ruhte die „heiße“ Glasproduktionsphase.

Gegen Entgelt schlugen die Glasmacher zur Bevorratung für die kommende Produktion ausreichend Holz in den amtlich zugewiesenen Sollingforsten ein.

Zudem wurden Gebäudeteile und die „kalt gelegten“ Ofenanlagen ausgebessert oder erneuert.

Sie waren durch die hohen Schmelztemperaturen stark beansprucht.

Die durchschnittliche Produktionsdauer einer mittelalterlichen Glashütte war vermutlich nur kurz und kann mit etwa 5-15 Jahren angenommen werden.[52]

 

Wie systematische Geländeerkundungen seit dem Jahr 2003 ergaben, hinterließen – bis dato unvermutet – gerade auch mittelalterliche Glasmacher im Umfeld des etwa 6 km langen Hellentals versteckte Spuren ihrer manuellen Kunstfertigkeit.[53]

Glastechnische Relikte wie auch vor allem gebrauchskeramische Funde legen nahe, dass Glaswaren bereits während des späten 12. bis 13. Jahrhunderts in dem für das Spezialgewerbe ressourcenreichen Waldgebiet hergestellt wurden.

Nach bisherigem Forschungsstand repräsentiert somit diese zeitliche Einordnung den bislang ältesten archäologisch fassbaren Zeitabschnitt und möglicherweise zugleich auch konjunkturellen Höhepunkt mittelalterlicher Glasherstellung im Umfeld des Hellentals.[54]

Mittelalterliche Glashüttenstandorte, die vor etwa 1200 datierbar sind, gelten als ausgesprochen selten; nach STEPHAN (2010) können möglicherweise „einige Fundplätze bei Hellental“ dazu gehören.[55]

In archäologischer Hinsicht zeichnen sich mittelalterliche Glashüttenstandorte durch ein äußerst dürftiges Glasfundspektrum aus.

Ein intensiv genutztes „Glasrecycling“ bei hohem Materialwert ist hierbei zu vermuten.[56]

Die auf den kleinräumigen Hüttenplätzen geborgenen gebrauchskeramischen Fundstücke dürften der Formen- und Warenentwicklung der Zeit von 1180-1270 in der Sollingregion (kugelbauchige Warenarten) entsprechen.

Ihre Provenienz ist zwar ungesichert, vermutlich aber der Irdenwareproduktion mittelalterlicher Töpfereien in den historischen Töpferregionen zwischen Weser und Leine [57] und/oder Nordhessen zuzuordnen.

Als nichtkeramisches Fundgut waren Glastropfen, Glaskügelchen und Glasfäden in unterschiedlicher Anzahl, Größe und Färbung anzutreffen, hingegen aber keine sicheren Bodenfunde mittelalterlichen Hohl- wie Flachglases.

Somit bestehen auch keine Anhaltspunkte für das im Umfeld des Hellentals hergestellte Formenspektrum mittelalterlicher Glaswaren.[58]

 

Vier mittelalterliche Glashüttenstandorte liegen „korrespondierend“ in einem Westtal des nördlichen Hellentals.

Beginnend auf dem Waldplateau des Forstortes Pottbusch im Hochsolling (ca. 440 m üNN) zieht das Seitental bogenförmig im Bereich der Forstorte Steinlade, Heidelbrink und Buchholz zum unteren Hellental, wo es nahe Merxhausen ins Hellental einmündet (ca. 260 m üNN).

Hierbei ist zu erwähnen, dass im oberen Abschnitt des Seitentals zwei Glashütten nahe eines alten talwärts führenden Fahrweges liegen, der in Verbindung mit der nahen „Alten Einbecker Straße“ gesehen werden kann.[59]

Sei die Waldnutzung der Sollingforsten bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts (etwa 1150/1200) relativ unproblematisch gewesen, so sei es durch stark vermehrten Holzeinschlag dann während des 13. Jahrhunderts zu einer zunehmenden Holzverknappung und Waldschädigung im Solling gekommen.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (etwa 1370/1400) habe sich im Solling die Holzbilanz wieder verbessert.

Diese zeitliche waldökologische Betrachtung von STEPHAN (2010) spiegelt sich auch in der archäologischen Datierung der im Folgenden beschriebenen kleinräumigen mittelalterlichen Glashüttenstandorte im Hellentaler Umfeld wieder.[60]

Diese lagen abseits von dem von der mittelalterlichen agrarischen Besiedlung erfassten nördlichen Sollingrand und ließen keine dauerhaften Siedlungen entstehen.[61]

Schriftliche (archivalische) Zeugnisse zu den mittelalterlichen Waldglashütten im Umfeld des Hellentals konnten erwartungsgemäß nicht erfasst werden.[62]

Am Beispiel der um 1200 betriebenen Waldglashütte „Bremer Wiese“ lassen sich Überlegungen zur Selbstversorgung mittelalterlicher Glasmacherfamilien im Umfeld des Hellentals herleiten.

Zeittypisch wurde auf einer ebenerdigen Feuerstelle gekocht.

Das einfache Koch- und Tafelgeschirr bestand wahrscheinlich aus Ton (Gebrauchskeramik) oder Holz.

Die eher spärliche Alltagsküche der Glasmacherfamilien dürfte zeittypisch bestimmt und die Kochstelle mit Kugeltöpfen und Grapen (Dreibeintöpfe) zum Zubereiten von Speisen am offenen Feuer ausgestattet gewesen sein.

Getreide war als Grundnahrungsmittel - als Grundstoff für Brot und Brei - für das Überleben unverzichtbar.

Winterfester Roggen war das wichtigste Brotgetreide (Schwarzbrot), Hafer das wichtigste Breigetreide ("Haberbrey" als Morgenspeise).

Die Küche dürfte sich als fleischarm (Frischfleisch) bei geringer Variationsbreite erwiesen haben, wobei es spekulativ bleiben muss, ob es gelegentlich frischen Fisch aus dem Helle-Bach gab. Für „muos“ wurden vermutlich Erbsen, Linsen und Bohnen verwandt.[63]

Der Fund zweier stufig abgedrehter Spinnwirtel aus dem »Bodenarchiv« der Glashütte „Bremer Wiese“ belegt, dass hier von Glasmacherfamilien textiles Handwerk ausgeübt wurde.

Die Spinnwirtel gewähren somit einen alltagsgeschichtlichen Einblick in die soziale Gruppe von Glasmachern im mittelalterlichen Solling.

Es ist anzunehmen, dass in der glasgewerblichen Kleinsiedlung von Glasmacherfrauen und/oder Kindern Handspindeln zum Garnspinnen eingesetzt wurden, um Textilien des täglichen Gebrauchs auf der abgelegenen Waldglashütte selbst herzustellen.

 

Glashütten im Zeichen des "Aufbruchs in die Gotik" [1]

Das 12./13. Jahrhundert war eine mittelalterliche Epoche der Herrschaft, Repräsentation und Frömmigkeit, geprägt von Burgen, Rittern, Klöstern und aufkommenden Städten.

In jenem Zeitraum erfolgte der epochale „Aufbruch in die Gotik“ mit technischen Innovationen.

Die im Datenportal beschriebenen hoch- bis spätmittelalterlichen Glashüttenstandorte liegen „korrespondierend“ in einem Westtal des nördlichen Hellentals.

Beginnend auf dem Waldplateau des Forstortes Pottbusch im Hochsolling zieht das Seitental bogenförmig im Bereich der Forstorte Steinlade, Heidelbrink und Buchholz zum unteren Hellental, wo es nahe Merxhausen ins Hellental einmündet.

Hierbei ist zu erwähnen, dass im oberen Abschnitt des Seitentals zwei Glashütten nahe eines alten talwärts führenden Fahrweges liegen, der in Verbindung mit der nahen „Alten Einbecker Straße“ gesehen werden kann.

Nach heutigem Kenntnisstand könnte es in den zurückliegenden Jahrhunderten im Umfeld des Hellentals – bei vermutlich noch großer Dunkelziffer - eine perlschnurartige Aneinanderreihung von Glasproduktionsstätten an topografisch günstigen Standorten gegeben haben.

Dabei ist ungeklärt, ob mehrere oder aber nur einige wenige Glashüttenmeister im zeitlichen Neben- oder Nacheinander ihre Produktionsstätten betrieben haben.

Sie kommen und verschwinden im Dunkel der Glasgeschichte des Hellentals.

Auch bleibt es unklar, welche und wie viele Glasmacherfamilien unter welchem Hüttenmeister die mittelalterlichen Glashütten im Hellental unterhielten und welcher Größenordnung die Glasbetriebe zuzuordnen sind.

Da keine erschlossene Quellenlage besteht, bleibt zudem auch der Überblick über das Formenspektrum der ehemals im "Alten Tal der Glasmacher" hergestellten Glaswaren versagt.

 

Verbreitungskarte der Standorte hoch- bis spätmittelalterlicher Glashütten im Umfeld des Hellentals

Forschungsstand: 2019-07-22 (WEBER)

 

Ergebnisse intensiver Geländebegehungen

▷ Bislang erfolgte an keiner Hüttenstelle eine archäologisch-wissenschaftliche Ausgrabung

Die mühsame Suche nach Standorten wüstgefallener mittelalterlicher Waldglashütten im Umfeld der Glashütten-Landschaft des Hellentals erfolgt seit dem Jahr 2003 durch wiederholte systematische Oberflächenbegehungen zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten.

Ausgemachte Oberflächenmerkmale und Oberflächenfunde sowie deren Interpretaion bestimmen die ungefähre Zeitstellung.

Für die zeitliche Einordnung ausgemachter Hüttenplätze ist wesentlich, dass im Wesergebland mittelalterliche Waldglashütten auffallend konzentriert in der Zeit um 1150-1250 bestanden.

Im Hinblick auf gebrauchskeramisches Fundgut gilt, dass die graue Irdenware in den Jahrzehnten um 1120/1160 und vor 1240/1260 eingeführt wurde.[2]

Auf den kleinen mittelalterlichen Glashütten dürfte erwartungsgemäß Holzascheglas hergestellt worden sein.

Zudem sind die Glashüttenstandorte ein wichtiger Indikator dafür, dass in der hier fassbaren hoch-/spätmittelalterlichen Zeitstellung (noch) größere Restbestände von Sollingwald gegeben waren.[3]

Allgemein gilt glasarchäologisch, dass vielerorts der oberflächennah erkennbare Erhaltungszustand zahlreicher wüstgefallener mittelalterlicher Glashütten eher schlecht ist und nur spärliche Funde anhand von Oberflächenbegehungen auszumachen sind.[2]

Obwohl daher das Auffinden hoch- bis spätmittelalterlicher Glashüttenstellen mit ihren holzbefeuerten Glasöfen (unscheinbare Ofenhügel) geländemorphologisch wie auch wegen spärlicher oberirdischer Produktionsrelikte besonders schwierig ist, konnten anhand kleinräumig angelegter, systematischer Geländerecherchen oberflächennah aufgefundene Relikte in das 12./13. bis 14. Jahrhundert datiert werden.

Somit konnte für die abgelegene Glashütten-Landschaft des Hellentals der archäologische Nachweis erbracht werden, dass dort bereits seit dem Hoch- bis Spätmittelalter Ofenanlagen sowohl zur Glaserzeugung als auch zur Glasverarbeitung betrieben wurden.

Während des Mittelalters im Hellentaler Umfeld betriebene Glashütten dürften zumindest teilweise „Wanderglashütten“ gewesen sein, also dem Holzvorkommen nachwandernde, eigenständige Produktionsstätten mit Kleinsiedlungen auf Zeit.

Ohnehin fällt die Zeit des 12./13. Jahrhunderts in die "Pionierepoche" für große Waldbestände und nachhaltige Rodungen durch den Grundherren.

Die Entfernung zwischen den mittelalterlichen Glashüttenplätzen schwankt zwischen 140 m und 380 m. 

Bei allen mittelalterlichen Glashüttenstandorten im Umfeld des Hellentals konnte obertägig bislang kein gläsernes Fundgut in Form von Hohl- oder Flachglas gesichert nachgewiesen werden. 

Glashistorisch interessant ist der hoch- bis spätmittelalterliche Komplex dreier relativ nahe benachbart liegenden Glashütten im Hochsolling.

Geht man von der Annahme eines engen zeitlichen Betriebszusammenhangs des „Waldglashüttentrios“ aus, so könnten nacheinander oder miteinander auf einer Strecke von 380 m zwei Glas erzeugende wie zugleich auch verarbeitende Mehr-Ofen-Anlagen bestanden haben, gefolgt von einer 140 m weiter betriebenen Ein-Ofen-Anlage zur Rohglaserzeugung als Nebenofen zur nächst benachbarten Mehr-Ofen-Anlage als Haupthütte.

Wie bei anderen mittelalterlichen Glashüttenstandorten, so ist auch hier die Frage ungeklärt nach

  • der Betriebsorganisation

  • der Ofentechnologie & Befeuerungstechnik

  • den Rezepturen

  • der Glasprodukte

  • der Lebens- und Arbeitsbedingungen.

 

Oberflächenmerkmale & Oberflächenfunde - Ihre Interpretation

Das Weser-Werra-Bergland (Weserbergland wie der gesamte Oberweserraum) gilt heute nach STEPHAN als "ein Kernraum der historischen Glaserzeugung Europas im Mittelalter bei hoher Anzahl im Gelände lokalisierter mittelalterlicher Hüttenplätzen, besonders aus dem 12./13. Jahrhundert, auch aus dem 14./15. Jahrhundert".[8]

Wie Geländebegehungen entlang permanent oder periodisch Wasser führender Bodenstrukturen ergaben, hinterließen mittelalterliche Glasmacher auch in der Landschaft des Hellentals archäologisch fassbare Spuren ihrer manuellen Kunstfertigkeit als Wanderarbeiter. 

Glastechnische Relikte und gebrauchskeramische Funde belegen, dass bereits im 12./13. Jahrhundert in dem für das Spezialgewerbe ressourcenreichen Waldgebiet des Nordsollings Glas hergestellt wurde.

Alle im Hellentaler Umfeld (re)lokalisierten wüstgefallenen Glashüttenstandorte lagen abseits von dem von der mittelalterlichen Besiedlung erfassten nördlichen Sollingrand. 

Das anhand von Oberflächenbegehungen erfasste Fundmaterial (Oberflächenfunde) ist bislang noch zu wenig aussagekräftig, als dass es eine hinreichend genaue Abgrenzung des potentiellen Produktionszeitraumes der hier angesprochenen Glashütten erlauben würde. 

Auf mittelalterlichen Hüttenplätzen geborgene gebrauchskeramische Fundstücke (Irdenware) dürften der Formen- und Warenentwicklung der Zeit um 1180-1270 in der Sollingregion (kugelbauchige Warenarten) entsprechen.

Ihre Provenienz ist zwar bislang ungesichert, vermutlich aber der Irdenwareproduktion mittelalterlicher Töpfereien in den historischen Töpferregionen zwischen Weser, Werra, Leine und/oder Nordhessen zuzuordnen.


 

Erste Zeugnisse der mittelalterlichen Glashütte "Bremer Wiese"

12./13. Jahrhundert (um 1200)

Oberflächenfunde im März 2007


Als nichtkeramisches Fundgut waren Glastropfen, Glaskügelchen und Glasfäden (vermutlich aus Holzascheglas) in unterschiedlicher Anzahl, Größe und Färbung bei Oberflächenbegehungen oder bei Mikroschürfungen anzutreffen, nicht unerwartet hingegen aber keine sicheren Bodenfunde mittelalterlichen Hohl- wie Flachglases.

Somit bestehen keine Anhaltspunkte für das im Umfeld des Hellentals hergestellte Formenspektrum mittelalterlicher Glaswaren.

 

Streng geregelte Baukriterien bei der Errichtung mittelalterlicher Glashütten - als Mehrofenanlagen

Zur Frage, wie - bei bislang fehlenden archäologisch-wissenschaftlichen Grabungen - die Betriebsanlagen der mittelalterlichen Glasöfen im Umfeld des Hellentals ausgesehen haben könnten, kann vergleichend Bezug genommen werden auf die bisherigen Grabungsuntersuchungen (2017-2018) hochmittelalterlicher Waldglashütten im Tal der Holzminde im Glaserzeugungskreis Solling.⦋12⦌[16][18]

 

Zum Vergleich:

Archäologische Grabungen im Holzmindetal/Nordwestsolling (2017-2018) [16][18]

Freigelegter Feuerungskanal des Schmelzofens und des metallurgischen Arbeitsofens der hochmittelalterlichen Glashütte „Am Wiegelweg“

1. Hälfte 12. Jahrhundert

 

Es ergeben sich im Hinblick auf den Aufbau und Grundriss der hochmittelalterlichen Waldglashütten der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts folgende übereinstimmende baulichen Kriterien für die Schmelz- und Nebenöfen:

  • rechteckig-gestreckter Hauptschmelzofen mit parallel angeordneten, erhöhten Hafenbänken (Länge ca. 1,2 m)

  • Ofen zur Herstellung der Fritte

  • Streckofen für die Flachglasherstellung

  • Kühlofen

  • Nebenöfen (kleinere Hilfsöfen) zur Zubereitung von Farbpigmenten bzw. für metallurgisches Arbeiten (Länge ca. 0,8 m) - Vor-Ort-Aufbereitung metallischer Flussmittel, wie Blei- und/oder Kupferoxid

  • Haupt- und Nebenöfen sind radial um eine durch Sollingsandsteinplatten befestigte Arbeitsfläche angeordnet

  • Feuer- wie Schüröffnungen sind nach innen auf die zentrale  Arbeitfläche ausgerichtet

 

Schematische Rekonstruktion des rechteckig-gestreckten Schmelzofens der spätmittelalterlichen Glashütte Glaswasen im Schönbuch [9]

zwischen 1470-1500


 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 

Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil II. Glashütten des Mittelalters im Umfeld des Hellentals - 12.-14. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2012, S. 8-17.

STEPHAN, HANS-GEORG: Mittelalterliche und frühneuzeitliche Glashütten im Solling (1200-1740/50). Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2006, S. 13-18.

STEPHAN, HANS-GEORG (Hg.): Der Solling im Mittelalter. Archäologie - Landschaft - Geschichte im Weser- und Leinebergland. 2010, S. 507-527.

STEPHAN, HANS-GEORG: Mittelalterliche Glashütten im Weserbergland. Die karolingerzeitlichen Anfänge der Waldglashütten und der Umbruch der Glaserzeugung im 15. Jahrhundert im regionalen und weiteren europäischen Kontext. In: CERNA, EVA, PETER STEPPUHN (Hg.): Glasarchäologie in Europa. Regionen - Produkte - Analysen. 2014, S. 35-77.

FROMMER, SÖREN, ALINE KOTTMANN: Die Glashütte Glaswasen im Schönbuch. Produktionsprozess, Infrastruktur und Arbeitsalltag eines spätmittelalterlichen Betriebs. Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie. Bd. 1. Büchenbach 2004.

_____________________________________________________________________

[1] PUHLE 2009.

[2] STEPAHN 2014.

[3] STEPHAN 2010, S. 71.

[4] GÖHMANN 1982, S. 50, 109-115.

[5] HEUTGER 1968, S. 12-24.

[6] MICHELS 2006.

[8] STEPHAN 2017, S. 8-16.

[9] FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 248 Abb. 133.

[10] RING 2003, S. 29.

⦋11⦌ STEPHAN 1978, S. 329-335.

⦋12⦌ KRAMER 2018d, S. 12-15.

⦋15⦌ HISTORISCHES MUSEUM BASEL.

[16] STEPHAN 2017a, S. 8-16.

[18] STEPHAN 2017b, S. 11.

[49] STEPHAN 2010, S. 133-143, 514; LEIBER 2011.

[50] STEPHAN 2010, S. 260-263; KÖNIG 2009, S. 188-191, 270-271; STEPHAN/TRÖLLER-REIMER 2004, S. 46-48; STEPHAN 2007, S. 34-38.

[51] STEPHAN 2010, S. 514.

[52] STEPHAN 2010, S. 137, 143; LEIBER 1994, S. 24.

[53] WEBER 2012b, S. 14-21; STEPHAN 2010, S. 509.

[54] WEBER 2012c, S. 8-17; STEPHAN 2010, S. 136, 139.

[55] STEPHAN 2010, S. 138, 509.

[56] KÖNIG/KRABATH 2005, S. 16.

[57] vermutlich vor allem aus Töpfereien um Fredelsloh.

[58] Seltene, teils hervorragende Beispiele für möglicherweise regionale Waldglasobjekte des Hochmittelalters ergaben sich bei den interdisziplinären archäologischen Untersuchungen der Stadtwüstung Nienover im Solling (stadtzeitliche Gläser um 1200): LEIBER 1994, S. 22-25; Sachkultur Glas - Stadtwüstung Nienover bei KÖNIG 2009, S. 188-191, 270-271, Tafel 37, 77; STEPHAN/TRÖLLER-REIMER 2004, S. 46-48; STEPHAN 2007, S. 34-38; STEPHAN 2010, S. 260-263.

[59] WEBER 2012c, S. 8-17.

[60] STEPHAN 2010, S. 134.

[61] Ungeklärt bleibt bislang die Frage, wer das Errichten und den Betrieb der frühesten Glashütten im Solling wie im Umfeld des Hellentals veranlasste. Bei fehlendem Nachweis muss es spekulativ bleiben, ob hier lokalisierte mittelalterliche Glashütten einen Zusammenhang mit kirchlichen Einrichtungen (Klöster, Stifte) besteht und beispielsweise einen unmittelbaren Bezug zum 1129-1135 gegründeten Zisterzienserkloster Amelungsborn bei Negenborn aufweisen: STEPHAN 2010, S. 134, 139; KIRCHE 2005, S. 51; LEIBER 1994, S. 18, und 2011.

[62] vergl. STEPHAN 2010, S. 507.

[63] SCHUBERT 2010, S. 72.