Bürgertum und Industriegesellschaft

Klaus A.E. Weber

 

Der Weg zum Aufstieg des Bürgertums

norme sozio-ökonomische Umwälzungen, wie die
  • Agrarreformen

  • Gewerbefreiheit

  • Industrialisierung,

veränderten in Deutschland tief greifend die Gesellschaft und Wirtschaft des 18./19. Jahrhunderts.

Im späten 18. Jahrhundert und zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu weitreichenden Agrarreformen („Bauernbefreiung” um 1780-1835), die die bäuerliche Bevölkerung schrittweise aus den vormals etablierten personenrechtlichen, grundherrlichen und hoheitlichen Abhängigkeitsverhältnissen der gesellschaftlichen Ordnung des Feudalismus (Lehnswesen) herausführte

Nach HAUPTMEYER [24] drückte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts „die soziale Kluft zwischen arm und reich, hochadlig oder kleinbäuerlich … weit ausgeprägter in Wohnung und Kleidung aus als im Mittelalter“.

Die Landbevölkerung umfasste, neben Bauern und Dorfhandwerkern, eine zunehmende Anzahl von Kleinstellenbesitzern, die existentiell auf Nebenerwerbe und Wanderarbeiten angewiesen waren.

Innerörtliche soziale Hierarchien bestimmten das dörfliche Leben und Arbeiten, „überlagert von wachsender Disziplinierung des Verhaltens durch Kirche sowie Schule und die zunehmende Reglementierung des Lebens durch staatliche Aufsicht.“

Mit Drill wurde „ein Teil der Männer in ein hierarchisches Soldatenleben gepresst“.

Es entwickelte sich in der frühen Neuzeit – wahrscheinlich auch in der hier betrachteten Dorf:Region - die Tendenz einer „Verhaltensgleichschaltung“.

Zugleich unterlagen Kleinstellenbesitzer, vornehmlich aber Knechte, Mägde und das Dienstpersonal, aber auch Soldaten, Wanderarbeiter und das „fahrende Volk“ Ausgrenzungsmechanismen und Disziplinierungsmaßnahmen. [26].

Die etwa um 1800 einsetzende Industrialisierung wird als die grundlegende Phase für die Entstehung der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts angesehen („industrielle“ und „bürgerliche“ Revolution”), verbunden mit einer historisch unvergleichbaren strukturellen, immer intensiveren Wandlung von Gesellschaft und Wirtschaft.[20][21]

 

Die Renaissance und Statius von Münchhausen

Zu den einflussreichsten Epochen der neueren Menschheitsgeschichte zählt die Renaissance (Mitte 14. bis Mitte 16. Jahrhundert).

Sie ist gekennzeichnet von sensationellen Entdeckungen und Eroberungen, von bahnbrechenden und epochalen Reformen.

Der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan (1480–1521) umsegelte die Welt - als Erster.

Durch das theologische Aufbegehren von Martin Luther gegen die Katholische Kirche kam es am Ende zur Kirchenspaltung und zur Reformation.

Die Malerei wurde durch die Entdeckung der Perspektive verändert.

Prachtvolle Bauwerke legen noch heute Zeugnis vom besonderen bautechnischen und künstlerischen Wirken in der Renaissance ab, mit eigener regionaler Ausprägung in Gestalt der so genannten Weserrenaissance.

Hervor zu heben sind hierbei das Hochzeitshaus in Hameln, das Schloss Bückeburg als prächtige fürstliche Residenz, die Martinikirche und das siebeneckige Mausoleum in Stadthagen, das Ensemble des Schlosses Hämelschenburg (Familie von Klencke) und nicht zuletzt das Schloss Bevern.

Der Schlossherr dieser Vierflügelanlage, der geschäftstüchtige Junker Statius von Münchhausen, ein „Renaissance-Adliger“, führte einen erfolgreichen Getreidehandel und Geldverleih.

Durch das dabei erzielte hohe Vermögen stieg er steil auf, stürzte aber durch einen spektakulären Konkurs 1619 ebenso rasant ab.

Hierdurch wird exemplarisch deutlich, welche enorme Bedeutung die zunehmende Geldwirtschaft für diese Zeit hatte und wie von ihr das Leben und Arbeiten der Menschen einschneidend verändert wurde.

Die enormen Umbrüche dieser Epoche wirkten sich letztlich auch auf das Leben der einfachen Landleute und ihren Alltag aus.

Im frühen 18. Jahrhundert herrschte noch die Kulturepoche des Barock vor, hervorgegangen aus Renaissance und Manierismus.

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts löste sich dann das Zeitalter des prunkvollen Barock in der galanten Welt des Rokoko (etwa 1720-1775) und in der Gegenbewegung des Klassizismus (etwa 1770-1830) auf.

 

Die neuzeitliche Identität infolge der Aufklärung

In der Zeitspanne des 18./19. Jahrhunderts entstand eine neue, eine „neuzeitliche Identität“.

Sie bezieht sich auf die auf der Geisteshaltung der Vernunft aufbauende Aufklärung mit dem historischen Schlüsselereignis der Französischen Revolution von 1789.

Des Weiteren war die „neuzeitliche Identität“ eine Identität der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Emanzipation, der bürgerlichen Lebensnormen mit dem Leitprinzip der staatsbürgerlichen Gleichstellung und der Bürgerlichkeit als Lebensgefühl und Haltung.

Diese führte letztlich zur allmählichen Überwindung des traditionellen, weitgehend noch ständisch strukturierten Gesellschaftssystems.

Während der frühen Neuzeit dominierte zunächst noch die spätmittelalterliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und eine problematische Binnenzollpolitik zwischen den deutschen Territorialstaaten.

Diese Epoche war, bei weitgehend statischer Technologie, geprägt von einem erheblichen Bevölkerungswachstum mit höheren Geburten- und Sterberaten und z.T. niedriger Lebenserwartung.

Bei noch vorherrschendem Feudalismus entstanden bereits erste kapitalistische Prinzipien.

Es folgten die Phasen des Humanismus, der Renaissance und der Reformation.

Schließlich schuf die Aufklärung eine neue geistige, wirtschaftliche und kulturelle Vielfalt.

Leitmotiv der europäischen Aufklärung war nach HAUPTMEYER [25] „die klare, vorurteilsfreie gedankliche Durchdringung aller Probleme.“

 

Herzöge Carl I. und Carl Wilhelm Ferdinand als Protagonisten der Aufklärung

In der Epoche der Aufklärung entwickelte sich das Herzogtum Braunschweig zum vorbildlichen Kleinstaat, wobei dessen Herzöge Carl I. und Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel zu den Protagonisten der Aufklärung zählen.

Unter Herzog Carl I. wurde der braunschweigische Staat Träger wesentlicher wirtschaftlicher Unternehmen.

Hierbei wurde u.a. das staatliche Ziel verfolgt, einerseits vom Import industrieller Produkte unabhängig zu werden und hierdurch das Geld im eigenen Staat zu binden, andererseits die eigene Exportfähigkeit zu fördern und durch die Exporterlöse die Staatseinnahmen zu verbessern.

Wurden bestimmte landesfremde Waren besteuert oder der Import "gemäßigt" (kleinstaatliche Schutzzollpolitik) oder gar untersagt, so wurde der Absatz landeseigener Produkte im Sinne des „Merkantilismus“ nachdrücklich gefördert, in dem sie u.a. in staatlich monopolisierten Betrieben (staatliche Manufakturen) hergestellt wurden.[22]

Nicht zuletzt aufgrund der enormen Finanzmisere seines Hofes setzte sich Herzog Carl I. für die Ansiedlung und Förderung neuer Wirtschaftsbetriebe in seinem Fürstentum ein.

Dabei trat eine fiskal- und wirtschaftspolitische Entwicklung ein mit Konzentration von Fiskalbetrieben auf wenige lokale Zentren in nachgeordneten Räumen.

Möglicherweise fiel die abgelegene, nicht-staatliche Steinbecker Glashütte im Hellental diesem staatlichen monopolisierenden Konzentrationsprozess zum Opfer.

 

Das lange Jahrhundert und der Aufstieg des Bürgertums

Die Kriegsunruhen der Koaltionskriege (1792-1815) warfen letztendlich auch ihren wirtschaftlichen Schatten auf die hiesige Region.

Oft als „langes Jahrhundert” oder „Nationaljahrhundert“ bezeichnet, war das 19. Jahrhundert - im Vorfeld technisch zunehmender Mechanisierung und nachfolgender Industrialisierung - von krisenhaften sozio-ökonomischen Umbrüchen der 1840er und 1850er Jahre sowie von „Revolution” und „Reaktion” maßgeblich gekennzeichnet

  • Hungerjahre 1846/1847

  • Revolutionsjahre 1848/1849.

Weitere historisch einschneidende Veränderungen in jener Zeit in Europa sind

Das geistige und kulturelle Leben wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der Romantik bestimmt, wenn auch in national unterschiedlicher Ausprägung.

Volks- und Kunstmärchen erfuhren geradezu einen konjunkturellen Aufschwung.

Parallel hierzu entwickelte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Biedermeier, jenes bürgerliche Lebensgefühl der Stabilität in der „kleinen Welt” und des Familienidylls.

Im frühen 19. Jahrhundert wurde Napoleon I. (1769-1821) zur beherrschenden, historisch prägenden Gestalt in ganz Europa (Frankreich als „Grande Nation“).

In der nachnapoleonischen Ära keimte zunächst der Wunsch nach einem Wechsel vom Obrigkeits- zum Bürgerstaat, doch beim großen Wiener Kongress von 1814/1815 wurde eine politische Neuordnung in Europa geschaffen, die letztlich die Macht alter höfischer Dynastien aus der vornapoleonischen Epoche wiederherstellte.

Die höfisch-dynastische Geschichte des Landes Braunschweig, zu dem die Dörfer Heinade, Hellental und Merxhausen damals zählten, wurde seit dem 17. Jahrhundert von Angehörigen der Dynastie Braunschweig-Bevern bestimmt (1667-1884).

Trotz ihrer geografischen Abgeschiedenheit am nördlichen Sollingrand waren die hier betrachtete Dorf:Region mittelbar in jene historische Epoche mit einbezogen, wo nahezu ununterbrochen Kriege im Gefolge der Französischen Revolution (1789), der Machtansprüche von Napoleon I. und der daraufhin folgenden „Befreiung” über Mitteleuropa hinweg gingen („Napoleonische Jahre”).

Durch die preußische Annexion des Königreiches Hannover von 1866 war Braunschweig, trotz seiner vormaligen Pionierleistungen im Eisenbahnwesen, gezwungen gewesen, seine staatseigenen Bahnen an Preußen zu verkaufen.

Dies führte in der Konsequenz dazu, dass alle großen Ost-West-Verbindungen nunmehr allesamt an Braunschweig vorbeiliefen.

Dessen ungeachtet wurde das Herzogtum Braunschweig dennoch zum Vorreiter der Industrialisierung in Niedersachsen.[23]

Auf Grund der vergleichsweise jungen Dorfgeschichte - erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnend - haben die ursprünglichen Hellentaler Familien - ganz im Gegensatz zu denen der benachbarten spätmittelalterlichen Bauerndörfern Heinade und Merxhausen - keine Kriegszerstörungen, Verwüstungen oder gar schwere Leitepidemien (Pest, Pocken, Cholera) erfahren.

Indem es den Adel in seiner politischen Mitwirkung verdrängte, begann der Aufstieg des Bürgertums.

 

Übergang zur Industriegesellschaft und die sozialen Folgen

1870-1914 │ Zeit des Umbruchs

Nach HÄNDELER kennzeichnen Strukturzyklen mit langen Wellen („Kondratieffwellen“) seit etwa 250 Jahren die volkswirtschaftliche Entwicklung und mit ihr verbunden alle Lebensbereiche des Menschen.[1]

Nach der frühen Neuzeit mit ihrer statischen Technologie erfolgte in Deutschland etwa im Zeitraum von 1870-1914 der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

In Nordwestdeutschland setzte die Industrialisierung erst etwa ab 1840 ein.

Neue Gewerbe entstanden und die Verkehrsverhältnisse für Güter und Personen verbesserten sich durch den Bau von Eisenbahnen und Schienenwegen.

Durch die Industrialisierung bildeten sich regionale und städtische Zentren heraus, die einerseits Arbeitsplätze für Dorfbewohner schufen, andererseits zugleich auch Abnehmer für agrarische Produkte wurden.

Arbeiteten noch zu Beginn der „industirellen Revolution“ über 4/5 unserer Vorfahren in der Landwirtschaft, so ist hierbei seit etwa 1800 ein stetiger Rückgang zu verzeichnen.[1]

Die Epoche des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft wird nach HENNING [9] sozialwissenschaftlich untergliedert in die Phase

  • des Aufbruchs zur Industrialisierung (1735-1835),
  • der ersten Industrialisierung (1835-1873)
  • und des Ausbaus der Industrie (1873-1914)

unter Entwicklung frühkapitalistischer, industrieller Produktionsweisen.

Der maßgeblich von England ausgehende technische Fortschritt (1765 Konstruktion der ersten Dampfmaschine durch den Briten James Watt) mit dem Betrieb zahlreicher Manufakturen führte letztlich auch im technologisch und ökonomisch noch rückständigen Deutschland zu einschneidenden, epochalen Veränderungen im wirtschaftlichem und in der Folge auch im sozialen wie kulturellen Sektor.

Nach einer unscharfen These von SCHULTZ war dabei „die Ausweitung der gewerblichen einfachen Warenproduktion auf dem platten Lande während der Übergangsepoche zum Kapitalismus … eine Voraussetzung und Begleiterscheinung der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals.“[2]

Nach der 1867 von MARX in seinem Ersten Band von „Das Kapital – Kritik der politischen Oekonomie“ gefertigten ökonomischen Analyse hob „die Maschine die auf dem Handwerk beruhende Kooperation und die auf Teilung der handwerksmäßigen Arbeit beruhende Manufaktur“ auf.[10]

Das Manufakturwesen, das Handwerk wie auch die Hausarbeit wurden durch die „große Industrie“ revolutioniert.

Dabei zeichnete sich bereits zuvor um 1848 erkennbar ab:[3]

  • "Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Theilung der Arbeit allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für den Arbeiter verloren. Er wird ein bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird."

Durch die Mechanisierung mit Einsatz von Maschinen wurde die Massenproduktion mit veränderten Produktionsprozessen möglich.

Die spätere konsequente Nutzung der Elektrizität tat ein Übriges.

So wurde in England auf großen mechanischen Webstühlen Baumwollgewebe effektiver und kostengünstiger hergestellt, mit der unweigerlichen Folge der Marktverdrängung der binneneuropäischen Leinenproduktion.

Auch in der Sollingregion verschärfte sich letztlich die Armutssituation vieler Familien, insbesondere noch dadurch, dass während der Phase der Hauptindustrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Länder des niedersächsischen Raumes und damit auch das Herzogtum Braunschweig hinter den ökonomisch dominierenden Gebieten des Deutschen Reiches zurückgeblieben waren.

Die zunehmende Errichtung von Fabriken führte schließlich zu einer massenhaften Binnenwanderung vom Land in die städtischen Ballungszentren.

Bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum entwickelte sich eine enorme Raumnot mit schlechten Wohnverhältnissen.

Es entstand die Arbeiterklasse.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielten Dreck, Trostlosigkeit, Elend und Krankheiten mit Seuchen in den proletarischen Haushalten Einzug.

Weitere gravierende Veränderungen kamen hinzu, wie

  • Wohnungsnot

  • Kinder- und Frauenarbeit

  • niedriges Reallohnniveau („Hungerlöhne”)

  • hohe Wochenarbeitszeit

  • hohe Arbeitslosigkeit

  • sozialer Abstieg

  • Alkoholismus („Trunksucht”)

  • Wandel tradierter Lebensgewohnheiten (Bedürfnislosigkeit der Arbeiter)

  • Nahrungsmittelmangel

  • Ernährungsdefizite

  • unzureichende Kleidung

  • Infektions- und Mangelkrankheiten, insbesondere bei Müttern und Kindern.

Der durchgreifende wirtschaftliche Wandel ging in Deutschland also mit zunehmenden sozialen Problemverdichtungen sowie individueller sozialer Not, Armut und gesundheitlicher Risiken einher.

Die epochalen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die ökonomischen Krisenzeiten und die daraus folgende schwere individuelle Not prägte auch die Sollingdörfer.

Die soziale Lage der meisten Dorfbewohner verschlechterte sich erheblich.

Wie noch heute berichtet wird, herrschte im abgelegenen Arbeiterdorf Hellental eine besonders große Verarmung und Verelendung vor.

 

Faksimile des "Manifestes der Kommunistischen Partei" London: Februar 1848

Titelblatt der Londoner Erstausgabe

© [hmh, Fotos: Klaus A.E. Weber

HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

 

Verarmung und Verelendung Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Karl Marx [15][19] - "Er hat die Geburtswehen des Kapitalismus erlebt und für Todesschreie gehalten".[17]

Es war die brisante Zeit, in der im Europa auch „das Gespenst des Kommunismus” umherging.

In London war im Februar 1848 das sich epochal auswirkende, revolutionär-ideologische „Manifest der Kommunistischen Partei” von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) mit der kommunistischen Leitidee des Klassenkampfes der Arbeiterschaft veröffentlicht worden:[4]

  • "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen … Die Bougeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomerirt, die Produktionsmittel centralisirt und das Eigenthum in wenigen Händen koncentrirt."

Die in der vorherrschenden kapitalistischen Gesellschaftsordung bestehenden Gegensätze würden, so die beiden Revolutionstheoretiker, zwangsläufig zur sozialen Revolution und zum Aufbau einer neuen, klassenlosen Gesellschaft führen.

Im Juli 1867 folgte der Erste Band der drei Bände von Karl Marx über „Das Kapital – Kritik der politischen Oekonomie”.[14][17][18]

Im Vorwort zur ersten Auflage vermerkte "der nette Herr Marx" [16]:

"Im Vergleich zur englischen ist die soziale Statistik Deutschlands elend." [5]

 

1863 - Die erste sozialistische Partei entsteht im deutschen Kaiseerreich

 

Ferdinand Lassalle │ Lithografie 1908

Stadtmuseum Düsseldorf

© [hmh, Foto: Klaus A.E. Weber

 

In Leipzig entstand 1863 die erste sozialistische Partei, der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) unter dem Radikaldemokraten Ferdinand Lassalle (1825-1864) zur Sammlung der wachsenden deutschen Arbeiterbewegung.

Es war zugleich deren erste politische Vertretung.

Ferdinand Lassalle, der zeitweise mit Karl Marx und Friedrich Engels zusammenarbeitete, gilt als einer der Gründungsväter der deutschen Sozialdemokratie. 

Der Allgemeine Arbeiterverein zählt zu den Vorläufern der sozialdemokratischen Bewegung wurde.

Denn wenige Jahre später, 1869, wurde in Eisenach durch Wilhelm Liebknecht (1826–1900) und den Drechslermeister August Bebel (1840–1913) die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet, die sich 1875 mit dem ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland (SAPD) vereinigte.

Drei Jahre danach, 1878, wurde vom Reichskanzler Otto v. Bismarck (1815-1898) das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, das so genannte Sozialistengesetz, erlassen, verbunden mit einem Katalog repressiver Verfolgungsmaßnahmen gegenüber dem sozialen Aufbegehren der Arbeiterschaft und der sozialistischen Arbeiterbewegung - u.a.

  • Aufhebung der Gewerkschaftsvereine

  • Verbot der Parteipresse und –organisation

  • Erlaubnis zur Ausweisung von SPD-Anhängern.

Der „Eiserne Kanzler“ war dabei der festen Überzeugung, dass man Genossen nicht „totreformieren“ könne, sondern nur „totschießen“.[6]

Otto v. Bismarck widerstrebten dabei auch die anfänglichen kaiserlichen Arbeiterschutzprojekte, wie Sonntagsruhe, Verbot der Kinderarbeit.

Infolge des „Sozialistengesetzes“ wurden im Herzogtum Braunschweig die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterschaft weitgehend verboten.

Der „Braunschweiger Volksfreund“, die verbotene sozialdemokratische Parteizeitung, die vermutlich auch Arbeiter in Hellental gelesen haben, wurde unter der Tarnbezeichnung „Braunschweigisches Unterhaltungsblatt“ fortgeführt.[7]

Auf wachsenden politischen Druck hin, zur materiellen Befriedigung und politischen Versöhnung mit der Staats- und Gesellschaftsordung des 1871 proklamierten Deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm I. wurde in den 1880er Jahren die erste Sozialgesetzgebung von v. Bismarck erlassen

  • Sozialgesetze zur Krankenversicherung 1883

  • Unfallversicherung 1884

  • Alters- und Invalidenversicherung 1889.

Es waren diese entscheidenden Weichenstellungen der staatlichen Sozialversicherung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, die das System der Sozialen Sicherung (als Solidargemeinschaft) in Deutschland in seiner bisherigen Ausgestaltung etablierten.

Andere Bereiche der Sozialen Sicherung, wie beispielsweise die Armenfürsorge, haben demhingegen eine weitaus längere Entwicklungslinie.

Eine einführende Darstellung von Vorformen der Sozialversicherung in Stadt und Landkreis Holzminden im 18./19. Jahrhundert ist einem Aufsatz von JAHNS 2005 zu entnehmen.[11]

Die sich 1890, nach Aufhebung des „Sozialistengesetzes“, aus der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands entwickelnde, von Wahl zu Wahl wachsende Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) erlangte auch im Arbeiter- und Handwerkerdorf Hellental eine richtungsweisende politische Bedeutung.

Die Waldarbeiter orientierten sich über Jahrzehnte hinweg sozialdemokratisch.

Orientierende Hinweise zu Wahlergebnissen im Kreis Holzminden und insbesondere in den Gemeinden Hellental und Merxhausen finden sich bei BÖKE [12].

Bei der Wahl im Deutschen Kaiserreich von 1893 erhielten die Sozialdemokraten 23,3 % der abgegebenen Stimmen, ein deutlicher Zuwachs gegenüber 19,7 % bei der vorangegangenen Wahl.

In der Folge will nunmehr auch Kaiser Wilhelm II. die Sozialisten, die von ihm fortan als „vaterlandslose Gesellen“ bezeichnet wurden, „abschießen, köpfen und unschädlich machen“.[8]

Im Jahr 1890 wurde im Herzogtum Braunschweig die „Invaliditäts- und Altersversicherungsanstalt Braunschweig“ gegründet, die 1899 in Landesversicherungsanstalt umbenannt wurde.

Als Beitrag zur bürgerlichen Förderung der Volkswohlfahrt wurde 1894 ein „Gesundheitsbüchlein“ zur „gemeinfasslichen Anleitung zur Gesundheitspflege“ in Berlin veröffentlicht, das 1908 bereits in 13. Auflage, im damaligen Kaiserlichen Gesundheitsamt bearbeitet worden war.

Von PAULITKY [13] war Jahrzehnte zuvor eine „Anleitung für Landleute zu einer vernünftigen Gesundheitspflege“ herausgegeben worden, ein „Ein Hausbuch für Landgeistliche, Wundärzte und verständige Hauswirthe“.




[1] HÄNDELER 2005, S. 23 ff.

[2] zit. in REININGHAUS 1990, S. 66.

[3] MARX/ENGELS 1848, S. 7.

[4] MARX/ENGELS 1848, S. 3 ff.

[5] MARX 1987 (1867), S. 15.

[6] ALBIG 2004, S. 57.

[7] JARCK/SCHILDT 2000.

[8] ALBIG 2004, S. 57.

[9] HENNING 1989.

[10] MARX 1987 (1867), S. 483.

[11] JAHNS 2005, S. 85 ff.

[12] BÖKE 2005, S. 45 ff.

[13] PAULITKY 1836.

[14] KAUFMANN (Interview): "Ich stehe quasi auf Marx' Schultern". Der Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski über 150 Jahre "Das Kapital" und die Aussagekraft sozialistischer Wirtschaftstheorien gestern, heute und morgen. In: Frankfurter Rundschau. Nr. 18, 21./22.01.2017, S. 14-15.

[15] Große Landesausstellung in Trier: KARL MARX 1818–1883. LEBEN. WERK. ZEIT. vom 05. Mai bis 21. Oktober 2018 - Rheinisches Landesmuseum Trier und Stadtmuseum Simeonstift Trier..

[16] SCHWERING 2018.

[17] HESSE 2017.

[18] SIEVERS 2017.

[19] MAYER-KUCKUK 2018.

[20] Zwei Veröffentlichungen im Band 22 des Jahrbuches für den Landkreis Holzminden (2004) befassen sich anhand anschaulicher regionalgeschichtlicher Beispiele mit dieser richtungsweisenden Epoche. So wird von Werner Jahns „Die Wirtschaft im Braunschweiger Weserkreis von 1816 bis 1839 im Spiegel des Exports nach Bremen” dargestellt, von Martin Krämer „Etwas besseres finden wir überall - Grünenplaner Wirtschaftsflüchtlinge in Osteuropa, 1791-1815”.

[21] HENNING 1989.

[22] KRUEGER 2003, JARCK/SCHILDR 2000, KOCH 1995.

[23] HOFFMANN 2004, S. 48.

[24] HAUPTMEYER 2004, S. 91.

[25] HAUPTMEYER 1995.

[26] HAUPTMEYER 2004, S. 92.

[27] WIEDEMANN 2019.