Gang der Geschichte zur Bürgerlichkeit

Klaus A.E. Weber

 

Enorme sozio-ökonomische Umwälzungen

Enorme sozio-ökonomische Umwälzungen, wie

  • die Agrarreformen,

  • die Gewerbefreiheit

  • und schließlich die Industrialisierung,

veränderten in Deutschland tief greifend die Gesellschaft und Wirtschaft des 18./19. Jahrhunderts.

Im späten 18. Jahrhundert und zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu weitreichenden Agrarreformen („Bauernbefreiung” um 1780-1835), die die bäuerliche Bevölkerung schrittweise aus den vormals etablierten personenrechtlichen, grundherrlichen und hoheitlichen Abhängigkeitsverhältnissen der gesellschaftlichen Ordnung des Feudalismus (Lehnswesen) herausführte

Nach HAUPTMEYER [4] drückte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts „die soziale Kluft zwischen arm und reich, hochadlig oder kleinbäuerlich … weit ausgeprägter in Wohnung und Kleidung aus als im Mittelalter“.

Die Landbevölkerung umfasste, neben Bauern und Dorfhandwerkern, eine zunehmende Anzahl von Kleinstellenbesitzern, die existentiell auf Nebenerwerbe und Wanderarbeiten angewiesen waren.

Innerörtliche soziale Hierarchien bestimmten das dörfliche Leben und Arbeiten, „überlagert von wachsender Disziplinierung des Verhaltens durch Kirche sowie Schule und die zunehmende Reglementierung des Lebens durch staatliche Aufsicht.“

Mit Drill wurde „ein Teil der Männer in ein hierarchisches Soldatenleben gepresst“.

Es entwickelte sich in der frühen Neuzeit – möglicherweise auch in den hier betrachteten Dörfern Heinade, Hellental und Merxhausen - die Tendenz einer „Verhaltensgleichschaltung“.

Zugleich unterlagen Kleinstellenbesitzer, vornehmlich aber Knechte, Mägde und das Dienstpersonal, aber auch Soldaten, Wanderarbeiter und das „fahrende Volk“ Ausgrenzungsmechanismen und Disziplinierungsmaßnahmen [HAUPTMEYER 2004, S. 92].

Die etwa um 1800 einsetzende Industrialisierung wird als die grundlegende Phase für die Entstehung der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts angesehen („industrielle“ und „bürgerliche“ Revolution”), verbunden mit einer historisch unvergleichbaren strukturellen, immer intensiveren Wandlung von Gesellschaft und Wirtschaft.[1]

 

Die Renaissance & Statius von Münchhausen

Zu den einflussreichsten Epochen der neueren Menschheitsgeschichte zählt die Renaissance (Mitte 14. bis Mitte 16. Jahrhundert).

Sie ist gekennzeichnet von sensationellen Entdeckungen und Eroberungen, von bahnbrechenden und epochalen Reformen.

Der portugiesische Seefahrer Magellan (1480–1521) umsegelte die Welt - als Erster.

Durch das theologische Aufbegehren von Martin Luther gegen die Katholische Kirche kam es am Ende zur Kirchenspaltung und zur Reformation.

Die Malerei wurde durch die Entdeckung der Perspektive verändert.

Prachtvolle Bauwerke legen noch heute Zeugnis vom besonderen bautechnischen und künstlerischen Wirken in der Renaissance ab, mit eigener regionaler Ausprägung in Gestalt der so genannten Weserrenaissance.

Hervor zu heben sind hierbei das Hochzeitshaus in Hameln, das Schloss Bückeburg als prächtige fürstliche Residenz, die Martinikirche und das siebeneckige Mausoleum in Stadthagen, das Ensemble des Schlosses Hämelschenburg (Familie von Klencke) und nicht zuletzt das Schloss Bevern.

Der Schlossherr dieser Vierflügelanlage, der geschäftstüchtige Junker Statius von Münchhausen, ein „Renaissance-Adliger“, führte einen erfolgreichen Getreidehandel und Geldverleih.

Durch das dabei erzielte hohe Vermögen stieg er steil auf, stürzte aber durch einen spektakulären Konkurs 1619 ebenso rasant ab.

Hierdurch wird exemplarisch deutlich, welche enorme Bedeutung die zunehmende Geldwirtschaft für diese Zeit hatte und wie von ihr das Leben und Arbeiten der Menschen einschneidend verändert wurde.

Die enormen Umbrüche dieser Epoche wirkten sich letztlich auch auf das Leben der einfachen Landleute und ihren Alltag aus.

Im frühen 18. Jahrhundert herrschte noch die Kulturepoche des Barock vor, hervorgegangen aus Renaissance und Manierismus.

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts löste sich dann das Zeitalter des prunkvollen Barock in der galanten Welt des Rokoko (etwa 1720-1775) und in der Gegenbewegung des Klassizismus (etwa 1770-1830) auf.

 

Die neuzeitliche Identität infolge der Aufklärung

In der Zeitspanne des 18./19. Jahrhunderts entstand eine neue, eine „neuzeitliche Identität“.

Sie bezieht sich auf die auf der Geisteshaltung der Vernunft aufbauende Aufklärung mit dem historischen Schlüsselereignis der Französischen Revolution von 1789.

Des Weiteren war die „neuzeitliche Identität“ eine Identität der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Emanzipation, der bürgerlichen Lebensnormen mit dem Leitprinzip der staatsbürgerlichen Gleichstellung und der Bürgerlichkeit als Lebensgefühl und Haltung.

Diese führte letztlich zur allmählichen Überwindung des traditionellen, weitgehend noch ständisch strukturierten Gesellschaftssystems.

Während der frühen Neuzeit dominierte zunächst noch die spätmittelalterliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und eine problematische Binnenzollpolitik zwischen den deutschen Territorialstaaten.

Diese Epoche war, bei weitgehend statischer Technologie, geprägt von einem erheblichen Bevölkerungswachstum mit höheren Geburten- und Sterberaten und z.T. niedriger Lebenserwartung.

Bei noch vorherrschendem Feudalismus entstanden bereits erste kapitalistische Prinzipien.

Es folgten die Phasen des Humanismus, der Renaissance und der Reformation.

Schließlich schuf die Aufklärung eine neue geistige, wirtschaftliche und kulturelle Vielfalt.

Leitmotiv der europäischen Aufklärung war nach HAUPTMEYER [5] „die klare, vorurteilsfreie gedankliche Durchdringung aller Probleme.“

 

Herzöge Carl I. & Carl Wilhelm Ferdinand als Protagonisten der Aufklärung

In der Epoche der Aufklärung entwickelte sich das Herzogtum Braunschweig zum vorbildlichen Kleinstaat, wobei dessen Herzöge Carl I. und Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel zu den Protagonisten der Aufklärung zählen.

 

 

Unter Herzog Carl I. wurde der braunschweigische Staat Träger wesentlicher wirtschaftlicher Unternehmen.

Hierbei wurde u.a. das staatliche Ziel verfolgt, einerseits vom Import industrieller Produkte unabhängig zu werden und hierdurch das Geld im eigenen Staat zu binden, andererseits die eigene Exportfähigkeit zu fördern und durch die Exporterlöse die Staatseinnahmen zu verbessern.

Wurden bestimmte landesfremde Waren besteuert oder der Import "gemäßigt" (kleinstaatliche Schutzzollpolitik) oder gar untersagt, so wurde der Absatz landeseigener Produkte im Sinne des „Merkantilismus“ nachdrücklich gefördert, in dem sie u.a. in staatlich monopolisierten Betrieben (staatliche Manufakturen) hergestellt wurden.[2]

Nicht zuletzt aufgrund der enormen Finanzmisere seines Hofes setzte sich Herzog Carl I. für die Ansiedlung und Förderung neuer Wirtschaftsbetriebe in seinem Fürstentum ein.

Dabei trat eine fiskal- und wirtschaftspolitische Entwicklung ein mit Konzentration von Fiskalbetrieben auf wenige lokale Zentren in nachgeordneten Räumen.

Möglicherweise fiel die abgelegene, nicht-staatliche Steinbecker Glashütte im Hellental diesem staatlichen monopolisierenden Konzentrationsprozess zum Opfer.

 

Das lange Jahrhundert

Die Kriegsunruhen der Koaltionskriege (1792-1815) warfen letztendlich auch ihren wirtschaftlichen Schatten auf die hiesige Region.

Oft als „langes Jahrhundert” oder „Nationaljahrhundert“ bezeichnet, war das 19. Jahrhundert - im Vorfeld technisch zunehmender Mechanisierung und nachfolgender Industrialisierung - von krisenhaften sozio-ökonomischen Umbrüchen der 1840er und 1850er Jahre sowie von „Revolution” und „Reaktion” maßgeblich gekennzeichnet (Hungerjahre 1846/1847, Revolutionsjahre 1848/1849).

Weitere historische Schlagwörter für jene Zeit in Europa sind Kolonialismus, Imperialismus, Nationalismus, Liberalismus, Demokratie und Sozialismus.

Das geistige und kulturelle Leben wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der Romantik bestimmt, wenn auch in national unterschiedlicher Ausprägung.

Volks- und Kunstmärchen erfuhren geradezu einen konjunkturellen Aufschwung. Parallel hierzu entwickelte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Biedermeier, jenes bürgerliche Lebensgefühl der Stabilität in der „kleinen Welt” und des Familienidylls.

Im frühen 19. Jahrhundert wurde Napoleon I. (1769-1821) zur beherrschenden, historisch prägenden Gestalt in ganz Europa (Frankreich als „Grande Nation“).

In der nachnapoleonischen Ära keimte zunächst der Wunsch nach einem Wechsel vom Obrigkeits- zum Bürgerstaat, doch beim großen Wiener Kongress von 1814/1815 wurde eine politische Neuordnung in Europa geschaffen, die letztlich die Macht alter höfischer Dynastien aus der vornapoleonischen Epoche wiederherstellte.

Die höfisch-dynastische Geschichte des Landes Braunschweig, zu dem die Dörfer Heinade, Hellental und Merxhausen damals zählten, wurde seit dem 17. Jahrhundert von Angehörigen der Dynastie Braunschweig-Bevern bestimmt (1667-1884).

Trotz ihrer geografischen Abgeschiedenheit am nördlichen Sollingrand waren die hier betrachteten Dörfer mittelbar in jene historische Epoche mit einbezogen, wo nahezu ununterbrochen Kriege im Gefolge der Französischen Revolution (1789), der Machtansprüche von Napoleon I. und der daraufhin folgenden „Befreiung” über Mitteleuropa hinweg gingen („Napoleonische Jahre”).

Durch die preußische Annexion des Königreiches Hannover von 1866 war Braunschweig, trotz seiner vormaligen Pionierleistungen im Eisenbahnwesen, gezwungen gewesen, seine staatseigenen Bahnen an Preußen zu verkaufen.

Dies führte in der Konsequenz dazu, dass alle großen Ost-West-Verbindungen nunmehr allesamt an Braunschweig vorbeiliefen.

Dessen ungeachtet wurde das Herzogtum Braunschweig dennoch zum Vorreiter der Industrialisierung in Niedersachsen.[3]

Auf Grund der vergleichsweise jungen Dorfgeschichte - erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnend - haben die ursprünglichen Hellentaler Familien - ganz im Gegensatz zu denen der benachbarten spätmittelalterlichen Bauerndörfern Heinade und Merxhausen - keine Kriegszerstörungen, Verwüstungen oder gar schwere Leitepidemien (Pest, Pocken, Cholera) erfahren.

 

 

Text & Fotografien: Dr. KIlaus A.E. Weber, Hellental



[1] Zwei Veröffentlichungen im Band 22 des Jahrbuches für den Landkreis Holzminden (2004) befassen sich anhand anschaulicher regionalgeschichtlicher Beispiele mit dieser richtungsweisenden Epoche. So wird von Werner Jahns „Die Wirtschaft im Braunschweiger Weserkreis von 1816 bis 1839 im Spiegel des Exports nach Bremen” dargestellt, von Martin Krämer „Etwas besseres finden wir überall - Grünenplaner Wirtschaftsflüchtlinge in Osteuropa, 1791-1815”.

HENNING 1989.

[2] KRUEGER 2003, JARCK/SCHILDR 2000, KOCH 1995.

[3] HOFFMANN 2004, S. 48.

[4] HAUPTMEYER 2004, S. 91.

[5] HAUPTMEYER 1995.