W|G|D: "Gläserne Spur" im Spiegel des Ersten Weltkriegs & des Nationalsozialismus

Klaus A.E. Weber

 

Schwerer, geschweifter Humpen - mit Widmung

Eine lokale, individuelle „gläserne Spur" des Ersten Weltkriegs (1914-1918) stellt der in der Georgshütte am westlichen Sollingrand in Boffzen mundgeblasen hergestellte, wuchtig anmutende glatte Bierhumpen aus farblosem Glas dar - mit den Markierungen "1 1/4 L" und "2 L" sowie mit der später durch Gravur hinzugefügten Widmung

Karl Sievers zum Geburtstag 1933


Schwerer, geschweifter Geburtstags-Bierhumpen  »Karl Sievers zum Geburtstage 1933«

Glas, farblos │ Vol.: 2,3 l │ Gew.: 1.290 g │ Markierung: 1 ¼ L – 2 L

 

Glasfabrik Georgshütte Boffzen (1872-1989) - Bierhumpen (Seidel) mit der Produktionsnummer 266

Humpen – geschweift, schwer, aufgetrieben, gestreift und glatt │ 0,5 – 5 Liter

 

Von dem verwandten Glasbläser August Hansmann in der ehemaligen industriellen Hohl- und Pressglasfabrik mit Dampfschleiferei (1872-1989) in Boffzen optisch geblasen hergestellt, wurde der imposante, 1,3 kg schwere 2-Liter-Bierhumpen im Jahr 1933 – dem Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme – dem kriegsblinden, 39jährigen „Karl Sievers zum Geburtstag“ in Hellental im Solling geschenkt.

Nach mündlicher Überlieferung sei der große Bierhumpen bereits vor 1933, wahrscheinlich um 1930, während der Weimarer Republik in der Georgshütte hergestellt worden.

Hierzu ist anzumerken, dass nach seiner Machtübernahme 1933 das nationalsozialistische Regime das Boffzener Glasunternehmen aufgefordert hatte, das Mundblasverfahren einzustellen und Glas nur noch maschinell zu produzieren.

 

Karl Siebers (1894-1961)

Der Waldarbeitersohn und Anbauer Carl Sievers │ später militärisch: Karl Julius August Siebers wurde am 18. August 1894 in Hellental geboren, wo er am 03. Mai 1961 verstarb. 

Seit 1912 zunächst als Schlachtergeselle in der Sollingregion tätig, wurde im Ersten Weltkrieg der 21-jährige Soldat - eingesetzt als Füsilier - im Stahlgewitter an der so genannten Ostfront in Russland im Kriegsjahr 1915 durch eine Granatenexplosion im Schützengraben im Gesicht und an der rechten Hand schwerverletzt und anschließend wochenlang stationär in einem Feldlazarett behandelt.

 

Bescheid der Versorgungsabteilung des X. Armeekorps des Stellvertretenden General-Kommandos in Hannover vomm 31. Juli 1917

 

Am 31. Juli 1917 wurde Carl Sievers - nunmehr militärisch offiziell als Karl Siebers geführt - nach seiner Antragstellung vom 21. November 1916 von der Versorgungsabteilung des X. Armeekorps des Stellvertretenden General-Kommandos in Hannover aufgrund seiner "erlittenen Kriegs-Dienstbeschädigung" als 100 % erwerbsunfähg und "dreifach verstümmelt" angesehen.[2]

 

Der erblindete Anbauer Carl Sievers / Karl Julius August Siebers (1894-1961)

mit seinem Vater, dem Waldarbeiter Carl Heinrich Daniel Siebers (1866-1947)

 

Trotz seines harten Schicksals einer Behinderung durch die beidseitige Erblindung zu Beginn des Ersten Weltkrieges, lebte Karl Siebers auch weiterhin landwirtschaftlich aktiv in dem Sollingdorf Hellental.

 

Der landwirtschaftlich aktive Karl Siebers mit seinem Blindenführhund "Luchs" um 1954

 

 

Fotografien: Archiv Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] In einer glashistorischen Sonderausstellung zeigte das Museum Backhaus ⎸Hellental im Sommer 2014 zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs in einer inzwischen abgeschlossenen Glasausstellungseinheit „Georgshütte Boffzen - Beckerglas“ einen dort manuell hergestellten, wuchtig anmutenden Geburtstags-Bierhumpen aus farblosem, mundgeblasenem Glas.

[2] Aus den persönliche Unterlagen von Karl Siebers (Militärpass, Bescheinigungen etc.), Privatsammlung von Hannelore Schulz, Hellental.