"Gläserne Spur" im Spiegel des Ersten Weltkriegs (1914-1918)

Erblindung 1915 im  Stahlgewitter der "Ostfront" - Großer Geburtstags-Bierhumpen 1933

 

Eine individuelle „gläserne Spur" des Ersten Weltkriegs (1914-1918) stellt der in der „Georgshütte Boffzen - Beckerglas“ manuell hergestellte, wuchtig anmutende Bierhumpen aus farblosem Glas mit der Gravur „Karl Sievers zum Geburtstag 1933“ und den Markierungen "1 1/4 L" und "2 L" dar.

Geburtstags-Bierhumpen  »Karl Sievers zum Geburtstage 1933«

Glas, farblos │ Vol.: 2,3 l │ Gew.: 1.290 g │ Markierung: 1 ¼ L – 2 L

 

Von dem verwandten Glasbläser August Hansmann in der ehemaligen industriellen Hohl- und Pressglasfabrik/Dampfschleiferei (1872-1989) in Boffzen mundgeblasen, wurde der imposante, 1,3 kg schwere 2-Liter-Bierhumpen im Jahr 1933 – dem Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme – dem kriegsblinden „Karl Sievers zum Geburtstag“ in Hellental im Solling geschenkt.

Nach mündlicher Überlieferung sei der große Bierhumpen aber bereits um 1930 in der Glashütte am westlichen Sollingrand in Boffzen hergestellt worden.

Der Waldarbeitersohn Carl Sievers │ Karl Julius August Siebers wurde am 18. August 1894 in Hellental geboren, wo er am 03. Mai 1961 verstarb. 

Seit 1912 zunächst als Schlachtergeselle in der Sollingregion tätig, wurde im Ersten Weltkrieg der 21-jährige Soldat - eingesetzt als Füsilier - im Stahlgewitter an der so genannten Ostfront in Russland 1915 durch eine Granatenexplosion im Schützengraben im Gesicht und an der rechten Hand schwerverletzt und anschließend wochenlang stationär in einem Feldlazarett behandelt.

 

Bescheid der Versorgungsabteilung des X. Armeekorps des Stellvertretenden General-Kommandos in Hannover vomm 31. Juli 1917

 

Am 31. Juli 1917 wurde Carl Sievers - nunmehr militärisch offiziell als Karl Siebers geführt - nach seiner Antragstellung vom 21. November 1916 von der Versorgungsabteilung des X. Armeekorps des Stellvertretenden General-Kommandos in Hannover aufgrund seiner "erlittenen Kriegs-Dienstbeschädigung" als 100 % erwerbsunfähg und "dreifach verstümmelt" angesehen.[2]

 

Der erblindete Karl Siebers (1894-1961) mit seinem Vater Heinrich Sievers (1866-1947), Waldarbeiter

 

Trotz seines harten Schicksals einer Behinderung durch die beidseitige Erblindung zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebte Karl Siebers auch weiterhin landwirtschaftlich aktiv in dem Sollingdorf Hellental.

 

Der landwirtschaftlich aktive Karl Siebers mit seinem Blindenführhund "Luchs" um 1954

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] In einer glashistorischen Sonderausstellung zeigte das Museum Backhaus ⎸Hellental im Sommer 2014 zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs in einer inzwischen abgeschlossenen Glasausstellungseinheit „Georgshütte Boffzen - Beckerglas“ einen dort manuell hergestellten, wuchtig anmutenden Geburtstags-Bierhumpen aus farblosem Glas.

[2] aus den persönliche Unterlagen von Karl Siebers (Militärpass, Bescheinigungen etc.), Privatsammlung von Hannelore Schulz, Hellental.