Wassermühle - Liegenschaft Ass.-№ 2

Klaus A.E. Weber

Vom Pochwerk │ Steinschleifmühle (?) zur Korn- & Ölmühle am Berg

Dorfansicht um 1900 - mit "Seitz'scher Wassermühle", Liegenschaft Ass.-№ 2


Neben vom Wind angetriebenen Kappenwindmühlen, wie beispielsweise der "Durchfahrtholländer" - die Lindemannsche Mühle - in der ostwestfälischen Stadt Vlotho, war ehemals das wasserbauliche Anlegen von Wassermühlen mit großen Mühen und Kosten verbunden.

Üblicherweise wurden in der Berglandschaft des Sollings nur solche Mühlen errichtet, die zum Mahlen weitgehend die regenerative Energie der Wasserkraft der zahlreichen Bäche nutzen konnten.

Die wesentliche Voraussetzung hierbei war ein günstiges Gefälle des Fließgewässers, um möglichst viel von der Reliefenergie in Arbeitsenergie umsetzen zu können.

Meist lag daher der Standort von Wassermühlen außerhalb geschlossener Ortschaften.

Im Gegensatz hierzu wurde die Mahlmühle in Hellental an einem Berghang unterhalb der im Oberdorf kräftig schüttenden Bergquelle angelegt, von wo aus dem steil abfließenden Mutterbachlauf in einem Mühlengraben durch die Wiese zur Mühle und zum Wasserrad geleitet wurde.

Der Hauptanteil der "Beeke" floss allerdings fast geradlinig, zwischen ehemaliger Dorfschule und Mühle vorbei, in die Merxhausener Feldmark im Talgrund zur Helle.

Die Hellentaler Wassermühle diente bis über das 19. Jahrhundert hinaus dem gewerblichen Mahlen von Getreide und als Ölmühle.

Hierbei kann davon ausgegangen werden, dass insbesondere zur Leinölgewinnung der Samen der Leinpflanze gemahlen wurde, aber auch Bucheckern zur Ölgewinnung genutzt wurden.

 

„Puchmühle“ │ Steinschleifmühle (?)  - an der Beeke

Nach LESSMANN [4] soll der mecklenburgische Glasmachermeister Jobst Henrich Gundelach, als er um 1717 mit seinen Facharbeitern die Glashütte Zur Steinbeke errichtete, zugleich auch eine „Puchmühle“ (Pochwerk) erbaut haben.

Wahrscheinlich diente dieses Pochwerk zur Zerkleinerung von Gesteinsmaterialien zur Quarzsandgewinnung, wie dies bei anderen Glashüttenstandorten nachvollziehbar ist.

Im Zusammenhang mit dem Glashüttenstandort Holzen (1744-1768) wurde ebenfalls eine „Puchmühle“ erwähnt.[1]

Vor dem Hintergrund, dass zum Ende des 17. Jahrhunderts Kristall- und Kreideglas aufgekommen ist, dessen dickere Wandstärke sich besonders für Schliff und Schnitt eignete (Pokalgläser), muss aber auch die Frage aufgeworfen werden, ob möglicherweise bei der zu Anfang des 18. Jahrhundert errichteten Glashütte Zur Steinbeke eine Steinschleifmühle zur Glasveredelung betrieben wurde. 

Indes können keine belastbaren Nachweise hierfür herangezogen werden.

Die "Puchmühle" in Hellental sei dann 1837 zur Öl- und Mahlmühle umgebaut worden.

 

"Hellentaler Mühle" [4]

 

1756 - Streit um die Erlaubnis zum Bau der Mahlmühle

Im Zuge der im 18. Jahrhundert für den Braunschweiger Weser-Distrikt beschriebenen bodenständigen, merkantilen Wirtschaftsförderung wurde von Herzog Carl I., im Zusammenwirken mit seinem Hofjägermeister Johann Georg v. Langen, auch der ehemalige Glashüttenstandort Zur Steinbeke im Hellental in die staatlichen Planungen einbezogen.

So soll dort bereits 1756 eine Schleifmühle errichtet gewesen sein, die Ausgangsort der neu zu gründenden Mahlmühle werden sollte.[3]

Bevor aber diese staatliche Wirtschaftsplanung umgesetzt werden konnte, war zunächst juristisch abzuklären, ob das der „Bärtling’schen Mühle“ in Merxhausen landesherrlich zugestandene Zwangsrecht, das sowohl für Heinade als auch für Merxhausen galt, auch auf das neu entstandene Sollingdorf Hellental angewandt werden könne.

Bei der rechtlichen Prüfung sei zunächst festgestellt worden, dass das Zwangsrecht schon weit vor dem Dreißigjährigen Krieg, also vor 1618, festgelegt worden war, also zu einer Zeit, wo weder die Glashütte Zur Steinbeke noch das Dorf Hellental bestanden haben.[4]

Für die herzogliche Entscheidung ausschlaggebend war wohl letztlich die Feststellung, dass Hellentaler Kleinstellenbesitzer ohnehin nicht im unmittelbar benachbarten Merxhausen mahlen ließen, sondern im weiter entfernten Mackensen, das bis 1803 zum hannoverschen Bistum Hildesheim gehörte.

Hier soll bereits um 1663 eine alte Erben- und Zwangsmühle betrieben worden sein, seinerzeit als „Ölmühle“ bezeichnet.[5]

Trotz der Argumentation des Wildmeisters Bärtling (Bartling?), Mitinhaber der Merxhäuser Mahlmühle, dass sich zwei Mühlen auf so engem Raum gegenseitig wirtschaftlich behindern würden, sei die landesherrliche Erlaubnis zum Bau der Hellentaler Mühle erteilt worden.

Merkantile staatliche Überlegungen (regelmäßiger Pachtzins an die Herzogliche Kammer des Grundherren) mögen dazu beigetragen haben, fiskalisch dafür zu sorgen, dass die Finanzmittel der Hellentaler Dorfbewohner nicht ins benachbarte, „ausländische” Bistum Hildesheim „transferiert” wurden.[6]

Heute bestehen durch nachfolgende Umbaumaßnahmen kaum noch erkennbare bauliche Hinweise auf den ehemaligen, traditionellen Mahlmühlenbetrieb am Berghang in Hellental.

 

[4]

 

Seit 1758 - Die gewerblichen Mühlenbesitzer – von Dempewolff bis Seitz [7]

Der Mahlmüller der ehemaligen „Weißen Mühle” bei Denkiehausen, Franz Conrad Dempewolff, soll 1758 beim Braunschweiger Hof den Antrag gestellt haben, ihm das Gelände der ehemaligen Glashütten-Puchmühle sowie das benötigte Bauholz forstzinsfrei zu überlassen.

Zugleich soll sich Dempewolff verpflichtet haben, jährlich Erbzins für die Mühle und Wasserzoll an die Herzogliche Kammer zu entrichten.

Innerhalb weniger Wochen soll die Genehmigung der Kammer eingetroffen sein, so dass mit dem Bau der Hellentaler Mahlmühle 1758 begonnen werden konnte.

Nach einem Kirchenbucheintrag war Franz Conrad Dempewolff 1759-1759 "Mahlmüller zum Hellenthal".

Er heiratete Catharina Sophia Henriette Brinkmann aus Hellental, wobei aus der Ehe zwei Kinder hervorgingen (1756, 1759).

Auch Georg Andreas Dempewolf war Mahlmüller zum Hellenthal.

Er heiratete Sophie Dorothee Meier aus Hellental.

Müllermeister Georg Heinrich Dempewolf ehelichte am am 25. September 1794 in Hellental Sophie Eleonore Hirschberger.

Heinrich Wilhelm Dempewolff war um 1778 Müller in Hellental.

Er war hier mit Catharina Maria Kukuck verheiratet und hatte mit ihr sieben Kinder (1773-1788).

Die Mahlmühle blieb also zunächst im Besitz der Familie Dempewolff (Dempewolf).

Aus der regional weit verbreiteten Müllersippe der Düvels erwarb sie dann 1828 Müllermeister Georg Friedrich Düvel (Düwell; 10. April 1797 – 04. Juni 1861), Sohn des Müllermeisters Johann Heinrich Ludwig Düfel.

Der im Januar 1754 geborene Müllermeister Johann Heinrich Ludwig Düfel war in Hellental, wo er am 10. Januar 1819 starb, mit Maria Dorothea Hentze verheiratet.

Aus dieser Ehe gingen 1792-1804 fünf Kinder hervor, wobei schicksalsschwer die 41-jährige Mutter Maria Dorothea am 01. Februar 1804 „im Wochenbett“ verstarb.

Der Sohn Georg Friedrich Düvel heiratete in erster Ehe die am 14. Februar 1798 in Hellental geborene Maria Catharina Julia Greinert.

Der 1835 in Einbeck geborene Müller Georg Heinrich Ohle übernahm 1860 die Mühle.

In den „Braunschweigische Anzeigen“ vom Juni 1873 wurde im Rahmen einer fiskalischen Entschädigungsangelegenheit im Amtsgerichtsbezirk Stadtoldendorf Heinrich Ohle, „rect. Erben des Müllers Düwel“ (Ass.-№ 2), angegeben.[9]

Heinrich Ohle folgte schließlich 1891/1894 Heinrich Karl Friedrich Seitz (23. Mai 1864 – 03. Mai 1936) als Mühlenbesitzer.

Er heiratete am 31. August 1890 in Hellental Berta Friederike Wilhelmine Christiane Müller aus Silberborn.

Karl Seitz folgte der am 25. August 1897 in Hellental geborene Landwirt Otto Albert Erich Seitz, Vater von Heinrich Seitz (dem heutigen Grundstückseigentümer) und Hermine Seitz.

Erich Seitz war mit der am 30. November 1905 in Mackensen geborenen Hermine Emma Johanne Langheim verheiratet.

 

Rückwärtiger Blick auf die "Seitz'sche Wassermühle" - Liegenschaft Ass.-№ 2 um 1900

 

Ab 1828: Mahlmühle

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts trat Georg Friedrich Düwel (1797-1861) als Besitzer der Mahlmühle auf.

Als 31-jähriger Müllermeister pachtete er 1828 das neu errichtete Gemeinde-Backhaus in Hellental und betrieb als Erster den zentralen Dorfbackofen.

 

 

Bleistiftzeichnung eines noch heute gut erhaltenen, geformten Buntsandsteins mit der heraus gehauenen, schlichten Original-Majuskelinschrift

„Georg Düwell – Müllermeister - 1828” Georg Friedrich Düvel (Düwell (1797-1861)

angeordnet um ein stilisiertes Mühlenrad im Zentrum [8]


1905-1955: Schicksalsjahre der alten Wassermühle 

Im 20. Jahrhundert schrotete die vormals gewerbliche Mahlmühle mit einer um 1905 eingebauten Wasserturbine und in einem Schrotgang lediglich nur noch für den Eigenbedarf der Landwirtschaft ihres Besitzers Erich Seitz.

Die Mühle war eine Erbenzinsmühle.[2]

Wie aktenkundig ist, waren die Wasserstände in dem oberhalb der Mühle angelegten Seitz’schen Mühlenteich zu Beginn des 20. Jahrhunderts offenbar recht unterschiedlich.

Wie der Mühlenbesitzer Seitz seinerzeit beklagte, sei der Mühlenbetrieb bei niedrigem Wasserstand gefährdet.

Hinzu kam, dass 1948, in der Nachkriegszeit, der ehemalige Mühlenteich zu einem kommunalen Feuerlöschteich umgewidmet wurde.

Zur weiteren Nutzung des Teichwassers sollten für den Mühlenbesitzer Albert Erich Seitz daraufhin die "Wasserrechte" neu eingerichtet werden, die sich um 1950 auf rund 5.000,- DM belaufen sollten.

Hierdurch wurde die Nutzung des Teichwassers letztlich unrentabel und schließlich 1955 - 50 Jahre nach Einbau der Wasserturbine - der Mühlenbetrieb mit der Schrotmühle endgültig eingestellt.

Das alte Mühlengebäude wurde teils abgerissen, teils umgebaut, damit ein neues, zeitgemäß modernes Wohngebäude entstehen konnte.

Die große, heute bestehende Scheune des ehemaligen Mühlenanwesens wurde 1948 errichtet.

 

Oma Seitz (1867-1949) – „… ausgefüllt von Arbeit und Mühe“

„Nomen est omen.“ - Die am 18. Juni 1867 in Silberborn geborene Berta Friederike Wilhelmine Christiane Müller heiratete am 31. August 1890 in Hellental den 26-jährigen Mühlenbesitzer Karl Seitz.

Berta Seitz ist die Großmutter des heute in Hellental lebenden Heinrich Seitz.

Aus der 46 Jahre währenden Ehe von Karl und Berta Seitz gingen zwischen 1891-1906 insgesamt 12 Kinder hervor.

An ihrem Lebensabend saß „Oma Seitz“ im Wohnzimmer gerne und oft in ihrem Schaukelstuhl.

Eine Pressemitteilung des „Täglichen Anzeigers Holzminden“ vom 18. Juni 1937 war dem 70. Geburtstag von Berta Seitz gewidmet worden („Oma Seitz 70 Jahre alt“):

 

"Heute, am 18. Juni, vollendet die Witwe Berta Seitz ihr 70. Lebensjahr.

Wir gratulieren der Greisin herzlich dazu und wünschen ihr einen schönen und ruhigen Lebensabend.

Sie hat ihn verdient, denn ihr Leben ist ausgefüllt von Arbeit und Mühe …

Als sie mit ihrem vor einem Jahr verstorbenen Mann [Anm.: Karl Seitz starb am 03. Mai 1936] in den Ehestand trat [Anm.: 1890], hatten beide weiter nichts als die Kraft ihrer Hände und den Willen und den Glauben, aller Schwierigkeiten Herr zu werden.

Ihrer gemeinsamen Arbeit ist aber auch nicht der Erfolg versagt geblieben.

In jahrzehntelangem Streben und Schaffen haben sie sich ein schönes Anwesen erwoben, eine Landwirtschaft, ein Fuhrgeschäft und eine Schrotmühle.

Und dabei schenkte Oma Seitz ihrem Manne zwölf gesunde Kinder.

Sie wurden alle zwar einfach, aber gut und zu fleißigen Menschen erzogen; neun leben heute noch.

Ein Sohn blieb auf dem Felde der Ehre.

Möge die Freude an Kindern und Kindeskindern ihr weiters Leben durchsonnen."

 

 

Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental 

Fotografie: Privatsammlung Heinrich Seitz, Hellental



[1] HENZE 2004, S. 65.

[2] KLEEBERG 1979.

[3] LILGE (o. J.), S.16-18.

[4] LESSMANN 1984, S. 32-34.

[5] CREYDT 1996, S. 8.

[6] LESSMANN 1984.

[7] NÄGELER/WEBER 2004; KLEEBERG 1979; LESSMANN 1984.

[8] unbekannter Zeichner; aus der ehemaligen Privatsammlung von Willi Leßmann (Hellental); jetzt Bestandteil der Archiv-Sammlung des HGV Heinade-Hellental-Merxhausen. Original-Stein im Museum im Backhaus als Dauerleihgabe von Heinrich Seitz, Hellental.

[9] Amtsgerichtsbezirk Stadtoldendorf, Juni 1873, 136. Stück, 7461/7462.

[10] BAYERL 2013, S. 115-135.