„Helldahlsche Vertellesche” & Döneken

Klaus A.E. Weber

 

Vom Leben & Arbeiten im Licht & Schatten des Sollingtals

Über Hellental, den abgeschiedenen, einsamen Waldwinkel im Solling, gibt es Berichte über rätselhafte und ungeklärte dörfliche Geschehnisse und Phänomene, über Zeugnisse der Volksfrömmigkeit und des Aberglaubens von vorgestern.

Das direkte Erleben der nicht immer „gnädigen” Natur machte viele Dorfbewohner anhaltend psychisch sensibel für nicht rational begründbare Beobachtungen und Ereignisse.

Noch heute ist bei älteren „Helldahlschen“ ein tradiertes, innerlich tief veranlagtes Verhalten anzutreffen, zurückliegende individuelle Ereignisse im und um das Dorf als mystische Vorhersagungen oder als übernatürliche Vorgänge anzusehen oder zu deuten.

Über die sozialen Interaktionen, das wechselseitige, aufeinander bezogene und aneinander orientierte Verhalten zwischen Familien, ihren Mitgliedern und Einzelpersonen eines Dorfes sowie gegenüber Fremden ist heute kaum etwas bekannt, ebenso wenig zur Art und zum Umfang der dörflichen sozialen Kommunikation in den Zeiträumen des 18./19. Jahrhunderts.

Der allgemeine Bildungsstand der „kleinen Leute“ in den Dörfern jener Epoche ist, wie auch in anderen vergleichbaren ländlichen Regionen, als eher niedrig einzustufen.

Wie reagierten damals Dorfbewohner unterschiedlicher regionaler Herkunft und sozialer wie kultureller Prägung, unterschiedlicher beruflicher Qualifikation und Erfahrung sowie mit unterschiedlichem Besitzstand wechselseitig aufeinander?

Wie beeinflussten und steuerten sie sich gegenseitig in den drei Dörfern?

Wie erfolgte der Umgang mit Sachinformationen, aber auch mit Gefühlen, Empfindungen, Bedürfnissen und Wünschen?

Wie wurden unterschiedliche Beziehungen innerhalb wie außerhalb des Dorfes hergestellt und aufrechterhalten?

Wie waren das dörfliche Zusammenleben und die Beziehung untereinander geregelt und geordnet?

Zu allen diesen Fragen können keine hinreichend verlässlichen Aussagen getroffen werden, so dass hierzu sozialwissenschaftlicher Untersuchungsbedarf zu signalisieren ist.

Hilfsweise kann auf Erzählungen, Geschichten und Gedichte über das Dorf Hellental zurückgegriffen werden.

Die meisten bekannt gewordenen Erzählungen, Geschichten und Gedichte über das Sollingtal und Arbeiterbergdorf Hellental haben durchaus auch sozialhistorische Bezüge, wohl wissend, dass die vorwiegend mündlichen Volksüberlieferungen nicht immer die tatsächlichen historischen Gegebenheiten widerspiegeln.

Die Darstellung dessen, was noch heute gelegentlich bei geselligen Anlässen lebhaft als "Vertellesche", Anekdoten und Döneken erzählt wird, wie auch bereits Aufgeschriebenes und Veröffentlichtes, soll hier kurz vorgestellt werden, auch wenn es sich um anrüchige Begebenheiten handeln sollte.

Mit dem Solling und seinen im Charakter unverwechselbar „typischen” Bewohnerinnen und Bewohnern beschäftigen sich insbesondere die regional-historischen Abhandlungen und Erzählungen von Heinrich Sohnrey (1859-1948) und Otto Stille (1886-1965).[1]

Auch ist auf den 1922 in Berlin erstmals veröffentlichten Memoirenband „Engelchristine – Mägdealltag und Mädchenträume“ von Hanshenderk Solljer sowie auf den Folgeband „Eign Herd und eigen Stert …“ hinzuweisen.

Beide Werke vermitteln regional- wie sozialgeschichtliche Einblicke in das alltägliche Landleben „kleiner Leute“ im Solling, erzählt von Friederike von Ohlen (1838–1923), genannt „Engelchristine“.

 

 

[13]


Schöne „Helldahlsche Vertellesche” & Döneken

Über Hellental, den abgeschiedenen, einsamen Waldwinkel im Solling, gibt es Berichte über rätselhafte und ungeklärte dörfliche Geschehnisse und Phänomene, über Zeugnisse der Volksfrömmigkeit und des Aberglaubens von vorgestern.

Das direkte Erleben der nicht immer günstig gestimmten Natur machte viele Dorfbewohner anhaltend psychisch sensibel für nicht rational begründbare Beobachtungen und Ereignisse.

Noch heute ist bei den wenigen älteren Hellentalern ein tradiertes, innerlich tief veranlagtes Verhalten anzutreffen, zurückliegende individuelle Ereignisse im und um das Dorf als mystische Vorhersagungen oder als übernatürliche Vorgänge anzusehen oder zu deuten.

Wie der 1942 verstorbene Hellentaler Lehrer Paul Timmermann zur noch heute bei einigen älteren Dorfbewohnern anzutreffenden Grundstimmung kennzeichnend ausführte, würden im Leben oft Zufälle oder Geschehnisse auftreten, die häufig von innerlich tief veranlagten Menschen als Vorhersagungen angesprochen oder als übernatürliche Vorgänge angesehen würden.

Dass es sich hierbei meistens um natürliche Zufälle handele, sei diesen Menschen oft nicht klar.

Der Hellentaler Willi Leßmann berichtete im Jahr 1984, dass es um die Wende des 19./20. Jahrhunderts in Hellental eine Musikkapelle gab, die von dem Schlachtermeister Heinrich Köke geleitet wurde.

Die alten Einwohner der näheren, aber auch weiteren Umgebung würden noch heute von ihren Vereinsbällen schwärmen, auf denen die Hellentaler zum Tanz aufspielten.

Vor allem blieben die alten, herrlichen „Bismarckschen Tänze“ in bester Erinnerung, offenbar ein Steckenpferd der Musikkapelle.

Da auch Leßmanns Schwiegervater Otto Mengler (07.06.1894 - 05.06.1964) mit zu der alten Kapelle gehörte, kann man sich denken, was alles so als plattdeutsche „Helldölsche Vertellesche“ zutage kam.

 

Helldale ümme dei Jahrhundertwenne

De Wächter tute in sein Horn

un leddig sind de Straaten

Blaut min’n im Dörp de graate Born

kann nich sein Flüstern laaten.

 

De Glock slaat tein „Frie wärt up Eer’n”

de Wind wärt sachte laise

am Himmel scheint de helle Steern

in seiner stillen Waise.


De Maand treckt langsam seine Bahn

dat Holt staht swart un bieder.

De Slaap gaht niun von Mann tea Mann

un schlütt de Augenlider.

 

Dai Seel’ vergettet Müh un Plaag

dat Harte daat sek eopen.

Dat morgen kümmt en naier Da

dat wüllt weu alle hopen!

 

Willi Leßmann

 

 

Mystische Vorhersagungen

 

„Die zersprungene Glocke (in Hellenthal)“ - oder „Die Glocke brachte es an den Tag“

Der Hellentaler Lehrer PAUL TIMMERMANN [16] schrieb 1925 die Geschichte der „Zersprungenen Glocke in Hellenthal” auf, die seine Frau Leni Timmermann zum Abdruck dem Heimat- und Geschichtsverein Holzminden e.V. zur Verfügung stellte.

Sie selbst fertigte hierzu 1987 eine eigene Kurzdarstellung als „Sage” an.[2]

Von der Volkserzählung findet sich auch eine Variation in dem von SOHNREY 1929 veröffentlichten Solling-Werk „Tchiff, tchaff, toho!”.

Zudem wurden in der Folgezeit jeweils variierende Nacherzählungen von TEIWES, KOLLMANN, PETSCHEL und PORATH veröffentlicht.[3]

Das Zerspringen einer Kirchenglocke war offenbar zu jener Zeit kein allzu seltenes Ereignis, wie es auch das Schicksal der Kirchenglocken von Merxhausen (1899) und von Deensen am 1. Pfingsttag 1830 zeigte.[4]

Bemerkenswert ist, dass PETSCHEL noch im Jahr 2001 in seiner kleinen Sammlung von Sagen und Märchen aus der Region des niedersächsischen Berglandes ausführt:

Derjenige, der nach Hellental komme, „die Geschichte noch von alten Leuten erzählt hören und sich überzeugen“ kann, „dass sie nicht nur erzählt, sondern auch fest geglaubt wird.“[5]

Zunächst ist noch vorauszuschicken, dass noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Solling die Aufzucht und der Handel mit Kanarienvögeln in Blüte standen.

In jener Zeit war in allen Sollingdörfern ohnehin ein wirtschaftliches Basisauskommen nur durch Nebenerwerb zu gewährleisten.

Zu einem solchen gehörten auch der Handel mit Russland und Nordamerika mit zum Singen abgerichteten Dompfaffen und Kanarienvögeln.

Nach einer Überlieferung war auch in Hellental ein alter Mann auf den nebenerwerblichen Verkauf von Kanarienvögeln angewiesen, der Kanarienvogelzüchter und Vogelhändler Wilhelm Brömer.[6]

Von ihm erzählte man sich dieses und jenes in Hellental.

Er soll, um alle seine Zuchtvögel zu verkaufen, weit umher gezogen sein.

Meistens mit einer ordentlichen Tracht von Hähnen nach Russland beladen, vertrieb er dort seine begehrten Vögel.

Eines Tages im Herbst soll Wilhelm Brömer wieder mit Kanarienvögeln nach Russland gezogen sein.[7]

Zu seiner Begleitung und Unterstützung habe er einen 14- oder 15-jährigen, nicht mehr schulpflichtig Burschen namens Denecke mitgenommen.

Der junge Mann habe so auch die Welt kennen lernen wollen.

Auf dieser Reise sei in Russland (Amerika) schnell die kostbare Last in klingende Münze umgesetzt worden.

Der Vogelhändler habe sich wieder auf den Heimweg nach Hellental gemacht. Jetzt sollen Verhältnisse eingetreten sein, die nie ganz aufgeklärt wurden.

Als Wilhelm Brömer nach Jahr und Tag (nach einem halben Jahr) nach Hellental zurückgekommen und der junge Bursche nicht mit zurückgekehrt sei, sollen ihn die misstrauischen Eltern des jungen Burschen, der stets gesund und käftig gewesen sei, nach dessen Verbleib gefragt haben.

Wilhelm Brömer soll glaubwürdig erwidert haben, dass der junge Mann erkrankt und dann gestorben sei, obwohl er alles Menschenmögliche für ihn getan habe.

Die Mutter des jungen Burschen soll den Beteuerungen von Wilhelm Brömer jedoch nicht geglaubt und ihm vorgeworfen haben, dass er den Jungen in Russland (Amerika) gelassen und ihn dort verkauft habe.

Alle Versuche Brömers, sich zu rechtfertigen und alle Schuld entschieden von sich zu weisen, seinen fehlgeschlagen.

Daraufhin soll Wilhelm Brömer gesagt haben: „Es ist so wahr, dass der Junge gestorben ist, wie es wahr werden soll, dass an meinem Todestage bei meinem Totengeläut die Glocke springen soll.“

Etliche Jahre seien dann ins Land gegangen und Wilhelm Brömer habe sein Geschäft wie immer betrieben.

Das ungeklärte, geheimnisvolle Verschwinden des jungen Mannes sei darüber fast in Vergessenheit geraten; nur hin und wieder sei derselbe noch erwähnt worden.

Eines Tages im Jahre 1890/1891 (wahrscheinlich 1893) sei Wilhelm Brömer gestorben.

Er habe einen leichten Tod gehabt, friedlich sei er eingeschlafen.

Hingegen habe man im Dorf aber einen grässlichen und schmerzhaften Tod erwartet.

Aber nichts von alledem sei eingetreten.

Als der Totengräber Wilhelm Brömer das Totenschauer geläutet habe, soll die Glocke nach ein paar Anschlägen plötzlich einen kurzen, hohlen und blechernen Ton abgegeben haben - sie sei gesprungen.

Die Einwohner von Hellental sollen sich der Aussage des Toten erinnert und festgestellt haben, dass man Wilhelm Brömer seinerzeit zu Unrecht verdammt habe.

 

[12]

 

In der Darstellung von SOHNREY (1929) und TIMMERMANN (1987) sowie in den folgenden Nacherzählungen von TEIWES (1931/1982), LESSMANN (1984), KOLLMANN (o.J.), PETSCHEL (2001) und PORATH (2008) findet sich hierzu die folgende, im Ergebnis deutlich abgewandelte Version des letzten Erzählteils:[8]

Danach habe die Mutter des verschwundenen jungen Mannes Wilhelm Brömer nicht geglaubt und sei bei ihrer Behauptung geblieben, dass er ihren Sohn als Sklave in Russland, Amerika bzw. im Morgenland gelassen und ihn dort (an Türken) verkauft habe.

Dabei sei sie auch geblieben und habe geschworen: „Zum Zeichen des begangenen Verbrechens wäre es so gewiss wahr, dass einst bei der Beerdigung von Wilhelm Brömer die Glocke der Hellentaler Kapelle beim Totengeläut zerspringen würde.“

Und wie es denn so merkwürdig im Leben zugehe, Wilhelm Brömer sei gestorben und die Totenglocke habe zunächst langsam und feierlich geläutet, habe aber dann plötzlich ganz scheppernde, heisere Laute hören lassen.

Beim Besteigen des Glockenstuhls habe sich bei der Inspektion der Glocke wahrhaftig gezeigt, dass sie einen großen Sprung aufwies.

Da hätten die Eltern gewusst, dass Wilhelm Brömer ihren Sohn verkauft habe.

Eine neue Glocke sei für die Hellentaler Kapelle gegossen worden, die aber beim Tode von Wilhelm Brömers ältestem Sohn während des Totengeläuts ebenso wieder zersprungen sei.

Die gesamte Nachkommenschaft (Familie) des Vogelhändlers Wilhelm Brömer sei weit und breit in Verruf geraten und sozial isoliert worden.

Schließlich seien daraufhin alle Personen mit Namen Brömer nach Amerika ausgewandert und man habe nichts mehr von ihnen gehört.

 

Der Fiedler nächtens in der Fallgrube - Gefangen in der Wolfskuhle bei Hellental

Während des 17. Jahrhunderts wurden in den Sollingforsten zur Wolfsjagd mehrere Meter tiefe und breite Fallgruben –so genannte Wolfskuhlen - angelegt, um frei lebende Wölfe für den fürstichen Hof lebendig zu fangen.

So sollen auch nahe der Forststraße von Mühlenberg-Silberborn-Hellental am „Vogelherd“ mehrere Wolfkuhlen gelegen haben.

Nach CREYDT seien sie 1988 noch erhalten gewesen; sie sollen eine Tiefe von etwa 4 m und einen Durchmesser von etwa 10 m aufgewiesen haben.

Südwestlich des Bergdorfes Hellental, oberhalb des Westhanges vom „Hülsebruch“ und „Hasenlöffelborn“ im oberen Hellentaler Grund liegt noch heute erhalten die imposante, etwa 3–4 m tiefe „Wolfskuhle“, mit einem Durchmesser von etwa 10-15 m im anstehenden Buntsandstein angelegt.

Ihrer Gestaltung nach erinnert die Anlage an einen typischen aufgelassenen Solling-Sandsteinbruch.

Zu der kartografierten „Wolfskuhle“ führt die „Wolfskuhlenstraße“, ausgehend von der alten Forststraße von Silberborn nach Hellental, nahe am „Vogelherd“.

Wie noch heute im Hellentaler Dorf gerne in diesem Zusammenhang erzählt wird, soll sich im 19. Jahrhundert mit dieser „Wolfskuhle“ eine aufregende Anekdote der alt eingesessenen Hellentaler Familie Köke[9] verbinden:[10]

"In alten Zeiten reichte nach Eingehen der Glashütte die Existenzgrundlage in Hellental nicht mehr aus. Hellental war nämlich die Gemeinde im Solling, die „steinreich“ war, was „reich an Steinen“ bedeutete. Deshalb wanderten die Einwohner auf die benachbarten Dörfer zur Kirmes oder einer Hochzeit, um dort zu musizieren.

So spielte man eines Tages wieder in Schönhagen oder Silberborn zum Tanze auf, woran auch der Vorfahre der Familie Köke teilnahm. Als es nachts auf den Rückweg ging, wählte man den Weg am Moor vorbei, zum Ahrensberg, um von da nach Hellental zu marschieren. Irgendwie in der Dunkelheit verlor Köke unterwegs seine Mitspieler und befand sich plötzlich allein im Gebiet der Wolfkuhlen. Nun muß man wissen, daß der alte Weg von Silberborn nach Hellental direkt über die Kuhlen führt. Ging man im Dunkeln nun den Weg geradeaus weiter, statt um die Kuhlen herumzugehen, fiel man unweigerlich in sie hinein. Dies sollte auch Köke passieren.

Zu seinem Entsetzen mußte er feststellen, daß er nicht allein in der Grube saß. Ein Wolf hatte sich ebenfalls hier gefangen und schien sich zum Sprung auf ihn zu ducken. Fieberhaft überlegte er, was er in dieser Situation tun konnte. Ein Entkommen von hier gab es nicht. Nun hatte Köke mal gehört, daß Wölfe gern Musik hören würden. Während ihm der Angstschweiß vom Gesicht runterlief, klappte er vorsichtig seinen Geigenkasten auf, entnahm ihm Geige und Bogen und begann vorsichtig, dem Instrument einige zarte Töne zu entlocken.

Tatsächlich, der Wolf gab seine Angriffshaltung auf. Als er aber müde wurde und mit dem Geigenspielen aufhören wollte, duckte sich der Wolf sofort wieder, als wollte er zum Sprung ansetzen. Ob Köke wollte oder nicht, er mußte die ganze Nacht weiterspielen.

Plötzlich durchlief es ihn siedendheiß - eine Saite war gerissen. Was würde passieren, wenn ihn dieses Mißgeschick noch öfter treffen würde? Mutig spielte er weiter. Als der Morgen graute, hatte er nur noch eine Saite auf der Geige.

Ein zufällig vorbei schleichender Wilddieb aus Hellental hörte ihn spielen und wunderte sich, wo die Musik herkommen mochte. Als er die Wolfskuhle entdeckt hatte und hineinschaute, erkannte er sofort die Situation und erschoß den Wolf. In diesem Moment soll die letzte Saite gerissen sein!

Eine Variation dieser sagenhaften Erzählung findet sich bei PORATH (2008) als „Der Fiedler in der Wolfsgrube“: [11]

Bis Mitternacht hatten die Hellentaler Dorfmusikanten in Silberborn wieder einmal zum Tanz aufgespielt. Musizieren macht durstig und so hatten die Herren dabei allerlei getrunken, bevor sie ihre Instrumente zusammen packten und sich unter den Arm klemmten, um gemeinsam durch den nächtlichen Wald nach Hause zu gehen. Damals gab es im Wald allerdings noch keine gut ausbebauten Wanderwege und glatten Straßen. Vielmehr stolperte man, besonders nachts, mehr schlecht als recht über schmale Trampelpfade und Fußsteige.

Als die Musikanten nun so hintereinander herstolperten und versuchten, den rechten Weg zu finden, gerieten sie ein wenig auseinander und jeder achtete mehr auf die eigennen Füße als auf seinen Vorder- oder Hintermann. Keiner merkte also, dass ihnen plötzlich der letzte Mann fehlte. Er war ein wenig vom Weg abgekommen und ehe er sich versah – plumps – mit allem, was er bei sich trug, in eine tiefe Fallgrube gestürzt. Nun muss man dazu wissen, dass es zu dieser Zeit noch Wölfe im Solling gab, die in eben diesen Fallgruben gefangen wurden. Wolfskuhlen hießen sie deshalb auch und waren tief und gefährlich. Während unser Musikus noch zu sich kam und feststellte, dass alles rufen und versuchen nichts nutzte und er sich nicht selbst aus der Falle befreien konnte, durchfuhr der Schrecken seine Glieder mit Macht. Er war nicht allein in der Kuhle! Nein, ihm gegenüber, so nah, dass er seinen Atem spüren konnte, hockte ein Wolf und fletschte grausam die Zähne. Fast schien es, als hätte er schon zum Sprung auf sein armes Opfer angesetzt! Doch Alkohol kann ja auch mutig machen und so blileb der Mann bei allem Entsetzen ganz ruhig. Unterm Arm trug er noch die Geige und das machte er sich jetzt zu Nutze. Schließlich wusste er aus Erfahrung, dass man mit Musik die Leute fröhlich, aber auch ganz ruhig machen konnte. Warum sollte diese Regel nicht auch für eine tierische Kreatur gelten? Gedacht getan, und schon befand sich die Geige unter seinem Kinn und er begann, eine freundliche Melodie zu spielen. Tatsächlich, der Wolf beruhigte sich und hörte ganz friedlich zu. Auch dem Musikus ging das Herz ein bisschen ruhiger, aber kaum das er dachte, eine Pause im Spiel machen zu können, schon zeigte das Tier Anstalten, über ihn herzufallen. Bald zitterten ihm die Finger, der Arm ward immer schwerer und – zack – zu allem Unglück riss eine Saite nach der anderen. Die Dunkelheit weollte kein Ende nehmen und der Tag schien allzu fern. Unser Musikus spielte um sein Leben. Schließlich war an der Geige nur noch eine einzige heile Saite verblieben, als der Tag langsam anbrach und sein Hoffen auf Rettung endlich vergeblich schien.

Fast wäre es mit ihm vorbei gewesen, da hörte ein leise durch den Wald schleichender Wilddieb die zarte Musik und wunderte sich darüber. Zögernd kam er näher, wollte er soch nicht entdeckt werden, und lugte über den Rand der Wolfskuhle. Mit einem Blick erfasste er die fatale Situation und vergaß alle Heimlichkeit. Genau in diesem Augenblick riss auch die letzte Saite der Geige. In die Stille fiel der Schuss – ehe jener noch zum Sprung ansetzen konnte, hatte der Wilddieb den Wolf getötet und rettete dne Fiedler aus seiner Not."




Vedder & Wase

Im Dorf sagte man früher gerne in Verbindung mit dem jeweiligen Vornamen zu älteren Männern "Vedder" und zu älteren Frauen "Wase" (z.B. „Stinewase”, „Wiesewase“ oder „Lienewase“), später dann „Onkel“ oder „Tante“ (z.B. „Bartelsonkel“, „Teiwesonkel“ und „Schultenonkel“ oder „Bartelstante“ und „Schultentante“, später auch „Tante Dora“).

Hierzu wird in Hellental noch heute die folgende kurze Begebenheit aus dem 19. Jahrhundert erzählt:

 Ein Wanderer kam eines Tages im Hochsolling seines Weges daher.

Am Wegesrand sah er eine alte Frau, eine „Wase“, die gerade Kümmel pflückte.

Der Wanderer erkundigte sich bei ihr höflich: „Tante, geiht et heier na Hellendale?“

Die altersschwerhörige Frau antwortete, ohne aufzuschauen: „Hhh …?“

Der Wanderer fragte daraufhin erneut: „Tante, ob et heier na Hellendale geiht?“

„Plücke Kümme!“, war die prompte Antwort.

Der Wanderer wiederholte abermals seine Frage, jetzt aber etwas lauter: „Tante, ob et heier na Hellendale geiht?“

Die schwerhörige Frau antwortete, die Ausgangsfrage wiederum nicht verstehend: „Twischen Käse!“

Verärgert erwiederte der so mehrfach mißverstande Wanderer: „Licken Hund im Maase!“

Daraufhin die alte Frau höflich: „Smecket schön.“


„Ne, eck slape!“

In den gesellschaftspolitisch und wirtschaftlich zunehmend angespannten 1920er Jahren kam es in einem alten Hellentaler „Sollinghaus“ zu der folgenden, charakterisierenden Begebenheit zwischen Johanna Zinkler - im Dorf „Hannechen“ oder auch „Bretmoul“ genannt - und Auguste Meyer, ihrem Ehemann „Schorse“.

Johanna Zinkler war immer in Geldnöten, da ihr Ehemann das ohnehin spärliche Einkommen regelmäßig im Dorfkrug „versoff“.

Hannechen hielt sich zu Hause im Wohnzimmer auf, lag auf dem Sofa und schlief, angeblich, als Auguste zu ihr kam und sie direkt fragte: „Slöpest de or wakest de?“

Hannechen, die die Augen geschlossen hielt, antwortete: „Ja, eck wake!“

Auguste fragte sie daraufhin gezielt: „Kannste meck mal 1 Thaler borgen?“

Hannechen antwortete prompt: „Ne, eck slape!“

 

„Du ale Scheitlappen“ – Ein Schiedsgespräch

Um 1945 soll sich das folgende kurze Schiedsgespräch zwischen Erna Zinkler und Friedrich Hempel im alten Hellentaler Dorf abgespielt haben:

„N’abend Friedrichonkel!“ - „N’abend Erna!“

„No Erna, wat heste denne?“ - „Berhard’s Ilse het meck sau beleidiget.“

„Ja, Erna, denn moste irste ma twei Mark betalen.“ – „Watt het et denne segt?“

„Du ale Scheitlappen.“

Dass man in alten Zeiten im Umgang mit plattdeutschen Worten und Formulierungen auch in Hellental nicht gerade wählerisch oder zimperlich war, braucht wohl nicht erst betont zu werden.

Für empfindsame Leserinnen und Leser gelten deshalb die beiden folgenden Begebenheiten als „nicht geschrieben“.

 

Kökens Heinrichvetter & seine Musikanten

Die folgende, von Willi LESSMANN für Hellental aufgezeichnete Geschichte soll so oder so ähnlich auch in benachbarten Ortschaften, wie Silberborn und Sieverhausen, erzählt worden sein:[12]

"Wie jeu alle wettet, wür’n dei mehrsten Helldölschen Musikanten „Holthauers“. Musaik maken se blaut Sünnobens oder Sonndags. Wenn wei niun in Schönhagen, Kamerborn oder in Eschershiusen beu Uslar Musaik mak’n woll’n, heot se ühre swarten Anzüge gleuk im Rucksacke mieneom’. Mie dein Instrumenten wurd et genausea emaket.

Düsse wur’n in ‘ne aule Joppa wickelt un inner Wulweskiulen unner nen dichten Busche legt. Düsse Forstplacken hett sea, wal do huite noch Kiulen sind, wu se freuher Wülwe inne fongen heot. Wer sa mol gern sahn will, kanner ruhig hengohn. Huite gifft et da höchstens noch blaut en poar wille Sweune.

Wenn niun Feuerabend is, goht se reober na dein Zigeunerbrunnen. Düsse Brunnen hett sea, weil do vor vielen Johren mol en Zigeunerkind inne verseopen is. Do waschet sei seg un trecket ühren swarten Anzug an. Sa föhret von do mi ühren Flitzepees na de Musaikstie. An nen schönen Sünnobend spielen sei mol wier in Kamerborn. Dei Soal was niun, wie et freuher sea was up’n Dörpe, eober’n Stalle. Dein Geruch hätt kaner emerket, wal alle Luie en Stall mi Vahtuig heot.

De Musikanten gingen up de Bühne und packten ühre Instrumente iut. Düsse Bühne lag niun ober dein Fickelstalle. Freuher würen dei Ställe nich sea geat isoliert wie dat huite de Fall is. De Balken lagen anfach sea upper Bruchstanwand. De Stallfeuchtigkat trecket niun ümmer lustig in de Balken, un se fingen sea suitsche wech an tea fiulen.

As niun de Stimmunge allmächtig annestiegen was, kam wat do twischen, wu kaner mie reiket harre. Dador, dat dei Balken anner Miurkante scheon ganz fiul würen, sacke dei Bühne langsam aber sicher na un’n. Dei Musikanten marken dat ja seafort, aber wat soll’n se maken? Weglaupen un de Stimmunge verdarb’n? Do kennet jeu aber dei Helldölschen schlechte. Sei setten ühre beste Miene up un spielen lustig weier. Wal niun dei Stall blaut twa Meiter dap was, ging et mi de Fahrt rasche tea Enne. Dei Fickel harr’n en Lock efunnen, wu se dorrkriupen kon’n. Queukend lapen se twischen dei Musikaten ümmer. Do en Holthauer niun mol kane Angest vor’n lüttjen Fickel hätt, blien se steube sitten un spielen blaut noch liuter.

Et is ja ne aule Datsache, dat auk Diere gern Musaik häret. Darümme beruhig’n seck dei Fickels rasche. Se kuschelten seck inne Ecke un fingen an tea snork’n.

Dein Musaikern wurd nun an Sluck na’n andern runder erecket, domie se da un’n koane kaulen Feute kreugen dieen. Do de Helldölschen noch nie Kostverächter wür’n, lüschen se ne düchtig wech. Dat brochte niun dei Musikanten ümmer mehr in Swung. Dei Stimmunge klotere tealest sea hauch, dat dei Kreuger Angest harre, dat dei ganze Soal iut’nanner breiken könne.

Aber alles hät mol en Enne. Auk düssen ungewöhnlichen Danzevergneugen ging et nich anners. Alle wür’n se seck daroiber anig - dütt was dei beste Ball, dei jemals in Kamerborn stattefun’n hätt!

Damie was düsse dulle Nacht for dei Musaiker aber noch nich tea Enne. Et soll noch viel verrücketer kumen. - Aber an naen andern!

 Up’n Rüggewige föern dei Helldölschen Musikanten gleuk dein Richteweg eowert Holt. Dei Snaa, dei up dein holperigen Weige lag, was von dein Holtfuhrwarken glatt eföhrt. Dei Musikanten mossten up ühren Flitzepees höllisch uppassen. Et gaff damals noch kane Dynamos an dein Fahrreiern, wie dat huite sea üblich is. Damals satt blaut sea ‘ne lüttje Karbidlatüchte vorn an dei Lenkstangen. Damie konn man aber blaut twa bet dra Meiter weut keiken.

Karl Seeger uit Mackensen föhre vorweg. - Mackensen is en ganz aulet Dörp iuter Noberschaft, von wu dei Vorfahr’n von dein aulen Generalfeldmarschall „von Mackensen“ herstammen deat. - Ha harre niun dein grauten Bass up’n Puckelle. In’n Volksmunne hett dat Ding „Dei aule Grossmuttern“.

Kort vor Hellendole kümmt niun en Doerweg. Karl Seeger sach ne ierst in’n lesten Augenblicke un mosste up’ n Rücktritt, ob ha wolle oder nich. „Na sea wat“, dachte ha noch, un klabumm, klabautz, lag ha mie seuner „Grossmuttern“ in’n Groaben.

Harich Küke, dei hinder ühne herkamm, sach dat niun, un dei Schreck föhre ne gleuk in’n Leube dohl. Ha reap sea luit ha konne: „Na, Korl, jetz is woll dei Bass in’n Moase?“ Karl antwure: „Nä, Harichvedder, - dei Oas is in’n Basse!“ Nää - wat et doch nich alles gifft!"

 

Hochdeutsche Version

Wie Sie alle wissen, waren die meisten Hellentaler „Waldarbeiter“. Musik machten sie bloß samstags und sonntags. Wenn sie nun in Schönhagen, Kamerborn oder in Eschershausen bei Uslar Musik machen wollten, haben sie ihre schwarzen Anzüge gleich im Rucksack mitgenommen. Mit den Musikinstrumenten wurde es genau so gemacht. Diese wurden in eine alte Jacke gewickelt und in der Wolfskuhle unter einen dicken Busch gelegt. Dieser Forstplatz heißt so, weil da heute noch Kuhlen (Anm.: Gruben) sind, in denen früher Wölfe gefangen wurden. Wer sie gern mal sehen will, kann ruhig hingehen. Heute gibt es da höchstens noch ein paar Wildschweine.

Wenn nun Feierabend war, gingen die Musikanten hinüber zu dem Zigeunerbrunnen. Dieser Brunnen heißt so, weil da vor vielen Jahren ein Zigeunerkind ertrunken war. Da wuschen sie sich und zogen ihre schwarzen Anzüge an. Sie fuhren von da an mit ihren Fahrrädern zu dem Ort, wo sie musizieren sollten.

An einem schönen Samstag spielten sie mal wieder in Kamerborn. Wie früher auf dem Dorf üblich, lag der Saal über einem Schweinestall. Den Geruch merkte keiner, weil alle Leute einen Viehstall hatten.

Die Musikanten gingen auf die Bühne und packten ihre Instrumente aus. Die Bühne lag über einem Ferkel-Stall. Früher waren die Ställe noch nicht so gut isoliert, wie es heute der Fall ist. Die Balken lagen einfach so auf der Bruchsteinwand. Die Stallfeuchtigkeit zog immer lustig in die Balken, und die fingen langsam an zu faulen.

Als nun die Stimmung allmählich angestiegen war, kam etwas dazwischen, womit keiner gerechnet hatt. Da die Balken an der Mauerkante schon ganz faul waren, sackte die Musikantenbühne langsam, aber sicher, nach unten.

Die Musikanten merkten das sofort, aber was sollten sie machen? Weglaufen und die Stimmung verderben? Da kennen sie aber die Hellentaler schlecht. Sie setzten ihre beste Miene auf und spielten weiter. Da nun der Stall bloß zwei Meter tief war, ging es mit der Fahrt schnell zu Ende. Die Ferkel hatten ein Loch gefunden, wo sie durchkriechen konnten. Quiekend liefen sie zwischen den Musikanten umher. Die Waldarbeiter hatten nun mal keine Angst vor kleinen Ferkeln, blieben steif sitzen und spielten bloß noch lauter.

Es ist ja eine Tatsache, dass auch Tiere gern Musik hören. Darum beruhigten sich die Ferkel rasch. Sie kuschelten sich in eine Ecke und fingen an zu schnarchen.

Den Musikanten wurde nun ein Schnaps nach dem anderen heruntergereicht, damit sie da unten keine kalten Füße kriegen sollten. Da die Hellentaler noch nie Kostverächter waren, tranken sie ihn tüchtig weg. Das brachte nun die 3 Musikanten immer mehr in Schwung. Die Stimmung kletterte so hoch, dass der Gastwirt Angst hatte, dass der ganze Saal auseinander brechen könnte.

Aber alles hat einmal ein Ende. Auch diesem ungewöhnlichen Tanzvergnügen ging es nicht anders. Alle waren sich darüber einig, dass dies der beste Ball war, der jemals in Kamerborn stattgefunden hatte.

Damit war aber diese tolle Nacht für die Musikanten noch nicht zu Ende. Es sollte noch verrückter kommen. Aber eines nach dem anderen.

Auf dem Rückweg fuhren die Hellentaler Musikanten durch den Wald. Der Schnee, der auf dem holprigen Weg lag, war von den Holzfuhrwerken glatt gefahren. Die Musikanten mussten auf ihren Fahrrädern höllisch aufpassen. Es gab damals noch keine Dynamos an den Rädern, wie das heute so üblich ist. Damals gab es bloß eine kleine Karbidlampe vorn an der Lenkstange. Da konnte man nur drei Meter weit gucken.

Karl Seeger aus Mackensen fuhr vorweg - Mackensen ist ein altes Dorf in der Nachbarschaft, von wo die Vorfahren des alten Generalfeldmarschall „von Mackensen“ herstammen. Er hatte nun den großen Bass auf dem Rücken. Im Volksmund heißt das Ding auch „die olle Großmutter“. Kurz vor Hellental (es ging ja immer bergab) kam nun ein Torweg (Anm.: Tor vom ehemaligen Wildgatter).

Karl Seeger sah ihn erst im letzten Augenblick und musste auf den Rücktritt treten, ob er wollte oder nicht. „Na so was“ dachte er noch und „klabumm, klabautz“, lag er mit seiner „Großmutter“ im Graben.

Heinrich Köke, der hinter ihm herkam, sah das nun und der Schreck fuhr ihm in en Bauch hinunter. Er rief so laut er konnte: „Na, Karl, jetzt ist der Bass wohl im Arsch?“ Karl antwortete. „Nein, Heinrichvetter, der Arsch ist im Bass.“ Na - was es doch nicht alles gibt.

 

"Ne anrüchige Baigiwenhat!"

Auch die folgende amüsante Geschichte wurde von Willi LESSMANN für Hellental hinterlassen:[12]

"Karl Duistermann was en Holthauer, wie et alle Helldölschen Mannsluie ewest sind, as seck düsse Geschichte aw’espielt hätt.

Sain Huis stund dichte an’n Berge. Nich wait vonner Bieke. Vorn harr et ne hauge Treppen, un hin’n ging et vonner Küken uit dorr de Hinderdür gradewegs in dein Barg. Sea is dat hiute noch in Helldale, un wer et nich glöben will, kann seck jeder Tait davon overtuigen. Vor dein Kailbuils bruiket huite kaaner mehr Angest tea heb’n. Dai Tait, wu et jümmer häten hett: „Wei künnt uise Heuner! ...“ un sea weier, is all längerst vorbai. Un dat is geat, denn dai Intucht maake seck all ganz bannig miusig.

Wer seck in’n Holte uitkennt, wait auk, dat dai Holthauers an Dag na Waihnachten ühren unschuldigen Kindertag faierten. An düssen Dage wärt dai Schlückere nich sea genau etellt. Dai Holthauers nühmet seck det morgens all ne graute Kriuka vull davon mie. Un wenn et düchtig kault was, wurd underwaigens auk schon mol annelicket. Upper Arbaitsstie wuurd ierst gar kaane Äxen annepacket. En ganz aulen Eowerglauben segt: „Wer an düssen Dage ne Äxan anpacket, hauet seck bestimmt in dat Bain.“

Na alsea! Jede Faierdag mot nun mol sainen Grund heb’n. Un da de Förster kaan Tiekebock sain wolle un feste miehauln hätt, was alles in bester Ordnunge. Bai Gesang, Schluck un siuern Heersche gaff et kaane Langewaile.

Av un tea wur’n mol halfechte, aber noch öfters ganz echte Witze vertellt. Dai Holthauers würn da inne nich sea zimperlich; un husch, was de Dag rümmer. Wenn et anfung duister tea wärn, marschiern se ingehacket int Dörp und sungen:

Weisst du noch wo Hellental liegt,

Hellental liegt am Berge,

Wo’s die schönen Mädchen gibt,

Und die hab’ ich gerne.

Wobai ihre Baine ganz schön hen und her eschlenkert sind. Aber dat was ja woll kaan Wunder! Harr’n se seck doch all en ganz schönen Aapen innefongen.

Sea was et nun auk bai Korl Duistermann. Hai kamm kiume de Treppen rupper. Saine Hannichen packene derbe undern Arm, un mie veraanten Kräften ging et doch noch ganz geat. Korl kräg noch nich emol Schellesche von sainer Aulschen. Dai Helldölsche Frussluie harren an düssen Dage schon damie reeket. Et was ja auk schon viele Generaschionen sea.

Hannichen hälpene noch baim iuttrecken, un bumms, lag hai in Bedde. Et diuere nich mehr lange, bet Korl an tea schnorken fung. Hannichen was frau, dat alles noch sea geat eklappet harre. Aber wie et auk gahn mag - dat dicke Enne kümmt jümmer taulest.

Sea was et auk bai Korl; denn midden inner Nacht kräg hai en hölleschen Druck upp de Bloase. Hauchblustern un an de Hinderdür was aans. Ober dichte bai düsse Dür stund dat Kükenschapp. Un wail et duister was, grappsche Korl in sainen besopenen Koppe de Schappdür, räät se upp, un schon wa’s passiert, watt nich passieren drofte. Ober wer kann fort Mallör? Korl strunkele tearügge naan Bedde. Ass hai seck henleggen wolle, waake saine Friue upp un fraug na dain Weddere. „Ach, Frussminsche“, sea Korl, „dat is stickeduister, un eck konn nich sain. Ober ganz Helldole stinket na Käse.“

„Watt segst diu Kollerkopp do? Ganz Helldole stinket na Käse? Dat mot eck meck ober mol sülmst ankaiken!“ Stund upp, sticke seck ne Funzel an un ging rasche na de Küken. Nun sag se dai Beschäresche. Un’n iuten Schappe, da wu datt  Miuselock satt, ging et mannte immer drüpp, drüpp, drüpp, un ne lüttsche Bieke laipp all quer dor dai Küken, Nun was ober dai Duibel laas. „Beste Hülpe“ schrie Hannichen, „diu besoppene Keerl. Hett deck de laibe Gott denne ganz un gar verlaten? Wenn diu kaan Schluck verdraigen kannst, dene most ne iuten Balge loten,“ Korl häre all löngerst nich mehr. Hai harre seck dat Bedde eobern Kopp etrecket un was schon wier feste am schnorken.

Wat blääf Hannichen anders eober, as seck auk hentealeggen. Un nunschnorken sai baade ümme dai Wedde!"

 

Hochdeutsche Version

Karl Düstermann war ein Waldarbeiter, wie es alle Hellentaler Männer waren, als sich diese Geschichte zugetragen hat.

Sein Haus stand dicht am Berge, nicht weit von der Bache (Anm.: Rinnsal). Vorn hatte es eine hohe Treppe und hinten ging es von der Küche direkt in den Berg. So ist es heute noch in Hellental. Wer es nicht glauben will, kann sich jederzeit davon überzeugen.

Vor den Keilbeuteln (Anm.: Waldarbeiter) braucht keiner mehr Angst zu haben. Die Zeit, wo es immer geheißen hat „Wir können unsere Hühner selbst ...“, ist schon längst vorbei und das ist gut so, denn die Inzucht machte sich schon bemerkbar.

Wer sich im Wald auskennt, weiß auch, dass die Waldarbeiter einen Tag nach Weihnachten ihren unschuldigen Kindertag feiern. An diesem Tag werden die Schnäpse nicht so gern gezählt. Die Waldarbeiter nahmen sich morgens alle eine große Flasche davon mit. Wenn es tüchtig kalt war, wurde unterwegs schon einmal angenippt. Auf der Arbeitsstelle wurden keine Äxte angefasst. Ein alter Aberglauben sagt: „Wer an diesem Tag eine Axt anfasst, der hackt sich ins Bein.“

Na, also! Jeder Feiertag muss nun einmal einen Grund haben. Und da der Förster keine Zecke sein wollte und fest mitgehalten hat, war alles in bester Ordnung. Bei Gesang, Schnaps und saurem Hering gab es keine Langeweile.

Ab und zu wurden halbechte, aber auch öfters ganz echte Witze erzählt. Die Waldarbeiter waren da nicht sehr zimperlich und husch, war der Tag vergangen. Beim Dunkelwerden marschierten sie untergehakt ins Dorf und sangen:

Weißt Du noch, wo Hellental liegt,

Hellental liegt am Berge,

Wo’s die schönen Mädchen gibt

Und die hab’ ich gerne.

Dabei sind ihre Beine ganz schön hin und her geschlenkert. Kein Wunder! Hatten sie doch alle einen ganz schönen Affen eingefangen.

So war es auch bei Karl Düstermann. Er kam die Treppe herauf. Seine Frau Hannichen packte ihn kräftig unter dem Arm und mit vereinten Kräften ging es doch ganz gut. Karl bekam noch nicht einmal Schimpfe von seiner Alten. Die Hellentaler Frauen hatten an diesem Tag schon damit gerechnet. Es ging auch schon seit mehreren Generationen so.

Hannichen half ihm noch beim Ausziehen, umd „bumms“ lag er im Bett. Es dauerte nicht mehr lange bis Karl zu schnarchen begann. Hannichen war froh, dass alles noch so gut geklappt hatte. Aber wie es auch gehen mag, das dicke Ende kommt immer zuletzt.

So war es auch bei Karl. Mitten in der Nacht bekam er einen höllischen Druck auf die Blase. Aus dem Bett hoch sausen und aus der Hintertür, das war eins. Aber dicht neben der Tür stand der Küchenschrank. Und weil es dunkel war, fasste Karl in seinem betrunkenen Kopf nach der Schranktür. Schon war es passiert, was nicht passieren durfte.

Aber wer kann schon für so ein Unglück. Karl torkelte zurück in sein Bett. Als er sich hinlegen wollte, wachte seine Frau auf und fragte, wie das Wetter draußen sei.

„Ach, Frauensmensch“, sagte Karl, „Das ist stockdunkel und ich konnte nichts sehen. Aber ganz Hellental stinkt nach Käse.“ „Das muss ich mir erst einmal selber angucken!“ Sie stand auf, steckte sich ein Licht an (es gab noch nichts Elektrisches) und ging in die Küche. Nun sah sie die Bescherung. Aus dem Schrank, da, wo das Mausloch war, ging es immer „tropf - tropf –tropf“. Eine kleine Bache floss quer durch die Küche. Nun war der Teufel los! „Beste Hilfe“, schrie Hannichen, „Du besoffener Kerl. Hat Dich der liebe Gott denn ganz und gar verlassen? Wenn Du keinen Schnaps vertragen kannst, dann musst Du ihn aus dem Bauch lassen!“

Karl hörte das längst nicht mehr. Er hatte sich das Deckbett über den Kopf gezogen und fing an, feste zu schnarchen. Was blieb Hannichen anderes übrig, als sich auch hinzulegen. Und so schnarchten sie beide um die Wette.

 

Junggesellenabschied in Hellental

Immer dann, wenn in Hellental sich ein junger Bursche von seinem JunggeseIlenleben verabschieden will, ist das etwas Besonderes in dem kleinen Sollingdorf.

Daher ist meist auch das ganze Dorf dabei beteiligt.

Im Juli 1998 bekam dies der engagierte Forstarbeiter, Feuerwehrmann und Jäger Thomas Seitz deutlich zu spüren.

In einer heimlichen Aktion hatten zahlreiche Freunde alles „Entsprechende“ für seinen Junggesellenabschied vorbereitet.

Für den scheidenden Junggesellen wurde ein Wagen mit Hochsitz, Dickicht und Wild hergerichtet, auch die Jagdhornbläser wurden bestellt.

Um sicher zu gehen, dass der Noch-Junggeselle und Jäger zur richtigen Zeit am richtigen Ort für die Überraschung erscheint, war kurzerhand eine Feuerwehrübung angesetzt und ein „Brand“ gelegt worden.

Vorbildhaft war der bewährte Feuerwehrmann umgehend auf seinem Einsatzfahrzeug.

Als er dann am vermeintlichen Brandherd angekommen war, fielen alle blitzschnell über Thomas Seitz her - und zogen ihm die Junggesellenhose aus.

Nur mit Unterhose bekleidet musste der Noch-Junggeselle nun den Hochsitz auf dem Wagen besteigen, um, nachdem die Jagdhornbläser ihm ihr Ständchen gebracht hatten, durch das ganze Dorf gefahren zu werden.

Auf einem großen Schild vor dem Zugfahrzeug konnte man lesen: „Das Wildern in fremden Revieren ist jetzt aus, nun jagt der Thomas nur noch zu Haus!“

Nach der Fahrt durch Hellental wurde schließlich die Junggesellenhose auf dem Dorfplatz öffentlich verbrannt, wobei die Zuschauer Kleingeld für eine neue Hose in die Flammen warfen.

Anschließend wurde der „Nachwuchsbaum“ öffentlich vorgestellt, der einen Tag vor der Hochzeit im Garten des jungen Brautpaares eingepflanzt wurde.

Es erfolgte hierzu die Maßgabe, dass das Paar dann, wenn sich binnen eines Jahres bei ihm kein Nachwuchs einstellen sollte, eine Feier für alle an der Pflanzaktion Beteiligten auszurichten habe.

Kommt es hingegen fristgerecht zum Nachwuchs, dann wird für das Neugeborene von den Pflanzaktiven in der Gemeinde ein Fest ausgerichtet.

Eines war damit klargestellt, dass Hellental in jedem Falle in einem Jahr ein Fest gesichert war.

 

„Ernst! Du wolltest mich bestehlen“

Nach einer einst von Ernst Strohmeier in Hellental erzählten Geschichte[14] ereignete sich vor vielen Jahren in armer Zeit folgende Begebenheit in Hellental:[15]

„In der Lönsstraße, direkt neben dem Lönskrug, steht ein Haus, das damals eine Familie Meyer und eine Familie Pietrek bewohnte. Ernst, ein Junge aus dem oberen Dorf, kam oft zu seiner Tante Minna in dieses Haus.

Eines Tages war Ernst mit zwei Freunden unterwegs. Bei Herrn Pietrek im Garten erblickten die Freunde wunderbare Erdbeeren. Der Garten lag schräg gegenüber dem Friedhof. So, die Jungen lechzten nach diesen schönen Früchten. Ja, wie aber an die leckeren Sachen kommen? Vor Allem war ja auch Herr Pietrek noch im Garten.

Erst einmal losten die Jungen nun aus, wer denn nun die Erdbeeren holen sollte. Das Los fiel auf Ernst. Ja, Herr Pietrek war auch nicht mehr zu sehen. Vorsichtshalber wurde noch einmal ganz genau geguckt. Herr Pietrek war nirgens mehr zu sehen. Ernst ging los. Ganz wohl war ihm nicht dabei. Als er nun so pflückte, spürte er plötzlich eine Hand im Genick. Herr Pietrek kam aus einem Busch hervor.

„Ernst! Du wolltest mich bestehlen“, sagte Herr Pietrek entrüstet. „Aber, aber“, stotterte Ernst, „ich wollte doch nur mal probieren.“ Herr Pietrek schickte Ernst mit seinem schlechten Gewissen nach Hause. Ernst hatte seiner Mutter nichts erzählt. Er ging aber auch im Moment nicht zu Tante Minna in die Lönsstraße.

Ungefähr eine Woche später. Ernst saß übellaunig zu Hause am Fenster zur Straße. Plötzlich wurde Ernst lebendig. Der Polizist Horney aus Merxhausen kam die Dorfstraße hoch. Ja, wo wollte der denn hin, wunderte sich Ernst. Der Polizist kam direkt auf das Haus zu. Ohje, dachte Ernst, der sieht aber gar nicht freundlich aus. Schon klopfte es an der Tür und der Polizist trat ein. Herr Horney war ein Freund von Herrn Pietrek.

Mit strenger Stimme fragte der Polizist nun Ernst, ob er der Ernst sei, der Herrn Pietrek seine Erdbeeren stehlen wollte. Ernst stotterte wieder, daß er doch nur probieren wollte. „Nun gut“, sagte der Polizist. „Ich werde dir vier Tage Gefängnis geben. Du kannst aber auch als Buße Herrn Pietrek den ganzen Winter Holz und Kohlen auffiillen. Entscheide dich.“ Ernst sagte ganz ehrfürchtig, daß er gern die Winterfeuerung der Famiie Pietrek besorgen wollte.

Den ganzen Winter holte Ernst fleißig das Feuerungsgut. Ab und zu bekam er von Frau Pietrek 2 DM geschenkt. Als der Winter vorbei war, bekam Ernst sogar von Herrn Pietrk 5 DM. So hatte Ernst am Ende des Winters 20 DM gespart. Dafür kaufte er bei Bäcker Kempe ein und brachte dis zu seiner Mutter. Die Mutter freute sich sehr, denn in dieser schlechten Zeit freuten sich die Men schen auch über einen Laib Brot.“

 

Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1]  „Dä dicke Anton aut’n Sollje - Schicksal, Streiche un Galöppe“ - erschien in 1. Auflage 1936, geschrieben von dem in Schorborn geborenen Otto Stille; 1969 wurde von der Stadt Stadtoldendorf die 2. Auflage herausgegeben; Stille’sche Nachlasswerk „Dä Dörpspaigel – Der Dorfspiegel“, wurde erst 1990 veröffentlicht. Heinrich Sohnrey verfasste 1928 das bekannte Solling-Werk „Tchiff, tchaff, toho!”.

[2] Jahrbuch für den Landkreis Holzminden Bd. 5/6, 1987/88, S. 169-171.

Detlef Creydt (Holzminden): schulchronistische Aufzeichnungen der Lehrer Bernhard Lehmann und Fritz Rodbarth (Gemeindeschule Hellental) von 1949 bzw. ab 1950; entnommen aus den von Creydt zur Geschichte der Hellentaler Dorfschule lose gesammelten und Anfang 2003 freundlicherweise überlassenen Manuskriptunterlagen sowie weiteren, Anfang 2004 überlassenen Unterlagen (Fotokopien) und handschriftlichen Notizen; archiviert beim Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen.

[3] SOHNREY 1929, S. 254-255; TEIWES 1931, S. 104; KOLLMANN o.J., S. 50; LESSMANN 1984, S. 94; PETSCHEL 2001, S. 94; PORATH 2008, S. 179.

[4] RAULS 1983, S. 178.

[5] TEIWES 1931, S. 104; PETSCHEL 2001, S. 94; PORATH 2008, S. 179.

[6] Möglicherweise handelte es sich um den am 10. März 1813 geborenen Brinksitzer Johann Ernst Wilhelm Brömer, Sohn des Leinewebers Johann Ernst Gottlieb Brömer (Ass.-№ 21).

[7] nach Darstellung von Leni Timmermann (1987) sei Wilhelm Brömer nach Amerika gezogen.

[8] SOHNREY 1929, S. 255; TEIWES 1931, S. 104; Jahrbuch für den Landkreis Holzminden Bd. 5/6, 1987/88, S. 170; PETSCHEL 2001, S. 94; KOLLMANN o.J., S. 50; PORATH 2008, S. 179.

[9] Wenn überhaupt, so könnte es sich bei dem durch einen Hellentaler Wilddieb solchermaßen seltsam Erretteten um die Hellentaler „Musizi“ Georg Heinrich Köke (1798–1880) oder Karl Friedrich Anton Köke (1800–1845) gehandelt haben.

[10] CREYDT 1988.

[11] PORATH 2008, S. 72-73.

[12] LESSMANN 1984, S. 94.

[13] LESSMANN 1984, S. 104.

[14] Von dem hiervon betroffenen Waldarbeiter Ernst Strohmeier am 13. Mai 2006 erzählt und von Jutta Graßhoff am 14. Juni 2006 niedergeschrieben (Textwiedergabe mit redaktioneller Veränderung durch den Autor).

[15] um 1943.

[16] Zur politischen "Bewertung" des Parteibuchbeamten aus Hellental als "Nazimann" wird verwiesen auf den Aufsatz von SEELIGER 2010, S. 85-87.