Pest - Das „Große Sterben“ & Klimaveränderungen

Klaus A.E. Weber

Mit Kräutern und Flüssigkeiten gefüllte Schnabelmaske eines Pestdoktors

Venedig Replikat im Historischen Museum Hellental

 

Pestilenz │ Der "Schwarze Tod" │ "Ein Menschheitstrauma" (MEIER 2005)

pestis conclusa = „eingeschlossene“, „verheilte“ Seuche

contagium conclusum = „Pestzunder“, haftet an Gegenständen

 

  • Inbegriff der Seuche schlechthin: "Pest/Pestilenz"

  • volkssprachlich: allgemein jede folgenschwere epidemisch auftretende Seuche

  • stellvertretend für alle Seuchen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit stehend („Geißel Gottes“)
  • Mythos, metaphorisch für Katastrophe

  • medizinisch: Beulen- oder Lungenpest

 

  • Erreger: Pestbakterium Yersinia pestis (zuvor: Pasteuella pestis) - 1894 Alexandre Émile Jean Yersin, Kitasato Shibasaburō

  • Auf dem Londoner Pest-Friedhof „East Smithfield“ konnte archäo-/paläogenetisch jener bakterielle Erreger gefunden, auf den 95 % der heutigen Pesterreger zurückgehen.
  • Paläogenetische Detektion und Charakterisierung von Yersinia pestis [6]
  • Inkubationszeit:

          - Bubonenpest: 2-7 Tage

          - Lungenpest: Stunden bis 3 Tage

  • Übertragung: Rattenfloh- oder Zeckenstich; Tröpfcheninfektion bei Lungenpest-Erkrankten

 

 

Als eine der ältesten bekannten Infektionskrankheiten, die vermutlich im Zusammenhang mit Klimaveränderungen entstand, zählt die hochgradig ansteckende Infektionskrankheit Pest, veraltet auch Pestilenz genannt.

Sie führte im 14. Jahrhundert zum "Schwarzen Tod", dem „Großen Sterben“ (Massensterben) in Europa – und auch in der hiesigen Region.

Der Erreger der Pest ist das Bakterium Yersinia pestis, welches erst 1894 namensgebend von dem Schweizer Bakteriologen und Pasteur-Schüler Alexandre Yersin (1863-1943) in Hong Kong identifiziert werden konnte.[1]

Der Pesterreger wird hauptsächlich durch Rattenfloh- und Zeckenstiche auf den Menschen übertragen, wodurch es bei ihm zur Bubonenpest (Beulenpest) kommen kann.

Bei an Lungenpest erkrankten Personen erfolgt die Erregerübertragung durch Tröpfcheninfektion, was ungleich schwerwiegender ist für eine epidemische Weiterverbreitung.

 

Mythos Pest

Einerseits in der historischen Literatur als pestis conclusa, als „eingeschlossene“ oder „verheilte“ Seuche, andererseits als contagium conclusum, als „Pestzunder“ an Gegenständen anhaftend beschrieben, wurde die Pest als Mythos zum Inbegriff der Seuche schlechthin.

Als „Geißel Gottes“ steht die Pest metaphorisch für Katastrophen und auch stellvertretend für alle Seuchen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit.

Die Pest oder „Pestilenz“ meint in der volkssprachlichen Überlieferung daher allgemein jede folgenschwere pandemisch auftretende Seuche, die aus heutiger infektionshistorischer Sicht nicht in jedem Falle gleichgesetzt werden kann mit der medizinisch klar definierten Beulen- oder Lungenpest.

 

Pest-Pandemien

Die Geschichte der Pest reicht bis in die Prähistorie - und wurde zum Dauerphänomen.[3]

Eine Reihe von Todesopfern der Pest ist namentlich bekannt.

Die „Justinianische Pest“ der Spätantike wird als erste von drei Pest-Pandemien bezeichnet - 541–544 n. Ch.

Im Spätmittelalter brach um 1347/1348 die Pest in Europa aus und hielt bis um 1353 an.

Diese zweite Pest-Pandemie war der „Schwarze Tod“ des Mittelalters, die die Bevölkerung Europas enorm dezimierte.

Die dritte Pest-Welle begann 1894 in der chinesischen Provinz Yunnan und tötete schätzungsweise 12 Millionen Menschen.

Sie ermöglichte es dem französischen Arzt Alexandre Yersin den heute nach ihm benannten Erreger zu identifizieren.

Nach dieser Pest soll es im Abstand von 8 - 12 Jahren immer wieder kleinere Epidemien gegeben haben.

Klimatische Gründe können eine Rolle gespielt haben; der Pest gingen Jahre mit ungewöhnlich starken Regenfällen voraus.

Ihr Ende könnte eine Trockenperiode ausgelöst haben.

Diese Phänomene wurden auch bei den folgenden Pest-Pandemien beobachtet.

 

Flöhe der Nagetiere

In indirekter Kette und bei hoher Vektoreffektivität wurde der Pesterreger hauptsächlich durch Flöhe (Rattenfloh) von Nagetiere als Zwischenwirte auf den Menschen übertragen.

Während des 18. Jahrhunderts wurde die Hausratte (Rattus rattus) durch die Wanderratte (Rattus norvegicus) verdrängt.

Die Wanderratte lebt in der Kanalisation und damit weiter vom Menschen entfernt.

 

Pest in der Antike

Die Frage, ob die

im Römischen Reich ursächlich auf Yersinien zurückzuführen sind, bleibt mangels Präparaten aus jener Zeit offen.

Vermutlich waren die „Antoninische Pest“ wie auch die „Cyprianische Pest“ eher eine Pockenerkrankung.

Symptome der „Cyprianischen Pest“:

Die Eingeweide, gelöst in ständigem Ausfluss, entleeren sich aller Körperkräfte; ein Feuer, dessen Ursprung im Mark liegt, gärt in den Wunden tief im Rachen; die Innereien werden geschüttelt vom steten Erbrechen; die Augen brennen vom eingeschossenen Blut; manchmal nimmt die Vergiftung durch krankhafte Verwesung Arme und Beine.

 

Justinianische Pest 541–544 n. Ch. │ Verheerende Katastrophe der Spätantike

Die „Justinianische Pest“ wird unter Historikern als ein Grund für den Untergang des Römischen Reiches diskutiert.

Die Bevölkerung des oströmischen Reiches soll um die Hälfte abgenommen haben.

Zum Ausbruch und zur Ausbreitung der Pandemie kam es in der Regierungszeit des oströmischen Kaisers Flavius Petrus Sabbatius Iustinianus (I.) - Justinian (482- 565) - mit folgenden Annahmen:

  • mangelnde Getreidequalität soll ein großes Potenzial für Massenerkrankungen geboten haben

  • Serie von Naturkatastrophen: Erdbeben, Flutwellen, monatelange Verdunkelung des Himmels durch Vulkanstaub in der Atmosphäre.

  • erstmaliges Auftreten der Pest (?) im Mittelmeerraum - wahrscheinlich Beulenpest-Epidemie

 

„Pestzüge“ in Europa im 14.-18. Jahrhundert 

Etwa sechs Jahrhunderte nach der frühmittelalterlichen „Justinianischen Pest“ kam es während des 14.-18. Jahrhunderts (1348-1722) in West- und Mitteleuropa erneut und wiederholt zu heftigen Pest-Epidemien.

 

Verheerend im 14. Jahrhundert

Der bedeutendste historische Einschnitt durch den "Schwarzen Tod“ lag im 14. Jahrhundert als es 1347/1348–1352 zu einer explosionsartigen Pest-Ausbreitung mit hoher Mortalität über ganz Europa [5] gekommen war:

  • Im reichen, am Gemeinwohl stark orientierten Stadtstaat Florenz überlebte nur 1/5 der Bürger den „Schwarzen Tod“.

  • Im ärmeren England verstirbt in nur 7 Monaten 45 % der Bevölkerung.

Die Ursache für diese verheerende Ausbreitung in der betroffenen mittelalterlichen Gesellschaft ist nach wie vor noch weitgehend ungeklärt.

Dass das Bakterium Yersinia pestis in weiten Teilen Europas in nur fünf Jahren (1348-1353) ein Viertel/Drittel der Bevölkerung weggerafft haben soll, trauen viele Experten dem Bakterium nicht zu.

Einige Wissenschaftler spekulieren, dass ein Filovirus (Ebola, Marburg-Virus) oder ein unbekannter Erreger für den „Schwarzen Tod“ verantwortlich gewesen sein müsse, auch wenn die historischen Berichte von Lungen- und Beulenpest mit dem heutigen Krankheitsbild von Yersinia pestis-Infektionen übereinstimmen.

 

Klimaveränderungen

Klimaveränderungen und ihre Folgen könnten in Europa eine wichtige Rolle bei der Ausbreitungsdynamik des "Schwarzen Tod“ im 14. Jahrhundert gespielt haben.

Im 13. oder 14. Jahrhundert soll es "zu stärkeren Niederschlägen im ansonsten trockenen Zentralasien" gekommen sein, woraufhin "wegen des Überangebots an Nahrung explosionsartig wachsenden Nagetier-Populationen" es zu einem Pestausbruch kam.[2]

In Europa war in den Jahren 1310-1321 eine Reihe von Hungersnöten infolge einer Klimaverschlechterung mit Extremwettern aufgetreten, was die gesellschaftliche Suszeptibilität gegenüber dem Pesterreger erhöht haben dürfte.

Die Peaks der Mortalität in Italien lagen in den Jahren 1348-1349 im Sommer.[2]

Die zuvor seit 1346 bestehenden extrem feucht-kalten Sommermonate in Verbindung mit der einsetzenden Kleinen Eiszeit könnten die Pest-Ausbreitung begünstigt haben.

 

17.-18. Jahrhundert

Einer der letzten großen Pest-Ausbrüche ereignete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg zwischen 1663–1668.

Die letzten schweren Pestepidemien traten in Europa mit Beginn des 18. Jahrhunderts auf, so zuletzt pandemisch die "Große Pest" von 1708 bis 1714, die auch das Königreich Preußen heimsuchte.

Vor diesem Hintergrund ließ der preußische König Friedrich I. (1657-1713) vorsorglich 1709/1710 ein Pesthaus außerhalb der Stadt Berlin errichten, aus dem die spätere Charité hervorging.

Danach verschwand der Erreger weitgehend - Warum ist unklar.

1742 wurde in Köln das „Eau de Cologne“ kreiert, ursprünglich produziert zur Desodorierung gegen die als krankheitserzeugend angesehenen Ausdünstungen bei Pesterkrankten (übelriechender „Pesthauch“).

 

21. Jahrhundert

Die Pesterkrankung kommt im beginnenden 21. Jahrhundert global noch endemisch vor und ist keineswegs inaktiv, wenn gleich ihre heutige Ausbreitungsgeschwindigkeit wie auch die Mortalität deutlich geringer ist.

 

Folgen der Pest-Epidemien

In Folge der schweren Pest-Epidemien

  • wurden Länder entvölkert

  • setzten Wüstungsprozesse mit Veränderung der mitteleuropäischen Siedlungsstruktur ein

  • wurden Familien auseinander gerissen

  • fielen Felder brach

  • trat ein Mangel an Arbeitskräften und Nahrungsmitteln auf > Hungersnöte

  • stiegen Preise und vor allem Löhne an

  • wurde der menschliche Genpool verändert.

Es wurde dabei das gesamte soziale Ordnungsgefüge zerstört und kriegerische Ereignisse setzten ein.

Nicht zuletzt wurden durch die mittelalterlichen Pest-Wellen auch Massenmorde an Juden gerechtfertigt, die man sie als „Brunnenvergifter“ verunglimpfte und ermordete.


Monumentalstatue des biblischen Helden „David“ von Michelangelo

Meisterwerk der italienischen Hochrenaissance

 entstanden  zwischen 1501 und 1504 in Florenz

 

Die Große Pest veränderte die mittelalterliche Welt - „Zeitenwende“

Im Spätmittelalter - 1347/1348 - brach der "Schwarze Tod" in Europa aus [4] und veränderte die Welt des Mittelalters, den Menschen selbst mit tiefer Beeinflussung des Lebensgefühls - wie auch die Vermögensverhältnisse, wie es eindrucksvoll der Aufstieg der Familie der Medici in Florenz zeigte.

 

Familienwappen der Medici

Pistoia │ Museo Civico │ Oktober 2017

 

Ausdruck dieser „Zeitenwende“ wurde die kulturgeschichtliche Epoche der Renaissance - Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit mit dem Imperativ: „Lebe im Diesseits und genieße das Leben“.
  • Italien ⎸Florenz: um 1420/1500-1520 
  • deutschsprachiger Raum: um 1520-1555

Die Pest wurde auch zum Thema der bildenden Kunst.

So erinnern noch heute Skulpturen, Altarbilder und Pestsäulen an die gewaltige europäische Pest-Katastrophe im Mittelalter und in der Neuzeit.

In der Hochrenaissance von dem bedeutenden italienischen Künstler Michelangelo Buonarroti (1475–1564) die kolossale Marmorskulptur des biblischen Helden „David“ aus einem einzigen Marmorblock gehauen.

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] MOLLARET/BROSSOLLET 1987, S. 161 ff.

[2] KIRCHNER/BAUCH 2020.

[3] BERGDOLT 2006.

[4] BERGDOLT 2017.

[5] HOENIGER 2019.

[6] SEIFERT 2013.