Häuser hinterlassen Spuren

Klaus A.E. Weber

 

Wandel im Wohnen & häuslichen Wirtschaften

 

"Bauernhaus" in Heinade

2014

 

Jahrhunderte lang prägten im braunschweigschen Weserdistrikt vornehmlich die beiden Baustoffe Eiche und Sollingsandstein das Siedlungsbild.

Auch die Hauslandschaft von Heinade, Hellental und Merxhausen bietet noch heute mehr oder minder erhaltene historische Beispiele für ländliche Wohn- und Wirtschaftsgebäude, welche speziell auf die Erfordernisse eines landwirtschaftlichen Haupt- oder Nebenbetriebes der frühen Neuzeit „zugeschnitten“ waren.

Durch die günstige Lage der hier betrachteten Bauerndörfer zwischen nördlichem Solling und Holzberg war bereits im ausgehenden Mittelalters entdeckt worden, dass die am Nordwesthang des Mittelgebirges in so genannten Steinkuhlen gebrochenen Buntsandsteine als Bauwerksteine bearbeitet ein „ausgezeichnetes Material lieferten zum Decken und Behängen der Häuser und zum Belegen der Wohnzimmer und Küchen, der Dählen und Wege.

Man konnte auch Pflastersteine, Quadern, Treppenstufen, Pfosten, Tröge, Krippen und Grabsteine aus diesen Sollingsteinen herstellen“.

Das Steinbruchgewerbe bot zudem vielfältige Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten für „kleine Leute“ der angrenzenden Dörfer.[1]

Der rosafarbene Solling-Buntsandstein („Sollinger Steine“), verwandt als Behang- und Dachdeckungsmaterial, gibt noch heute der hiesigen Kulturlandschaft ihr einzigartiges Gepräge.

Waren noch im 16. und frühen 17. Jahrhundert die Bauernhäuser in den Dörfern mit Strohdächern gedeckt, so findet sich rund 100 Jahre später meist eine Sandsteineindeckung mit Buntsandsteinplatten aus dem Solling.[2]

Ein traditioneller Bauernhof war Wohn- und Produktionsstätte zugleich und entsprechend angelegt.[3]

Seit dem 12./13. Jahrhundert setzte sich das niederdeutsche Hallenhaus auf dem Lande niedersächsischer Regionen rasch durch, so auch in der hier betrachteten Region zwischen nördlichem Solling und Holzberg.

Unter einem Dach vereinigte das nordwestdeutsche Heimhaus Scheune (großer Speicherplatz), Stallungen und Wohnraum.

Erst zur Neuzeit hin entwickelte sich die räumliche Funktionstrennung in kleine Einzelräume.

Die mittelalterlichen Haushalte waren äußerst schlicht mit einfachen Holzgeräten und Keramikgegenständen ausgestattet.[4]

Noch heute imponieren vereinzelt steingedeckte Eichenfachwerk-Bauernhäuser mit teilweise erhaltenen „auskunftsfreudigen“ Inschriften am Torbalken.

Für die Bauweise in Holzfachwerk waren die naturräumlichen Voraussetzungen regional günstig, da die nahen, ausgedehnten Waldflächen des Sollings hierfür ausreichend Rohstoffe, insbesondere Eichenholz zumindest im 16./17. Jahrhundert boten.

Im historischen Hausbau wurde das Bauholz „im Saft“, erst 1-3 Jahre nach dem Fällen, verbaut.[5]

Die Hausdeckung war mit „Sollinger Steine“ belegt.

 

Wandbehang mit Sollingsteinplatten, Heinade

2014

 

Das übliche Wohngebäude war überwiegend das Hallenhaus.

Dieser einst vorherrschende Haustypus wies als „Vierständerbau“ eine Mittellängsdiele auf.

In das große Tor an der Giebelfront konnte ein Ackerwagen einfahren.

Im breiteren Seitenschiff lagen die Wohnräume (mit Stube) und im schmaleren die Stall- und Wirtschafträume.

Als Speicher diente der große Dachraum.

Diese frühe Grundrissstruktur blieb weitgehend bis in das 19. Jahrhundert erhalten.

Insbesondere zu Beginn des 19. Jahrhunderts differenziert sich die lange relativ einheitliche Hauslandschaft vermehrt, nicht zuletzt als Folge der Industrialisierung.

Ab 1870 werden zunehmend auch ausschließliche Wohngebäude errichtet.[6]

Die teilweise noch erhalten historischen Fachwerkbauten spiegeln noch heute vornehmlich die Stellung der Höfe in der jeweiligen dörflichen Sozialhierarchie wider.

Andererseits lässt die Gestaltung der Wohnhäuser in den Dörfern die Umstellung der Lebens- und Arbeitsweise in der Phase des industriellen Fortschritts erkennen, als sich ein deutlicher Wandel im Wohnen und häuslichen Wirtschaften vollzog.

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental


[1] RAULS 1983, S. 130 f.

[2] MÄRZ/ZELL 2004, S. 88 f.

[3] LILGE 2003, S. 190.

[4] HAUPTMEYER 2004, S. 52 ff.

[5] MÄRZ/ZELL 2004, S. 82 ff.

[6] MÄRZ/ZELL 2004, S. 91.