Spätphase - Neuzeitliche Glashütte

Klaus A.E. Weber

 

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1. Hälfte 18. Jahrhundert

Während des 18. Jahrhunderts veränderte sich das Glashüttenwesen insofern als technologisch weiterentwickelte und auf einen größeren Glaswarenabsatz ausgelegte Betriebe errichtet und vorwiegend unter landesherrschaftlicher Verwaltung betrieben wurden.

Die Zeit saisonal betriebener Waldglashütten ging damit zu Ende und in der Folge entstanden größere, ortsfeste Manufakturen, die einen neuen Zeitabschnitt der Glashüttengeschichte im Weser-Leine-Bergland ankündigten.

In jener Zeit des ökonomischen Wandels trat das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel unter Herzog Carl I. (1713-1780) erstmals als Wirtschaftsförderer und staatlicher Unternehmer auf.

Dabei wurde auch der bedeutende Wirtschaftszweig der Glasherstellung in die staatliche Eigenregie übernommen.

So entstanden um 1744 im alten Braunschweiger Weserdistrikt merkantilistische Staatsbetriebe mit dauerhaft angelegten Glashüttensiedlungen - Grünenplan, Holzen, Schorborn.

Die "Steinbeker Glashütte" hat insofern regionale glashistorische Bedeutung, als sie den produktionstechnischen Übergang von der mittelalterlich geprägten Waldglashüttenzeit zur vorindustriellen Produktionsweise in Manufakturen mit dauerhafter Glashüttenansiedlung markiert.

Wahrscheinlich holzwirtschaftlich bedingt, wurde nach über zwei Jahrzehnte währendem Betrieb die Glashütte im Hellental stillgelegt.

1743 erwarb der Braunschweiger Staat brauchbare Teile der Hüttenanlage und verbrachte sie an den nahen "Schorbornsteich" im Solling.

Dort ließ 1744 Herzog Carl I. (1713-1780) - ganz im Geiste des Merkantilismus – die bedeutende „Fürstlich-Braunschweigisch-Lüneburgische Hohl- und Tafelglashütte“ errichten, die bis 1842 betrieben wurde.

Ab den 1750er Jahren wurde siedlungstypisch für die vorindustrielle Epoche die "Colonie im Hellenthal" durch staatlich geförderte Arbeitsmigration unter Herzog Carl I. – im Zusammenwirken mit seinem Hofjägermeister Johann Georg von Langen (1699-1776) - planmäßig "um die Quelle" angelegt und in den Folgejahren systematisch zum Landhandwerker- und Waldarbeiterdorf Hellental ausgebaut.

 

Die "Söllinger Glasshütte" des Herrn Jobst Henrich Gundelach

In einem für die Glasherstellung topografisch und kleinklimatisch günstigen Seitental des nördlichen Hellentals betrieb der 1676 in Mecklenburg geborene Jobst Henrich Gundelach gemeinsam mit anderen traditionellen, rückwandernden Glasmacherfamilien (u.a. Wenzel, Seitz, Schlieker, Hesse, Kauffelt, Runge) während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Merxhäuser Forst eine große, privatwirtschaftlich geführte Waldglashütte.

Die erste urkundliche Erwähnung der Glasmacher "uff der Steinbeker Glashütten" ist einem Taufeintrag im Kirchenbuch Heinade von "Anno 1717" zu entnehmen.

Es war just jenes Jahr, in dem der spätere Schwiegervater Christian Heinrich Behm des Hüttenmeisters Gundelach als Abt des Klosters Amelungsborn eine größere Umgestaltung seiner Klosterkirche veranlasste.

 

Der Abt von Amelungsborn & sein Schwiegersohn, der "Glasermeister im Sölling"

Jobst Henrich Gundelach führte die Glashütte "uff der Steinbeke" als erfahrener Hüttenmeister und Kaufmann in hoch geachteter sozialer Stellung mit dem Prädikat „Herr“.

Er heiratete im Februar 1719 in der evangelischen Kirche in Holzminden Elisabeth Juliane Sophia Behm, Tochter des 1732 zum Konsistorialrat ernannten Theologen Christian Heinrich Behm.

Aus der Ehe von Jobst Henrich Gundelach und Elisabeth Juliane Sophia Behm gingen zahlreiche Kinder hervor.

Der 1662 in Bodenwerder geborene Christian Heinrich Behm avancierte 1711 in Holzminden zum Generalsuperintendenten des Weserdistrikts und war von 1712 bis zu seinem Tod 1740 fürstlich-braunschweigischer Abt des Klosters Amelungsborn.

Jobst Henrich Gundelach verließ später samt seiner Familie für immer das Hellental und wurde herzoglicher Amtmann in Lichtenberg bei Salzgitter, wo er 1740 verstarb – im gleichen Jahr wie sein Schwiegervater.

 

"Fast niemals der Schulmeister fehlt"

 Zwei Schulmeister auf der Glashütte

Die evangelischen Glasmacherfamilien der Glashütte Steinbeke waren immer darauf bedacht, ihren Kindern eine

  • gute Schulbildung

  • Unterweisung in der christlichen Lehre

zukommen zu lassen.

Schreiben, Lesen und Rechnen wurde vor Ort auf der Glashütte vermittelt, entweder durch

  • den Hüttenmeister

  • einen eigens hierfür eingestellten Schulmeister.

 

Ludolph Wehe (?-1737)

Früh wird der Hüttenschulmeister Ludolph Wehe im Zusammenhang mit der Glashütte erwähnt.

Er heiratete am 20. November 1731 „in Steinbeke“ Anna Elisabeth Keuneke aus Arholzen.

 

Johann Anton Drösemeyer (1711-1768)

Dem Schulmeister Wehe folgte ab 1735 der in Uslar geborene Schulmeister Johann Anton Drösemeyer.

Von der Glashütte Steinbeke kommend, unterrichtete Drösemeyer ab 1746 an der fürstlichen Glasmanufaktur Schorborn.

1765 wechselte Drösemeyer an die besser dotierte Schulstelle in Grünenplan.

 

Familiäre Verbindung

Verbindung zwischen den Glashütten Steinbeke & Osterwald

Familiäre Verbindung zwischen der braunschweigischen Glashütte Steinbeke im Hellental (um 1715/1717-1743/1745) und der hannoverschen Glashütte auf dem Osterwalde (1701–1827)

 

Barockgemälde │ Fotografien

Privatbesitz von Dr. Hans-Christian v. Wedemeyer, Obergut Eldagsen

Auf der Glashütte Steinbeke geborene, im Obergut Eldagsen mit dem Bauernsassen Wedemeyer nacheinander verheiratete Töchter von Jost Henrich und Sophia Gundelach

 

Conrad Werner Wedemeyer

* 1662 - † 1732

Erb- & Burgsasse, Amtmann zu Lauenstein

1701 Gründung der Glashütte Osterwald unter Kurfürst Georg Ludwig (Hannover)

▷ »Lauensteiner Glas«

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Conrad Wedemeyer

* 1701 Eldagsen - † 1767 Eldagsen

1735 Bau des Herrenhauses im Obergut

heiratete die auf der Steinbecker Glashütte geborenen Hüttenmeister-Töchter:

1744 Johanne Sophia Christiane Gundelach

* 1724 - † 1746

1748 Sophia Louise Christiane Gundelach

* 1727 - † 1768

 

Vitrine ❶

Produktionsabfall │ Auswahl fragmentierter Lese- und Bodenfunde am Betriebsstandort in Hellental

Glastropfen, Glasfäden │ unterschiedlich grün gefärbtes Glas

Dreipfennigstück 1718 │ stark abgegriffene Kupfermünze aus Hellental

Vorderseite: III, 1718 MUNTZ FÜRSTL. PADERB LANDT

Rückseite: (Wappen) FRANZ ARNOLD METTERNICH

Bischof Franz Arnold, Reichsfreiherr von Wolff-Metternich zur Gracht (1658-1718), Fürstbischof von Paderborn (1704-1718) und Münster (1707-1718)

Fensterglas │ hellgrünes bis farbloses Glas („Weißglas“)

Flaschensiegel │ fürstliche Manufakturen Pilgrim und Holzen

         - Pyrmont Water │ [hmh Inv.-Nr. 4118

         - Kaufmannswaage, WHD  │ [hmh Inv.-Nr. 4119

Trinkglasfragmente │ hellgrünes Glas

Keramikfragmente

         - Gebrauchskeramik (Drehscheibenware)

         - Technische Keramik: Kühlgefäß

 

Vitrine ❷

Schorborner Glasmanufaktur 1744-1842

Johann Georg v. Langen │ übernahm 1748 die Oberinspektion über die Schorborner Glasmanufaktur │ Porzellan-Schachfigur des Jubiläums-Schachspiels 1947

Schnapsglas vom Standardtyp "Wachtmeister" │ eingestochene Luftblase │ farbloses Glas │um 1800 │ norddeutsch/Solling

Schnapsglas │ farbloses Glas │ 19. Jahrhundert │ Schorborn zugeordnet

Silbermünzen

Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel  unter der Regentschaft von Herzog Carl I. (1713-1780)

  • VIII Gute Groschen │1759 │ bekröntes herzogliches Monogramm „C“ = Carl I.

  • ⅔ Taler │ 1764 │ Porträt  des Herzogs Carl I. │ Sachsenross als heraldisches Motiv

Filialglashütte „Moorhütte“ 1799-1829

Hohlglasfragmente │ farbloses, grünes, braunes Glas

Trinkglasfragment │ farbloses Glas │ blauer Lippenrand

Glastropfen │ Glaskügelchen

Henkeltöpfchen │ randständiger Wulst │ Kinderspielzeug │ Duinger Steinzeug  │ im 16. Jh. bekannt