Hochphase - Frühneuzeitliche Glashütten

Klaus A.E. Weber 

 

1. Drittel 17. Jahrhundert "… das Glas ist ein überaus angenehmes Geschirr" [1]

In der Blütezeit der Waldglashütten des Weser-Leine-Berglandes - im 16. und 17. Jahrhundert - führte die zunehmende Nachfrage nach eher luxuriösen gläsernen Trink- und Tafelgefäßen zur Vergrößerung der Glasproduktionsstätten.

So entstanden in Wäldern des Weser-Leine-Berglandes kleine, sozial isolierte Siedlungen auf Zeit mit einem Wohn- und Werkbereich.

Besorgt um ihre Forst- und Wildbahn achteten die Braunschweiger Herzöge, die die Konzession für die Errichtung und den Betrieb einer Waldglashütte erteilten, sehr darauf, dass einerseits der Holzverbrauch in Grenzen gehalten wurde, andererseits die Hüttenbewohner keine dauerhaften Siedlungsplätze in den herzoglichen Wäldern schufen.

Der Glashüttenmeister erhielt als „Privatunternehmer“ daher in der Regel eine landesherrlich nur auf wenige Jahre festgesetzte „Betriebserlaubnis“.

 

Produktionsnahes Leben & anstrengendes Arbeiten auf Glashütten - zu Beginn des 17. Jahrhunderts

Nach bisherigem archäologisch-historischen Forschungsstand bestanden in der Hellentaler Kulturlandschaft während des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts zwei große, an einem Bachlauf gelegene Glashüttenbetriebe.

Bei beiden Bodendenkmälern handelte es sich wahrscheinlich um zeitlich befristete, dorfähnliche Glasmachersiedlungen mit einfachen Produktions-, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden.

Die Glasöfen der Mehrofenanlagen brannten während der Betriebsperiode von Ostern bis Martini (11. November) pausenlos Tag für Tag, Nacht für Nacht, während in der Winterzeit die Glasherstellung ruhte.

Die Glasmacher schlugen dann mehrere hundert „Klafter“ Holz als Vorrat für kommende Produktionsphasen ein.

Zudem wurden „kalt gelegte“, durch die hohen Schmelztemperaturen ständig stark beanspruchte Werköfen ausgebessert oder erneuert.

Beide frühneuzeitliche Waldglashütten waren auf ein komplex strukturiertes, arbeitsteiliges und präzises Zusammenwirken aller Produktionsbeteiligten angewiesen – mit anstrengendem und gefährlichem Arbeitsalltag.

Der Vorgang der Glasschmelze erforderte ein produktionsortnahes Wohnen der Glasmacher sowie eine Betriebsorganisation im Schichtdienst rund um die Uhr.

Als Betriebsgemeinschaft können etwa 20–30 Hüttenbeschäftigte sowie Personen ihrer Familie und auch Zuarbeitende angenommen werden, die sich in der Regel vor Ort selbst versorgten.

Daher dürften die Hüttenbewohner zu ihrer Ernährung mit herzoglicher Genehmigung im Hellental eine „kleine Landwirtschaft“ mit Viehhaltung, Wiesennutzung und Gartenbau betrieben haben.

In der Abfallhalde geborgene Sachkulturgüter, wie beispielsweise Funde teils seltener, bemalter Irdenware, dokumentieren sozio-ökonomisch einen gehobenen Lebensstil auf den spätrenaissancezeitlichen Waldglashütten.

Zudem lassen Glas- und Keramikfunde wie auch anderes Fundmaterial auf weitläufige Handelsbeziehungen der Glashüttenmeister schließen, die weit über die Sollingregion hinaus reichten.

 

Vom Vater auf den Sohn vererbtes Hüttengeheimnis:

Differenziertes Herstellen qualitätsvoller Hohl- & Flachgläser

Jahrhunderte lang wurde vor allem die geheim gehaltene Rezeptur zur Glaserzeugung, das Verarbeiten und Veredeln von Gläsern vom Vater nur mündlich an die Söhne in immer denselben Meisterfamilien weitergegeben - nicht zuletzt aus Gründen der Konkurrenz.

Für die im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts im oberen Hellental betriebene Waldglashütte lässt sich ein differenziertes Hohl- und Flachglasspektrum archäologisch nachweisen.

Die Hohlglasgruppen mit unterschiedlichen Formen, Verzierungen und Farbgebungen umfassen Römer als Weingläser, Keulen-/Stangengläser für Bier, Becher, Kelchgläser, emailbemalte Humpen, Schalen, Kannen und Flaschen, aber auch Glasprodukte des medizinisch-alche mistischen Bereichs.

Der Gruppe der Flachgläser sind verschiedenartige Fragmente von Fenster- und Butzenscheiben zuzuordnen.

 

 

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[1] Wolf Helmhard von Hohberg, 1682 - zitiert in GRIMM, C. (Hsg.): Glück und Glas. München 1984.