Frühphase - Glashütten im "hölzernen Zeitalter"

Klaus A.E. Weber

 

Spätes 12. bis 13./14. Jahrhundert "… an keinem Orte beständig und unveränderlich da bleibet" [1]

 

Herrschaft, Repräsentation & Frömmigkeit im 12./13. Jahrhundert

Diese mittelalterliche Epoche wurde geprägt von Burgen, Rittern, Klöstern und aufkommenden Städten – sowie vom europaweiten Kultur- und Wissenstransfer.

Im 12./13. Jahrhundert erfolgte der epochale „Aufbruch in die Gotik“ mit technischen Innovationen.

Städtisches Leben und bürgerliches Selbstbewusstsein nahmen einen bislang nicht gekannten Aufschwung.

Siegel wurden das Hauptbeglaubigungsmittel der mittelalterlichen Urkunden.

Während Stadt- und Klostergründungen zu einem erhöhten Glasbedarf führten, deckten Töpferwaren den Geschirrbedarf ärmerer Haushalte

Im abendländischen Mittelalter beschränkte sich die Glasverarbeitung – neben dem Herstellen von Fensterscheiben für Klöster und Kirchen – zunächst vornehmlich auf einfache gläserne Gebrauchswaren.

Dennoch waren diese Trink-, Schenk- und Vorratsgefäße kostbare Gegenstände des gehobenen Bedarfs.

Diese mitunter auch kunstvoll verzierten Gläser waren als Luxusartikel nur vermögenden, fürstlichen Haushalten vorbehalten.

Nach und nach versorgten sich aber auch wohlhabende Patrizier und andere reiche städtische Bürgerhaushalte mit Trink- und Schenkgefäßen aller Art aus Glas für besondere festliche Anlässe.

 

Gläserne Zeugnisse des Mittelalters – Saisonal gefertigt aus gereinigtem Sand und Holzasche

Spätestens ab 1200 n. Chr. stellten nördlich der Alpen wandernde Waldglashütten in Mittelgebirgen einfaches, überwiegend grün gefärbtes Waldglas her.

Das einfache Waldglas war zunächst das Schmelzprodukt eines Rohstoffgemenges aus natürlichen Hauptbestandteilen: silikatreicher Sand („Glasbildner“) und Holzasche („Flussmittel“), die auf der Glashütte nach einer geheim gehaltenen Rezeptur zusammengefügt wurden.

Zur Qualitätsverbesserung wurde später dem Gemenge Kalk als „Stabilisator“ beigefügt.

Die Grünfärbung der Gläser entstand infolge eisenhaltiger Verunreinigungen (Eisenoxide).

Die traditionelle Glasherstellung stellte einen aufwändigen und komplizierten betrieblichen Arbeitsprozess dar, der von den Glasmachern ein hohes Maß an Fachwissen erforderte und eine Reihe manueller Arbeitsschritte umfasste:

  • Gewinnen der Rohstoffe

  • Vorbereiten des Gemenges

  • Schmelzen und Läutern

  • Verarbeiten der flüssigen Glasmasse mit Blasen und Formgeben

  • Kühlen

  • Veredeln

  • Versenden.

 

„Ora et labora“ - Glasherstellung im Hellental zur Verglasung hochgotischer Maßwerkfenster der Zisterzienser-Klosterkirche zu Amelungsborn?

Um 1129 gestiftet, wurde 1135 auf dem Odfeld bei Stadtoldendorf das Zisterzienserkloster Amelungsborn ordensrechtlich gegründet.[3]

Obwohl nach dem Generalkapitel von 1157 und 1182 bunte Glasfenster ausdrücklich verboten waren, könnte dennoch ein klösterlicher Zusammenhang zwischen mittelalterlichen Waldglashütten im Hellental - Klosterland als Außenbesitzung im nördlichen Solling (?) -  und dem nahe gelegenen Kloster bestanden haben.[2]

 

Mittelalterliche Waldglashütten wanderten dem Holze nach

Wie systematische Geländebegehungen erbrachten, hinterließen mittelalterliche Glasmacher im Hellentaler Landschaftsraum Spuren ihrer besonderen Tätigkeit.

Geborgene glastechnische Relikte wie auch Keramikfunde belegen, dass bereits im 12./13. Jahrhundert in dem für dieses Spezialgewerbe ressourcenreichen Hellental Glashütten entlang wasserreicher Bachläufe betrieben wurden – in der Zeit der Stadt- und Klostergründungen.

Die Hüttenbetriebe lagen inmitten des Sollingwaldes, abseits mittelalterlicher Bauerndörfer - daher die Bezeichnung „Waldglashütten“.

Da auch im Hellental die Glasöfen Tag und Nacht brannten, ist davon auszugehen, dass sich die Glasmacherfamilien während des saisonalen Produktionszeitraumes dort auch niedergelassen und in einfachen Behausungen gelebt haben.

Unter den lokalisierten mittelalterlichen Glashüttenplätzen lassen sich im Hellentaler Landschaftsraum zwei Betriebsformen erkennen.

Die größeren Fundplätze legen nahe, dass hier Glasmasse sowohl erzeugt als auch direkt bis zum Endprodukt weiterverarbeitet wurde.

Dazu waren mehrere Glasöfen erforderlich (Mehr-Ofen-Anlagen).

Die kleineren Fundstellen weisen nur einen Ofenhügel auf.

Hier ist davon auszugehen, dass lediglich Glasmasse geschmolzen wurde (Ein-Ofen-Anlagen).

Dabei kann es sich einerseits um „Nebenhütten“ handeln, andererseits um kleinere Glasbetriebe, die die Rohglasmasse zum weiteren Verarbeiten z.B. an Werkstätten in mittelalterlichen Städten lieferten.

War der Holzvorrat in der Umgebung der Glashütte aufgebraucht, zogen die Glasmacher weiter zum nächsten geeigneten Standort im Hellental, wo dieser wichtige Rohstoff in ausreichender Menge vorhanden war.

So musste ein Glashüttenmeister im Laufe seines Berufslebens mehrmals seinen Betrieb verlegen.

Deshalb wird auch von „Wanderglashütten“ gesprochen.

Das in der Dauerausstellung gezeigte, aus feuerfestem Ton topfartig gefertigte Glasschmelzgefäß (rekonstruierter Hafen) des 12./13. Jahrhunderts ist ein hochkarätiges archäologisches Zeugnis hoch- bis spätmittelalterlicher Glasherstellung im Solling.

 

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[1] zitiert in: 200 Jahre Grünenplan. 1949, S. 24.

[2] GÖHMANN 1982, S. 50, 109-115.

[3] HEUTGER 1968, S. 12-24.