Die „schöne Ebstorferin“ im Historischen Museum

Klaus A.E. Weber

 

Sie ist schön anzuschauen, sie ist die Größte, sie fasziniert und wirkt zugleich mystisch, sie hat viel von der Welt ihrer Zeit zu erzählen:

Die schöne „Ebstorferin“ ... [1]

Versenken wir uns in den Geist der hoch- bis spätmittelalterlichen Zeit mit ihrer wundergläubigen Weltstimmung hinein.

Welche Auffassung von der mittelalterlichen Welt und welches Welterleben hatten wohl einst die Bewohner*innen der Bauerndörfer Heinade und Merxhausen am Sollingrand, wie auch jene ersten Glasmacher mit ihren Familien im entlegenen Hellental - im „Alten Tal der Glasmacher“?

Eine mögliche Spur zur Beantwortung dieser (orts-)historisch spannenden Fragen könnte in der um 1300 bzw. um die Mitte des 13. Jahrhunderts erstellten klösterlichen „Ebstorfer Weltkarte“ zu finden sein.


    

Ausschnitt aus der „Ebstorfer Weltkarte“ (Europa) │ Replikat

 

Die rekonstruierte Kopie der größten überlieferten und inhaltsreichsten ‘mappa mundi‘ aus dem Mittelalter gibt eine klösterliche Weltchronik wieder mit lateinischen Begleittexten in der Darstellungsform eines klösterlichen Weltgemäldes.

In jener Zeit bildeten Kunst, Weltanschauung und Wissenschaft eine alleine auf dem Glauben ruhende Einheit.

Zugleich ist die bildreiche, an mehreren Stellen beschädigte Weltkarte eine zeitgenössische Enzyklopädie des gesamten historischen, erd- und naturkundlichen Wissensstoffes, bildhaft vereinigt mit dem damaligen theologisch-biblischen und antiken mythologischen Gedankengut.

Es ist eine sinnfällige Weltsicht, wie sie einst auch die bäuerlichen Familien in Heinade und Merxhausen wie auch die Hellentaler Glasmacher gehabt haben könnten.

 

Die Stadt Braunschweig ist mit dem "Braunschweiger Löwen" aus der Zeit um 1166 abgebildet

 

Spätmittelalterlicher Glasmalerei-Zyklus

Des Weiteren besitzt das Kloster Ebstorf einen um 1410 in einer Lüneburger Werkstatt entstandenen Glasmalerei-Zyklus.[4]

 

Die einstige Originalkarte aus der Zeit um 1300

Die Originalkarte bestand ehemals aus 30 zusammengenähten, ungleichen Pergamentblättern mit einer Gesamtfläche von 12,75 m².

Eine strichgetreue Nachbildung ersetzt das während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1943 in Hannover verbrannte, bereits teilbeschädigt 1830 aufgefundene Unikat.

Es stammt wahrscheinlich aus dem um 1160 gegründeten Kloster Ebstorf („Ebbekestorp“) bei der Hansestadt Lüneburg.[3]

Bislang konnten allerdings weder der Ursprung noch der sakrale Zweck (Altar- oder Chorbild) oder der Verfasser und das Entstehungsjahr urkundlich belegt werden.

Im Unterschied zu neuzeitlichen, maßstabsgetreuen Kartenwerken ganz im Sinne römischer Kartendarstellungen nach Osten ausgerichtet, ist die mittelalterlich gottgefällige „Radkarte“ (die Erde als Kreisscheibe) durch das vielgliedrige Mittelmeer und seine Nebenmeere aufgeteilt in die drei damals bekannten Kontinente:

  •   Asien nahezu in der oberen und unteren Kartenhälfte

  •   Afrika im rechten Kreisabschnitt

  •   Europa im unteren linken Sektor.

Bei der Gestaltung und Größe der Erde wie auch der Länder spielen der Maßstab und Entfernungen eine nachgeordnete Rolle.

In der Raumgliederung wird der bewohnte Erdkreis außen völlig von dem schmalen Band des „Weltmeeres“ umsäumt, symbolisch zusammengehalten von der Gestalt Christi (Jesus Christus) – am Kartenrand erkennbar am Kopf (oben), an den Händen (links/rechts) und an den Füßen (unten).

Den religiösen wie geografischen Kartenmittelpunkt und das Herz der Welt bildet die Heilige Stadt Jerusalem als goldenes Viereck - Heiligtum der damaligen christlichen Vorstellung von der Weltmitte.

Im oberen Kartenabschnitt ist das Paradies in seiner biblischen Darlegung abgebildet – das erste Menschenpaar mit der Schlange am Baum der Erkenntnis, die vier Ströme und der Baum des Lebens im äußersten Osten.

Die ägäische Küstenregion Kleinasiens ist mit ihrem Städte- und Burgenreichtum dargestellt, ebenso ein aus dem Heiligen Lande heimkehrender ritterlicher Kreuzfahrer.

Die Ewige Stadt Rom wird durch ihre Wahrzeichen der sieben Hauptkirchen charakterisiert.

Zwischen Oberlauf der Donau mit ihren Zuflüssen und der Nordsee tritt neben Lüneburg auch Braunschweig mit dem Braunschweiger Burglöwen außergewöhnlich groß hervor.

Anhand eines verkleinerten Drucks der schönen „Ebstorferin“ [2] können inhaltsreiche Kartendetails der zahlreiche Text- und Bildeinträge umfassenden mittelalterlichen Bildkarte in der Dauerausstellung ZEITRÄUME Glas & Gläser erforscht und das Wissen und die Vorstellungswelt jener Zeit buchstäblich unter die Lupe genommen werden.

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber. Hellental

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[1] Literatur beim Verfasser.

[2] Der verkleinerte Druck wurde wahrscheinlich in den 1960rt/1970er Jahre erstellt und ist eine Schenkung von Herrn Dr. Wolfram Grohs aus Holzminden an das Regionalmuseum in Hellental.

[3] KLOSTERKAMMER HANNOVER 2008, S. 56-61.

[4] KLOSTERKAMMER HANNOVER 2008, S. 59.