Glashistorische Epochen & Regionen - Entwicklungen zwischen Orient & Okzident

Klaus A.E. Weber

 

Entwicklung von der antiken Keramikglasur über einfache Waldgläser, venezianische Gestaltungen bis hin zum industriellen Massenprodukt

 

"Die Geschichte der Glaskunst - von ihren Anfängen ungefähr vor 1.500 Jahren v. Chr. bis heute - verläuft in Wellenbewegungen, bei denen sich Phasen aufsehenerregender Errungenschaften mit Zeiten der Stagnation ablösen."

Dedo von Kerssenbrock-Krosigk 2017 [5]

 

"Glas aus vier Jahrtausenden"

Das historische Württembergische Landesmuseum in Stuttgart verfügt mit der Glassammlung Ernesto Wolf über eine der renommiertesten Sammlungen der Welt - mit Gläsern aus vier Jahrtausenden. In einem Tonnengewölbe unter dem Alten Schlosses sind rund 700 gläserne Kostbarkeiten ausgestellt.

֍ Reise durch das Landesmuseum Württemberg

▷ Recherchierbarer digitaler Sammlungskatalog: Gesamtbestand antikes Glas Sammlung Wolf

 

Epochenvitrinen  ❶ - ❽

Naturglas⎹ Gebrauchsglas⎹ Kostbares Luxusglas⎹ Kreativtechnisches Glas - Zeitreise über die vorrömische Antike bis hin zur Moderne

 

Seit der Bronzezeit ist Glas ein geschätztes Material und ein beliebter Werkstoff  mit besonderen Eigenschaften.

Die intensionelle Herstellung von Glas mit künstlerischer Glasgestaltung erfolgt nicht zufällig - mit Ausnahme des Obsidians, einem natürlich vorkommenden vulkanischen Gesteinsglas.

Als Unikate oder Kleinserien waren Schenk- und Trinkgläser - wie Weingläser - bis zum 19. Jahrhundert ein kostbares Luxusgut.

 

Grundsätzlich kann bei handwerklichen Gläsern und deren Analyse unterschieden werden nach

  • der chemischen Zusammensetzung

  • Zeitstellung (Epoche) ⎸Ort der Herkunft (Provenienz)

  • der Art und dem Umfang der lokalen Glasverarbeitung

  • Form- und Farbgebung ⎸Dekorgestaltung

  • den Rohglasquellen

  • den angewendeten Glasrezepturen

  • der technischen Erzeugung ⎸den im Glasmacherhandwerk unterschiedlichen Kenntnissen und Fertigkeiten bei der Glasherstellung

  • wirtschaftlicher, sozialer, modischer und künstlerisch-kreativer Verwendung

  • den Werkstatttraditionen in der Glasmalerei

 

Je nach handwerklicher Technik und Tradition wird der vielseitig verwendbare Werkstoff Glas

  • geblasen

  • gegossen

  • geschliffen

  • geätzt

  • lüstriert

  • überfangen

  • eingefärbt

  • mit anderen Materialien  ⎸Zuschlagstoffen kombiniert

 

Nachbildungen & Originalgefäße

Der vorherrschende Geschmack der Epoche wie auch die technischen Möglichkeiten der jeweiligen Entstehungszeit prägten die Glasform, die Glasfärbung oder die Stärke der Glaswandungen.

In den Epochenvitrinen ausgestellte historische Trink-, Schenk- und Aufbewahrungsgläser zeigen, welche Unterschiede bestehen

  • in der Zeitstellung

  • in der Provenienz

  • in der technischen Erzeugung

  • in der Form- und Farbgebung

  • im Dekor

  • in der wirtschaftlichen und modischen Verwendung.

 

Blick auf den 3.718 m hohen Schichtvulkan „Pico del Teide“ auf Teneriffa

Höchster Berg der Kanaren & Spaniens │ dritthöchster Inselvulkan der Erde

 

❶  Obsidian - Naturglas aus Feuer geboren

Bereits vor etwa 60 Millionen Jahren hat sich auf der der Erde Naturglas = Obsidian aus Sand, Soda und Kalk bei Vulkanausbrüchen oder Meteoriteneinschlägen gebildet und diente in der Stein- und Bronzezeit als wichtiges Rohmaterial für die Herstellung von Werkzeugen, Waffen und Schmuck, aber auch geheimnisumwittert für kultische Zwecke.[19]

Naturglas (vulkanisches Glas) des feuerspuckenden Gottes Guayote

Der in der Caldera de las Cañadas - einem vulkanischen Einsturzkessel des 3.718 m hohen Berggiganten „Pico del Teide“ auf Teneriffa - vorkommende Obsidian ist ein natürliches, vulkanisches Gesteinsglas.

Das amorphe Gefüge des Obsidians entsteht bei rascher Abkühlung von eruptiertem Magma (Lava), wobei es nicht zur Ausbildung regelmäßiger Kristallstrukturen in der Silikatschmelze kommt.

In einer Art steinzeitlicher Kultur in Höhlenwohnungen oder halb-unterirdischen Siedlungen lebend, nutzte die Guanchen-Kultur das Naturglas zur Waffen- und Werkzeugherstellung.

 

Tongefäß mit Tülle - Vasija Cultura Guanche, siglo VIII a. e - XV d. e

Museo de la Naturaleza y el Hombre - Santa Cruz de Tenerife (2016)

 

Die als stolz geltenden Ureinwohner der größten kanarischen Insel entwickelten sich isoliert – als „Steinzeitmenschen mit Niveau“ mit einer einfachen Hirten- und Bauernkultur.

In mehreren Einwanderungswellen wurden die kanarische Inselgruppe zwischen 800-500 v. Chr. besiedelt.

Die Kanaren werden bei dem römischen Historiker und Schriftsteller Gaius Plinius Secundus Maior (Plinius der Ältere) in seinem um 77-78 n. Chr. entstandenen enzyklopädischen Werk "Naturalis Historia" erwähnt.

Im 14./15 Jahrhundert bemächtigten sich Europäer der kanarischen Inseln (Kanaren) und damit der altkanarischen Bevölkerung; Spanier eroberten Teneriffa in den Jahren 1494-1496.

Wegen des scharfkantigen Bruches und glasigen Gefüges eignete sich das  Vulkanglasstein Obsidian insbesondere zur Herstellung von Schneidewerkzeugen (prähistorische, steinzeitliche Steinmesser).

  • Schwarzes Gesteinsglas von der Caldera des 3718 m hohen Stratovulkans Pico del Teide ⎸Las Cañadas del Teide ⎸Tenerife

  • Schneeflockenobsidian, geschliffen (Einschlüsse von Cristobalit)

  • Tongefäß mit Tülle │ 8. Jh. v. Chr. - 15. Jh. n. Chr. │ Archäologische Reproduktion eines kanarischen Keramikgefäßes: Vasija Cultura Guanche │ siglo VIII a. e - XV d. e  ⎸ MNH Arqueología, Santa Cruz de Tenerife

 

Prähistorische Obsidian-Werkzeuge der Guanchen-Kultur auf der kanarischen Insel Teneriffa

Museo de la Naturaleza y el Hombre - Santa Cruz de Tenerife (2016)

 

Technologie der Steinzeit - im bronzezeitlichen Helladikum in der Ägäis [14]

Vor der Frühen Bronzezeit (vor ca. 3.000-2.000 v. Chr.) wurden auf dem griechischen Festland im Frühhelladikum oft Klingen aus Obsidian angefertigt.[12]

So konnten auf der Insel Ägina in einem "Schachtgrab" am Stadttor der früh- bis mittelhelladischen Siedlung Kolonna Waffen aus Bronze und Obsidian archäologisch nachgewiesen werden.[13]

 

Zum Vergleich: „Stahl der Steinzeit“ – Flint (Feuerstein)

Prähistorisch von einem Feuersteinkern abgetrennte Pfeil- und Speerspitzen - nahezu ausschließlich aus dem „Glasbildner“ Siliziumdioxid (SiO2) bestehend

Replikate aus baltischem Feuerstein │ MUT - Museum der Eberhard Karls Universität Tübingen

  • Pfeilspitzen klein│groß

  • Speerspitzen klein│groß

  • Abschläge

 

◼ Hethitisches Keramikfragment mit Innenbemalung [15] │ ~ 2. Jahrtausend v. Chr., Kappadokien

 

❷  16.-12. Jh.│8.-1. Jh. v. Chr. - Entstehung & Verbreitung der Glaskunst in der vorrömischen Antike

  • Geformtes Hohlglas entstand im 4.-1. Jh. v. Chr.
  • Echt (optisch) geblasene Gefäße ab Mitte ⎸2. Hälfte 1. Jh. v. Chr.

 

Antike Rohglasherstellung & Glasverarbeitung

Die Ursprünge der künstlerischen Glasgestaltung sind in den frühen Glaszentren des Ostmittelmeerraumes nächst im alten Orient zu finden, danach im Mittelmeerraum:

▶ Mesopotamien ⎸Ägypten ⎸phönikische Städte der Levante

Etrurien ⎸Cypern ⎸Kreta ⎸Griechenland

Intentionell waren die antike Glasherstellung und Glasverarbeitung mit Herstellung eigener Gefäße aus Glas getrennte Technologien und Techniken.

Zunächst wurde in den Glaszentren - wie in der Levante ⎸Phönikien [4][6][11] - Rohglas erzeugt aus

  • Quarzsand ⎸Kieselsäure ⦋Wüste ⎸Flussablagerungen⦌Quarzsand ⦋Wüste ⎸Flussablagerungen⦌

  • Natron ⎸Trona (= Salzgestein) ⦋in Ägypten Seeufer des Wadi-El-Natrun ⎸Asche meeresküstennaher Strandpflanzen⦌Natron ⦋Seeufer des Wadi-El-Natrun ⎸Asche meeresküstennaher Strandpflanzen⦌

  • Kalk ⦋kalkhaltige Pflanzenasche ⎸Muschelsplitter⦌

 

Mesopotamien & Ägypten

Wie die bisherigen Untersuchungen ergeben, wurde Glas zunächst in Vorderasien und dann in Ägypten hergestellt [11], wie dies archäologische Glasfunde aus ägyptischen Gräbern wie auch Glasofenreste aus der Zeit um 2000 v. Chr. belegen.

Ausgehend von Mesopotamien und Ägypten breitet sich das Kunsthandwerk des Glasmachens wahrscheinlich über das ägyptische Alexandria in den Mittelmeerraum aus: Etrurien ⎸Cypern ⎸Kreta ⎸Griechenland.

Wurde Glas zunächst nur als Schmuck verarbeitet, so sind erste Glasgefäße für die Zeit seit Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. überliefert.

 

Ägyptische Glas-Herstellung um 1500 v. Chr.

Ein Zwischenprodukt bei der Herstellung von Glas war die Glasfritte.

Als direkter Rohstoff für die Glasschmelze wurde sie auf Holzfeuer in kleineren, muldenförmigen Tonpfannen (Schmelztiegel) erzeugt.

In Ägypten entstanden um 1450 v. Chr. unter Thutmosis III. (~ 1486-1425 v. Chr.) im Neuen Reich, 18. Dynastie, erste datierbare Glasgefäße.

 

Altägyptische Papyri: Königliche Szenen mit der Atonscheibe, 18. Dynastie

Pharao Echnaton (Amenophis IV., 1332-1323 v. Chr.) mit seiner "Großen königlichen Gemahlin" Nofretete und einer seiner Töchter bei der Verehrung des Gottes Aton [17]

Anchesenamun salbt ihren auf dem Thron sitzenden Gemahl Pharao Tutanchamun │ Doppelkrone als Königssymbol und Atonscheibe [18]

 

Ägypten - 18.-21. Dynastie  ⎸Replikate

  • „Schlangengöttin“ ⎸Priesterin ⎸Minoische Hochkultur mit enger Beziehung zu Ägypten ⎸Kultische Schatzkammer des Heiligtums des Palastes von Knossos ⎸~ 1450 v. Chr.

  • Königin Nofretete│Neferet-iti │ Stark verkleinerte Kopien der Büste der „Großen königlichen Gemahlin“ des Pharaos Echnaton (Amenophis IV., 18. Dynastie) im Neuen Reich von Ägypten│ ~ 1340 v. Chr. ⎸el-Amarna

  • Tutanchamun│Porzellanvase mit Motiven aus dem Leben des altägyptischen Königs (Pharao), ein Sohn von Echnaton│1332-1323 v. Chr. ⎸Memphis

  • Tutanchamun│Königsplastik von Tutanchamun „auf der Jagd“

  • Kalkstein-Stele einer Sängerin ⎸Theben ⎸~ 1.000 v. Chr.

  • Papyrus - „Nefertari – von Isis geführt“ ⎸Nefertari war die „Große königliche Gemahlin“ von Pharao „Ramses der Große“ (Ramses II.) im Neuen Reich, 19. Dynastie

  • Papyri - Königliche Szenen mit der Atonscheibe (s. oben)
  • Fayence - Statuette der stillenden Göttin Isis ⎸Schwestergattin des Osiris - Auf dem Thron sitzend, stillt Isis als Königsmutter auf dem Schoß haltend ihren Sohn Horus ⎸Griechisch-Ptolemäische Zeit  ⎸~ 300 v. Chr.

 

Antike Perlenformen als Glasschmuck

Glastechnik zur Zeit der Neferet-iti, der „Großen königlichen Gemahlin“ des Pharaos Echnaton (Amenophis IV., 18. Dynastie) im Neuen Reich von Ägypten ⎸14. Jh. v. Chr.

  • Kugelperlen aus Glas (Nachbildungen)

  • Lapislazuli, Import aus Afghanistan

 

Kerngeformtes Glas

In vorrömischer Zeit wurden kleine kerngeformte Gläser in vier typischen, mediterranen Grundformen als kostbares Handelsgut hergestellt:

  • Alabastron

  • Amphoriskos

  • Aryballos

  • Oinochoe

Hierfür wurde ein fester, tonhaltiger Kern (für den späteren Hohlraum des Gefäßes) vermutlich um das Ende eines Haltestabes geformt und mit zähflüssiger Glasmasse überzogen.

Danach konnten verschiedenfarbige Glasfäden auf das zumeist dunkelbaue Glasgefäß aufgelegt werden.

Nach dem Erkalten der Glasmasse wurde der mürbe Keramikkern gelockert und ausgekratzt.

 

Antiker Glashandel über die Routen mediterraner Seewege

Die Etrusker unterhielten vom 10. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. im Mittelmeerraum zahlreiche Seeverkehrswege mit Handelsbeziehungen.

Neben Wein und Öl importierten sie auch (Roh-)Glas und dessen Herstellungskunst aus den Zentren früher Glaserzeugung im östlichen Mittelmeerraum.

Später kamen römische Glasimporte zunächst bis in das antike Italien, wo erste Glashütten entstanden.

Von dort aus gelangte im Imperium Romanum das Glasmacherhandwerk in die römischen Provinzen, vor allem auch in die niedergermanische Provinz  und somit in das Rheinland (CCAA│antikes Köln).

 

◼ Pentelisches Marmorfragment │ Partheon der Akropolis von Athen │ 447-438 v. Chr. [16]

 

Etrusker & Glas

Die Kultur der Etrusker - antikes Volks in Etrurien im nördlichen Mittelitalien - beginnt um 800 v. Chr., nachweisbar bis zur zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr.

Ab 40 v. Chr. begann die endgültige Romanisierung Etruriens.

Die Etrusker [4] brachten Glas von Ägypten wie auch dessen Herstellungskunst nach Italien, wo erste römische Glashütten entstanden.

Von dort aus gelangte es später in die römischen Provinzen, so vor allem auch in das Rheinland.

Als wichtige politische Kraft unterhielten Etrusker in Mittelitalien vom 10. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. im Mittelmeerraum zahlreiche See- und Landverkehrswege mit Handelsbeziehungen, wobei sie auch Glas importierten oder indigen herstellten.

  • Bogenfibel aus Gold mit langem Nadelhalter │ 7. Jh. v. Chr. │ Replikat

  • Votivstatuette: Verlängerter Ephebe │ "Ombra della Sera" - Gott des Schattens und des Abends, der in der Nacht den Wanderer behütet [9] │ Volterra │ 2. Hälfte 3. Jh. v. Chr. (300-250 v. Chr., ellenisch) │ Originalabguß - Als eine der berühmtesten wie faszinierensten Schöpfungen etruskischer Kunst gilt der nackte Jüngling mit seiner unnatürlich langgezogenen Anatomie (Museo Etrusco Guarnacci, Volterra). Die etruskische Bronzestatuette erinnert an Bronzeskulpturen des Schweitzer Künstlers Alberto Giacometti (1901-1966).

  • Bucchero-Gefäße│Replikate - "Schwarze" Kunst der spezifisch etruskischen Keramikgattung mit Metallcharakter│Dekor in Form figürlicher Einritzungen│~ 7.-6. Jh. v. Chr.

  • Bronzestatuette  „Spender mit Opferschale“ │mit der Toga bekleidet │~ 4. v. Chr.│Replikat

  • Bronzestatuette "Frau mit Spiegel" mit mythologischen Figuren│~ 5. Jh. v. Chr. │Replikat

 

Kantharos – Etrusker  ⎸ Griechen  ⎸ Römer

Häufig Attribut des Dionysos (dionysischer Götterkult), wobei die Kantharoi als eine Leitform etruskischer Keramik gelten.

Elegantes Trinkgefäß charakterisiert mit an der Lippe ansetzenden, gegenüberliegenden, bis weit über den Becherrand hochgezogenen Schlaufenhenkeln - meist als Weingefäß benutzt.

  • Römischer Kantharos Lyon, blaues Glas - 1.-3. Jh. n. Chr. │Replikat

  • Griechischer Kantharos, hellgrünes Glas mit Noppen & Fadenauflage - 4. Jh. n. Chr. │Replikat

 

❸    1. Jh. v. Chr. – 5. Jh. n. Chr. - Schöpferische Glaskunst im Römischen Reich

Den Aufstieg Roms zur führenden Macht der antiken Welt begleitete ein ungeahnter Aufschwung der Glasherstellung im Mittelmeerraum.

Als eine der schöpferischsten Perioden der Glasgeschichte und als absolutes Vorbild für alle folgenden Blütezeiten gilt die römische Epoche - mit ihrer Formenvielfalt und ihrem Verzierungsreichtum an frei geblasenem und geformtem Glas.

Glasgefäße wurden zur Handelsware und zum Zeugnis der Überlegenheit der römischen gegenüber der barbarischen Kultur.

 

Vom zerbrechlichen Luxus mit Prunk- und Ziergefäßen zur Massenware des täglichen Gebrauchs im Haushalt

Soda-Kalk-Glas war im Imperium Romanum einerseits ein „zerbrechlicher Luxus“ mit Prunkstücken, andererseits aber auch eine Massenware für den täglichen Gebrauch in römischen Haushalten.

Glasimporte aus der Zeit um Christi Geburt - als kostbares mediterranes Handelsgut  aus Syrien in das Römische Reich bis in die niedergermanische Provinz importiert.

Blüte der Glaserzeugung in römischen Provinzen - wie in den Glaswerkstätten der Koloniestadt "Colonia Claudia Ara Agrippinensium" (CCAA, Köln) - infolge der glastechnischen Revolution durch die Glasmacher Pfeife

  • Glas formen mit der Glasmacherpfeife: Folgenreiche technische Neuerung um 50 v. Chr. in der römischen Provinz Syrien - Beginn der manuellen Herstellung von Hohlglas im engeren Sinne – mit Übergang von dickwandigen zu feinen, dünnwandigen Glasgefäßen. Die aus einem längeren, hohlen Metallrohr bestehende Glasmacherpfeife ermöglichte durch das Mundblasverfahren gläserne Kugelhohlformen zu erzeugen. Erstmals war dadurch eine große Gefäßvariabilität für unterschiedliche Verwendungszwecke möglich.

Die Glaskunst der Römer blieb für alle folgenden Blütezeiten das absolute Vorbild.[1]

 

CCAA (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) – Das römische Köln, ein Zentrum antiker Glaskunst

Querschnitt durch tausend Jahre antiker Kunst der Herstellung des zerbrechlichen wie kostbaren Gutes

Das Römisch-Germanische Museum Köln besitzt weltweit die größte Sammlung an

  •   römischem Glas des 1. bis 4. Jahrhunderts

  •   fränkischem Glas,

darunter eine große Zahl römischer Luxusgläser, wie in Form geblasene Figurengefäße, Schlangenfadengläser, Schliffgläser und Diatrete.

 

 

Knapp 5 cm großes, gegossenes Miniaturporträt des Kaisers Augustus [7]

Massiver dunkler Kern aus kristallisierter Fritte mit opak türkisgrün überfangenem Glas, wohl ursprünglich in eine Statuette eingesetzt

Frühes 1. Jh. n. Chr. (27 v. Chr.)  ⎸ Replikat im MiB

Römisch-Germanisches Museum Köln

 

∎ Ziegelplatte einer Hypokaustanlage

Im Schutze des Limes bestand bei Hummetroth im vorderen Odenwald die römische Villa Rustica „Haselburg“ um 130 – vor 260 n. Chr.

Es ist ein repräsentativer Gutshof (3,5 ha) eines Mitglieds der provinzialen Oberschicht - mit Herrenhaus, Portikus, Wirtschaftsgebäuden, großzügigem Badetrakt & Jupitergigantensäule.

  • Runde Ziegelplatte aus der Hypokaustanlage des Laubaderaums im Hauptgebäude.

Zudem wurden auch Bruchstücke von Glasscheiben und Glasgefäßen gefunden.

 

❹   6.-15. Jahrhundert - Epoche einer hochentwickelten Glaskunst im Mittelalter

Die hochstehende mittelalterliche Glaskunst im islamischen Kulturkreis war beim Formenreichtum wie bei der Vielfalt der Veredelungstechniken der antiken römischen Glaskunst ebenbürtig.

Glasbecher mit Schlaufenfadendekor zählen zu den besten Leistungen des hoch-mittelalterlichen Glasmacherhandwerks.

Hochwertig dekorierte Gefäße des 13./14.Jahrhunderts aus syrischen Zentren waren ein wesentlicher Anknüpfungspunkt für die westliche Glaskultur in Europa , wobei Venedig als führende mediterrane Handelsmacht das Erbe der syrischen Glaskunst antrat.

Unterlag in Italien und in den Ländern nördlich der Alpen die Glasgestaltung des 13. Jahrhunderts zunächst noch islamischen Einflüssen, so entwickelte sich mit einem technologischen Wandel hier eine eigene, bodenständige Glaskunst.

Dabei wandelten sich Glasgefäße zunehmend vom Luxusgut zur Gebrauchsware des täglichen Lebens - meist in Waldgebieten deutscher Mittelgebirge hergestelltes Waldglas mit kräftigen Grüntönen, gebrauchstüchtiger Wandungsstärke und kräftigen Nuppen für einen sicheren Griff.

Im frühen Mittelalter waren Glasgefäße ausgesprochene Luxusartikel.

Fränkische Glashütten der Merowinger Zeit führten die spätantiken römischen Formen- und Handwerkstraditionen weiter – mit reduziertem Formenspektrum und eher einfachen, qualitätsgeminderten Trinkgläsern.

  • Sonderform: der ästhetisch wie technisch anspruchsvolle „Rüsselbecher“

 

Nördlich der Alpen kam es zu einem technologischen Wandel mit eigenständigem Glasmacherhandwerk.

  • Holzasche-Glas  ⎸Holzasche-Kalk-Glas  ⎸Blei-Silikat-Glas

  • Kalium-betontes Glas in dezentralisierten Waldglashütten

 

Mit dem Niedergang des Römischen Reiches begann vermutlich ein allmähliches Absinken der Glaskunst, welches etwa im 8. Jahrhundert den Tiefstand erreicht haben soll.

Im Mittelalter der Romanik erlebte Glas eine erneute Blütezeit mit den Glasherstellungszentren der Klöster.

Diese fertigten auch das Flachglas für die prächtig gestalteten Kirchenfenster.

Während des 12. und 13. Jahrhunderts entstanden in den waldreichen Gebieten neben den Kloster-Glashütten auch erste Waldglashütten.

Vom 9.–12. Jahrhundert war die Glaserzeugung fast ausnahmslos an die Klöster gebunden, die über die technologischen Glaskenntnisse der späten Antike verfügten.

In klösterlichen Werkstätten wurde unter anderem Flachglas für Kirchenfenster hergestellt.

Auch in mittelalterlichen Reichen im afrikanischen Kulturraum Nordnigerias finden sich Nachweise von Glasobjekten (farbige Glasperlen).[6]

 

Fränkischer Rüsselbecher ⎸"Merowinger-Trinkbecher"

4.-7. Jh. ⎸Replikat

 

Glaskultur im Fränkischen Reich - 5.-8. Jh. n. Chr.  ⎸ Grabbeigaben Merowingerzeit

Bei frühmittelalterlich abnehmendem Formenspektrum knüpft die Herstellung fränkischer Glaserzeugnisse an die bis in die römische Zeit zurückreichende Formen- und Handwerkstradition an, hebt sich aber qualitativ in Form und Dekor von ihnen ab.

  • Rüsselbecher ⎸orientiert an spätrömischen „Delphin-Bechern“ │ hohe glockenförmige Becher mit Scheibenfuß & aufwändigstem Dekor: ausgezogene hohle „Rüssel“, mit horizontaler Spiralfadenauflage ⎸ 4.-7. Jh. ⎸Replikate

  • Kleiner Glockenbecher mit Scheibenfuß & Spiralfaden ⎸5.-6. Jh. ⎸Replikat

  • Konischer Trinkbecher mit vier vertikalen Fadenauflagen ⎸5.-6. Jh.  ⎸Replikat

 

Glaskultur der Karolinger  - 8.-10. Jh. n. Chr.

Während dieser frühmittelalterlichen Epoche war ein starker Rückgang der Hohlglasherstellung und des Hohlglas-absatzes zu verzeichnen, wofür der Klerus als kirchlicher Auftraggeber verantwortlich war.

Hohlglas durfte nicht für sakrale Zwecke genutzt werden, denn im 9. Jh. war nach einer Homili von Papst Leo IV. Glas als Werkstoff für Abendmahlskelche streng untersagt.

Zudem verbot die Kirche ausdrücklich Grabbeigaben, worunter sich zuvor einst viele Gläser befanden.

  • Spitzbodiger Trichterbecher („Sturzbecher“) ⎸Replikat

 

Transalpin kam es im Hoch-/Spätmittelalter zu einem technologischen Wandel mit eigenständigem Glasmacherhandwerk:

• Holzasche-Glas ⎸Holzasche-Kalk-Glas ⎸Blei-Silikat-Glas

• Kalium-betontes Glas in dezentralisierten Waldglashütten („Waldglas“) - Transalpines Glas aus Kaliumcarbonat (Pottasche) in Waldglashütten

Hohlglas durfte im Frühmittelalter nicht für sakrale Zwecke genutzt werden.

Nach einer Homili von Papst Leo IV. (847-855) war Glas als Werkstoff für Abendmahlskelche streng untersagt; nur Flachglas für (Kirchen-)Fenster durfte hergestellt werden.

 

Herrschaft, Repräsentation & Frömmigkeit im 12./13. Jahrhundert

Diese mittelalterliche Epoche wurde geprägt von Burgen, Rittern, Klöstern und aufkommenden Städten – sowie vom europaweiten Kultur- und Wissenstransfer.

Im 12./13. Jahrhundert erfolgte der epochale „Aufbruch in die Gotik“ mit technischen Innovationen.

Städtisches Leben und bürgerliches Selbstbewusstsein nahmen einen bislang nicht gekannten Aufschwung.

Siegel wurden das Hauptbeglaubigungsmittel der mittelalterlichen Urkunden.

Während Stadt- und Klostergründungen zu einem erhöhten Glasbedarf führten, deckten Töpferwaren den Geschirrbedarf ärmerer Haushalte.

 

Glas als „Herrschaftsware“

Stadt- und Klostergründungen führten um 1200 n. Chr. zu einem erhöhten Bedarf an verschiedenen Glaswaren.

Aus Glas gefertigte Trink-, Schenk- und Vorratsgefäße waren im Mittelalter kostbare Gegenstände des gehobenen Bedarfs - als Luxusartikel nur vermögenden Haushalten vorbehalten.

 

Töpferwaren für „Minderbetuchte“

Im Mittelalter deckten keramische Erzeugnisse - Irdenware sowie Steinzeugprodukte - regionaler Töpfereien den alltäglichen Geschirrbedarf der zumeist ärmeren städtischen und ländlichen Haushalte: Vorrats-, Trink-, Schenk-, Koch- und Vorratsgefäße.

 

Schmuck- & Gebrauchsglas im wikingerzeitlichen Haithabu (Schlei) - 8.-11. Jh. n. Chr.

Auch die Herstellung und Bearbeitung von Glas hatte für die frühmittelalterliche Siedlung Haithabu (heute archäologisches Bodendenkmal in Schleswig-Holstein) eine besondere Bedeutung als nordeuropäischer Handelsort.

Frühmittelalterlich an der westlichen Ostsee am Haddebeyer Noor gegründet, gilt die frühurbane Ansiedlung mit Hafenbereich als bedeutsamer zentraler Umschlagsplatz im Warenverkehr zwischen Mitteleuropa und Rohstoffmärkten Nord- und Osteuropas.

Dabei lässt sich sowohl der Import als auch die lokale Herstellung und Verarbeitung von Glas auf qualitativ hohem Niveau nachweisen.

  • Traubenbecher als Importware (Birka), 8.-10. Jh. │ Replikat

  • Glasperlen als Halsschmuck fester Bestandteil wikingerzeitlicher Frauentracht, zugleich auch Zahlungsmittel, 9.-10. Jh. ⎸Replikate

 

Glasperlen als wikingerzeitlicher Halsschmuck & zugleich auch Zahlungsmittel, 9.-10. Jh. ⎸Replikate

 

Technologischer Wandel mit eigenständiger Glasherstellung in Europa

„Spitze des Möglichen“ - Mediterranes Glas aus Natriumcarbonat (Soda) in Italien/Venedig-Murano

  • Hochwertige italienische Handwerkskunst: Murano Goldrand Kristallgläser - glamourös und elegant

 

Ausschnitt aus einem historischen Glasfenster │ Replikat (2007)

 

Glasmalerei

Gotisches Bildfenster

 

 

  16.-17. Jahrhundert - Glaskunst der Frühen Neuzeit │ Renaissance

Kulturgeschichtliche Epoche der Renaissance - Der „Zeitenwende“

Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit: Die Pest veränderte die Welt und den Menschen selbst mit tiefer Beeinflussung des Lebensgefühls wie auch die Vermögensverhältnisse.

Imperativ der Renaissance: „Lebe im Diesseits und genieße das Leben“

Italien ⎸Florenz: um 1420/1500-1520 - deutschsprachiger Raum: um 1520-1555

Kulturhistorisch kennzeichnend ist die Monumentalstatue des biblischen Helden „David“, eine Marmorskulptur des bedeutenden italienischen Künstlers Michelangelo Buonarroti (1475–1564) - Meisterwerk der italienischen Hochrenaissance, entstanden zwischen 1501 und 1504 in Florenz.

  • Stark verkleinerte, authentische Reproduktion der Originalskulptur in 3D-Laser-Scan

 

In Hinwendung zur diesseitigen Welt dominierte Tafelglas „à la façon de Venise“ als zeitgemäßes Statussymbol in Adelskreisen und im Patriziat europäischer Städte.

Im 16. Jahrhunderts entstand nördlich der Alpen nach handfesten Formvorstellungen in Verbindung mit derben Trinksitten die Tradition des "Waldglases" mit kräftig gefärbten oder mit Emailmalerei dekorierten Glasgefäße in teils beträchtlicher Größe.

Demgegenüber entsprachen die farblosen, dünnwandig ausgeblasenen Gläser aus Venedig dem Geschmack kultivierter Adelskreise und des Patriziats großer Städte.

Als „Spitze des Möglichen“ der Glasveredelungstechnik gilt die exklusive Glasproduktion auf der Inselgruppe Murano in der Lagune von Venedig, der Wiege europäischer Glasherstellung.

Städte ⎸Burgen ⎸Herrensitze ⎸Klöster und sakrale Einrichtungen zeigen ihren Wohlstand durch die Präsentation kostspieliger Trinkgläser, wie „Flügelgläser“ venezianischer Art – so beim Bier- und Weinkonsum.

 

Erste Monumentalstatue der Hochrenaissance

David von Michelangelo, entstanden 1501-1504 in Florenz

 

  17.-18. Jahrhundert - Neuzeitliche Glaskunst mit Goldrubinglas & Glasschnitt│ Die barocke Prachtentfaltung

Kulturgeschichtliche Epoche des "großen Theasterspiels"

Durch wachsende Ansprüche bei der adligen und gehobenen bürgerlichen Tafelkultur entwickeln sich Gläser verstärkt zu kostbaren Objekten der Repräsentation – vornehmlich  an den Höfen absolutistischer Fürsten.

Als weit verbreiteter Gefäßtypus imponiert der großformatige Humpen, dessen Dekor mit Emailmalerei – neben Darstellungen des Handwerker- und Bürgerstandes - die Einheit, Macht und Ordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation beschwor. 

Eine besondere Stellung nahmen im 17. Jahrhundert das massive Goldrubinglas und der effektvolle Glasschnitt ein.

Seit dem frühen 18. Jahrhundert kamen mit Einführung des modischen Konsums der Heißgetränke Schokolade, Kaffee und Tee konkurrierend Fayence-Tafelgeschirre wie auch solche aus (Hart-)Porzellan als führende keramische Erzeugnisse hinzu.

Neben den Glasmanufakturen entstanden somit auch Fayence-und Porzellanmanufakturen.

 

Glashumpen mit polychromer Emailmalerei │ Replikate:

  • Reichsadlerhumpen (Wappenhumpen) mit Pokaldeckel │Quaternionenadler │datiert 1716│„Das heilige Römische Reich – mit sampt seinen Gliedern“│Umschrift Pokaldeckel: „Gott lasse nichts forthin zu trennen diese Bandt,│So steht es wohl um dich, du liebes Teutsches Landt“

  • Kurfürsten-Humpen│~ 16./17. Jh. │Darstellung des deutschen (röm.) Kaisers mit sieben Kurfürsten: „CHVR Trier  ⎸CHVR Mentz  ⎸CHVR Cöllen  ⎸CHVR Sachsen  ⎸CHVR Branten. B. ⎸CHVR Bemen ⎸CHVR Pfaltz“

  • Fränkischer Ständehumpen│datiert 1653│mit Wappen der Schlosser/Hufschmiede│„SPPS * NOSTER  * IN * DEO“ - mit Sinnspruch

  • Humpen mit Wappen│~ 18. Jh.│vermutl. Spessart

 

❼   19.-21. Jahrhundert - Glaskunst der Neuzeit ⎸Moderne

Übergang von der manuellen Formgebung im Mundblasverfahren zum automatisiert-maschinellen Blasformverfahren für Gebrauchsglas

  • „Neues Glas“ │ Entstehen einer freien Glaskunst mit Studioglas
  • Mitteleuropäische Glaszentren in Frankreich│ Österreich │ Nord-/Südböhmen│ Schlesien │ Bayerischer Wald
  • Bürgerliches Sammeln von Gläsern - Biedermeier │ Historismus │ Jugendstil │ Art Nouveau │Art Déco  │Andenkengläser
  • Neue industrielle Wege beim Formen und Gestalten von Glas
  • Glasdesign ⎸Kreativtechnisches Studioglas

 

  • Borosilikatglas im Industriedesign - Chemikalien- und temperaturbeständiges Spezialglas aus dem Hauptnetzwerkbildner Bortrioxid [B2O3]: „Feuerfestes“ Gebrauchsglas JENAer GLAS® / DURAN®

  • Glas- und Porzellandesign des Bauhauskünstlers Wilhelm Wagenfeld (1900-1990): "Die Form folgt der Funktion"

  • Marken- und zeittypische Flaschenformen (Mehrweg-Normflaschen und Markenformen/Flaschen für Markenprodukte)

  • Glasflaschen - Vom ehemals glashandwerklichen Mundblasverfahren in Einzelfertigung zur automatisierten industriell-maschinellen Massenproduktion

 

Porrón - Spanisches Trinkgefäß aus Glas, verwendet zum Wasser-und Weintrinken

Einfüllöffnung oben, trichterförmiges Trinkrohr mit enger Tülle

19./20. Jh.

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

Glas & Porzellan - Produktdesign

Wilhelm Wagenfeld (1900-1990)

  • Kaffeemaschine Sintrax 52 [10] - Doppelglasballon-Kaffeebereiter │ Jenaer Glaswerke Schott + Gen. (1932-1939) │ vorletztes Modell im Mainzer Werk 1963

  • Eierkochglas „Eierkoch No.1“ │ Jenaer Glaswerk Schott + Gen., Jena │ Entwurfsjahr 1934

  • Salz-Pfeffer-Streuer „Max & Moritz“ │ Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) │ Entwurfsjahr 1954/1956

Trinkgläser Lobenstein │ Vereinigte Lausitzer Glaswerke, Weißwasser │ Entwurfsjahr 1935

Porzellanmanufaktur Fürstenberg (seit 1747)

  • Kaffeekanne mit popbunter Ceramglasur │ widerstandsfähiges Dekor F 25-C - Serviceform F 677 │ Ernst-August Sundermann (1925-2008) │ Ausformung 1971

Produktdesign

  • Glasbläserei Hameln

  • Glas-Fusing-Werkstatt Pleyer, Grünenplan │ Handwerkskunst mit ausgefallenem Design

 

Wilhelm Wagenfeld: Eierkoch │ Jenaer Glaswerk Schott + Gen., Jena │ Entwurfsjahr 1934

 

Borosilikatglas

Friedrich Otto Schott (1851-1935) entwickelte 1887 chemikalien- und temperaturbeständiges Borosilikatglas (7-13 % Bortrioxid, B2O3)

  • Auflaufform, stapelbar │ Jenaer Glas │~ 1960er Jahre

  • Milchglas-Kanne │ Jenaer Glas │ Prilblumen-Design │ ~ 1970er Jahre

  • Auflaufform, stapelbar │ JAJ Pyrex │ Made in England │ ehemals Corning │ Patent für Pyrex 1915 │ ~ 1960er Jahre

 

Marken- & zeittypische Glasformen (Auswahl)

Trink- und Schenkgefäße (Mehrwegflaschen)

  • Bierflasche Baumgarten‘s Brauerei │ Grünglas-Patentflasche mit Wappen │ ~ 1870

  • Bierseidel Allersheimer Spezial 1854 │polychrome Emailbemalung │ ~ 2. Hälfte 19. Jahrhundert

  • Glaskrug mit Zinndeckel 150 Jahre Allersheimer │ 2004

  • Original Potsdamer Stangenbier │ 0,6 l │Berliner Kindl Brauerei AG Abteilung Potsdam│ ~ 1900

  • Porrón │ traditionelle katalanische Weinkaraffe│ Spanien│ ~ 1980

  • Theresienthal-Weinrömer │ handgravierte Kuppa │ Hohlbaluster mit Nuppen │ Glasmanufaktur Theresienthal (Zwiesel), seit 1836 │ ~ 1900

  • Portwein-Kelchgläser & Likörgläser │ 2. Hälfte 20. Jahrhundert

  • Mineralbrunnen-Limonadenflaschen Bad Pyrmont │ Bügel- und Bakelit-Drehverschluss │ ~ 1960er Jahre

Typische Markenformen

  • Coca-Cola-Konturflasche │ Ikone des modernen Industriedesigns │Gebrauchsmuster 1915 patentiert │ ~ 1960

  • Maggi-Würze ⎸ Vierkantflaschen │ 1909 von Julius de Praetere entworfen Volumen Nr. 6, um 1930, Glashütte Gerresheimer Lohr │ 2006

  • Portionsfläschchen Underberg Magenbitter ⎸ 20 ml │1 949 von Emil Underberg I. kreiert

  • Langnese-Honig │ wabenförmiges Sechseck-Glas │ in den 1930er Jahren entwickelt │ ~ 2015

  • Kölnisch Wasser - Marke „4711“ │ Flacon│ ~ 1980er Jahre

  • Odol-Flasche │ milchweiße Glasflasche mit charakteristischem Seitenhals │ Mundwasser seit 1892│ ~ 2015

  • Jägermeister-Flasche │ Kräuterlikör seit 1934 │ ~ 2017

  • Geha-Vorratsflasche Füllhaltertinte │ Bürobedarf Geha-Werke 1918-1990 │ ~ 1980er Jahre

  • WECK-Einmachgläser │ Original J. A. Weck ¾ Ltr., ~ 1910 │ Massivrand 95, ~ 1960er Jahre                                                                                        

 

❽   Glas in der Hochkultur Chinas

"China und Ägypten. Wiegen der Welt" [8]

Um 500 v. Chr. beherrschten im südchinesischen Staat Chu lokale Handwerker die frühe Technik der Glasherstellung (玻璃製造) bis zum Ende der Westlichen Han-Dynastie (207 v. Chr. - 9 n. Chr.).

Im kulturanthropologischen Vergleich zählte die Glasherstellung aber nicht zu den traditionellen chinesischen Handfertigkeiten.

Etwa vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis 1000 n. Chr. gelangten Glasobjekte als Handelsgut entlang der Landrouten der Seidenstraße oder auf dem Seeweg von Westen nach Osten – vom Mittelmeerraum bis ins chinesische Kaiserreich.

Vom 1.-8. Jahrhundert n. Chr. war die Handelsroute zwischen Zentralasien und China auch als „Glasstraße“ (玻璃路) bekannt.

Während des 17. und 18. Jahrhunderts gewinnt die chinesische Glaskunst an Eigenständigkeit, wobei das kunstvolle Überfangglas jener Zeit eng an die Tradition des Jade- und Steinschnitts gebunden war.

In China erreichte die Glasfertigung erst 1736-1795 in der Qianlong-Periode der Qing-Dynastie einen Höhepunkt.

Dabei entstanden als Luxusgut auch Schnupftabakfläschchen mit höchst qualitativer Emailmalerei - mit feinen Pinselstrichen aufgebrachte Motive auf weißem, halb transparentem Glas.

 

Die Seidenstraße als „Glasstraße“ (玻璃路)

Um 500 v. Chr. beherrschten im südchinesischen Staat Chu lokale Handwerker die frühe Technik der Glasherstellung (玻璃製造) – bis zum Ende der Westlichen Han-Dynastie (207 v. Chr. - 9 n. Chr.).[2]

Etwa vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis 1000 n. Chr. gelangten Glasobjekte als Handelsgut entlang der Landrouten der Seidenstraße oder auf dem Seeweg von Westen nach Osten – vom Mittelmeerraum bis ins chinesische Kaiserreich.

Vom 1.-8. Jahrhundert n. Chr. war die Handelsroute zwischen Zentralasien und China auch als „Glasstraße“ (玻璃路) bekannt.

 

Chinesisches Glas im 17. Jahrhundert

In China ist erst seit der Regierungszeit des vierten chinesischen Kaisers der Qing-Dynastie K’ien-lung (Qianlong) von 1735-1796 Glas in größerem Umfang hergestellt worden - als Luxusgut auch die beliebten Schnupftabakfläschchen, die sowohl dem Gebrauch als auch als Sammlungsobjekte dienten, wie bei Kaiser K’ien-lung.

  • Schnupftabakfläschchen aus Glas ⎸Hinterglasmalerei, 17. Jh. ⎸Deko Asian Art: 2. Hälfte 20. Jh., China

Übersetzung der alten Schrift von Lu Pan aus China, Übertragung ins Deutsche von Irina Weber, Basel:

Ein taoistisch anmutender Wahrsager teilt mit: "Für ein Gespräch über Dein Schicksal und die Vorhersage Deines Glücks verlange ich einen Liang in Gold.„

  • Chinesische Kommode als Hochzeitsschrank, Massivholz in schlichter Eleganz klassisch in Schwarz gefertigt ⎸mit chinesischer Lackkunst reich verziert ⎸mit einem Verschlussstäbchen abschließbar

 


玻璃杯 - Glasbecher (⌀ 8,3/8,5 cm),  2. Jh. v. Chr.

Königsgrab aus der Han-Dynastie bei Beidongshan [3]

Chinesisches Nationalmuseum (2005)

北京市 Beijing (Peking)


 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] nach: Museum Kunstpalast – Spot on 07 Düsseldorf 2011.

[2] ZORN/HILGNER 2010, S. 163-189.

[3] Abbildung aus der chinesisch sprachigen Ausgabe des Ausstellungskatalogs des Chinesischen Nationalmuseums. Peking 2005, S. 217, 370.

[4] Küstengwbiete und Hinterland der Anrainerstaaten der östlichen Mittelmeerküste.

[5] GÖTZMANN/KAISER 2017, S. 21.

[6] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 26-28.

[7] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 70-71.

[8] Ausstellung „China und Ägypten - Wiegen der Welt“ im Neuen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin, 06.07.2017 - 03.12.2017.

[9] Der italienische Dichter Gabriele D’Annunzio soll der Votivstatuette aus dem antiken Velathri (heute das toskanische Volterra) den Namen „Ombra della Sera“ gegeben haben: Abendschatten.

[10] FISCHER 2011, S. 230.

[11] RICKE 1995, S. 16.

[12] NEER 2013, S. 21.

[13] NEER 2013, S. 45-46.

[14] Die Bronzezeit in der Ägäis - eine chronologische Übersicht bei NEER 2013, S. 19.

[15] Hethiter: Herrscher über Zentralanatolien während der späten Bronzezeit.

[16] NEER 2013, S. 266-291.

[17] Replikat - handkolorierter Papyrus nach alter Überlieferung hergestellt, Ref.-Nr. 6400/73. Szene von der Rückseite des Goldenen Throns von Tut-Anch-Amun. BERLIN DESIGN.

[18] Replikat - handkolorierter Papyrus nach alter Überlieferung hergestellt, Ref.-Nr. 6400/68. BERLIN DESIGN.

[19] ALMELING 2006, S. 15.