Der Erste Weltkrieg (1914-1918) - die Zäsur des beginnenden 20. Jahrhunderts

Klaus A.E. Weber

 

Ein irrsinniger, industriell hochtechnisierter „Materialkrieg“


Nagelsäule in Mainz von 1916 [2]

 

In 2018 jährte sich nach 100 Jahren das Ende des Ersten Weltkrieges, der eine deutliche Zäsur in der Geschichte Europas darstellt.

Zugleich markiert der Erste Weltkrieg die Beendigung vieler Monarchien und der Bündnisarchitektur des 19. Jahrhunderts.

Zu den „Relikten“ des Ersten Weltkrieges zählen eine Vielzahl von Kriegsgräberstätten und Ehrenmalen, aber auch unterschiedliche Erinnerungskulturen in Europa - wie auch letztlich in unserer Dorfregion.

Diese wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts stark beeinflusst durch den Nationalsozialismus und dann durch den Kommunismus in Osteuropa.

 

 

Um die Jahrhundertwende hatte ein Aufbau von Massenheeren und die „Entwicklung neuer Kriegstechnologien mit einem bislang unbekanntem Vernichtungspotential“ [23] auf dem Lande wie zu Wasser (Schlachtflotte) eingesetzt.

Diese fatale Entwicklung führte zu einem massiven und letztlich verhängnisvollen tötlichen Rüstungswettrüsten der europäischen Großstaaten.

In den letzten beiden Jahrzehnten vor 1914 bewegten sich die europäischen Gesellschaften „gleichsam auf einer schiefen Ebene, an deren Ende der zunehmend erwartete und teilweise enthusiastisch herbeigesehnte „Große Krieg“ stand“.[24]

Es ging in Europa letztlich um die Frage der nationalen Vorrangstellung, der politischen, ökonomischen und militärischen Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent.

Diese Entwicklungstränge endeten schließlich „zwangsläufig“ in dem ersten modernen Krieg, dem Ersten Weltkrieg (1914–1918).

Insbesondere die aufgerüstete Flotte - die kaiserliche Marine - wurde zum „Spielzeug“ des bipolaren deutschen Kaisers Wilhelm II., der die Zukunft Deutschlands auf dem Wasser liegen sah.

Zwischen 1875-1914 hatte zudem das Heer seine Mannschaftsstärke fast verdoppelt.[25]

Flottenschwärmerisch wurde der Matrosenanzug zum beliebtesten Kleidungsstück für deutsche Knaben.

 

Dorfkinder aus Hellental, um 1910

Zwei Knaben zeittyisch in "Wilhelminischen" Matrosenanzügen

 

Nicht nur in den europäischen Großstaaten entwickelten sich nationalistische Strömungen, sondern auch in damals nachrangigen nationalen Mächten, vor allem in den Balkanstaaten.

Das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin am 28. Juni 1914 in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo durch den bosnisch-serbischen Nationalisten Gavrilo Princip gerät zum formalen äußeren, aber eher zweitrangigen Anlass jener Entwicklung, die aus militärstrategischen Erwägungen zwangsläufig zum Ersten Weltkrieg führte.

Dieses Attentat dürfte Wilhelm II. nicht wirklich überrascht haben, konnte er ohnehin zuvor miterleben, wie in Fürstenhäusern seiner kaiserlichen Umgebung Monarchen bereits Anschlägen zum Opfer gefallen waren.

Zunächst erklärte Österreich am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg.

Mit der Mobilmachung am 01. August 1914 sowie durch seine Kriegserklärung an das zarische Russland tritt Deutschland unter der tragischen Figur des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. in den bis dahin grausamsten Krieg ein, der Europa bis heute völlig verändern sollte.

Bereits zwei Tage später wurde von Wilhelm II. auch Frankreich der Krieg erklärt.

Unter Mißachtung des internationalen Völkerrechts marschierten am 04. August 1914 deutsche Truppen in das neutrale Belgien ein, woraufhin Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärte.

Hervorzuheben ist, dass die christlichen Kirchen im deutschen Kaiserreich den Waffengang unterstüzten, sowohl „als eine göttliche Mahnung zur Buße“ als auch „als Verheißung einer großen politischen Zukunft für Deutschland.

… Der Soldatentod im Felde für die deutsche Nation wurde in Vergleich gesetzt mit dem Opfertod Christi für die christliche Gemeinde“.[26]

Eine „alle Lebenbereiche durchdringende kollektive Propaganda zugunsten einer gemeinsamen Kriegsanstrengung der Nation“ war zumindest in den ersten Kriegsjahren außerordentlich erfolgreich, so dass in der Bevölkerung insbesondere untere Sozialschichten nicht selten ihre letzten Ersparnisse für „Kriegsanleihen“ opferten.

Konservative Eliten und Militärs kalkulierten zudem auch ein, „dass es im Kriegsfalle gelingen könne, die sozialdemokratische Arbeiterbewegung zu unterdrücken, wenn nicht gar zu zerschlagen“.[27]

 

Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Der Erste Weltkrieg entwickelte sich zwangsläufig zur „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“.[28]

Es war

  • der erste Maschinenkrieg der Weltgeschichte,
  • der erste große Graben- und Stellungskrieg,
  • der erste mit chemischer Kriegsführung (Einsatz von Kampfgas und Kontaktgiften),
  • der erste Luftkrieg mit Zeppelinen, Ballonen und Kampffliegern.

Der Erste Weltkrieg wurde zum industrialisierten Massenkrieg und Massenmord zugleich.

"Die Gaskranken ertranken in ihrer Lugenflüssigkeit" - Mit dem "Tag von Ypern" begann am 22. April 1915 an der Westfront durch den ersten Einsatz von völkerrechtlich ausdrücklich verbotenem Giftgas die Geschichte der modernen C-Waffen.

Selbst für die Militärs seien die Leiden der Gaskranken schauerlich anzusehen gewesen.

Die 1919 verbotene Giftgasherstellung wurde 1922 in Deutschland wieder aufgenommen.[33]

Hierzu ist anzumerken, was auch noch heute unverändert gilt:

Während viele Zehntausende im industrialisierten Krieg geopfert grausam starben, verdienten sich hinter der fernen Frontlinie kapitalorientie, rüstungindustrielle Konzerne auf Kosten der Allgemeinheit zusätzlich ein großes (privates) Vermögen.

In Europa waren über 70 Millionen Soldaten mobilisert worden, wovon etwa 10 Millionen starben und mehr als 21 Millionen verwundet wurden.

Darunter waren über 4 Millionen deutsche Soldaten.

Fast 8 Millionen deutsche Soldaten sollten später in die Kriegsgefangenschaft geraten.

Auch das Leiden der Zivilbevölkerung sollte schrecklich wie nie zuvor werden – durch Flucht und zunehmenden Hunger.

Der Erste Weltkrieg entwickelte sich rasch zu einem „Abnutzungs- und Erschöpfungskrieg“.[29]

Anfangs wurde auch in Niedersachsen über alle sozialen Schichten und geistigen Eliten hinweg der Beginn des Ersten Weltkrieges begrüßt.[30]

Im gesamten deutschen Reich herrschte im August 1914 ein begeisterter Aufbruch der Soldaten an die Front.

Die kaiserliche Kriegspropaganda und ideologische Kriegsmetaphorik hatte ihre Wirkung entfaltetet: Es meldeten sich euphorisch 185.000 Kriegsfreiwillige.

Unter anderem zogen auch viele Ärzte begeistert in den Krieg.

 

Soldat mit beschrifteten Granaten um 1914

 

Das Volk gehorcht & strahlt - Gott mit uns & Volldampf voraus!

Insgesamt wurden im deutschen Kaiserreich etwa 2,1 Millionen Männer mobilisiert, hierunter auch etliche Männer aus Heinade, Hellental und Merxhausen.

Auch sie waren propagandistisch darüber unwissend gehalten worden, welch zerstörerische Kräfte die nicht mehr aufzuhaltende Kriegsmaschnerie in der Folgezeit entfalten sollte- sowohl an der „Westfront“ als auch an der „Ostfront“.

Die als Mythos berühmt gewordene Abwehrschlacht bei Tannenberg vom 26. August 1914 führte letztlich auch zum Sturz des russischen Zarenreiches.

Der weitere Kriegsverlauf ermöglichte im zarischen Russland die „Februar-“ und „Oktober-Revolution“ von 1917 unter Wladimir Iljitsch Lenin; er brachte die Bolschewiki in Moskau zur Macht.

Die meisten Soldaten im Westen blieben bereits in den ersten Kriegsmonaten - während der Phase des Bewegungskrieges – auf dem zweifelhaften „Felde der Ehre“.

Allein die Kriegsmonate August/September 1914 forderten mit ihren blutigen „Grenzschlachten“ in Elsass-Lothringen höhere Verluste an Soldaten als der gesamte „Deutsch-Französische Krieg“ von 1870/1871.

 

Sinnbild des Krieges: Das Leben in Schützengräben im Stellungskrieg um Verdun 1916

Spätestens seit Mitte des Jahres 1915 war der Erste Weltkrieg bereits für die Mittelmächte verloren.[22]

Als der Krieg längst nicht mehr zu gewinnen war, es letztlich nicht mehr um den militärischen Sieg ging, sondern nur noch ein innenpolitisches Kalkül und um eine Verbesserung der politischen Verhandlungsposition, begann die "Materialschlacht" und der Stellungskrieg um Verdun.

Der Stellungskrieg um Verdun begann am 21. Februar 1916 mit einem Angriff der deutschen Fünften Armee auf die französischen Soldaten am rechten Ufer der Maas.

Um den 19. Dezember 1916 endete die längste Schlacht des Ersten Weltkrieges.

Die Offensive bei Verdun kostete insgesamt rund 600.000 Soldaten das Leben, worunter allein 337.000 deutsche Soldaten waren.

Zudem wurden etwa 400.000 Soldaten verwundet, gefangengenommen oder blieben "vermisst.

Neben den Hundertausenden Toten gab es auf einer Fläche von rund 80 km² "zerstörte Landschaften, Schützengräben, Giftgas und nirgendwo ein Sieger."[22]

Es hatte sich ein hochtechnisierter „Materialkrieg“ entfaltet, der die bisher bestehende Weltordnung, einschließlich der Monarchie, vollends veränderte.

Die Kriegsführung wurde fortschreitend radikalisiert.

Die Beliebigkeit des Massentodes gebar schließlich eine ungeheuerliche Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Leben.

Daher wich bald der in großen Teilen der deutschen Gesellschaft ursprünglich vorhandene "Patriotismus" und Enthusiasmus für den „Großen Krieg“.

Es entwickelte sich „nach und nach eine stumme Bereitschaft zum Durchhalten“, am Ende in einer apathischen Stimmungslage mündend.

Vor dem Hintergrund einer stetigen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung führte die Kriegsführung zu einem „schleichenden Prozess der sozialen Umschichtung“.[31]

 

Angst, Flucht, Kälte und Hunger seelisch Gebrochene blieben zurück

Da das deutsche Kaiserreich strategisch nicht auf eine lange Kriegsdauer vorbereitet war, hatte es in der Folge große Mühe, die Bevölkerung und die hungernden Soldaten an der Front zu versorgen und zu ernähren, wie zugleich auch die zahlreichen Kriegsgefangenen.

Es war im Laufe der ersten Kriegsjahre immer mehr zu Versorgungsengpässen und zur Flucht gekommen.

Der weit verbreitete Hunger wurde ein entscheidendes Problem in der Bevölkerung.

Bereits zu Kriegsbeginn war die Ernährungslage so angespannt gewesen, dass es im Winter 1915/1916 zu einer sich bedrohlich verschlechternden Versorgungslage der Bevölkerung kam.

Ihm folgte der „Rübenwinter“ von 1916/1917 und der Winter von 1917/1918 wurde zum bekannten „Steckrübenwinter“.

Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Heizmaterial sowie mit Gütern des täglichen Bedarfs wurde immer unzureichender.

Teilweise kam es sogar zu lokalen Hungerrevolten.

Letztlich wurde das Lebensniveau der Bürgerinnen und Bürger immer weiter heruntergedrückt mit der Folge einer schleichenden Verarmung.[32]

Immer wieder wurden Anläufe zur staatlichen Regulierung der Nahrungsmittelproduktion vorgenommen.

So wurden beispielsweise bereits am 09. März 1915 staatliche Brotkarten und Mahlscheine ausgegeben.

Bei steigenden Preisen für Lebensmittel wurden durch die deutsche Reichregierung am 13. Januar 1916 Höchstpreise für Fleisch, Fett und Brot festgesetzt und während des dritten Kriegsjahres Bezugsscheine für Fette, Eier, Zucker, Seife und vieles mehr ausgegeben.

Nach ECKHART [21] traf der moderne hochtechnisierte Krieg an allen Fronten Menschen, „die dem Inferno des pausenlosen Kugel- und Granathagels, dem grellen Leuchten, Blitzen und Flackern der Frontabschnitte, dem infernalischen Brüllen und Kreischen berstender Metallgeschosse, dem perfiden Summen und Pfeifen der Projektile und Querschläger, dem Schreien der Verletzten, dem Anblick von Leiberfetzen in den Stahlgewittern Flanderns und der Argonnen nicht mehr standhalten konnten und wollten

… Viele wurden irre an dieser Situation, zitterten, krampften, erbrachen sich pausenlos, nässten ein, verstummten, vergruben sich in ihr Innerstes, reagierten skurril.“

Ansonsten aber ... "Im Westen nichts Neues".[35]

 

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental; Archiv Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V.
Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] HESSE 2018.

[2] Im Rahmen einer deutschen Propaganda- und Spendenaktion während des Ersten Weltkrieges auf dem Liebfrauenplatz vor dem Mainzer Dom errichtete Säule, entstanden als Kriegsnagelung; nach der Restaurierung 2011.

[21] ECKHART 2004.

[22] WIDMANN 2016, S. 34-35.

[23] MOMMSEN 2004, S. 21.

[24] MOMMSEN 2004, S. 21 ff.

[25] ALBIG 2004, S. 59 ff.

[26] MOMMSEN 2004, S. 168 ff.

[27] MOMMSEN 2004, S. 38 ff.

[28] Georg F. Kennan – zit. in MOMMSEN 2004.

[29] MOMMSEN 2004, S. 15.

[30] HAUPTMEYER 2004, S. 115 ff.

[31] MOMMSEN 2004, S. 17 f.

[32] MOMMSEN 2004, S. 16 f.

[33] MÜLLER 2015.

[34] VON STERNBURG 2015.

[35] Titel des aktuell gebliebenen Romans von Erich Maria Remarque, erschienen 1929 / VON STERNBURG 2014.