Die (fast) vergessene Influenza-Pandemie 1918-1920

Klaus A.E. Weber

 

Stadtpersonal im Rathaus von Sydney mit Schutzmasken während des Ausbruchs der "Spanischen Grippe" │ um 1919

© Foto: City Archives 093660 │ Schweizerisches Nationalmuseum

 

Die popularisierte „Spanische Grippe“  

Pandemie mit klinisch schwerem Verlauf

Der Verlauf der so genannten Spanischen Grippe am Ende des Erste Weltkrieges beeinflusste als Influenza-Pandemie 1918 das Kriegsgeschehen und veränderte die Gesellschaft.[4]

Nach Angaben des Sozialhistorikers VASOLD [2] forderte die durch Tröpfchen (aerogen) übertragene, in Wellen verlaufende Pandemie von 1918 innerhalb weniger Monate mehr Menschenopfer als der gesamte Erste Weltkrieg (1914-1918):

25-40 Millionen Todesfälle weltweit.

Wie für die übrigen kriegsführenden Staaten, so war auch für das Deutsche Kaiserreich diese hochansteckungsfähige Grippewelle ein erheblicher sozialgeschichtlicher Einschnitt.

Bereits im April 1918 grassierte die Influenza auch unter den deutschen Soldaten an der Westfront.

Wenige Wochen später, im warmen Monat Juli 1918, litten fast 400.000 Soldaten im deutschen Westheer an der echten Grippe, die von da an seuchenartig als Explosivepidemie in das Innere des Deutschen Kaiserreiches vordrang, vornehmlich in die Großstädte.

Eine zweite „bösartigere“ Grippe-Welle setzte Anfang Oktober 1918 ein und dauerte bis 1919 fort.

Etwa 24,8 Promille der deutschen Zivilbevölkerung soll 1918 an der Influenza verstorben sein, insgesamt geschätzt etwa 10 Millionen Menschen.[1]

 

Karikatur "Im Zeichen der Grippe." von Willy Stieborsky

 Humoristische Wochenschrift "Die Muskete" │ Wien │ 07. November 1918, S. 46


US-amerikanisch verursacht

Bei der "Spanischen Grippe" handelt es sich unter historisch-epidemiologischen Gesichtspunkten in Wahrheit um eine US-amerikanisch verursachte Grippe-Epidemie war.[3]

Die USA nannten die Grippe-Epidemie "Deutsches Gift".

Hier galt offensichtlich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts das heutige US-amerikanische Prinzip der „alternativen Fakten“ – 2017 zum Unwort des Jahres gewählt.

Das erste Opfer in Kriegszeiten ist eben immer zu allererst die Wahrheit.

Nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg schleppten infizierte US-amerikanische Truppentransporte die außergewöhnliche, von einem aggressiven Krankheitsverlauf gekennzeichnete Influenza nach Frankreich und damit nach Europa ein.

So sind für Anfang April 1918 Grippeerkrankungen aus der französischen Hafenstadt Brest belegt.

1919/1920 erkrankte Woodrow Wilson (1856-1924) während der Versailler Friedensverhandlungen

Ausgehend von den USA war die äußerst aggressive Grippe-Pandemie zwischen 1918 und 1920 durch einen ungewöhnlich virulenten Subtyp des Influenza-A-Virus verursacht worden.

Die Grippe-Pandemie forderte weltweit in drei Wellen geschätzt 30-50 Millionen Todesopfer.

Es waren somit weitaus mehr militärische und zivile Todesopfer zu verzeichnen als jene, die die hochimperialistischen Kriegshandlungen im gesamten Ersten Weltkrieg forderten (ca. 18,5 Millionen).

Aber nur geringe öffentliche Resonanz (z.B. in Kunst und  Literatur) in Europa

 

„Historisches Experiment unterschiedlicher Quarantäneformen“

in den USA nach dem Seuchenausbruch im September 1918 [5]

  • Philadelphia: Duldung von Paraden und anderen öffentlichen Veranstaltungen - 719 Tote / 100.000 Einw.

  • St. Louis: weitgehende Unterbindung von Kontaktmöglichkeiten - 347 Tote / 100.000 Einw.

 

Inwieweit die Einwohner*innen der hier betrachteten DORF:REGION von der schweren Influenza-Pandemie betroffen waren, konnte zum jetzigen Untersuchungszeitpunkt nicht festgestellt werden.

Obgleich aus epidemiologischen Gründen Influenza-Todesfälle in der hier betrachteten Dorf:Region zu erwarten gewesen wären, wurde bei den Todesursachenfeststellungen in den herangezogenen Kirchenbüchern kein Grippe-Sterbefall für den Zeitraum 1918/1919 dokumentiert.

 

"Die weiße Pest" [6]

Derzeit verbreitet das Corona-Virus Angst, Schrecken und Unsicherheit – vor 100 Jahren wurde die Schweiz mit tödlicher Wucht von der Tuberkulose und der Spanische Grippe heimgesucht.



[1] VASOLD 2005.

[2] VASOLD 1991, S. 270 ff.

[3] SALFELLNER 2018.

[4] SPINNEY 2018.

[5] FANGERAU/LABISCH 2020, S. 58-59.

[6] Blog-Artikel des Schweizer Nationalmuseums vom 24. Juli 2020 von Michael van Orsouw, promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller.