Cholera - Die „große Peitsche“

Klaus A.E. Weber

 

Leitepidemie des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert trat in Europa plötzlich - wie eine „große Peitsche“ - eine bis dahin völlig unbekannte Seuche in heftigen Epidemiewellen mit unterschiedlicher regionaler Verbreitung auf.

„Das asiatische Ungeheuer“ trat seinen Weg nach Westen in vier Pandemien an.

Dabei handelte es sich um die klinisch schwer verlaufende Cholera asiatica (Cholera Morbus, Asiatische/Morgenländische/Indische Brechruhr) [1] mit einer Inkubationszeit von 1–3 Tagen (gelegentlich auch nur wenige Stunden).

Bei der vornehmlich fäkal-oral übertragbaren Cholera handelt es sich um eine hochansteckungsfähige akute bakterielle Infektion der Darmschleimhaut.

Die Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Fremdheit ihres dramatischen Auftretens, verbunden mit einer vergleichsweise hohen Letalität von 50–60 %, führte zu einer besonderen öffentlichen und politischen Wahrnehmung dieser Infektionskrankheit.

Die Cholera wurde schließlich zur dominierenden Krankheit in der Seuchenlehre und öffentlichen Gesundheitspflege, zur großen Leitseuche des 19. Jahrhunderts und zur „Seuche der Armen”.

Die mehrfach bedrohlich auftretenden Cholera-Epidemien verschärften zugleich auch die vorbestehenden politischen und sozialen Unruhen.

Durch ihren oft foudroyanten klinischen Verlauf wurde die Cholera für die Menschen des beginnenden Industriezeitalters zum Inbegriff der „tödlichen Seuche“ schlechthin.

Soeben noch scheinbar völlig gesund, verfielen Cholerakranke innerhalb weniger Stunden und verstarben unter schmerzhaften Muskelkrämpfen.

Der Choleratod war beim Verlust der Kontrolle über die Ausscheidungsfunktion ein übelriechender, ein wahrhaft schmutziger Tod.

Für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts mit ihrer ausgeprägten Schamkultur war dies ein unvorstellbar grauenvolles Szenario.

Das Auftreten der Cholera zu Beginn des 19. Jahrhunderts überraschte die europäischen Länder in einer Zeit zunehmender Industrialisierung und komplizierter gewordenen Sozialstrukturen.

Behördlich intervenierend wurde durch die schweren Cholera-Epidemien mit ihren hohen Mortalitätsraten der Aufbau einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge und damit letztlich auch der des „öffentlichen Gesundheitsdienstes“ maßgeblich beschleunigt.

Ein Katalog verschiedener sanitärer Maßnahmen, die unter anderem auch die Sicherung einer hygienisch einwandfreien Trinkwasserversorgung zum Ziel hatten, wurden schrittweise in die Tat umgesetzt, um die Gesundheitsbedingungen (vornehmlich der städtischen Wohnbevölkerung) wirksam zu verbessern.

Einhergehend mit gesundheitspolitischen Bestimmungen veränderten sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zudem auch die Wohn- und Hygieneverhältnisse, aber auch die Ernährungs- und Kleidungsgewohnheiten.

Behördliche Eingriffe in die Belange der öffentlichen und individuellen Gesundheit nahmen dabei stetig zu, zum Wohle der Allgemeinheit.

Aus dem Kampf gegen Seuchen, wie insbesondere aus der Bekämpfung der Cholera, entwickelte sich die „Vorsorgemedizin“.[2]

Die asiatische Cholera war 1831 aus Hinterindien (Beginn des dortigen Ausbruchs um 1816/1817) über das russische Zarenreich als erste west- und mitteleuropäische Cholera-Epidemie auf Handelswegen eingeschleppt worden.

1832 berichtete Heinrich Heine aus Paris über die Cholera-Epidemie, die dort vor allem die Elendsviertel betraf: "Es war, als ob die Welt unterginge".

Wenige Jahre später, 1836/1837, kam es zur zweiten Cholera-Welle, die aber überwiegend Ost- und Süddeutschland betraf.

Sich vor allem entlang der modernen Handels- bzw. Eisenbahnlinien ausbreitend, erreichte schließlich die dritte Cholera-Pandemie von 1840-1862, in den Jahren europäischer Revolutionen und politischer Kämpfe, um 1850 das gesamte Herzogtum Braunschweig wie auch das benachbarte Königreich Hannover.

Im heißen Hochsommer von 1850 gelangte die Cholera in teils verlustreicher Weise schließlich in den braunschweigischen Weserdistrikt und somit auch in das Gebiet zwischen Holzberg und nördlichem Sollingrand.

Das geografisch abgelegene Bergdorf Hellental blieb hingegen von der gemeingefährlichen Seuche verschont.

In Hellental läutete jeweils nur dann die Kapellenglocke als Sterbeschauer, wenn in Heinade oder in Merxhausen ein Einwohner seiner Cholera-Erkrankung erlegen war.

Nach regionalen Literaturangaben[3] sei Heinade von jener Cholera-Epidemie des Jahres 1850 besonders schwer betroffen gewesen.

Aber auch Merxhausen sei von der außerordentlich heftigen Cholera-Epidemie heimgesucht worden.

Neben Hellental und Emmerborn blieb offenbar auch Deensen von der Cholera-Epidemie verschont.

Anhand der genealogisch aus den Kirchenbüchern erhobenen Personendaten konnten in den Dörfern Heinade, Merxhausen und Denkiehausen vom 19. August bis zum 08. Oktober 1850 insgesamt 29 dokumentierte Cholera-Sterbefälle ermittelt werden.

Danach ging die lokale Cholera-Epidemie wahrscheinlich von einem „Indexfall“ in Heinade aus.

Heinade weist mit Abstand sowohl absolut wie auch hinsichtlich der einwohnerbezogenen Mortalitätsrate die meisten Cholera-Todesfälle des Jahres 1850 auf.

Der früheste für Heinade dokumentierte Sterbefall datiert vom 19. August, für Merxhausen vom 23. August 1850.

Die lokale Cholera-Epidemie hielt in Heinade mindestens über vier Wochen (19.08. - 22.09.1850) an, während sie im nahen Merxhausen nur etwa eine Woche (23. - 29.08.1850) andauerte.

Am Tag des 01. Septembers 1850 starben insgesamt 4 Personen den schmutzigen Cholera-Tod.

Entgegen den Angaben in der regionalen Literatur stellt dies die maximale Todesfallhäufigkeit an einem Tag in einem Dorf (Heinade) dar.

Die Angaben zu den Todesfällen geben allerdings nur indirekt Auskunft darüber, wie hoch die Anzahl der Cholera-Erkrankungen in den jeweiligen Dörfern tatsächlich war.

Legt man die in der medizinhistorischen Literatur[4] für Cholera häufig anzutreffende Letalität von 50–60 % zu Grunde, so dürften hypothetisch insgesamt über 60 Cholera-Erkrankungen in Heinade und Merxhausen in den beiden Sommermonaten August/September 1850 aufgetreten sein, davon über 40 Erkrankungsfälle allein in Heinade.

Wiederum war es Robert Koch (1843-1910), nunmehr Leiter des neu geschaffenen preußischen Reichsgesundheitsamtes in Berlin, dem es mit seinen hoch entwickelten mikrobiologischen Untersuchungsverfahren 1883 gelang, den bakteriellen Erreger der Cholera-Erkrankung nachzuweisen.

Mit dem Erregernachweis (Vibrio cholerae) und der Erkenntnisse über dessen Weiterverbreitung begann zugleich auch die wirksame Bekämpfung der Cholera.

Als sicherster Schutz gegen eine Cholera-Infektion wurde 1894 die „Gesundung der Städte und Ortschaften“ durch verbesserte „Beseitigung der Abfallstoffe“ und „durch reichliche Versorgung mit reinem Trinkwasser“ angesehen.

Die letzte große Cholera-Epidemie in Deutschland trat Mitte August 1892 in der alten Hansestadt Hamburg auf.

 



[1] WILDEROTTER 1995, S. 204 ff.

[2] RUFFIE/SOURNIA 2000, S. 204.

[3] ANDERS 2004; LESSMANN 1984; RAULS 1983, S. 169 f.

[4] VASOLD 1991, S. 228.