Tuberkulose - Die „weiße Seuche“

Leitender Medizinaldirektor Dr. Klaus A.E. Weber

 

Das „romantische Leiden“ im 18./19. Jahrhundert, die „Proletarierkrankheit“ des 19./20. Jahrhunderts

Bei der Tuberkulose handelt es sich um eine chronisch verlaufende Infektionskrankheit, die alle Organe und Systeme des Menschen befallen kann.

Sie wird durch einen spezifischen bakteriellen Erregerkomplex verursacht, der vornehmlich durch das Einatmen infektiöser Tröpfchen (Aerosole) oder Staubpartikel übertragen wird.

In dem hier betrachteten Zeitraum konnte zudem auch durch die orale Aufnahme von tuberkulös infizierter Milch oder von tuberkulös infiziertem Rindfleisch eine Erregerübertragung erfolgen.

Das bis in die altägyptische Geschichte hineinreiche Krankheitsbild wurde ehemals mit recht unterschiedlichen Sammelbegriffen belegt („Auszehrung”, „Phthisis pulmonalis“, „Schwindsucht”), die im historischen Rückblick nicht völlig exakt unter dem erst um 1834 eingeführten Fachterminus „Tuberkulose“ subsumiert werden können.

Die Ausbreitung der (Lungen-)Tuberkulose wurde und wird noch heute allgemein durch

  • Armut

  • schlechte, unhygienische Lebensbedingungen

  • Migration

  • medizinische Unterversorgung

wesentlich begünstigt, also durch jene sozialen Faktoren, die auch in Heinade, Hellental und Merxhausen zumindest zeitweise vorgeherrscht haben.

Es kann aus medizinhistorischen und infektionsepidemiologischen Gründen davon ausgegangen werden, dass im 18./19. Jahrhundert die Tuberkulose, insbesondere aber die aerogen übertragbare Lungentuberkulose („Lungenschwindsucht“), auch unter den „kleinen Landleuten“ der hier betrachteten drei Dörfern weit und anhaltend verbreitet war.

Wie auch die hier vorgestellten genealogischen Daten dokumentieren, zählte die „Schwindsucht“ zu den häufigsten und bedeutensten Infektionskrankheiten des einfachen dörflichen Lebens jener Zeit.

Viele Dorfbewohner von Heinade, Hellental und Merxhausen erkrankten und verstarben an der damals nicht effektiv behandelbaren Lungentuberkulose.

Die Lungentuberkulose war ein mit vielen Ängsten besetztes Massenphänomen („Volksseuche“, „weiße Pest“) des 19./20. Jahrhunderts.

So starben während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich jährlich etwa 100.000–120.000 Menschen an der „Schwindsucht“.[1]

Im Rahmen der staatlichen Tuberkuloseaufklärung und –bekämpfung um die Wende zum 20. Jahrhundert dürfte durch Spuckverbotstafeln auch in den Dorfkrügen von Heinade, Hellental und Merxhausen darauf hingewiesen worden sein: „Nicht auf den Boden spucken!“

Der in Clausthal im nahen Oberharz geborene Bakteriologen Robert Koch (1843-1910) konnte am 24. März 1882 in Berlin seine epochale Entdeckung des Tuberkulose-Erregers mitteilen, in einer Zeit, in der die politische und administrative Aufmerksamkeit gegenüber der sich weiter ausbreitenden Lungentuberkulose und ihrer Verhütung und Bekämpfung angewachsen war.

 

„Tuberkulose zersetzte die Nieren und vereiterte das Herz“

Der Dichter Friedrich Schiller (1759-1805) bedurfte in seinen 16 letzten Lebensjahren der regelmäßigen ärztlichen Behandlung.

Er war an einer Lungen- und Nierentuberkulose erkrankt, an der er am 9. Mai 1805 verstarb.

Nach HOFMANN [2] führte die Tuberkulose bei Schiller zu derart tief greifenden Krankheitserscheinungen, dass der sezierende Pathologe eine völlig vereiterte Lunge fand, an der Stelle des Herzens einen „kleinen, schlaffen Beutel“, eine in Auflösung begriffene Gallenblase sowie „fast völlig zersetzte" Nieren.

 



[1] WILDEROTTER 1995, S. 278 ff.

[2] HOFMANN 2005.