Blattern – Die „grassierenden Pocken“

Leitender Medizinaldirektor Dr. Klaus A.E. Weber

 

Der Krankheitserreger der Pocken ist das Variola-Pockenvirus (Variola Major), das erst 1906 von Enrique Paschen (1860-1936) entdeckt wurde.

Die Übertragung des Pockenvirus erfolgte direkt von Mensch zu Mensch, vornehmlich durch einatembare Tröpfchen.

Trotz unscharfer Quellennachrichten gilt es dennoch als recht wahrscheinlich, dass die hochansteckungsfähige Pocken-Erkrankung bereits um 1.000 v. Chr. in Indien und China aufgetreten war.

Pocken-Epidemien breiteten sich auch während der Römischen Kaiserzeit aus.

In Zentraleuropa kam es erst im 18./19. Jahrhundert zur epidemischen wie endemischen Pocken-Ausbreitung.

Infektionshistorisch wird vermutet, dass es während des 17./18. Jahrhunderts zu einer Virulenzsteigerung des Pockenvirus gekommen war, wobei der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) eine epidemische Verbreitung der Pocken begünstigte.

Während des 18./19. Jahrhunderts kam es zur Entwicklung und Durchsetzung der wirksamen „Blatternimpfung“ (Pocken-Vakzination).

Deren Prinzip wurde am 14. Mai 1796 von dem englischen Wundarzt Edward Jenner (1749–1823) durch eine Arm-zu-Arm-Vakzination „geboren“.

Jenner übertrug bei seinem legendären Versuch frisches Kuhpockensekret von der kuhpockeninfizierten Kuhmagd Sarah Nelmes auf den pockengesunden Jungen James Phipps.

Das seuchenhistorisch hervorstechendste Merkmal der „Schwarzen Blattern“, einer klinisch besonders schwerwiegenden (hämorrhagischen) Verlaufsform der Pockenerkrankung, war ihre hohe Ansteckungsfähigkeit (Kontagionsindex: 95-100 % bei nicht-immunen Personen), verbunden mit einer hohen Sterblichkeitsrate (Mortalität: 30-80 %).

Zudem wurden die Pocken zu einer endemischen Kinderkrankheit mit enormer Kindersterblichkeit im Alter bis zu etwa 7 Jahren.

Hieraus resultierte schließlich ein geringes Bevölkerungswachstum.

Eine weitere historische Besonderheit der Pocken-Erkrankung war, dass sie alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen betraf und damit auch die Aufmerksamkeit der Herrschenden auf sich zog.

Sporadisch, „bald hier, bald dort” auftretende Pocken-Erkrankungen, wie auch „bösartige” Pocken-Epidemien („Blattern”-Epidemien) traten 1788/1789 und 1792/1793 in verschiedenen südhannoverschen Städten auf, so beispielsweise auch in der nahe gelegenen Landstadt Einbeck.

Die Pockenerkrankungen gingen dort mit einer hohen Sterblichkeit in den Sommer- und Herbstmonaten einher, insbesondere Kinder im Alter von 1-5 Jahren betreffend.

Auch traten zusätzlich Windpocken (Varizellen) auf.

Ohnehin wurde in jener Zeit bei den "Blatter-Ausschlägen" klinisch zwischen „echter Menschenpocke”, auch „Menschenblatter“ (Variola) genannt, „Kuhpocke”, „Schutzpocke” und „unechter Menschenpocke” („Wasserblatter”) unterschieden.

Für die drei Dörfer des hier betrachteten Gebietes zwischen Nordsolling und Holzberg konnten anhand von Kirchenbucheintragungen zwischen 1762–1872, also in 110 Jahren, insgesamt 26 dokumentierte Pocken-Sterbefälle erfasst werden, die ausschließlich Säuglinge, Kleinkinder und Kinder betrafen.

Inwieweit es sich hierbei im Einzelfall zweifelsfrei um die richtige medizinisch Diagnosestellung einer echten Pockeninfektion (Variola) handelte, ist nicht hinreichend nachvollziehbar.