Der „ansehliche“ Holzberg

Klaus A.E. Weber

 

Der „Kaiserstuhl des Nordens“ & die "Holzbergwiesen"

- mit Wölbäckern & Preußischer Telegrafenstation № 27


 

Nordöstlich des Dorfkerns von Heinade liegt der über 400 m hohe Holzberg (445 m üNN), dessen Name von der Ortswüstung "Holtensen" ausgehen soll.

Die markante Erhebung wurde 1596 als „hoher Holzhäuser Berg“, in der wenig später im Jahr 1603 erstellten topografischen Solling-Karte als "Holtzberg" ausgewiesen.

Im Osten wird der Holzberg „durch das Lennethal vom Elfaß geschieden“, im Westen reicht er „bei Merxhausen bis an den Fuß des Sollings“.

Seit 1991 besteht das Naturschutzgebiet HA 150 "Holzbergwiesen" mit einer Fläche von rund 375 Hektar.

Der Holzberg ist nach TACKE ein „stehengebliebener Klotz“ des Unteren Muschelkalkes mit gesteinstypisch steilen, teilweise klippenbildenden Hängen, ansteigend aus den umgebenden Rötsenken.[1]

Durch flache Ackerkrumen und Nährstoffverarmung bestehen hier seit altersher landbauungünstige Bodenverhältnisse.

Zudem ist der Wellenkalk des Berges sehr wasserarm.

Früher galt der Holzberg aufgrund seines Orchideenreichtums als „Kaiserstuhl des Nordens“.

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts waren dort Arten zu finden, die inzwischen längst aus unserer Umgebung verschwunden sind.

Aber heute noch nimmt der Holzberg wegen seiner Artenvielfalt einen Spitzenplatz im Weserbergland ein ► Artenliste Holzberg.

An den Röthängen des Holzberges befinden sich noch heute Wiesenböden, die als Höhen- bzw. Bergwiesen genutzt werden.

Nach der 1833-1849 betriebenen Telegrafen-Station № 27 der "Königlich Preußischen Optischen Telegraphielinie Berlin-Coeln-Coblenz" diente das ehemalige Telegrafistenwohnhaus auf dem Holzberg als "Holzberforsthaus" (Forstwarte) und als Gaststätte bis 1966.

 

Kulturhistorisch wertvolle Wölbäcker

Die dem Holzberg nordwestlich vorgelagerten "Holzbergwiesen" imponieren als große, geschlossene Wiesenflächen - teils auch mit erhaltenen, mittelalterlichen Wölbäckern.

Diese Hochäcker oder Ackerhochbeete sind ein anschaulich fassbares Beispiel für die bedeutsame historische Kulturlandschaft der hiesigen Region.

Pflugtechnisch bedingt entstanden Wölbäcker bis ins Mittelalter hinein durch die Verwendung nicht wendbarer eiserner Pflugscharen, wodurch durch mehrjähriges Pflügen immer mehr Ackerkrume zur Ackermitte verlagert und somit die Ackermitte erhöht und die Ränder des Ackers vertieft wurde.

 

Blick vom Holzberg auf die westlich gelegenen "Holzbergwiesen" mit mittelalterlichen Resten von Wölbäckerfluren (2015)

 

1785 - Joachim Heinrich Campe & sein Lieblingsberg

Der im 18. Jahrhundert berühmt gewordene, in Deensen geborene Joachim Heinrich Campe (1746-1818) [3], ein „begeisterter Pädagoge, Verfasser zahlreicher Kinderschriften, „eine Zeit lang Erzieher der Gebrüder Humboldt“, beschrieb 1785 sehr anschaulich den Holzberg und dessen landwirtschaftliche Nutzung als er seinen weiten Weg nach Göttingen über Deensen und Einbeck nahm und seine Reise unterbrach, um „seinen“ Holzberg zu besteigen:[2]

"Unter den ansehnlichen Bergen, welche die Gegend meines Geburtsortes bekränzen, ist einer, den ich seit meiner Kindheit vor allen Bergen in der Welt lieb gewann und auch beständig lieb behalten habe.

Er heißt der Holzberg. Hundertmal hatte ich abwesend als Jüngling und als Mann mich auf den Gipfeln dieses Berges hingeträumt, und war dann jedesmal durch diese Einbildung so glücklich geworden!

Ja sogar auch wachend hatte ich oft auf den Flügeln der Einbildungskraft über diesem Lieblingsberge geschwebt, und mich durch den Anblick der über alle Beschreibungen herrlichen Gegend gelabt, die man von ihm herab übersehen kann.

Da ich nun jetzt so nahe bei ihm war, und nicht voraussehen konnte, ob ich in diese Gegend noch einmal je zurückkehren würde: so war es mir unmöglich, sie zu verlassen, ohne erst ihn noch einmal erstiegen zu haben.

Ich ging also los, in Ermangelung eines Pferdes, zu Fuß nach Deensen zurück und trat von da aus in Begleitung meines Bruders und eines Freundes, die beschlossene Wallfahrt nach meinem lieben Berge an …

Er ist zuvörderst von ansehnlicher Höhe und Länge, indem er sich von Nordosten nach Südwesten über eine Viertelmeile erstreckt.

Der größte Theil seiner Seitenfläche besteht aus lauter Wiesen, die durch Hecken voneinander abgesondert sind, welches allein schon ihm ein sehr artiges Aussehen gibt.

Da wo die Wiesen aufhören, gegen den Gipfel des Berges, erhebt sich eine hoch senkrecht gestellte Felswand, und bildet, so zu sagen, das Haupt desselben.

Auf diesem ehrwürdigen Haupte thront ein herrlicher Buchenwald, den die vorbeiziehenden Wolken streifen.

Dieser Berg versorgt die ganze umliegende Gegend bis über eine Meile weit, mit wohlriechenden Futterkräutern voll heilsamer Säfte.

Man sieht daher zur Zeit der Heuernte einige hundert Menschen an ihm wimmeln, die nebst den unzählbaren von ihnen errichteten Heuschobern, ihm ein sehr lebhaftes und lustiges Aussehen geben.

Steht man nun aber vollends auf dem Gipfel dieses Berges und zwar gerade über einer senkrechten Felswand, welche den höchsten Turm beschämt: so übersieht man ein Gemisch von Bergen, Thälern und Ebenen, von Fruchtfeldern, Wiesen, Teichen, Gärten, Häusern und Wäldern, welches ich zu malen unfähig bin. Und dies alles zeigt sich, von dieser Höhe herab gesehen, so unbeschreiblich schön!"

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


[1] TACKE 1943, S. 11.

[2] zit. in MEYER 1996, S. 35 f.

[3] RAULS 1983, S. 154-164.