Regionale Glasmacherkunst - Eine Verbindung von Kultur & Technik vom Mittelalter bis zur Neuzeit

Klaus A.E. Weber

 

Ressourcen ⎸Rohstoffe & Technik ⎸Wissen ⎸Handwerk & Handel


 

 Kelchgläser aus dem Solling - Goldmalerei und Blaurand

18./19. Jahrhundert [18]

 

Kriterien bei der Auswahl eines Hüttenstandortes

Die Glasherstellung war einst ein Waldgewerbe.

Hierbei bildeten die regionalen Rohstoffe für die Glasgewinnung die Kriterien für die Standortwahl von Glashütten.[13]

Neben territorialen und geländemorphologischen Aspekten waren für lange Zeit das Sand- und Wasservorkommen, die Brennstoffressourcen (Holz als Energieträger) sowie eine gute Verkehrsanbindung (Transport auf dem Land- und Wasserweg) für die Glasmacher die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl eines Glashüttenstandortes.

Die für eine Glasherstellung wesentliche Bedingung, qualitativ guten Sand für die Glasmasse und feuerresistente Bausteine für die Werköfen verfügbar zu haben, war einst auch im Umfeld des Hellentals gegeben.

Grundlagen für das alte Gewerbe der Glasherstellung waren seit dem 12. Jahrhundert und insbesondere im 16./17. Jahrhundert, die reichen, Energie liefernden Holzvorkommen großer unerschlossener Waldgebiete, welche für die Beheizung der Glasöfen und zur Aschenherstellung genutzt wurden.

Zugleich war der örtliche Holzvorrat - bei nicht nachhaltig betriebener Forstwirtschaft – aber auch ein entscheidend limitierender Faktor für die Produktionsintensität und Betriebsdauer einer Glashütte vom Mittelalter bis zur Neuzeit.

Ein weiterer Standortaspekt war, dass Glashütten in für die landwirtschaftliche Nutzung wenig geeigneten Landschaften, wie der des Hellentals im Nordwestsolling, entstanden.

Nach REDDERSEN sei eine Glashütte jeweils in dem Walddistrikt angelegt worden, „der sich gerade in Hauung befand und das zum Glashüttenbetrieb nötige Holz garantierte“.[19]

Mehr und mehr ersetzte in der Jahrhunderte währenden Glasgeschichte des Weser-Werra-Berglandes dann die Steinkohle den traditionellen Brennstoff Holz bei der Glasgewinnung, kontinuierlich beginnend in den Mittelgebirgszügen der Deister-Süntel-Ostwald-Region.

Hier bestimmte das Kohlevorkommen maßgeblich die Standortwahl der Glashütten.[13]

 

Gab es genügend Rohstoffe, so gab es auch Glas - wie in der Solling-Region

Eingebettet in eine reiche europäische Glasgeschichte kann man im Solling auf eine Jahrhunderte währende Glasgeschichte zurückblicken - frühmittelalterlich seit der Karolinger Zeit im 9. Jahrhundert.

Soweit bekannt, konnten im südniedersächsischen Berg- und Hügelland bereits im Mittelalter unterschiedliche regionale Rohstoffwirtschaften exportorientiert betrieben werden, wie beispielsweise Glas.

So bildeten dereinst Glashüttenanlagen im Weser-Werrra-Bergland „das gläserne Herz Niedersachsens“.[26]

Nachweislich wurden in den Wäldern der Mittelgebirgsregion von

seit dem Mittelalter (ab dem 12. Jahrhundert) Glas erzeugt und verarbeitet.[27][23]

Dabei konnten insbesondere auch in den dicht bewaldeten Mittelgebirgen von Hils, Vogler, Homburgwald und Solling, in denen ab dem Hochmittelalter Glas hergestellt wurde, zahlreiche mittelalterliche Glashüttenstandorte des 12.-14./15. Jahrhunderts dokumentiert werden.

Während des 16./17. Jahrhunderts erreichte das Glasmacherhandwerk hier seine Blütezeit.

Nach TACKE [49] wurden im 16. Jahrhundert unter Herzog Julius  von Braunschweig-Lüneburg (1528-1589) zeitweilig zahlreiche Wanderglashütten landesherrslich gefördert, "nur weil weil die ausgedehnten Wälder sonst überhaupt keiner gewerblichen Nutzung unterlagen und 'gar wenig eintrugen'".

Hergestellt wurden prunkvolle Gläser für den Adel und wohlhabende Bürger, Gebrauchsglas für Haushalte und Spezialgläser für Alchemisten und Apotheker.

Nach KOCH [35] gelten aber die neuzeitlichen niedersächsischen Glashüttenplätze als archäologisch noch wenig erforscht.

 

'Sonst auf verschiedenen auswärtigen Glashütten gearbeitet' - Glasmacher wanderten dem Holz nach

Glasmacher wanderten vormals dem Holze nach und legten häufig ihre Glashüttensiedlungen in großer Entfernung zu den nächsten dörflichen oder städtischen Siedlungen an.

Deshalb wie auch durch den Produktionsablauf bedingt, bestand bei den Glasmachern stets eine enge Verknüpfung zwischen dem Familien- und Arbeitsleben.

Im 17. Jahrhundert entwickelte wahrscheinlich manche Waldglashütte, wie beispielsweise im Hils, bereits einen dorfähnlichen Charakter.

Die Wohngebäude wurden auf Grund des absehbaren Standortwechsels aus Holz errichtet.[23]

Doch hatten diese frühen „fliegenden" oder "Wanderglashütten“ noch nichts mit den späteren ortsfesten Manufakturen gemein.[24][13]

Durch den immensen Holzverbrauch wurden die Glashütten, ursprünglich aus dem Süden kommend, immer weiter in nördliche Waldgebiete verlegt, schließlich auch in das Weser-Leine-Bergland und somit auch in den Solling.

Die Dauer der Produktion einer Glashütte an gleicher Stelle richtete sich primär nach dem Verbrauch der distanznah verfügbaren Ressource „Holz“.

War das Holzvorkommen um die Glashütte erschöpft bzw. musste das Holz über eine zu große Entfernung herangeführt werden, wurde die Produktionsstätte meist talaufwärts oder in ein benachbartes Tal verlegt, wo wiederum Holz in ausreichender Menge vorhanden war.

Hierbei waren Tallagen oder die Quellnähe zur Wasserversorgung besonders wichtig.

 

Standortfaktoren

Neben dem alten Waldgewerbe der Köhler, ist auch das alte Glasmacherhandwerk typisch für ein nicht-zünftiges Gewerbe ohne festen siedlungsspezifischen, aber an Rohstoffe gebundenen Standort.

Der Bau und Betrieb einer Glashütte war abhängig von Standortfaktoren (lokale Roh- und Brennstoffe, Wasserlauf) und topografischen Rahmenbedingungen (Geländemorphologie).

Neben geländemorphologischen Aspekten waren für lange Zeit das Sand- und Wasservorkommen sowie die Brennstoffressourcen (Holz als Energieträger) für die Glasmacher die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl eines Glashüttenstandortes.[21]

Ein weiterer Standortaspekt war, dass Glashütten in für die landwirtschaftliche Nutzung wenig geeigneten Landschaften entstanden.[22]

Noch heute besteht ganzjährig ein kontinuierliches Wasservorkommen, gespeist von vielen, das Sollingtal entwässernden Bachläufen und Hangquellen.

Die für die Glasherstellung wichtige Voraussetzung, ortsnah über quarzhaltigen Sand und Kalk für das Glasgemenge sowie für die Werköfen über feuerfeste Bausteine zu verfügen, war im Umfeld des Hellentals gegeben.

Eisenarmer weißer Tertiärsand wurde vermutlich aus Sandgruben vor Ort und/oder grenzüberschreitend aus Sandvorkommen bei Neuhaus im Hochsolling („Sandwäsche“) oder bei Lenne bezogen.

Ungeklärt bleibt die Frage nach der Herkunft des feuerfesten Tons für die Glashäfen und nach dem Ort ihrer Fertigung.[38]

Umfangreiche Tonlagerstätten und Töpfereien befinden sich bis heute im Raum Fredelsloh/Bengerode am Solling sowie im „Pottland“ rund um Duingen, einer historisch bedeutenden Töpferregion zwischen Weser und Leine.

 

Rohstoffe

Die Primärstoffe des „Glas-Cocktails“ sind Quarzsand [Siliziumdioxid (SiO2)], Alkalioxyde als „Flussmittel“ zur Senkung der Schmelztemperatur auf etwa 1.200-1.300° C und Kalk [Calciumoxyd bzw. Kalziumkarbonat (CaCO3)] als „Stabilisator/Härter“.

Den Quarzsand schöpften die Glasmacher aus Bächen und Böden, weshalb sie insbesondere Bundsandsteingebiete, wie den Solling, bevorzugten.[25]

Die Glashütten des Sollings bezogen den notwendigen silikatreichen Sand von dem altbekannten Sandvorkommen am Langenberg im Solling („Sandwäsche“ bei Neuhaus) oder in Lenne.

Hauptsächlich der bei der Glasherstellung erforderliche Alkalizusatz in Form von Buchenholzasche bzw. später von Pottasche, aber auch der hohe Holzverbrauch zur Ofenfeuerung, führte schließlich zu großen Verwüstungen im Holzbestand der Wälder in den Mittelgebirgen.

 

Brennstoffe zur Ofenbefeuerung im Solling:

Buchenholz

Als Brennmaterial diente darrtrockenes Buchenholz.

Das getrocknete Hartlaubholz aus den Forstorten des Sollings wurde bevorzugt als Brennstoff verwendet:

  • hoher Heizwert

  • entwickelt viel Glut, dadurch gleichmäßige, lang anhaltende Nutzwärme

Schwarztorf

Auf der Schorborner Filialglashütte „Torfhütte am Mecklenbruch“ wurde um 1799-1812 zur Erprobung Hochmoortorf vom "Moosberge" im Hochsolling als Brennmaterial eingesetzt.

 

Wasser wurde zum Betrieb von Pochwerken, zur Kühlung u.a. der Glasmasse und Glasmacherpfeifen sowie zur Lagerung hölzerner Model benötigt.

 

Vielgestaltiges, scheißtreibendes Glasmacherhandwerk

Seit dem frühen Mittelalter (ab dem 9. Jahrhundert) wurde in den Wäldern der Mittelgebirgsregion von Solling, Vogler, Homburgwald und Hils Glas erzeugt und verarbeitet.

Dabei zählte das Weser-Werrra-Bergland zu den größten Glaserzeugungs- und Glasverbreitungsgebieten im damaligen deutschen Raum und zu den wichtigsten Glasproduktionsgebieten des „Alten Europas”.

Nach TACKE [24] sollen „Glashütten am Solling“ historisch zuerst 1397 in schriftlichen Überlieferungen erwähnt worden sein.

Erstmals sind Waldglashütten in Nordhessen 1443 urkundlich belegt, wobei es sich um autarke Wohn- und Produktionsstätten im Reinhardswald handelt.[28]

Nicht zuletzt bestanden - glashistorisch wie genealogisch gesehen - handwerkliche und familiär-verwandtschaftliche Beziehungen zu der in die idyllische Landschaft des oberen Gelstertals eingebetteten heutigen Kleinstadt Großalmerode im niederhessischen Naturpark „Meißner-Kaufunger-Wald“.

Während des Mittelalters siedelten in dieser waldreichen, aber auch gerade von Ton, Sand und Kohle geprägten Region zahlreiche Töpfer (u.a. Tiegelmacher) und Glasmacher („Waldgläsner“).

Bereits 1466 waren im Kaufunger Wald, rund um den Ort Almerode, acht Glashütten bekannt.[29]

Großalmerode entwickelte sich schließlich zum „Ort des guten Tons“.

Neuere archäologische Geländeprospektionen im Reinhardswald und im Kaufunger Wald zeigen aber, dass auch in diesen waldreichen Mittelgebirgszügen mit früher beginnender Glaserzeugung und Glasverarbeitung gerechnet werden muss.

Zur einstmaligen Arbeitswelt der Glasmacher auf Waldglashütten (Bayrischer Wald, Böhmerwald) mit über 280 Berufen und "Hantierungen" sowie zu Werkzeugen, zur Hüttensprache und Gesundheit wird zusammenfassend auf REINER [47] verwiesen.

 

Zeittypische Waldgläser

Im 18. Jahrhundert wurde durch allmählich weniger werdende Betriebe Gebrauchsglas in Form von Waldglas produziert.

Durch Zusätze von Glasmacherseifen, Kalk und Blei waren die Glasmachermeister bestrebt, farbloses Glas herzustellen.

Typische Waldgläser - Produktlinien - jener spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Epoche waren u.a.

Solche Hohlgläser wurden mittels der Glasmacherpfeife und unter Einsatz von Modeln hergestellt.

Verunreinigungen der Glasrohmasse durch mineralische Komponenten im Quarzsand verursachten eine grünliche oder gelbliche bis hin auch leicht bräunliche Färbung des Glasendproduktes, die durch Metalloxidbeigaben zudem noch verstärkt werden konnten.

Noch heute wird zur Glasfärbung eine Reihe von Metalloxiden der Übergangselemente des Periodensystems (teils im Spurenelementbereich) eingesetzt, wie beispielsweise Oxide von Kupfer, Vanadium, Cobald etc.

Diese Glastönung sowie kleinste Einschlüsse und Bläschen gaben jenen Gläsern ein typisches Aussehen.

 

Neuzeitliche Glashütten

Glashüttenbetriebe der frühen Neuzeit entwickelten regelrechte Netzwerke von Handel und Gewerbe, Bauen und Wohnen, Leben und Arbeiten.

Der Vertrieb bzw. Transport der Glaserzeugnisse erfolgte neben dem Landhandelsweg überwiegend auf der Weser als früher bedeutendem Verkehrsweg.

Insofern bestanden Vertriebskontakte auch zur nahen Stadt Holzminden.

Um 1890 sollen nach KNOLL/BODE [34] im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel noch insgesamt acht Glashütten zur Fertigung weißen Hohlglases sowie von Fenster- und Spiegelglas bestanden haben.

 

[45]

 

Archäologischer Nachweis einer hochmittelalterlichen Waldglashütte im Solling [17] - um 1100-1150

Im Solling - im Holzmindetal bei Neuhaus-Fohlenplacken - ist vermutlich die zweitälteste Glashütte Mitteleuropas entdeckt und archäologisch untersucht worden.[16]

In der hochmittelalterlichen Waldglashütte aus der Zeit um 1120-1150 wurde wahrscheinlich auch buntes Fensterglas für das ehemalige Benediktinerkloster mit karolingischem Westwerk - Corvey - gefertigt.

Das Weserbergland ist noch heute eine Schwerpunktregion der glasindustriellen Branche in Deutschland.

Nördlich der Alpen stellten im Weser-Werra-Bergland bereits seit dem 9. Jahrhundert in der Karolingerzeit [4][15] dem Holz nachwandernde Waldglashütten einfaches, überwiegend grün gefärbtes Waldglas her, ab dem 12./13.Jahrhundert auch im ressourcenreichen Umfeld des Hellentals - dem "Alten Tal der Glasmacher" im ehemals braunschweigischen Solling.

Es ist anzunehmen, dass neben der grund- bzw. landesherrlichen Zustimmung (Konzession) insbesondere

  • der Waldreichtum (Holzvorrat),

  • ein ökonomisch günstiger Zugang zu den erforderlichen Rohstoffen,

  • die Nähe zu einem Fließgewässer

die entscheidenden Voraussetzungen zur Gründung und zum wirtschaftlichen Betrieb von Waldglashütten im Umfeld des Hellentals im Nordsolling waren.

Mit den zahlreich nachweisbaren Wanderungen von Glashandwerkern als Wanderarbeiter kam es zugleich auch zu einem die Glasherstellung und -bearbeitung weiterentwickelnden Technologietransfer.

Im Mittelalter waren aus Glas gefertigte Trink-, Schenk- und Vorratsgefäße kostbare Gegenstände des gehobenen Bedarfs von "Betuchten".

Bouteillen und Trinkgläser blieben als Luxusartikel zunächst nur vermögenden Haushalten vorbehalten.

Nach und nach aber versorgten sich auch wohlhabende Patrizier und andere reiche Bürgerschichten mit allerlei Trink- und Scherzgläsern sowie mit emailbemalten Humpen für besondere Anlässe.

Als Glasdekore dienten (Beeren-)Nuppen, farbige Ränder, Glasfäden und -bänder sowie polychrome Emailbemalungen. 

 

"Glasser" und "Glaßmaler" [20] 

 

Wanderarbeit & Regionale Waldglashütten

Seit spätestens der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts bestanden in den abgelegenen laubholz- und wasserreichen Mittelgebirgszügen des südniedersächsischen Berglands eine Vielzahl von Glashütten, angelegt als so genannte Wanderglashütten, die dem Holzvorrat als Energielieferant nachwanderten.

Wie zahlreiche Glashüttenstandorte der dicht bewaldeten und wasserreichen Höhenzüge der abgelegenen Mittelgebirge

belegen, lag im Oberweserraum wahrscheinlich seit dem karolingischen Frühmittelalter bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts das größte Glasmacherzentrum im nördlichen Mitteleuropa.

Dabei konnten nach STEPHAN im Solling bislang insgesamt 92 mittelalterliche und frühneuzeitliche Waldglashütten nachgewiesen werden.[7]

Bis in die Gegenwart bildet die Glasindustrie mit der Fertigung von Behälter- und Spezialgläsern einen wichtigen Wirtschaftsfaktor in der „Schatzkammer des Weserberglandes“, im Landkreis Holzminden.

Damit ist auch die Zukunft einer über 850-jährigen kontinuierlichen Glasmachertradition regional gesichert.

Die mittelalterlichen Glashütten waren zunächst kleine Betriebe, die wegen ihrer Feuergefährlichkeit abseits von Dörfern tief in den Laubwäldern lagen - wie »in the middle of nowhere«, im Hellental.

Wegen dieser Lage im Wald werden sie üblicherweise als "Waldglashütten" bezeichnet.

Glashandwerker jener Zeit waren Wanderarbeiter.

War das Brennholz in der Umgebung der Glashütte aufgebraucht, so zogen die Glasmacher mit ihren Familien und ihrem Viehbestand zum nächsten unverbrauchten Standort - daher die Bezeichnung „Wanderglashütten“.

Die Herzöge des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel, die die landesherrliche Betriebserlaubnis einer Glashütte erteilten, achteten sehr darauf, dass einerseits der an sich enorme Holzverbrauch in Grenzen gehalten wurde, andererseits die Hüttenbewohner keine dauerhaften Siedlungsplätze in den herzoglichen Wäldern schufen.

Daher erhielt der Glashüttenmeister in der Regel auch nur eine landesherrlich auf wenige Jahre festgesetzte Konzession.

Häufig durften in einem Waldgebiet nicht mehr als 2-3 Waldglashütten gleichzeitig produzieren.

Vielfältige, teilweise auch spektakuläre archäologische Funde im Weser-Werra-Leinebergland belegen ein reichhaltiges Spektrum an mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gläsern mit unterschiedlichen Formen, Verziehrungen und Farbgebungen.

Neben farbigem Flachglas - als Fensterglas für Kirchen - stellten die technisch und künstlerisch versierten Glasmacher in serieller oder Einzelfertigung einfache Trink- und Schenkgefäße her, aber auch technisch diffizile, verfeinerte und ästhetisch reizvolle Hohlgläser zum repräsentativen höfischen und kirchlichen Gebrauch. 

 

Seit dem Mittelalter isoliertes Leben & selbständiges Arbeiten im Solling

Die sich ihres Standes bewussten Glasmacherfamilien bildeten während des Mittelalters bis zur frühen Neuzeit eine exklusive berufliche und soziale Gruppe.

Die Glasmacher waren meist zunftartig organisiert, regelten ihre Interessen selbst und ahndeten Verstöße.

Kunstfertige Glasmachermeister lebten und arbeiteten mit ihren Gesellen auch in den entlegenen, wasser- und holzreichen Laubwäldern im Hellental, einem alten Grenzraum im nördlichen Solling (Buntsandstein-Mittelgebirge).

Die mit örtlich anstehendem Buchenholz befeuerten Arbeitsöfen der Waldglashütten brannten von April bis November (Ostern - Martini), gereglt durch die Zunftordnung vom 23. Juli 1406 (Bundesordnung des im Spessart gegründeten Glasmacherbundes) und der des "Hessischen Gläsnerbundes" von 1537.

Während der Winterzeit ruhte die Glasherstellung und die Glasmacher schlugen dann im nahen Sollingwald Holz für die kommende Produktion ein.

Zudem wurden die „kalt gelegten“ Werköfen ausgebessert oder erneuert, da sie durch die mehrmonatige Betriebszeit und die hohen Schmelztemperaturen stark beansprucht waren.

Der kontinuierliche, wenig kontrollierbare Vorgang der Glasschmelze erforderte ein produktionsortnahes Wohnen der Glasmacherfamilien (Werkssiedlungen) sowie eine Betriebsorganisation im Schichtdienst rund um die Uhr.

Die Betriebsgemeinschaft der Hüttenbewohner versorgte sich in der Regel selbst.

Zu ihrer Ernährung betrieben sie nahe ihrer Glashütte eine „kleine Landwirtschaft“ mit Viehhaltung (Schweine, Ziegen) und Gartenbau.

Auch wurden in der Nähe der Glashütte kleine Ackerflächen angelegt.

Nicht zuletzt aus Gründen der Konkurrenz wurde Jahrhunderte lang die streng geheim gehaltene Kunst der Glasherstellung und -verarbeitung vom Vater auf die Söhne in immer denselben Meisterfamilien weitervermittelt.

Mit der Weitergabe des Fachwissens wurde zugleich auch der lukrative Glasmacherfachberuf vom Vater auf den Sohn vererbt.

Gut dokumentiert ist, dass während des Dreißigjährigen Krieges eine 1632 gegründete Waldglashütte im Hils in den Jahren 1625 und 1627 von Soldaten überfallen wurde.[5]

Nach neueren archäologischen Ausgrabungen und Untersuchungen konnte im Jahr 2015 am Südrand des Sollings eine Waldglashütte des 9. Jahrhunderts (Karolingerzeit) lokalisiert werden - im historischen Kontext mit der Glasverarbeitung in den baubezogenen Corveyer Klosterwerkstätten.[4]

Somit dürfte die Waldglashüttenzeit etwa 300 Jahre älter sein als bislang in der Fachwelt angenommen wurde.

 

Übergang von der traditionellen Glasherstellung in Waldglashütten zur stationären Fabrikation in Glasmanufakturen

Die Standortvoraussetzungen gut erfüllend, gab es Waldglashütten auch in den großen nutzbaren Waldungen rund um das Hellental.

Noch heute bestehen wenig erforschte archäologische Spuren mehrerer solcher Waldglashütten, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als so genannte Wanderglashütten, als kleine eigenständige Siedlungen außerhalb von Dörfern oder Gütern angelegt, von verschiedenen Glasmacherfamilien - „Wanderglasmacher”, „Waldgläsner“) selbständig betrieben wurden.

Aus Gründen begrenzter Holzressourcen und um eine feste Ansiedlung der Glasmacherfamilien zu vermeiden, wurden die Verträge zum Betrieb einer Hütte durch die Landesherren auf wenige Jahre befristet.[12]

Hohlglas war in jener Zeit das „Glas” schlechthin, handverarbeitet als Trinkgläser, Flaschen und Behältergläser.

Das typische Waldglas besitzt eine grünliche Färbung („Grünglas“).

Die Ursache hierfür liegt darin, dass der Quarzsand durch minimale Eisenanteile, die eine Grünfärbung herbeiführen, verunreinigt war.

Eine einfache „fliegende” Waldglashütte bestand aus einem Gebäude, in dessen Zentrum sich der mit Holz beheizte Glasschmelzofen (Werkofen) befand, das „Herz“ der Waldglashütte.

Der mehrere Meter große Hauptofen wurde aus feuerbeständigen roten Sandsteinen (Sollingsandsteinen) errichtet.

Er wies mehrere umrahmte, fensterartige Arbeitsöffnungen zur Entnahme flüssiger Glasmassen (etwa 1.300-1.500° C) auf.

Im Ofeninneren befanden sich mehrere, aus feuerfestem Ton gefertigte Schmelztiegel (technische Keramik), „Hafen“ oder „Glashafen“ genannt.

Wie die heutigen großen industriellen Schmelzwannen, so waren auch die kleinen Glashäfen sensible Konstrukte, die stetig auf Temperatur gehalten werden mussten.

Darüber hinaus gab es mehrere Nebenöfen oder Annexofenkonstruktionen am Hauptofen, u.a. zum allmählichen Heruntertemperieren der Gläser auf Umgebungstemperatur.

Die am "heißen Ende" der Produktion extrem heißen Glaserzeugnisse mussten - um nicht zu zerspringen - in Kühlöfen langsam und kontrolliert abgekühlt werden.

Zudem gab es auch Fritteöfen, in denen das Rohstoffgemenge zur Glasherstellung in Frittetiegeln (Hafen) vorgefrittet wurde.

Bei den Hüttenöfen handelte es sich um „liegende“, länglich-rechteckige Schmelzöfen, in denen die Funktionen hintereinander angelegt waren.

Der Hüttenboden bestand aus Lehm und die Hütte selbst war aus Holz errichtet.

Die Glashüttenbelegschaften wohnten samt ihren Familien in unmittelbarer Nähe der Glashütten.

Im näheren Umfeld des Betriebsgeländes wurden hierzu mehr oder minder notdürftige Wohngebäude des Glasmachermeisters und der Hüttenbelegschaften angeordnet.

Einfache Wirtschaftsgebäude und Stallungen kamen hinzu.

Die Unterkünfte für die Glasmacher und für das von ihnen gehaltene, wenige Vieh dürften eher dürftig gewesen sein.

Bei den älteren Glashütten handelt es sich um saisonale Betriebe, die gemäß Zunftordnung nur von Ostern bis Martini (11. November) Hohl- und Flachglas herstellten.[21]

Die mit örtlich anstehendem Buchenholz befeuerten Arbeitsöfen der Waldglashütten brannten pausenlos Tag für Tag, Nacht für Nacht - so auch im "Alten Tal der Glasmacher".[8]

Dem hingegen werden heute die modernen Glasschmelzwannen "nur" einmal in Betrieb genommen und danach etwa 10 Jahre lang das Jahr über durchlaufend 24 Stunden lang an 7 Tagen der Woche betrieben.[11]

Die Glasmacher schlugen im nahen Sollingwald ausreichend Holz für die kommende Produktionssaison ein.

Zudem wurden die „kalt gelegten“ Werköfen ausgebessert oder erneuert, da sie durch die mehrmonatige Betriebszeit und die hohen Schmelztemperaturen stark beansprucht waren.

Der kontinuierliche, wenig kontrollierbare Vorgang der Glasschmelze erforderte ein produktionsortnahes Wohnen der Glasmacherfamilien (Werkssiedlungen) sowie eine Betriebsorganisation im Schichtdienst rund um die Uhr.

Die Blütezeit des glasproduzierenden und –verarbeitenden Gewerbes der Waldglashütten lag im 16./17. Jahrhundert.

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts veränderte sich das Glashüttenwesen deutlich, indem technologisch weiterentwickelte und auf größeren Glaswarenabsatz orientierte, ortsfeste Manufakturen errichtet wurden.[9]

Zeitnah nebeneinander wurden aus „merkantilistischem Geiste hervorgegangener industrieller Unternehmungen“ des Braunschweiger Herzogs Carl I. im Jahr 1744 planmäßig drei fürstliche Glas- und Spiegelhütten im Solling, am Ith und im Hils gegründet.[7][10]

Für die fürstliche „weiße“ Hohl- und Tafelglashütte in Schorborn wie auch für die spätere Grünglashütte in Pilgrim lieferten u.a. Heinader Bauern Kalk und Holzkohle, zugleich sorgten sie auch für den Abtransport der fertigen Glaswaren.

Die in der Phase des betriebswirtschaftlichen Übergangs zum stationären Manufakturwesen stehende Steinbeker Glashütte war im Hellental die letzte Glas produzierende Hüttenanlage.

Die Glashütte "Zur Steinbeke" (um 1715/1717 - um 1743/1745), ein ortsfster Werkweiler, war unter der Leitung des Mecklenburger Glasmachermeisters Jobst Henrich Gundelach (1676-1740) im Hellental ortsfest angelegt worden.

Sie war bei fast drei Jahrzehnte währender Betriebsdauer die letzte Waldglas produzierende Hüttenanlage im Solling.

Anlagenteile der Glashütte wurden 1743 vom Braunschweiger Hof unter Herzog Carl I. aufgekauft und an den nahen, unbesiedelten "Schorbornteich" im Solling verlegt - zur merkantilistischen Gründung der Fürstlichen Glasmanufaktur am Schorborn unter staatlicher Leitung im Jahr 1744.[1][2]

Die Hellentaler Glashütte belegt den zeittypischen Übergang vom althergebrachten mittelalterlichen Wald- und Wanderglashüttenwesen zur neuzeitlich-modernen stationären Glasmanufaktur.

Aus Resten der teils aufgelassenen, allmählich zerfallenden Werkssiedlung ging mit staatlichen wirtschafts- und strukturfördernden Maßnahmen - Fürstlicher Landesausbau - in den 1750er Jahren schließlich durch den planmäßigen "Neuen Anbau" das heutige, idyllisch am Berg gelegene Glasmacher- und Waldarbeiterdorf Hellental hervor.

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] OHLMS, FRANZ: Die Fürstliche Hohl- und Tafelglashütte am Schorbornsteich (1744-1842). Der Glasfreund. Sonderheft 4. Gifhorn 2006.

[2] OHLMS, FRANZ: Fürstliche Glasmanufaktur Schorborn. Verborgen und verkannt. Die merkantilistische Glasproduktion des Herzogtums Braunschweig. In: Der Glasfreund. 20. Jg. Nr. 55. Mai 2015. S. 20-21.

[3] Die fürstliche Glasmanufaktur Schorborn. Ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Erich-Mäder-Glasmuseum Grünenplan. 17.05.2015 - 01.11.2015.

[4] STEPHAN, HANS-GEORG: Die mittelalterlichen Glashütten. Forschungen zwischen Bodenfelde und Polier. In: Sollingkurier für Solling, Vogler und Wesertal. Nr. 9. Dezember 2015. Neuhaus im Solling, S. 4-8.

[5] LEIBER, CHRISTIAN: Überfall auf eine Waldglashütte im Hils bei Grünenplan während des Dreißigjährigen Krieges. In: GÄRTNER, TOBIAS, STEFAN HESSE, SONJA KÖNIG: Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag. Alteuropäische Forschungen. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neue Folge 7. Langenweißbach 2015. S. 277-290.

[6] Vortrag beim Kulturnachmittag des Heimatpflege- und Kulturvereins Schorborn-Schießhaus am 13. November 2015 in Schorborn: Die Waldglashütten im Nordsolling, Referent: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental.

[7] TAH 2017; STEPHAN 2017.

[8] LEIBER 1994, S. 24.

[9] LEIBER 2004, S. 111; ALBRECHT 1991.

[10] LEIBER 2009

[11] WIRTSCHAFT "Region mit Zukunft" - Hameln, Bad Pyrmont, Holzminden, Springe, Rinteln, Stadthagen, Bückeburg. Ausgabe Juli 2015, S. 7.

[12] Braunschweigische Glashütte nordostwärts von Golmbach am Vogler - Abwerbung durch Herzog Heinrich Julius ab 1599 Wirkungsstätten des böhmischen Glasmachers und Emailmalers Peter Hüttel zur Weißglaserzeugung (ALMELING 2006, S. 41).

[13] VOHN-FORTAGNE 2016, S. 167-168.

[14] SCHREIBER 1965, S. 74.

[15] Mittels Grabung am Kreickgrund zwischen Bodenfelde und Polier konnten drei Öfen einer karolingischen Waldglashütte des 9. Jahrhunderts an einem kleinen Bachlauf archäologisch freigelegt werden, die in Verbindung mit der ehemaligen Reichsabtei Corvey mit karolingischer Hauptbauzeit gesehen werden kann.

[16] STEPHAN 2017, S. 8-16.

[17] Hallo Niedersachsen - 06.09.2017, 19:30 Uhr.

[18] KRAMER 2017a, S. 16-21.

[19] REDDERSEN 1934, S. 112.

[20] Abb. aus LESSMANN 1984, S. 17.

[21] FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 33 ff.; KRUEGER 2003, S. 45; PARENT 1998, S. 54.

[22] Am 24.10.2004 konnten bei einer Geländeprospektion von Dr. Klaus A. E. Weber und Christel Schulz-Weber etwa 480 m südwestlich des Dorfausganges im oberen Bachlauf der Helle an deren östlichem Bachufer, unterhalb einer auffallenden Geländeabruchkante, eng benachbart einige wenige kleine Fragmente von Grünglasschmelzen geborgen werden, gut 200 m weiter südlich dieser Fundstelle eine einzelne mittelalterliche Keramikscherbe (graue Irdenware).

[23] LEIBER 1994, S. 36 f.

[24] TACKE 1943, S. 92.

[25] FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 33 ff.; KRUEGER 2003, S. 45; LEIBER 1994, S. 18.

[26] Christian Leiber, Vortragstitel vom 25.03.2004 in Hellental.

[27] LEIBER 2004.

[28] typischerweise mit Hauptgebäude mit einem oder mehreren Öfen, mit Wohn- und Schlafhäusern für den Glasmachermeister und seine Gesellen, mit einem Viehstall und mit einem Material- und Geräteschuppen.

[29] Großalmerode o. J., S. 9.

[30] ALTHAUS 2015, S. 156-159.

[31] Kreisarchäologe Dr. Christian Leiber 2004, 2003, 1994, 1991/92, 1990, 1989, 1985, 1984.

[32] KRUEGER 2003; LEIBER 2003, 2002; BRODHAGE/SCHÄFER 2000; BRODHAGE/MÜLLER 1996; ALBRECHT 1995; BLOSS 1977, 1976, 1961, 1950; TACKE 1969, 1951.

[33] JANKE/JUNGHANS/LEWERENZ 2010.

[34] KNOLL/BODE 1891, S. 129.

[35] KOCH 1995.

[36] LILGE 2003, S. 191; TACKE 1943, S. 92.

[37] Darstellung aus dem Ständebuch von Jost Ammann aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Hessisches Landesmuseum).

[38] STEPHAN 2003, S. 162.

[39] LEIBER 2003; BRODHAGE/MÜLLER 1996; ALBRECHT 1995; BLOSS 1977, 1976, 1961, 1950; TACKE 1969, 1951.

[40] HENZE 2004, S. 100.

[41] LEIBER 1994, S. 22 f.

[42] ALBRECHT 1995; SCHOPPE 1989; BLOSS 1977, 1976, 1961,1950: TACKE 1969, 1951.

[43] geochemische Glasanalyse bei ALMELING 2006, S.32-34.

[44] u.a. nach FROMMER/KOTTMANN 2004, S. 250 f.

[45] Abb. aus LESSMANN 1984, S. 18.

[46] RICKE 1995, S. 381-374 -  Illustration zur Technik-.

[47] REINER 2004.

[48] KUNZE 2000.

[49] TACKE 1943, S. 160.