[DIGITAL │ Seuchen - Nichts ist unabhängig ...

Klaus A.E. Weber

 

 

Seuchengeschichte im HISTORISCHEN MUSEUM HELLENTAL

Exkurs zur geplanten Sonderausstellung im shw]

 

Schnabelmaske eines Pestdoktors Venedig

Die „Große Pest" 1708-1714

Replikat HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

 

"Die Entwicklung von Institutionen und frühen Formen von Daseinsfürsorge wurde sehr von der Erfahrung von Umweltkrisen und Epidemien beeinflusst. Diese waren Taktgeber für substanzielle Weiterentwicklungen in diesen Bereichen."[6]

Vor diesem Hintergrund zählt auch der Schutz der Bevölkerung vor Infektionskrankheiten zu den ältesten und wichtigsten Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes - der allerdings in den letzten Jahrzehnten wirtschafts- und parteipolitisch in neoliberaler Ideologie systematisch wie vorsätzlich zurückgefahren bis hin demontiert wurde.

 

 

Große Seuchen - Epidemien und Pandemien - haben die Menschheit zum einen in ihren historischen Epochen wiederkehrend bedroht und geprägt sowie auch bis heute in ihrem kollektiven Bewusstsein Spuren hinterlassen.

Der Mensch lebt seit seiner Existenz in einem komplexen ökologischen System seiner Umwelt, wobei er auch individuell in wechselseitiger natürlicher Beziehung zu einer Vielzahl von Agenzien steht, die als Krankheitserreger (humanpathogene Erreger) beim ihm Infektionen, übertragbare Krankheiten wie auch Seuchen verursachen können.[4][10]

Der mikrobiologischen, infektionshygienischen und -epidemiologischen Analyse sind in gleichem Maße soziologische, seuchengeschichtliche wie klima- und umwelthistorische Betrachtungen gegenüber zu stellen.

 

Krankheitserreger > Infektionen > übertragbare Krankheiten > Epidemien/Seuchen

Von Mensch zu Mensch mittelbar oder unmittelbar übertragbare Krankheitserreger,

  • Krankheitserreger: infektionsschutzrechtlich definiert als ein vermehrungsfähiges Agens - Viren („Software mit Verpackung“), Bakterien, Pilze, Parasiten - oder sonstiges biologisches transmissibles Agens, das bei Menschen eine Infektion oder übertragbare Krankheit verursachen kann, wie Prionen (protein und infection)

  • Infektion: infektionsschutzrechtlich definiert als die Aufnahme eines Krankheitserregers und seine nachfolgende Entwicklung oder Vermehrung im menschlichen Organismus

  • Übertragbare Krankheit (Infektionskrankheiten): infektionsschutzrechtlich definiert als durch Krankheitserreger oder deren toxische Produkte (z.B. Cholera-Toxin), die unmittelbar oder mittelbar auf den Menschen übertragen werden, verursachte Krankheit

und Seuchen (Epidemien/Pandemien, "Volksseuchen")

  • Bedrohliche übertragbare Krankheit: infektionsschutzrechtlich definiert als übertragbare Krankheit, die auf Grund klinisch schwerer Verlaufsformen oder ihrer Ausbreitungsweise eine schwerwiegende Gefahr für die Allgemeinheit verursachen kann

haben seit dem Altertum, gar seit der Ur- und Frühgeschichte des Menschen oftmals entscheidend, schicksalhaft und unheilvoll auf die

  • demografische

  • ethnische

  • politische

  • gesellschaftliche

  • sozial-ökonomische

  • soziale

  • religiös-ethische

  • kulturelle

Existenz und Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und auch ganzer Völker nachhaltig eingewirkt [5] - und sie tun es noch heute.[10]

 

Dynamischer biologischer Anpassungsprozess & Konkurrenzverhältnis

Die natürlichen (ökologischen) Wechselbeziehungen (Interaktionen) zwischen

  • Mensch

  • infektiösem Agens (= Krankheitserreger)

  • Umwelt (Boden-, Luft- und Wasserqualität, Flora und Fauna)

  • Klima [9]

haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in der Evolution sowohl hinsichtlich ihrer Art als auch Intensität teilweise stark verändert, da „Mensch“, „infektiöses Agens“ und Umwelt permanent in einem dynamischen biologischen Anpassungsprozess und Konkurrenzverhältnis stehen.

Bezogen auf Infektionen, übertragbare Krankheiten und ihre Entstehung gilt, dass

- sowohl „äußere“, aus der belebten oder unbelebten Umwelt kommende Faktoren (Exposition)

- als auch „innere“, dem menschlichen Organismus selbst zuzuordnende Merkmale und Faktoren (genetische Faktoren, Immunitätslage)

für die Erreger-Empfänglichkeit (Disposition, Suszeptibilität) zu unterscheiden sind.

Dabei können die üblichen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen anwendungsgemäß nur äußere Faktoren und Einflussgrößen der Umwelt und damit das individuelle Expositionsrisiko gegenüber dem „infektiösen Agens“ wirksam beeinflussen.

 

Seuchen als Attribute der Gesellschaft

 

VIRCHOW (1848/1849):

  • "Seuchen sind Attribute der Gesellschaft, Produkte der falschen oder nicht auf alle Klassen verbreiteten Kultur; sie deuten auf Mängel, welche durch die staatliche und gesellschaftliche Gestaltung erzeugt werden und treffen daher auch vorzugsweise diejenigen Klassen, welche die Vorteile der Kultur nicht mitgenießen."

 

Trotz beachtlicher Erfolge der Infektionshygiene und der Seuchen-/Infektionsbekämpfung - wie gerade auch die Erfolge von Desinfektionsmaßnahmen - sowie der bürgerlichen Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die historischen "Volksseuchen", genau genommen, nie gänzlich verschwunden und verbreiten heute - bei veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmung durch neue Epidemien - erneut „mittelalterliche“ Ängste, Bedrohungen und Schrecken.

Mechanismen der Erregerevolution, allen voran molekulargenetische Mechanismen, und der immanente Selektionsdruck bestimmen - insbesondere bei Viren - das Auftreten, die Verbreitung und epidemiologische Bedeutung sowie die klinische Ausprägung von Infektionskrankheiten.

Diese vollziehen, zeitlich und örtlich gesehen, einen ständigen Wandel und Wechsel.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten fortwährend ihre geografische Verbreitung, krankmachende Wirkung sowie Art und Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Seuchenhafte Infektionskrankheiten breiteten sich entlang von Handels- und Verkehrswegen oder durch Krieg aus.

Psycho-soziale Reaktionsmechanismen - Seuchenfurcht, Ängste, resignierende Sichtweisen - begleiteten stets die Seuchenzüge - auch der Neuzeit und Moderne.

So kam es beispielsweise dazu, dass Erkrankte ausgegrenzt wurden, sich die Trunksucht (Alkoholismus) und Selbstisolierung ausbreitete oder besondere religiöse Inbrunst zum Tragen kam.

Es ist rund zwei Jahrhunderte her, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Europa wütete.

Dieser ersten Cholera-Welle von 1831/1832 folgten weitere Cholera-Epidemien unterschiedlicher regionaler Ausprägung.

Sie veränderten für einige Jahre vielgestaltig und nachhaltig das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen des 19. Jahrhunderts.

Die letzte große Cholera-Epidemie in Deutschland trat Mitte August 1892 in der Hansestadt Hamburg auf und betraf vornehmlich die Gängeviertel der Kirchspiele St. Michaelis und St. Jacobi - die Cholera-Epidemie in Hamburg.

Im Jahr 1905 wurde in amtlicher Ausgabe eine „Anweisung zur Bekämpfung der Cholera“ in Berlin herausgegeben (Verlag Julius Springer), die auf Vorschlag des Kaiserlichen Gesundheitsamtes und des Reichs-Gesundheitsrates in der Sitzung des Bundesrates vom 28. Januar 1904 festgestellt worden war.

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen und die geschichtlichen Ereignisse nur ansatzweise, eher fragmentarisch aufgearbeitet.

Dies gilt auch für die hier betrachtete Dorf:Region im alten braunschweigschen Weserdistrikt.

 

VIRCHOW (1885):

  • "Freilich stellen sich Viele so an, als merkten sie nicht, daß mit dem bloßen Nachweise eines Bacterium oder eines Microkokkus noch wenig gewonnen ist."

 

Bereits während der gerade aufkommenden neuen Ära der Bakteriologie wies Rudolph Virchow (1821-1902) im Jahr 1885 in Berlin kritisch daraufhin, dass mit dem bloßen mikrobiologischen Erkennen eines Erregers noch längst nicht dessen Verhütung und Bekämpfung gegeben ist und für wirksame Präventionsmaßnahmen andere, vor allem soziale und Bildungskonzepte erforderlich sind.

Zu ihnen zählen nach wie vor auch die allgemeinen wie speziellen Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen.

Sie sind nach wie vor tragende „klassische Säulen“ des Infektionsschutzes, auch im modernen Sinne.

Anlässlich des Jubiläums der Nobelpreisverleihung an Robert Koch (1843–1910) im Jahr 1905 wies die nach ihm benannte Bundesoberbehörde - das Robert Koch-Institut in Berlin - in ihrer Pressemitteilung vom 25. Oktober 2005 darauf hin, dass die Entdeckung des Tuberkel-Bazillus Robert Kochs seinen internationalen wissenschaftlichen Ruhm begründete:

"Koch gilt neben dem Franzosen Louis Pasteur als Vater der Bakteriologie.

Was macht krank?

Diese Frage beantwortete die Bakteriologie Ende des 19. Jahrhunderts auf ganz neue Art.

Nicht mehr Ausdünstungen aus dem Boden oder Verunreinigungen der Luft – „Malaria“ bedeutet wörtlich „schlechte Luft“ -, sondern winzig kleine Keime wurden nun als Ursache ansteckender Krankheiten vermutet.

Um diese Hypothese zu beweisen, züchtete Koch Mikroben auf speziellen, von ihm entwickelten Nährböden und nutzte besondere Färbetechniken.

Er führte die so genannte Mikro-Fotografie in die Bakteriologie ein, um das Wissen über die Mikroben objektiv sichern und vermitteln zu können.

Als Amtsarzt gelang es ihm 1876, die Krankheit Milzbrand experimentell auf Versuchstiere zu übertragen und den Erreger aus diesen wieder zu isolieren.

Er entdeckte die Milzbrandsporen, die Ruheform des Erregers, und erklärte so die bis dahin unverstandene Infektionskette und die hohe Widerstandsfähigkeit des Bakteriums gegenüber Umweltfaktoren.

Damit hatte Robert Koch als erster den Zusammenhang eines Mikroorganismus als Ursache einer Infektionskrankheit nachgewiesen.

Im Jahre 1880 wechselte er nach Berlin an das Kaiserliche Gesundheitsamt.

Dort entdeckte er 1882 den Tuberkelbazillus, kurz darauf das Cholera-Bakterium.1905 wurde Koch mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet."

 

Mittelalterliche Läusehaube

Mittelalterhaus Nienover im Juli 2010

 

Krankheitserreger verändern sich permanent & nicht vorhersehbar

Von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheitserreger verändern sich permanent und zudem auch oft nicht vorhersehbar.[3]

Die Ursachen gerade seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren „Erkennung, Verhütung und Bekämpfung“ waren und sind eng mit klimatischen, sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen Geschichtsepoche verknüpft.

So war z.B. die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18./19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums die lohnabhängigen Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Deutlich ist und bleibt gerade auch die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten, wie beispielsweise die der einst romantisch verklärten Lungentuberkulose, jener „weißen Seuche“ und „Signalkrankheit deutscher Geschichte“, im 19. Jahrhundert die „Krankheit der Proletarier“.

Kritisch betrachtet, stehen zudem Medizin und Moral, Politik und Hygiene stets in einem engen historischen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

So sah beispielsweise der deutsche Nationalsozialismus im Judentum die "Rassentuberkulose der Völker".

Die fachliche wie öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber Infektionskrankheiten hat in den letzten Jahrzehnten wieder zugenommen, da u.a. „besiegt“ geglaubte klassische Krankheitserreger wieder zurückkehren und andere ihre Empfindlichkeit gegenüber antibakteriellen Wirkstoffen (Antibiotika) durch biogen wie anthropogen induzierte Resistenzentwicklungen zunehmend verlieren (z.B. bei Tuberkulose).

Ein weltweit nicht sachgerechter und unkontrollierter Einsatz antibakterieller Wirkstoffe leistet hierbei einen wesentlichen Vorschub.

Zudem kamen und kommen neu entdeckte oder gar neuartige vermehrungsfähige, transmissible Agenzien inzwischen hinzu.

Die beiden medizinischen Säulen der klassischen „Seuchenbekämpfung“ - Antibiotika und Schutzimpfungen - konnten bis heute die großen Seuchen der Vergangenheit tatsächlich - bis auf wenige bekannte Ausnahmen – nicht oder nur unzureichend „besiegen“.[29]

Zwischenzeitlich wurde in diesem Zusammenhang sogar von einer „medizinischen Krise“ gesprochen; dies gerade auch im Hinblick auf die HIV/AIDS-Problematik, welche u.a. das Privatleben und Sexualverhalten in den letzten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts qualitativ stark beeinflusste.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten stets ihre

  • bzw. die Art und den Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Wie erwähnt, konnten bei weitem bis heute geschichtlich bedeutsame, weil mit hohen Sterblichkeitsraten verbundene Seuchen, die großen „klassischen“ Infektionskrankheiten, wie beispielsweise Tuberkulose, Cholera, Diphtherie, Malaria, Gelbfieber und Pest, weltweit nicht eradiziert werden.

Im Gegenteil, unkontrollierte und massiv zerstörerische Eingriffe von ehemals Kolonial- und heutigen Industrieländern und bestimmter Wirtschaftzweige in das natürliche Ökosystem warmer Länder sowie eine Reihe humanökologischer Veränderungen, wie

  • Kriege

  • Terrorismus
  • Klimaveränderungen bis hin Klimakatastrophen
  • Hungersnöte

  • Migrationen

  • überfüllte Städte mit schlechtem Wasser und ebenso schlechter Siedlungshygiene

schufen in der Menschheitsgeschichte - und schaffen auch heute tagtäglich - neue Voraussetzungen für die Entwicklung neuer und zugleich risikoreicher Infektions- und Seuchengebiete (Epidemie- und Endemiegebiete) mit z.T. erheblichen Rückwirkungen auf die sie verursachenden Industrienationen der sog. Ersten Welt.

Auch infolge der raschen wie erheblichen, qualitativen und quantitativen Zunahme des internationalen Reiseverkehrs und des in vielen Belangen grenzenlosen Tourismus kommt es zu einer weltweiten Ausbreitung insbesondere scheinbar neuer bzw. vormals nur regionalepidemisch vorherrschender Infektionskrankheiten.

So haben heute, ähnlich wie seinerzeit im Mittelalter und in der industriellen Neuzeit, „klassische“ humanpathogene Erreger ihre bislang typischen Verbreitungsgebiete längst verlassen.

Überdies, neuartige Infektionskrankheiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten fast jährlich klinisch erkannt und definiert.

Auch konnten neue und zudem Speziesgrenzen überschreitende Erreger, wie beispielsweise das HIV, hämorrhagische Fieber auslösende Viren oder die Legionellose-Erreger, konnten erstmals isoliert und damit als Erreger vormals neu beschriebener Krankheitsbilder nachgewiesen werden.

Dass Infektionskrankheiten bislang noch nicht ihre, historisch in diversen Seuchenzügen hinreichend dokumentierte Bedeutung verloren haben und ein „Comeback“ oder gar eine „Renaissance“ übertragbarer Krankheiten zu prognostizieren ist, machte gerade das Auftreten „unkonventioneller“, vor allem durch Viren oder andere biologisch transmissible Agenzien ausgelöster Infektionskrankheiten neuerdings immer wieder besonders deutlich.

Erinnert sei aber auch an die großen historischen Seuchen, die noch heute epidemiologisch wirksam sind, wie die Pest in Indien, die Cholera in Südamerika, Denguefieber in Lateinamerika, die ehemals dramatische Zunahme der Diphtherie in einigen GUS-Staaten, die Tuberkulose und Lepra in Afrika.

Wir müssen heute resümierend feststellen, dass große Seuchen der Menschheitsgeschichte immer wieder grassieren, trotz aller medizinischen Fortschritte, trotz des epochalen „historischen Kampfes“ gegen sie.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam es in den Jahren 2004/2005 zu einer epidemischen Ausbreitung des Virus Influenza A/H5N1, des Erregers der Vogelgrippe H5N1.

 

"Kolonial- und Reisefieber: Expeditionen ins Reich der Seuchen" [7][8]

Im Jahr 2005 erschien das in interdisziplinärer Arbeit von GRÜTZIG und Heinz MEHLHORN erstellte Sachbuch „Expeditionen ins Reich der Seuchen“ mit dem zunächst eher spektakulär erscheinenden Untertitel „Medizinische Himmelfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit“.

Ob der „Renaissance“ klassischer übertragbarer Krankheiten und der Diskussion global neuer bedrohlicher Epidemieszenarien des in den letzten Jahren größer gewordenen Katalogs seuchenhistorischer Veröffentlichungen erscheint bei der Neuerscheinung im Vorwort die Frage „Warum der Blick zurück?“ durchaus berechtigt.

Der Rückblick geht dann in die wahrhaft dunkle Zeit der deutschen „Kolonialpolitik“ zwischen 1870 und 1910.

Die Eingangsfrage wird zusammenfassend mit der nachdenklich stimmenden Feststellung beantwortet, „dass mit der Kolonialgeschichte die Tropenmedizin gewaltige Fortschritte machte, die der gesamten Menschheit zu Gute kamen.“

Mit der ausblickenden Frage, was heute noch Bedeutung hat, schließt das Werk mit Hinweisen auf neu zu lösende Herausforderungen des heutigen Infektionsschutzes, die angesichts der Globalisierungsprozesse zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder an besonderer Aktualität gewonnen haben.

Wie ehemals in Zeiten der kolonialen „Expeditionen ins Reich der Seuchen“ so führen auch heute die Einführung neuer Technologien und das Öffnen von Märkten zu einem intensivierten Verkehr von Menschen und Gütern.

Auf dem Boden einer komplexen Verbindung der sozioökonomischen Entwicklung eines Landes und der Gesundheit seiner Bevölkerung kam und kommt es durch die wachsende Mobilität von Menschen (internationaler Reiseverkehr) zu einem schnelleren Transfer von Infektionsrisiken.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund persönlich geprägter tropenmedizinischer Erfahrungen ist es den beiden Autoren ein zentrales Anliegen, die wissenschaftlichen Ergebnisse und den persönlichen Einsatz der zahlreichen Expeditionsteilnehmer während der imperial-kolonialen deutschen Kaiserzeit zu würdigen.

Prof. Grützig, praktizierender Ophthalmologe in Düsseldorf, unternahm seit 1970 mehrere tropenmedizinische Forschungsreisen nach Afrika.

Der Parasitologe Prof. Mehlhorn, Lehrstuhlinhaber und Leiter des Instituts für Zoomorphologie, Zellbiologie und Parasitologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, leitete Forschungsexpeditionen u.a. nach Afrika und Asien.

Den Fokus auf Länder in Afrika und Asien sowie auf die Südsee gerichtet, wird überraschend detailreich, spannend erzählend und ausgesucht reichlich bebildert der Geschichte und Bedeutung tropenmedizinischer Krankheiten nachgegangen.

Auf rund 380 Buchseiten erhält man vielfältige historische Einblicke in seuchenhaft imponierende Infektionskrankheiten wie in andere epidemiologisch relevante Gesundheitsprobleme, in die überaus mühsame Entdeckung der Epidemien auslösenden Erreger und deren Übertragungswege, in gleichsam bunte klinische Erscheinungsbilder, in damalige antiepidemische Maßnahmen, in menschliche Einzel- und Gruppenschicksale bei den abenteuerlichen medizinischen Forschungs- und tropentouristischen Reisen und nicht zuletzt auch in Aspekte kolonialpolitischer Machtausübung.

Dabei wird die teils abenteuerlich wagemutige, teils ehrgeizige Pionierarbeit vor allem deutscher Wissenschaftler beleuchtet und deren wissenschaftliche Kolonialexpeditionen analysiert.

Hierzu haben die Autoren in großem Umfang Material aus staatlichen und privaten Archiven sowie aus anderen Quellen zusammengetragen.

Die im Buch veröffentlichten Ergebnisse sorgsam ausgewerteter Tagebücher, Briefe, kaum noch zugänglicher Veröffentlichungen, Bilder und Illustrationen beeindrucken auch insofern, als sie die dargestellten kolonialen Forschungsakteure von einst fachlich untermalt wieder lebendig werden lassen.

In 18 Kapiteln werden im kaiserzeitlichen Expeditionskontext tropenmedizinische Krankheitsbilder informativ, gut lesbar und eindrucksvoll abgehandelt, unterlegt mit einer Fülle teils seltener historischer Abbildungen:

  • Cholera

  • tropische Elephantiasis

  • Erblindung durch Speischlangen

  • Frambösie

  • Gonorrhoe

  • Küsten- und Rückfallfieber

  • Kuru

  • Malaria

  • Milzbrand

  • Onchozerkose (Flussblindheit)

  • Pest

  • Schlafkrankheit

  • Syphilis

  • Tuberkulose

  • Tungiasis

  • Typhus abdominalis.

Diese werden jeweils am Schluss eines Kapitels „Auf einen Blick“ steckbriefartig - mit Brückenschlag zum heutigen Wissensstand - zusammengefasst.

Zur Verbesserung bei einer zweiten Auflage sei angemerkt, dass die vorliegende Erstausgabe zwar über ein umfangreiches Literatur- und Namensverzeichnis (von Ernst Abbé bis Georg Zwanzger) verfügt, hingegen aber hätte ein ergänzendes Sachwortverzeichnis dem Werk wie dem interessierten Leser gut getan.

Fazit: Eine sehr lesenswerte und anregende Neuerscheinung für alle tropenmedizinisch, seuchenhistorisch und/oder politisch-historisch Interessierte – nicht zuletzt auch im öffentlichen Gesundheitsdienst.

 

"Vor einer Ansteckung ist niemand gefeit"

Das zeigt ein Blick in die Geschichte - und gilt bis heute, sagt der Medizinhistoriker Heiner Fangerau ⃒ Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf.

Ein Gespräch über begründete Ängste, vorschnelle Hysterie und warum Epidemien wie das Coronavirus die Grenzen der Zivilisation offenlegen.[2]

 

Epidemiologischer Wandel [2]

Epidemien/Seuchen hatten einen großen Einfluss auf die Weltgeschichte, wobei die Frage ungeklärt ist, wie stark der Einfluss war.

In Europa hatten Epidemien/Seuchen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts große Effekte auf die Sterblichkeit mit seuchenbedingt hohen Schwankungsraten.

  • Infektionskrankheiten waren die Haupttodesursache in den Industrieländern.

Mit der Wende zum 20. Jahrhundert wurden Epidemien/Seuchen als „Volkskrankheiten“ allmählich zurückgedrängt durch

  • bessere Hygiene

  • Sanierung der Städte.

Seither verschiebt sich das Krankheitsprofil von Gesellschaften - Verblieben aber ist die Angst vor Epidemien.

Quarantäne bedeutet, dass der Handel mehr oder weniger zusammenbricht.

  • volkswirtschaftliche Kosten einer Epidemie

 

Phänomen gesellschaftlicher Gegenmodelle [2]

Romantisierung

  • Prototyp: Tod und Krankheit bei Tuberkulose

Skandalisierung

  • Prototypen skandalisierender Infektionskrankheiten: Syphilis, Cholera, HIV

 

Im kollektiven Gedächtnis (bildnerisch/literarisch) verankertes Erklärungsmuster, um die Welt erklärbar zu halten [2]:

Mittelalterliche Sicht

  • Das Auftreten von Infektionskrankheiten/Seuchen galt als Strafe Gottes für ein sündiges Leben, wobei Gott die Epidemien/Seuchen schickt und nimmt.

Neuzeitliche Sicht

  • Man brauchte an Stelle von Gott andere Schuldige und somit eine Zuschreibung von Schuld bei der Suche nach „Seuchenherden“.
  • So kam es zur Assoziation von bestimmten Infektionskrankheiten mit bestimmten Bevölkerungsgruppen und Anfeindungen gegen über einer (Volks-)Gruppe.
 

Vereinfachtes Ablaufmuster der öffentlichen Wahrnehmung [2]

Vor dem Hintergrund von Epidemieerfahrungen entwickelten sich alte kollektive Verhaltens- und Denkmuster, die über Jahrhunderte hinweg kulturell eingeübt wurden.

1. Phase - Anfang
  • Annahme, dass die erkrankten Personen „ganz anders sind als man selbst“, weshalb die die Epidemie/Seuche keine Gefahr darstellt.

2. Phase - Die Epidemie/Seuche kommt näher

  • Schuldzuschreibung und daraus folgende Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe, die von der dominierenden Bevölkerungsgruppe anders definiert wird.

  • Sozial stigmatisierte Bevölkerungsgruppen sind immer diejenigen, „die man als anders wahrnimmt“ - „Die Seuche haben immer die anderen.“

  • Dabei „hilft der Fingerzeig auf andere, vor sich selbst zu leugnen, dass man selbst auch betroffen sein kann“.

  • Es kommt zur pauschalen Beschuldigung, den Krankheitserreger nicht unter Kontrolle gebracht zu haben.

  • Vorurteil: Epidemien/Seuchen „kommen oft aus dem (uns eher fremden) Osten“

3. Phase

  • Schließlich führt die vorurteilsbeladene Stigmatisierung und Stereotypisierung  zu einem rassistischen Verhalten, das eine Bevölkerungsgruppe diskriminiert und benachteiligt.
  • „Offenlegen der Grenzen der Zivilisation“ 

 

Fotografie:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

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[1] DÖRRHÖFER 2020.

[2] Pamela Dörrhöfer (Interv.): Ein Gespräch mit dem Medizinhistoriker Heiner Fangerau über begründete Ängste, vorschnelle Hysterie und warum Epidemien wie das Coronavirus die Grenzen der Zivilisation offenlegen. In: Frankfurter Rundschau. 76. Jg. Nr. 37, 13. Februar 2020, S. 20-21.

[3] NLGA 2012, S. 2.

[4] WEBER 1993a, S. 68-73; WEBER 1993b, S. 80-165; WEBER 2006a, S. 73-83; WEBER 2006b, S. 83-96.

[5] LEVEN 1997; WINKLE; 1997; WILDEROTTER, 1995; VASOLD 1991.

[6] KIRCHNER/BAUCH 2020.

[7] Nach einer Buchbesprechung von Dr. Klaus A. E. Weber: Kolonial- und Reisefieber: Expeditionen ins Reich der Seuchen. Medizinische Himmelsfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit. In: Akademie für öffentliches Gesundheitswesen (Hrsg.): Blickpunkt öffentliche Gesundheit. 24. Jg. Ausgabe 1/2008.

[8] GRÜTZIG/MEHLHORN 2005.

[9] GERSTE 2015.

[10] GERSTE 2019,