Allgemeine Aspekte der Seuchengeschichte

Leitender Medizinaldirektor Dr. Klaus A.E. Weber

 

Kurzer medizinhistorischer "Steckbrief"

Anlässlich des Jubiläums der Nobelpreisverleihung an ROBERTt KOCH 1905 wies die nach ihm benannte Bundesoberbehörde - das Robert Koch-Institut in Berlin - in ihrer Pressemitteilung vom 25. Oktober 2005 darauf hin, dass die Entdeckung des Tuberkel-Bazillus Robert Kochs seinen internationalen wissenschaftlichen Ruhm begründete:

"Koch gilt neben dem Franzosen Louis Pasteur als Vater der Bakteriologie. Was macht krank? Diese Frage beantwortete die Bakteriologie Ende des 19. Jahrhunderts auf ganz neue Art. Nicht mehr Ausdünstungen aus dem Boden oder Verunreinigungen der Luft – „Malaria“ bedeutet wörtlich „schlechte Luft“ -, sondern winzig kleine Keime wurden nun als Ursache ansteckender Krankheiten vermutet. Um diese Hypothese zu beweisen, züchtete Koch Mikroben auf speziellen, von ihm entwickelten Nährböden und nutzte besondere Färbetechniken. Er führte die so genannte Mikro-Fotografie in die Bakteriologie ein, um das Wissen über die Mikroben objektiv sichern und vermitteln zu können. Als Amtsarzt gelang es ihm 1876, die Krankheit Milzbrand experimentell auf Versuchstiere zu übertragen und den Erreger aus diesen wieder zu isolieren. Er entdeckte die Milzbrandsporen, die Ruheform des Erregers, und erklärte so die bis dahin unverstandene Infektionskette und die hohe Widerstandsfähigkeit des Bakteriums gegenüber Umweltfaktoren. Damit hatte Robert Koch als erster den Zusammenhang eines Mikroorganismus als Ursache einer Infektionskrankheit nachgewiesen. Im Jahre 1880 wechselte er nach Berlin an das Kaiserliche Gesundheitsamt. Dort entdeckte er 1882 den Tuberkelbazillus, kurz darauf das Cholera-Bakterium.1905 wurde Koch mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet."


R. VIRCHOW (1885):

"Freilich stellen sich Viele so an, als merkten sie nicht, daß mit dem bloßen Nachweise eines Bacterium oder eines Microkokkus noch wenig gewonnen ist."

 

Bereits während der gerade aufkommenden neuen Ära der Bakteriologie wies VIRCHOW 1885 in Berlin kritisch daraufhin, wie wir heute wissen, auch zurecht, dass mit dem bloßen mikrobiologischen Erkennen eines Erregers noch längst nicht dessen Verhütung und Bekämpfung gegeben ist und für wirksame Präventionsmaßnahmen andere, vor allem soziale und Bildungskonzepte erforderlich sind.

Humanpathogene Erreger – wie typischerweise Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten -, durch sie ausgelöste Infektionskrankheiten und großen Seuchen (Epidemien und Pandemien, Volksseuchen) haben seit dem Altertum, gar seit der Ur- und Frühgeschichte des Menschen oftmals entscheidend, schicksalhaft und unheilvoll auf die demografische, ethnische, politische wie gesellschaftliche, ökonomische, soziale, religiös-ethische und nicht zuletzt auch auf die kulturelle Existenz und Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und auch ganzer Völker nachhaltig eingewirkt; sie tun es – zumindest regional – noch heute.

Die Ursachen gerade seuchenhaft imponierender Infektionskrankheiten mit ihren teilweise hoch dramatischen epidemischen Verläufen, deren „Erkennung, Verhütung und Bekämpfung“ waren und sind eng mit sozial-ökonomischen, gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen der jeweiligen Zeitepoche verknüpft.

So war z.B. die Prävention übertragbarer Krankheiten gerade in der bürgerlichen Epoche des 18./19. Jahrhunderts ein recht wirkungsvolles Mittel, im Sinne des sich etablierenden Bürgertums die lohnabhängigen Unterschichten sozial zu disziplinieren.

Deutlich ist und bleibt die Sozialbedingtheit epidemischer Infektionskrankheiten, wie beispielsweise die der einst romantisch verklärten Lungentuberkulose, jener weißen Seuche und Signalkrankheit deutscher Geschichte, im 19. Jahrhundert die„Krankheit der Proletarier.

Kritisch betrachtet, stehen zudem Medizin und Moral, Politik und Hygiene stets in einem engen historischen Wirkungs- und Deutungszusammenhang.

So sah beispielsweise der deutsche Nationalsozialismus im Judentum die "Rassentuberkulose der Völker".

Die fachliche wie öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber Infektionskrankheiten hat in den letzten Jahrzehnten wieder zugenommen, da u.a. „besiegt“ geglaubte klassische Krankheitserreger wieder zurückkehren und andere ihre Antibiotika-Empfindlichkeit durch biogen wie anthropogen induzierte Resistenzentwicklungen zunehmend verlieren.

Zudem kamen und kommen neu entdeckte oder gar neuartige vermehrungsfähige transmissible Agenzien hinzu.

Die beiden medizinischen Säulen der klassischen "Seuchenbekämpfung" - Antibiotika und Schutzimpfungen - konnten bis heute die großen Seuchen der Vergangenheit tatsächlich - bis auf wenige bekannte Ausnahmen – nicht oder nur unzureichend „besiegen“.

Inzwischen wird in diesem Zusammenhang sogar von einer „medizinischen Krise“ gesprochen; dies gerade auch im Hinblick auf die HIV/AIDS-Problematik, welche u.a. das Privatleben und Sexualverhalten in den letzten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts qualitativ stark beeinflusste.

Trotz beachtlicher Erfolge der Seuchen-Infektionshygiene und Seuchen-/Infektionsbekämpfung sowie der Präventionsstrategien seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die historisch „alten“ Volksseuchen, genau genommen, nie verschwunden und verbreiten heute wieder - bei veränderter gesellschaftlicher Wahrnehmung durch neue Epidemien erneut „mittelalterliche“ Ängste, Bedrohungen und Schrecken.

Infektionsgeschichtlich gesehen, veränderten Erreger und Infektionskrankheiten stets ihre

  • geografische Verbreitung,

  • Pathogenität

  • Virulenz

  • bzw. die Art und den Schweregrad ihrer klinischen Krankheitsausprägung (Symptomatik).

Mechanismen der Erregerevolution, allen voran molekulargenetische Mechanismen, und der immanente Selektionsdruck bestimmen - insbesondere bei Viren - das Auftreten, die Verbreitung und epidemiologische Bedeutung sowie die klinische Ausprägung von Infektionskrankheiten.

Diese vollziehen, zeitlich und örtlich gesehen, einen ständigen Wandel und Wechsel.

So ist es beispielsweise gerade gut 170 Jahre her, dass erstmals eine verheerende Cholera-Pandemie auch in Europa wütete (1831/32) und für einige Jahre das politische, soziale und kulturelle Leben der Menschen, die Rechtsnormen und das Medizinalwesen bis hin das öffentliche Gesundheitswesen der Zeitepoche des 19. Jahrhunderts vielgestaltig und nachhaltig veränderte (schwere Cholera-Epidemie in Hamburg im Jahr 1892).

Indes, die Erinnerungen hieran sind rasch verstrichen und die geschichtlichen Ereignisse nur ansatzweise, eher fragmentarisch aufgearbeitet.

Wie erwähnt, konnten bei weitem bis heute geschichtlich bedeutsame, weil mit hohen Sterblichkeitsraten verbundene Seuchen, die großen „klassischen“ Infektionskrankheiten, wie beispielsweise Tuberkulose, Cholera, Diphtherie, Malaria, Gelbfieber und Pest, weltweit nicht eradiziert werden.

Im Gegenteil, unkontrollierte und massiv zerstörerische Eingriffe von ehemals Kolonial- und heutigen Industrieländern und bestimmter Wirtschaftzweige in das natürliche Ökosystem warmer Länder sowie eine Reihe humanökologischer Veränderungen, wie

  • Kriege

  • Hungersnöte

  • Migrationen

  • überfüllte Städte mit schlechtem Wasser und ebenso schlechter Siedlungshygiene

schufen in der Menschheitsgeschichte - und schaffen auch heute tagtäglich - neue Voraussetzungen für die Entwicklung neuer und zugleich risikoreicher Infektions- und Seuchengebiete (Epidemie- und Endemiegebiete) mit z.T. erheblichen Rückwirkungen auf die sie verursachenden Industrienationen der sog. Ersten Welt.

Auch infolge der raschen wie erheblichen, qualitativen und quantitativen Zunahme des internationalen Reiseverkehrs und des in vielen Belangen grenzenlosen Tourismus kommt es zu einer weltweiten Ausbreitung insbesondere scheinbar neuer bzw. vormals nur regionalepidemisch vorherrschender Infektionskrankheiten.

So haben heute, ähnlich wie seinerzeit im Mittelalter und in der industriellen Neuzeit, „klassische“ humanpathogene Erreger ihre bislang typischen Verbreitungsgebiete längst verlassen.

Überdies, neuartige Infektionskrankheiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten fast jährlich klinisch erkannt und definiert.

Auch konnten neue und zudem Speziesgrenzen überschreitende Erreger, wie beispielsweise das HIV, hämorrhagische Fieber auslösende Viren oder die Legionellose-Erreger, konnten erstmals isoliert und damit als Erreger vormals neu beschriebener Krankheitsbilder nachgewiesen werden.

Dass Infektionskrankheiten bislang noch nicht ihre, historisch in diversen Seuchenzügen hinreichend dokumentierte Bedeutung verloren haben und ein „Comeback“ oder gar eine „Renaissance“ übertragbarer Krankheiten zu prognostizieren ist, machte gerade das Auftreten „unkonventioneller“, vor allem durch Viren oder andere biologisch transmissible Agenzien ausgelöster Infektionskrankheiten neuerdings immer wieder besonders deutlich.

Erinnert sei aber auch an die großen historischen Seuchen, die noch heute epidemiologisch wirksam sind, wie die Pest in Indien, die Cholera in Südamerika, Dengue-Fieber in Lateinamerika, die ehemals dramatische Zunahme der Diphtherie in einigen GUS-Staaten, die Tuberkulose und Lepra in Afrika.

Wir müssen heute resümierend feststellen, dass große Seuchen der Menschheitsgeschichte wieder grassieren, trotz aller medizinischen Fortschritte, trotz des epochalen „historischen Kampfes“ gegen sie.

 

Was sind Seuchen?

  • plötzliche Erkrankung zahlreicher Menschen (Massenerkrankung) in einem abgrenzbaren Gebiet an einer schweren Infektionskrankheit mit hoher Verbreitungsquote

  • nach Art der zeitlichen und örtlichen Gebundenheit: Endemien / Epidemien / Pandemien

 

VIRCHOW (1848/1849):

"Seuchen sind Attribute der Gesellschaft, Produkte der falschen oder nicht auf alle Klassen verbreiteten Kultur; sie deuten auf Mängel, welche durch die staatliche und gesellschaftliche Gestaltung erzeugt werden und treffen daher auch vorzugsweise diejenigen Klassen, welche die Vorteile der Kultur nicht mitgnießen."

 

Seuchen als Phänomen und Folge städtischer Infrastruktur sind ein Produkt der menschlichen Gesellschaft.

  • enges Zusammenwohnen vieler Menschen - unter ungünstigen hygienischen Verhältnissen

  • Globalisierung der Märkte und des Reiseverkehrs

  • Kriegsführung/Terrorismus

 

Epochenübergreifende Leitepidemien


Früh - bis Spätmittelalter │ um 400-1500 n.Chr.

  • grippeähnliche Infekte

  • Lepra

  • Malaria (Wechselfieber)

  • Masern

  • Pest („Schwarzer Tod“)

  • Pocken („Schwarze Blattern“)

Davon waren demografisch nachhaltig wirksam die Pest und die Pocken.

 

Neuzeit │ 19./20. Jahrhundert 

Industrialisierung/Urbanisierung

  • Cholera („asiatische Brechruhr“)

  • Diphtherie

  • Fleckfieber  („Flecktyphus“ oder “Hungertyphus“)

  • Grippe (Influenza)

  • Ruhr

  • Trichnose

  • Tuberkulose („weiße Seuche“, Schwindsucht)

  • Typhus

 

Kennzeichen historischer Seuchenentwicklungen

  • Hunger

  • Krieg

  • (Natur-)Katastrophen

 

Ausbreitung/Wandern seuchenhafter Infektionskrankheiten entlang von Handelswegen, Verkehrswegen, Kriegen/Katastrophen, Migrationswegen

Zeitlicher Wandel und Wechsel von Infektionskrankheiten

  • im klinischen Erscheinungsbild (Symptomatik)

  • im Schweregrad  (Erreger-Virulenz/-Pathogenität)

  • in der zeitlichen und räumlichen Verteilung (Epidemiologie)

  • bedingt durch genetische, ökologische, soziale, demografische, sozio-ökonomische, medizinische Faktoren

  • zunächst erstes epidemisches Auftreten mit besonders heftigem Verlauf („Seuche“), dann Wandel in endemische Infektionskrankheit

  • psycho-soziale Reaktionsmechanismen: Seuchenfurcht, Ängste und „resignative Sichtweisen“, z.B. bei Pest und Cholera

          - Ausgrenzung Erkrankter

          - Massenflucht

          - Selbstisolierung

          - Aufruhr und Proteste

          - Trunksucht  (Alkoholismus)

          - religiöse Inbrunst

          - Aggressionsobjekte (u.a. Mord und Totschlag)

> mittelalterliche Pest: Außenseiter, Randgruppen, Hexen, Juden, Ausländer, „Aussätzige“ in der Stadt

> 19. Jahrhundert: Staat, Regierungen, Ärzteschaft

  • demographische Krisen mit nachhaltigen Bevölkerungsverluste

  • sozialpolitischer Kontext

          - ökonomisches Einschränkung von Wirtschaft und Handel

          - soziales, politisches, religiöses Umfeld der Epidemien/Seuchen

 

CHOLERA

Cholera asiatica │ Cholera morbus │ Asiatische Brechruhr

  • große Leitseuche des 19. Jahrhunderts / Seuche der Industriegesellschaft

  • Erreger: Vibrio cholerae und Vibrio cholerae el Tor (1883 Robert Koch)

  • Inkubationszeit: wenige Stunden - 5 Tage

  • Übertragung: fäkal-oral

          - Erreger-kontaminiertes (Trink-)Wasser

          - mit Fäkalien verunreinigte Nahrungsmittel

 

Kennzeichnung der 1. Cholera-Epidemie in Europa 
1831/1832-1836
  • Folge des Welthandels („Globalisierung der Märkte“)

  • betraf mit hohem Anteil vornehmlich die proletarischen Elendsquartiere von Städten und neueren städtischen Ballungszentren

  • Ausbreitung aufgrund schlechter sozialer Verhältnisse > Seuche der Armen

  • allgemeiner Aufruhr / Volksaufstände (z.B. in Königberg, Paris)

  • politische Polarisierung in der Cholera-Wahrnehmung

  • Gerüchte:

- "die Reichen vergiften (mit Arsen) die Armen, da sie Angst vor ihnen haben"

- "in Wahrheit gibt es die Cholera nicht" (= Propagandalüge)

  • Streit zwischen Miasmatikern und Vertretern der Ansteckungstheorie

- "Miasmatiker": Anwendung absonderlicher Therapien

- "Contagionisten": staatliche Maßnahmen, wie Quarantäne, Absperren von Quartieren und Desinfektion

  • Prävention im Sinne bürgerlicher Ideale

"Zukunftsvorsorge durch gesunde maßvolle Lebensführung in einer sauberen Umwelt"

 

PEST

Pestilenz │ Der Schwarze Tod

> ein Menschheitstrauma (Meier, 2005)

pestis conclusa = „eingeschlossene“, „verheilte“ Seuche

contagium conclusum = „Pestzunder“, haftet an Gegenständen

 

  • Inbegriff der Seuche schlechthin: Pest/Pestilenz

  • volkssprachlich: allgemein jede folgenschwere epidemisch auftretende Seuche

  • medizinisch: Beulen- oder Lungenpest

  • stellvertretend für alle Seuchen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit stehend („Geißel Gottes“)

  • Mythos, metaphorisch für Katastrophe

 

  • Erreger: Yersinia pestis (Pasteuella pestis) - 1894 A. Yersin, S. Kitasato

  • Inkubationszeit:

          - Bubonenpest: 2-7 Tage

          - Lungenpest: Stunden bis 3 Tage

  • Übertragung:  Rattenfloh- oder Zeckenstich; Tröpfcheninfektion bei Lungenpest-Erkrankten

 

„Pestzüge“ in West- und Mitteleuropa

14.-18. Jahrhundert (ca. 1348-1722)

  • Entvölkerung der Länder

  • Wüstungsprozesse

  • Veränderung der mitteleuropäischen Siedlungsstruktur

  • Auseinanderreißen von Familien

  • Brachfallen von Feldern

  • Mangel an Arbeitskräften

  • Mangel an Nahrungsmitteln > Hungersnöte

  • Anstieg von Preisen und vor allem von Löhnen

  • Zerstörung des gesamten sozialen Ordnungsgefüges

  • kriegerische Ereignisse

  • Rechtfertigung für Massenmorde an Juden (als „Brunnenvergifter“)

 

POCKEN

  • im 18.-19. Jahrhundert epidemische und endemische Pockenausbreitung in Zentraleuropa

  • Pocken-(Explosiv-)Epidemien bei Indianerstämmen Nordamerikas (16.-18. Jahrhundert)

  • hoher Kontagionsindex (95-100 % bei Nichtimmunen) verbunden mit hoher Mortalität (30-80 %)

  • endemische Kinderkrankheit mit enormer Kindersterblichkeit (0-7 Jahre) mit der Folge eines geringen Bevölkerungswachstums

  • Entwicklung und Durchsetzung der Schutzimpfung im 18./19. Jahrhundert

  • Erreger: Variola-(Pocken-)Virus (Variola Major) - 1906 Enrique Paschen

  • Inkubationszeit: 8-17 Tage

  • Übertragung: direkt von Mensch zu Mensch

 

Kennzeichnung der sozialen und hygienischen Situation in deutschen Städten

  • Übergang Deutschlands von der Agrar- zur Industriegesellschaft (etwa 1870-1914), damit einhergehend zunehmende soziale Problemverdichtungen, insbesondere in urbanen Ballungsräumen (Großstädte)

  • trifft auf eine unterentwickelte Stadthygiene

  • sozialwissenschaftliche Gliederung:

          - Aufbruch zur Industrialisierung (1735-1835)

          - erste Industrialisierungsphase (1835-1873)

          - Ausbau der Industrie (1873-1914)

  • Industrialisierung / Urbanisierung

  • Entwicklung frühkapitalistischer, industrieller Produktionsweisen mit der Folge der Entstehung neuer, rasch anwachsender städtischer wie betrieblicher Ballungräume, Industriestädte/-regionen, Großbetriebe, der Überbevölkerung und von Brennpunkten massenhafter sozialer Not („Proletarisierung“) und gesundheitlicher Gefahren

  • vermehrt Schmutz, Unrat und Geruchsbelästigungen - Systemmängel in der Abwasser- und Fäkalienbeseitigung Entsorgung über Rinnsteine

  • fehlende Abwasserbeseitigung, kaum Kanalisation

 

"Die Mortalitätslissten werden mehr durch die Kanalisation beeinflußt als durch diese oder jene Methode der ärztlichen Praxis."

 

  • mangelnde stabile und zentrale Frischwasser-Versorgung und deren Kontrolle - Trinkwassergewinnung aus Einzelbrunnen

  • mangelhafte Lebensmittelhygiene und -kontrollen

  • Wohnungsnot, Slums - Entwicklung von engen Hinterhofgebäuden, Mietskasernen, Dachgeschoss- und Kellerwohnungen

 

"Arbeiterviertel als eine Ansammlung stofflichen und menschlichen Abfalls."

"Wo die Sonne nicht hinkommt, da kommt der Arzt hin."

 

  • Kinder- und Frauenarbeit

  • niedriges Lohnniveau („Hungerlöhne“)

  • hohe Wochenarbeitszeit (> 90 Std./Woche)

  • hohe Arbeitslosigkeit

  • sozialer Abstieg und massenhafte Verelendung

  • Alkoholismus (Trunksucht)

  • Wandel tradierter Lebensgewohnheiten

            - z.B. „industrielle Kleinfamilie“

            - Bedürfnislosigkeit der Arbeiter

  • Nahrungsmittelmangel und Ernährungsdefizite („Hungersterben“)

  • unzureichende Kleidung

  • Infektions- und Mangelkrankheiten, insbesondere bei Müttern und Kindern

  • Infektionskrankheiten treten in den Vordergrund staatlichen Interesses, z.B. bei Tuberkulose als „Proletarierkrankheit“ mit Interventionsinstrumentarium des Staates

  • neue, schnellere Transportmittel für Personen und Güter

            - Eisenbahn

            - Eisen- und Dampfschiffe

            - Chausseebau