Schwert und Glaube: Die mittelalterliche Gesellschaft

Klaus A.E. Weber

 

Im Mittelalter war das Kaisertum die gesteigerte Königsherrschaft.

Dabei haben über 500 Jahre lang - von Karl dem Großen (747/748-814) bis Friedrich Barbarossa(um 1122-1190) - Kaiser mit den "Säulen ihrer Machr" die Geschicke wie die Geschichte halb Europas bestimmt.[18]

 

 

Ausschnitt der hochmittelalterlichen Reichskrone von 960-980

  • Kronenkranz: um 1020 ⎸Bügel: 1024-1039 ⎸Gold, Email, Edelsteine, Perlen.

Kaiserliche Schatzkammer Wien in der Hofburg │ Juni 2019

© HGV-HHM, Fotos: Klaus A.E. Weber


Geschichtswissenschaftlich allgemein akzeptierte Zeittafel [4][15]

Die Zeitspanne zwischen der Antike und der Frühen Neuzeit wird im lateinisch-katholischen Europa als "Mittelalter" bezeichnet.

Nachträglich als Übergangszeit empfunden, wurde diese Phase ab dem 14./15. Jahrhundert als mittleres Zeitalter benannt.[15]

 

Die bewegte frühmittelalterliche Zeit von der Spätantike bis zur Karolingerzeit (ca. 300-800 n. Chr.) war von einem Spannungfeld zwischen dem Imperium Romanum und neu entstehenden germanischen Königtümern, zwischen heidnischen Bräuchen und aufkommendem Christentum, zwischen romanischen, germanischen und vorderasiatischen Eliten der Völkerwanderung geprägt.

 

Mittelalterliche Handwerkskunst in ottonischer Zeit:

Große Mainzer Adlerfibel │ Goldscheibenfibel ca. 975-1025 │ Gold, Email, Glas [17]

Landesmuseum Mainz │ Februar 2019

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Der rund 900- bis 1.000-jährige historische Zeitabschnitt des Mittelalters währte etwa von 500-1550 n. Chr.

 

Porphyr-Sarkophag des Stauferkaisers Friedrich II. (1194-1250) "stupor mundi"

Kathedrale Maria Santissima Assunta

Dom von Palermo  ⎸ März 2019

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Gegenseitige soziale Abhängigkeit im hölzernen Zeitalter

Das "hölzerne Zeitalter" wurde während des Hoch- bis Spätmittelalters maßgeblich geprägt von

  • Höfen

  • Weilern

  • Dörfern

  • Märkten

  • aufkommenden Städten

  • bemannten Burgen als Wehr- & Wohnbauten

  • Klöstern.

Dabei gelten die Burgen - Festung, Wohnung, Rittersitz - als Machtzentren der mittelalterlichen Gesellschaft und zugleich auch als Symbol einer vergangenen Macht.

Städtewappen wurden zum Zeichen herrschaftlicher Stadtgründungen.

In der Zeit mittelalterlicher Blüte erfolgte im 12./13. Jahrhundert der epochale Aufbruch in die Gotik.

 

Landrecht und Lehensrecht

Das vermutlich  zwiachen 1220 und 1235 entstandene Rechtsbuch des eindrücklich illustrierten Sachsenspiegels ("Sassenspiegel" │ "Sassen Speyghel"), dessen Verfasser und Enstehungszeit unbekannt sind, umfasste die beiden mittelalterlichen Rechtsbereiche Landrecht und Lehnsrecht und erlangte eine lange und weiverbreitete Geltung.[23]

 

Regionale Symbole des Mittelalters: Die dynastischen Höhenburgen Großer und Kleiner Eber-/Everstein

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

So waren hier regionalhistorisch die beiden Eversteiner Dynastenburgen "Kleiner Everstein" (um 1100-1284 - mit ehemaligem Kirchdorf Dune) und "Großer Everstein" (um 1170 errichtet mit Burgflecken) auf Felskuppen des Höhenzuges Burgberg sowie die um 1129 errichtete "Homburg" bei Stadtoldendorf machtpolitische Zentren der hoch- bis spätmittelalterlichen Gesellschaft (heute Burgruinen).[9]

Deren gesellschaftliches Fundament bildete mit rund 80-90 % der Bevölkerung die im Schatten der Burg zumeist in kleineren Gehöften lebenden Bauern.

Streng orientiert am Zyklus der Jahreszeiten betrieben sie eine einfache Landwirtschaft mit hohem körperlichem Einsatz und mit einfachster technischer Ausstattung.

Mit bescheidenen Erträgen wurde zumeist Obst, Gemüse und Getreide angebaut, wobei der Roggen- und Dinkelanbau dominerte.

Im Schutz gegen Treue und Abgaben unterstanden die Bauern - in einem recht komplexen wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis - einem Ritter (Adel), dieser wiederum dem Klerus (Geistlichkeit) und dieser einem Fürsten oder König.

Grundlegende Betrachtungen zur Siedlungsgeschichte und zum Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft im Oberweserraum finden sich in Veröffentlichungen von STEPHAN [6].

Während des Wachstums der spätmittelalterlichen Exklave "Grafschaft Dassel" des Bistums Hildesheim kommen durch Zuwendungen von Erich des Jüngeren (1528-1584), Bruder des Bischofs, 1356 Waldbesitz und Weiderechte zu Dassel, später ergänzt durch einen Pfandvertrag mit Ludolph von Oldershausen (1418-1446) von 1472 zeitweise auch die Allodien Heinade und Merxhausen.[12]

 

Stadtwüstung Nienover im Solling │ Gräfliche Residenz der Stauferzeit

Kleinere Stadt des 13. Jahrhunderts

 


 

Nienover │ Burg und Stadt (Stadt ca.1190-1270) │ Nienover Mittelalterhaus [8][14]

© HGV-HHM, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

Agrargesellschaft

Arbeitende ⎸Betende ⎸Kämpfende

Die Landwirtschaft bildete die Grundlage für die mittelalterliche Gesellschaft, anhaltend bis zur frühen Neuzeit.[5]

Die von wirtschaftlichen Wechsellagen, von Konjunkturen und Krisen gekennzeichnete Landwirtschaft hat in etwa 800 Jahren auch die Landschaft der hier betrachteten Dorfregion Heinade-Hellental-Merxhausen „immer neu und anders umgestaltet“.[1]

Das soziale wie ökonomische Wirken und Geschehen der Landwirtschaft wurde maßgeblich von der Vererbungsweise landwirtschaftlicher Besitzungen bestimmt.[2]

In den Dörfern des nordwestdeutschen Raumes hatte sich seit dem Spätmittelalter eine bewährte und weiterentwickelte Form der Agrarverfassung bzw. eine spezifische Lebens- und Wirtschaftsform heraus geformt („Grundherrschaft“, „Meierrecht“), die erst durch die durchgreifende Reformen des 19. Jahrhunderts allmählich abgelöst wurden.

Die Bauern waren zunächst über viele Jahrhunderte hinweg in ihrer selbständigen Wirtschaftsführung erheblich eingeschränkt, indem sie durch das Meierrecht an den Grundherrn gebunden und ihre Höfe mit verschiedenen Abgaben sowie mit Hand- und Spanndienste belastet waren.

Entgegen des großen „Deutschen Bauernkrieges“ von 1524/1525 in Süd- und Mitteldeutschland entluden sich in Norddeutschland die aufkeimenden Spannungen zwischen den Meiern und Kötnern einerseits und den Grundherren und dem Landesherrn andererseits auf Grund anderer Binnenverhältnisse nicht.

Vom Mittelalter bis zum Beginn der „industriellen Revolution“ war im niedersächsischen Raum zumindest 80 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft oder in der Verarbeitung ihrer Produkte tätig, denn die wichtigste verfügbare Subsistenzgrundlage war der landwirtschaftlich bearbeitbare Boden.

Es bestand eine agrarische Gesellschaft, durch deren Feudalordnung die Herrschaft hauptsächlich an das Land und die hierauf tätige Landbevölkerung gebunden war.

Bäuerlich besiedelte Gebiete lagen im Mittelalter gleichsam wie Inseln in der Landschaft, nur verbunden über breitere Siedlungsstreifen.

Diese mittelalterliche Besiedlungsform kann wahrscheinlich auch auf die agrarischen Dörfer zwischen dem nördlichen Sollingrand und dem Holzberg übertragen werden, auf Heinade und Merxhausen.

Die wichtigsten Bewirtschafter des herrschaftlichen Landes waren fronpflichtige Latenbauern (Halbfreie, Hörige), „die 3 - 4 Morgen (weniger als 1 ha) Salland gegen eine Naturalversorgung zu bestellen und Transportdienste zu leisten hatten, aber auch völlig frei von Dienstpflichten wirtschaften konnten und primär Naturalrenten lieferten“.[3]

Dabei war die dem Hof ("curia") zugeordnete Hufe ("mansus") die Basis für eine vollwertige bäuerliche Existenz.

Für eine sechsköpfige Bauernfamilie dürften überschlägig 2,5 - 4,5 ha Ackerland ausgereicht haben, „wenn zugleich Milch- und Schlachtvieh ohne Getreidefütterung gehalten wurde“.

Wie HAUPTMEYER [3] des Weiteren ausführt, eigneten sich die Grundherren „die über die Subsistenz hinaus gehende bäuerliche Mehrarbeit in Form von Diensten direkt oder in Form von landwirtschaftlichem Mehrprodukt indirekt mit Hilfe von z.T. außerökonomischen Zwangsmitteln an. Geld-, Produkt- und Arbeitsrenten waren die ökonomische Basis des Herrenlebens und die Grundlage der politischen Ordnung.“

Auch in Heinade und Merxhausen wurden im Mittelalter die saisonalen Lebenszyklen der bäuerlichen Bevölkerung vom landwirtschaftlichen Jahresablauf bestimmt.

So bestellten sesshafte Bauern vom März - Oktober ihre Felder und kümmerten sich im Winter um Haus und Hof.

Hochzeiten erfolgten nach der Ernte und Geburten im Spätfrühjahr.

Die alltägliche Ernährung orientierte sich im Jahresgang an der Pflanzenreife oder den Einstallungen für das Vieh.

Dabei ernährten sich die Menschen hauptsächlich von Getreideprodukten; der Anbau einfacher Roggensorten lieferte das tägliche Grundnahrungsmittel.

Neben ihrem Herren, der als berittener Krieger das bäuerliche Land verteidigen konnte, waren von den Bauern mit ihren landwirtschaftlichen Erträgen auch Bischöfe, Mönche und Priester zu ernähren und ggf. auch mit Holz zum Bauen und Brennen versorgen.

Sie trugen gemeinsam dazu bei, dass Bauern immer mehr in Abhängigkeit gelangten, mehr Dienste und Abgaben zu leisten hatten und somit letztlich unfrei ("servi") wurden.[7]

 

Literatur

  • BORST, OTTO: Alltagsleben im Mittelalter. 1. Aufl. Frankfurt a.M. 1983. - Eine umfassende Veröffentlichung zum Leben und Alltag der Menschen im Mittelalter, zur Dumpfheit des mittelalterlichen Dorfes, zur Schinderei einerseits und Vielfalt des bäuerlichen Alltags andererseits bietet das Werk „Alltagsleben im Mittelalter“, worin eine andere Zeit, in der Essen und Trinken, Wohnen und Schlafen noch ohne Schamgrenzen heutiger Zivilisation möglich sind, anschaulich beschrieben wird.
  • KOCH, MICHAEL, ANDREAS KÖNIG, GERHARD STREICH: Höxter. Geschichte einer westfälischen Stadt. Bd. 2. Höxter und Corvey im Spätmittelalter. Paderborn 2015.
  • STEPHAN, HANS-GEORG: Der Solling im Mittelalter. Archäologie, Landschaft, Geschichte im Weser- und Leinebergland, Siedlungs- und Kulturlandschaftsentwicklung, Die Grafen von Dassel und Nienover. Hallesche Beiträge zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit Bd. 1. Dormagen 2010.
  • SCHUBERT, ERNST: Essen und Trinken im Mittelalter. 2. Aufl. Darmstadt 2010. - Zur ernüchternden mittelalterlichen Ernährungswirklichkeit mit knappen Lebensmitteln und kargen Speisen und Getränken.



[1] LICHTENHAHN 2005, S. 13.

[2] WÄCHTER 1959, S. 23.

[3] HAUPTMEYER 1995.

[4] BAYERL 2013, S. 10.

[5] Übersicht bei BAYERL 2013, S. 44-56.

[6] STEPHAN, H.-G.: Grundzüge der Siedlungsgeschichte im Oberweserraum. In: KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 15-70; STEPHAN 2010.

[7] Exponat in der Dauerausstellung im Museum im Backhaus ⎸Hellental

[8] MICHELS 2006.

[9] HEINEMANN 1977, 271.

[12] KAPPEN 2018, S. 27.

[14] LANDESMUSEUM FÜR NATUR UND MENSCH 2004, S. 109.

[15] HISTORISCHES MUSEUM BASEL.

[16] SCHIETZEL 2014, S. 367.

[17] GENERALDIREKTION KULTURELLES ERBE RHEINLAND-PFALZ/SCHNEIDMÜLLER 2020, S. 244-245, Abb. 11.37.

[18] GENERALDIREKTION KULTURELLES ERBE RHEINLAND-PFALZ/SCHNEIDMÜLLER 2020.