Glasprodukte der "Steinbeker Hütte"

Klaus A.E. Weber

 

Vermutlich überwiegend Herstellung von Gebrauchsglas

Die Mecklenburger Waldglashüttenlandschaft zählte im 17./18. Jahrhundert zu den bedeutendsten deutschen Glashüttenzentren.[6]

Nach JUNGHANS handelt es sich beim mecklenburgischen Waldglas allerdings nicht um volkskünstlerische Erzeugnisse, vielmehr blieb mecklenburgisches Waldglas "von seinen Anfängen bis zum Schluss schlichtes und unverziertes Gebrauchsglas, auch wenn es zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch als Luxusartikel angesehen worden sein muss."[7]

Eher in Massenproduktion wurde profanes gefärbtes Glas hergestellt (u.a. Bouteillen in Form von Flachkugelflaschen, Fensterglas), überwiegend schlichtes grünes oder braunes Gebrauchsglas.[6]

Vor diesem Hintergrund der Gebrauchsglasherstellung in ihrer Heimat dürften auch die Glaswaren der eingewanderten mecklenburgischen Glasmacher, die ihre bewährten Rezepturen und Glasformen mitbrachten, in der "Steinbeker Glashütte" zumindest anfangs maßgeblich von schlichtem und unverziertem Gebrauchsglas geprägt gewesen sein.

 

Glaswaren der „Steinbeker Glashütte“

Über Art, Umfang, Vertrieb und Absatz der Glaswaren der „Steinbeker Glashütte“ liegen weder ausreichende archäologische noch entsprechend Auskunft gebende schriftliche Überlieferungen vor.

Es ist anzunehmen, dass in der Glashütte Zur Steinbeke vornehmlich auch grünes und braunes Hohlglas hergestellt wurde.

Bodenfunde weisen aber auch auf eine Weißglasherstellung hin.[5]

Hohlglas war in jener Zeit das „Glas“ schlechthin – manuell verarbeitet als Trinkgläser, Flaschen und Behältergläser (Gebrauchs- und Vorratsflaschen).

Die mittels der Glasmacherpfeife in die heiße und zähflüssige Glasmasse eingeblasene Luft bildet einen Hohlraum, den der Glasmacher, je nach gewünschtem Glasprodukt, weiter formt und vergrößert.

Es wird berichtet, dass zwei bis drei Glasmacher während der Zeit des „Ausarbeitens“ etwa 650 Glasflaschen durchschnittlicher Größe bei drei Glasschmelzen wöchentlich fertigen konnten.

Historische Dokumente darüber, welche Glasprodukte in welchen Grundformen und in welchem Typenspektrum Jobst Henrich Gundelach in seiner privat betriebenen Glashütte Zur Steinbeke herstellte, welcher Auftrags- bzw. Kundenkreis bestand und wie der Glasvertrieb organisiert war, stehen heute nicht mehr zur Verfügung (u.a. keine Kundenbücher).

Ohnehin ist über den Handel mit Sollingglas wenig Gesichertes bekannt.

Da es sich bei der Glashüttenanlage Zur Steinbeke um eine grüne Hütte handelt habe, kann wahrscheinlich davon ausgegangen werden, dass dort im Zeitraum 1715/1717 - 1743/1745 grüne Hohlglasprodukte (grüne Formflaschen zum Verkauf von Flüssigkeiten) und Trinkgläser (Wein-, Biergläser) hergestellt wurden.

Nach LESSMANN [11] sollen große Mengen von Medizinflaschen produziert worden sein, ohne dass es hierfür archivalische oder archäologische Belege gibt.

Bislang konnten keine, auch nur teilweise erhaltenen Glasobjekte  geborgen werden.

Anhand von Bodenfunden [5] ist anzunehmen, dass keine an Luxus orientierte Glasproduktekeine, keine luxuriösen Trink- und Tischgeschirrgefäße, hergestellt wurden, sondern eher schlichte funktionale Vorrats- und Schenkgefäße aus Grünglas, möglicherweise auch Gläser aus Weißglas für den medizinisch-alchemistischen Bereich.

Es dürfte sich bei den Glasprodukten überwiegend um landesübliche Flaschen, wie Verkaufsflaschen (Bouteillen) für Bier, Wein, Brandwein und Essig gehandelt haben..

 

 

Flaschenhalsfragmente vermutlich freigeblasener Flaschen

Flachkugelflasche aus Grünglas (Bouteiile) │ Medizinfläschchen aus farblosem Glas

Steinbeker Glashütte, 1. Hälfte 18. Jahrhundert

Bodenfunde [5]

 

Ein kleiner, S-förmig gebogener Bodenfund am Glashüttenstandort kann als gläsener Gefäßhenkel interpretiert werden, was darauf hin deuten könnte, dass auch Henkelflaschen produziert wurden.

Die herzogliche Gründung der späteren Schorborner Glasmanufactur (Zeichen „SH“) war auch mit der Produktion von Bouteillen verbunden.

Da das Hüttenmaterial wie auch die erste Belegschaft zu Beginn der Schorborner Glashütte aus der Hellentaler Glashütte Zur Steinbeke stammte, darf angenommen werden, dass vormals auch in der Steinbeker Glashütte hauptsächlich Bouteillen hergestellt worden waren.

Gegen Ende der 1720er Jahre soll wahrscheinlich auch eine Flachglas-Produktion aufgenommen worden sein, bei starkem Zuwachs von Glasmachern.[1]

Die Rezeptur der verschiedenen Gläser war sicherlich ein streng gehütetes Geheimnis des Hüttenmeisters und seines Vizemeisters.

Über Jahrhunderte wurde die Kunst der Glasherstellung und -verarbeitung in den Meisterfamilien nur vom Vater auf den Sohn weitergegeben, so dass zu erwarten ist, dass Jobst Heinrich Gundelach seine Glasmacherkunst von seinem Vater, dem Glashüttenherrn Jobst Gundelach, in seinem ehemaligen mecklenburgischen Heimatort erworben hatte.

Aufgrund der von Bodenfunden nachvollziehbaren Grünglasproduktion kann auch angenommen werden, dass in der Glashütte Zur Steinbeke eher die preiswertere, unbehandelte Holzasche verwendet wurde, denn reine Pottasche im historischen Sinn.

Pottasche wurde in der frühen Neuzeit bei jener Glasproduktion eingesetzt, wo es galt, klares, farbloses Glas („weißes Glas“) herzustellen.

Offenbar wurde in der Gundelach’schen Hütte kein exquisites Tafelglas oder höfische Glaswaren produziert.

Deren Fabrikation erfolgte damals in „weißen Hütten“ für ein kleines, meist dem Adel und den Hofbeamten zuzurechnendes Käuferpotential.

Anzunehmen ist auch, dass in der Steinbeker Glashütte eher preiswerte gläserne Gebrauchartikel in großen Mengen für möglichst viele Käuferschichten hergestellt wurden, aber auch für den Export in andere Gebiete.

Hierbei wäre zugleich auch die Frage zu klären, ob in der Glashütte Zur Steinbeke auch gesiegelte Flaschen produziert wurden, z.B. mit Informationen zum Glashüttenort und zum Hohlmaß.

 

Kurhannoversches Flaschensiegel aus Grünglas

Glashütte Ruhländer, 1742

Glas- und Heimatmuseum Silberborn

 

Flaschenmarkierungen mit Garantiecharakter

Im 18. Jahrhundert waren Flaschenmarkierungen mit Garantiecharakter herzoglich angeordnet (Hoheits- und/oder Hüttenzeichen).

Nur wenige Jahre nach der Stilllegung der Hellentaler Glashütte war 1748 im Herzogtum Braunschweig die landesherrliche Verordnung über die Einführung von "einerlei und gezeichneten" Bouteillen erlassen und die fürstlichen Glasmanufakturen in Schorborn und Holzen beauftragt worden.[2]

Nach KOCH [10] sind gläserne Flaschensiegel variante Markierungen (Garantiemarken) von gläsernen Flaschen in Form einer oder mehrerer aufgesetzten Glasmarken mit Symbolik, z.B. Herrschermonogramme durch hoheitliche Kennzeichnung (Herkunft, Qualität, ordnungsgemäße Fertigung, Maßhaltigkeit).

Hierdurch wurde erkennbar angezeigt, dass das Füllvolumen von Flaschen den landeshoheitlichen Maßgaben entsprach.[2]

 

Kurhannoversches Flaschensiegel aus Grünglas mit steigendem „Welfenross“ - Bruchglasimport aus landesfremder Hütte

Hervorzuheben ist der Einzelfund eines kurhannoverschen Flaschensiegels aus Grünglas mit steigendem „Welfenross“, der einem hüttennahen Bodenfund entstammt.

Der Bodenfund ist ein für die frühe Ortsgeschichte Hellentals bedeutsamer Einzelfund[8], für den sich nach einer eingeholten Expertise folgende Deutung für das Glassiegel ergibt:[9]

Als Markierung einer gläsernen Flasche weist das Glassiegel auf seiner Vorderseite (ohne Aufschrift bzw. landesherrliches Monogramm oder Jahreszahl) die Darstellung eines steigenden Pferdes auf, das „Welfenross“.

Es steht mit beiden Hinterläufen über einer „Landmasse“ mit Bergen.

Das Glassiegel mit seinerzeit amtlichem Charakter gehörte ehemals zu einer hoheitlich gesiegelten welfischen Weinflasche (Bouteille) für den offiziellen Weinhandel im Land Hannover.

Nach KOCH [9] kann das Glassiegel, dadurch, dass es auf dem ehemaligen Glashüttenstandort Zur Steinbeke gefunden wurde, für den Zeitraum zwischen 1718-1741 datiert werden.

Am ehesten dürfte es sich um ein kurhannoversches Siegel aus einem Bruchglasbestand handeln, der möglicherweise durch den Ankauf fremden Glasbruchs aus dem „Ausland“ zur Gundelach’schen Glashütte im braunschweigischen Hellental gelangte.

Ohnehin stellen Glasscherben als Importe - auch aus landesfremden Glashütten - ein wichtiges Handelsojekt dar.

Am ehesten dürfte es sich um ein kurhannoversches Siegel aus einem Bruchglasbestand handeln, der möglicherweise durch den Ankauf fremden Glasbruchs aus dem „Ausland“ zur Gundelach’schen Glashütte im braunschweigischen Hellental gelangte.

 


Kurhannoversches Flaschensiegel aus Grünglas mit steigendem „Welfenross“

zwischen 1718-1741

Bodenfund (Ø 36 mm) in Hellental [12]

 

Das Glassiegel mit seinerzeit amtlichem Charakter gehörte ehemals zu einer hoheitlich gesiegelten welfischen Weinflasche (Bouteille) für den offiziellen Weinhandel im Land Hannover.

Flaschen wurden auch im Herzogtum Braunschweig mit einem Glassiegel versehen, um für jedermann erkenntlich anzuzeigen, dass das Füllvolumen der Glasflasche den landeshoheitlichen Maßvorgaben entsprach.[2]

Nach KOCH [9] lässt die Glassiegelung auf eine Metallpetschaft (Stempelung), vermutlich aus Messing, schließen.

Dadurch, dass das Glassiegel, auf dem ehemaligen Glashüttenstandort Zur Steinbeke gefunden wurde, kann es für den Zeitraum zwischen 1718-1741 datiert werden.

Am ehesten dürfte es sich um ein kurhannoversches Siegel aus einem Bruchglasbestand handeln, der möglicherweise durch den Ankauf fremden Glasbruchs aus dem „Ausland“ zur Gundelach’schen Glashütte im braunschweigschen Hellental gelangte.

Das Siegel könnte als relativ schwerer Bestandteil beim Stampfen eines Glasbruches durch Entmischung in den Silos in den Boden gelangt sein.

Es bestehen jedoch eine Reihe historisch spannender Fragen, so, ob es sich bei dem Glassiegel um einen Konsumenten- oder Produktionsfund handelt, insbesondere aber, ob es in unmittelbarem Zusammenhang mit Betrieb der ehemaligen Grünglashütte Zur Steinbeke bzw. gar als Glassiegel der Hütte selbst angesehen werden kann.

Ob des braunschweigschen Hüttenstandortes wäre zunächst zu erwarten gewesen, dass für den herzoglichen Binnenmarkt ein Glassiegel mit (bekröntem) „C“ für Herzog Carl I. von Braunschjweig-Wolfenbüttel (Regierungszeit: 1735-1780) verwandt worden wäre.

Die Darstellung des springenden Pferdes (Welfenross) ist dem hingegen aber als kurhannoversche Marke zu werten, verbunden mit der Frage, ob es sich dabei um ein Produkt einer hannoverschen Glashütte (Silberborn?) handelte oder vielmehr um die geduldete Praxis einer Auftragssiegelung einer Bouteille.

Es kann bislang nicht zweifelsfrei davon ausgegangen werden, dass in der Glashütte Zur Steinbeke auch gesiegelte Flaschen produziert wurden, z.B. mit Informationen zum Glashüttenort und zum Hohlmaß.

Auf Grund einer hannoverschen Verordnung von 1718 wurde das Pferd für Flaschen als Glaswaren vorgeschrieben, um Maßhaltigkeit zu garantieren.

Im 18. Jahrhundert waren offizielle und allgemeinverständliche Flaschenmarkierungen („Zeichen eines Pferdes“) mit Garantiecharakter herzoglich angeordnet worden, so beispielsweise durch das  

"Ausschreiben der Königl. Regierung, daß auf denen einländische Glasehütten keine Wein- oder grüne Quartiers-Bouteillen gemacht werden sollen, welche nicht ein volles Maas eines Quartiers hatlen, von 3. Febr. 1718 ... Königl. Groß-Britannische zur Churfürstl. Braunschw. Lüneb. Regierung verordnete Geheimte-Räthe".[3]

1748 war eine weitere landesherrliche Verordnung über die Einführung von "einerlei und gezeichneten" Bouteillen erlassen worden, die auftragsgemäß in den Glashütten von Holtensen und Schorborn hergestellt werden sollten.[2]

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

Zeichnung: Sandra Gregor (08/2004), Archäologische Denkmalpflege Landkreis Holzminden

 


[1] SCHOPPE 1989.

[2] LEIBER 2005, S. 89 f.

[3] zit. in KOCH 1995.

[4] BLOSS 1977, S. 49.

[5] Bodenprofil-Untersuchung Ende Juni 2003 durch Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental.

[6] JANKE/JUNGHANS/LEWERENZ 2010, S. 14-15, 17, 24.

[7] JUNGHANS in: JANKE/JUNGHANS/LEWERENZ 2010, S. 11.

[8] Im November 2003 erwarb die AG Hellental des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen ein Rundsiegel aus Grünglas (Ø 36 mm). Das Glassiegel war bereits etwa drei Jahre zuvor bei Erdarbeiten in der Gasse zwischen den „Sollinghäusern“ Hauptstraße 18/20 (Ass.-№ 9/10) im Hellentaler Oberdorf als Bodenfund (im Oberboden) entdeckt worden.

[9] Nach Jens Koch (12/2003) lässt die Glassiegelung auf ein Metallpetschaft (Stempelung), vermutlich aus Messing, schließen. Das Siegel könnte als relativ schwerer Bestandteil beim Stampfen eines Glasbruches durch Entmischung in den Silos in den Boden gelangt sein. Auf Grund einer hannoverschen Verordnung von 1718 wurde das Pferd für Flaschen als Glaswaren vorgeschrieben, um Maßhaltigkeit zu garantieren. Im 18. Jahrhundert waren offizielle, allgemeinverständliche Flaschenmarkierungen (Zeichen eines Pferdes) mit Garantiecharakter ohnehin herzoglich angeordnet worden, so beispielsweise auch durch das Ausschreiben der Königl. Regierung, dass auf denen einländische Glasehütten keine Wein- oder grüne Quartiers-Bouteillen gemacht werden sollen, welche nicht ein volles Maas eines Quartiers hatlen, von 3. Febr. 1718 ... Königl. Groß-Britannische zur Churfürstl. Braunschw. Lüneb. Regierung verordnete Geheimte-Räthe [Nachweis bei KOCH 1995]. Es bestehen jedoch eine Reihe historisch spannender Fragen, so, ob es sich bei dem Glassiegel um einen Konsumenten- oder Produktionsfund handelt, insbesondere aber, ob es in unmittelbarem Zusammenhang mit Betrieb der ehemaligen Glashütte bzw. gar als Glassiegel der Hütte selbst angesehen werden kann. Ob des Braunschweiger Hüttenstandortes wäre zunächst zu erwarten gewesen, dass für den herzoglichen Binnenmarkt ein Glassiegel mit (bekröntem) „C“ für Herzog Carl I. verwandt worden wäre. Die Darstellung des steigenden Pferdes („Welfenross“) ist dem hingegen aber als kurhannoversche Marke zu werten, verbunden mit der Frage, ob es sich dabei um ein Produkt einer hannoverschen Glashütte (Silberborn?) handelte oder vielmehr um die geduldete Praxis einer Auftragssiegelung einer Bouteille.

[10] KOCH 1995.

[11] LESSMANN 1986.

[12] Die bei dem Glassiegelforscher Jens Koch eingeholte Expertise (12/2003) ergab: Als Markierung einer gläsernen Flasche weist das Glassiegel auf seiner Vorderseite (ohne Aufschrift bzw. landesherrliches Monogramm oder Jahreszahl) die Darstellung eines steigenden Pferdes auf, das „Welfenross“. Es steht mit beiden Hinterläufen über einer „Landmasse“ mit Bergen. Nach Koch kann das Glassiegel, dadurch, dass es auf dem ehemaligen Glashüttenstandort gefunden wurde, für den Zeitraum 1718-1741 datiert werden.