Glas - Wohl erster künstlicher & universeller Werkstoff der Kulturgeschichte

Klaus A.E. Weber

 

Mundgeblasenes Hohl- & Flachglas │ Immaterielles Kulturerbe - Wissen. Können. Weitergeben.

Die manuelle Fertigung von mundgeblasenem Hohl- und Flachglas wurde 2015 in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen:

„Für die Techniken der manuellen Hohl- und Flachglasfertigung sind komplexes Wissen und ein fundierter Erfahrungsschatz nötig. Die basale Handfertigkeit eines Glasmachers setzt eine mehrere Jahre dauernde ständige Übung und Erprobung voraus – Perfektion bildet sich im günstigen Fall nach zehn Jahren aus.“

Museum und Glasstudio Baruther Glashütte - Ein besonderer Ort

֍ Ein Feuer, das seit 300 Jahren brennt │ Schauglasproduktion / Durstkugel blasen

LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim - Kunst aus Feuer und Sand

֍ Vorführung am Schmelzofen

Glashütte Lamberts Waldsassen – Die Glasmanufaktur

֍ Wasserdunst & Höllenfeuer

 

Ressourcen ⎸Rohstoffe & Technik ⎸Wissen ⎸Handwerk & Handel

Glas ist ein besonderer künstlicher Werkstoff und beonderes Kulturgut, gekennzeichnet durch seine chemische Zusammensetzung und physikalischen Eigenschaften.[12]

Dessen komplexe Herstellung ist seit etwa sieben Jahrtausenden überliefert.

Seit mehr als 3000 Jahren wurde im vorgeschichtlichen Europa Glas vornehmlich in Form von Perlen als Schmuck- und Trachtbestandteil verwendet, wobei Seltenheit und enge Bindung an reich ausgestatte Gräber im bronzezeitlichen Glas ein exklusives, kostbares und prestigeträchtiges Material erkennen lassen.[18]

Glasperlen aus Gräbern, Horten und Siedlungen der Mittel- bis Spätbronzezeit (14.-9. Jh. v. Chr.) repräsentieren das älteste Glas zwischen Alpenkamm und Ostsee.[18]

Hierbei ist die Glasgewinnung im engen Zusammenhang mit der frühesten Metallverarbeitung und dem Brennen irdener Gefäße zu sehen.[10]

Eine maßgebliche antike Quelle zur Glasherstellung ist in dem enzyklopädischen Bericht des römischen Autors Plinius des Älteren (23-79 n. Chr.) zur Zeit des römischen Kaisers Vespasian (9-79 n. Chr.) zu sehen ⦋Plinius, Nat. Hist. 36, 190-194⦌.[13]

 

"Die Geschichte der Glaskunst - von ihren Anfängen ungefähr vor 1.500 Jahren v. Chr. bis heute -

verläuft in Wellenbewegungen,

bei denen sich Phasen aufsehenerregender Errungenschaften mit Zeiten der Stagnation ablösen."

Dedo von Kerssenbrock-Krosigk 2017 [8]

 

Glas aus vier Jahrtausenden

Das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart verfügt mit der Glassammlung Ernesto Wolf (1918-2003) über eine der renommiertesten Sammlungen der Welt - mit Gläsern aus vier Jahrtausenden.

Hierzu der recherchierbare Katalog: Gesamtbestand antikes Glas Sammlung Wolf

 

Der Betrieb an den Glasmacheröfen einer neuzeitlichen Glashütte

Modell im Glasmuseum Wertheim

 

"Erstarrte Flüssigkeit" durch handwerklich kunstvolles Spiel mit Feuer, Sand & Asche

Der Begriff „ Glas“ wird heute sowohl für den universellen Werk- und Wertstoff selbst als auch für die hieraus hergestellten Trinkgefäße gebraucht.

  • Während Glas uns in der Regel formgeschmolzen begegnet, werden Fayencen ("Quarzkeramiken") kalt geformt.[1]
  • Prähistorische Glasobjekte (mesopotamische, ägyptische, ägäische Gläser) erwiesen sich in der chemischen Analyse zumeist als Alkali-Kalk-Silikat-Gläser.[1]
  • Europäische prähistorische, römische und mittelalterliche Gläser lassen sich anhand der prozentualen Anteile von Natrium (Na), Kalium (K) und Magnesium (Mg) in verschiedene Gruppen von Alkali-Kalk-Gläsern differenzieren.[1]

Als Waldglas bezeichnet man gemeinhin einen eigenen historischen Abschnitt der Glasherstellung.

Er steht für jenes Glas, das vom Hoch-/Spätmittelalter bis zur Neuzeit rohstofforientiert inmitten von Laubwald gelegenen Glashütten („Waldglashütten“) bis zur Resourcenerschöpfung produziert wurde, wie im Umfeld des Hellentals im Solling.

Die Archäologie Vorderasiens und Ägyptens belegt die Glasherstellung bis vor etwa 5.000 Jahren - aus den einfachen Grundstoffen Sand, Asche, Kalk.

 

Werkstoff │ Wertstoff │ Problemstoff │ Baustoff - Ein Immaterielles Kulturerbe

Als Kulturgut veränderte Glas maßgeblich die Ernährungs- und Trinkgewohnheiten, speziell auch die Ausübung der ärztlichen Heilkunde.

Alte Gebrauchsgläser sind formenreich und vielfältig in ihrer Verwendung.

Sie weisen handwerklich verschiedene Verarbeitungsmerkmale auf, ebenso unterschiedliche Färbungen und objekteigene Gestaltungen, abhängig von der jeweiligen Stilepoche bzw. vom "Produktdesign" seitens des Auftraggebers.

Formgläser waren stets Verbindungen von Form, Funktion und "Schönheit" - und deren Wandel.

Obgleich Glas durchaus ein umweltfreundlicher Werk- und Wertsoff ist, belastete dessen Herstellung in früheren Jahrhunderten die Glasmacher selbst wie auch die natürliche Umwelt, beispielsweise durch Waldrodungen, Sandabbau, Rauch- und Staubentwicklungen.

Das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission hat die „Manuelle Glasfertigung“ im Jahr 2015 als Immaterielles Kulturerbe auf nationaler Ebene bewertet.

Die Frage, wann das Glas „erfunden“ wurde, kann bislang nicht sicher beantwortetet werden.

Wahrscheinlich wohl zufällig als Nebenprodukt der Keramikherstellung entstanden, liegt der technische Ursprung der Glasherstellung in der Bronzezeit.

Der seither verwendete Werkstoff entsteht durch einen komplexen chemo-thermischen Prozess - im "kunstvollen Spiel" mit dem Feuer und Sand.

Dabei bildet sich ein amorphes anorganisches Schmelzprodukt, das abgekühlt und als Schmelze erstarrt ist, ohne jedoch zu kristallisieren.

 

Antike Verwendung & moderne industrielle Nutzung des Materials Glas: [17] 

  • als Verpackung für Flüssigkeiten und empfindliche Stoffe - als Behältnisse für Salböle, Medikamente, Duftstoffe/Parfüm, Kosmetika bzw. kostbare Essenzen
  • als Speise- und Trinkgeschirr │ Tischgeschirr
  • als Fensterglas
  • für Nippes und Spielzeug
  • als Isoliermaterial
  • als Heizelement
  • zur Datenübertragung

 

"Glas ist schön, und es ist gefährlich.

Glas ist ein technologisches Problem, und das ist auch gefährlich." [3]

 

 

Jan Fišar: "Letzter seiner Art" (Last of the Kind), 1988 [2]

Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast, Düsseldorf


Glas [5]

  • ist kein Feststoff, sondern ein Zustand.
  • ist ein seit über 4.000-7.000 Jahre verwendeter Werkstoff, erzeugt durch einen chemo-thermischen Prozes.
  • entsteht unter enormer Hitze, wobei sich ein anorganisches Schmelzprodukt bildet, das abgekühlt und erstarrt ist, ohne jedoch zu kristallisieren ("erstarrte Flüssigkeit").
  • fasziniert als Material seit Jahrtausenden.
  • ist unentbehrlich, wird überall eingesetzt und ist daher allgegenwärtig.
  • bedarf der besonderen Wertschätzung, auch bei seinem alltäglichen Gebrauch.
  • wird sowohl für den Werk- und Wertstoff Glas selbst als auch für die hieraus hergestellten Trinkgefäße gebraucht.
  • hat die Eigenschaft, dass es mit steigender Temperatur seine Viskisität verringert und gezogen, formgeschmolzen, getropft und geblasen werden kann.

 

Grundsätzlich kann bei handwerklichen Gläsern und deren Analyse unterschieden werden nach

  • der chemischen Zusammensetzung

  • Zeitstellung (Epoche) ⎸Ort der Herkunft (Provenienz)

  • der Art und dem Umfang der lokalen Glasverarbeitung

  • Form- und Farbgebung ⎸Dekorgestaltung

  • den Rohglasquellen

  • den angewendeten Glasrezepturen

  • der technischen Erzeugung ⎸den im Glasmacherhandwerk unterschiedlichen Kenntnissen und Fertigkeiten bei der Glasherstellung

  • wirtschaftlicher, sozialer, modischer und künstlerisch-kreativer Verwendung

  • den Werkstatttraditionen in der Glasmalerei

 

Je nach handwerklicher Technik und Tradition wird der vielseitig verwendbare Werkstoff Glas

  • geblasen

  • gegossen

  • geschliffen

  • geätzt

  • lüstriert

  • überfangen

  • eingefärbt

  • mit anderen Materialien ⎸Zuschlagstoffen kombiniert

 

Die "Erfindung" und Entwicklungsgeschichte des künstlichen, amorphen spröden Werkstoffes Glas wird maßgeblich dem Vorderen Orient, Ägypten und der Ägäis zugeschrieben, mit ersten Glasgefäßen des 2. Jahrtausends v. Chr. Hier wurde Glas wahrscheinlich zufällig entdeckt - beim Brennen von Töpferware durch die Verbindung kalkhaltigen Sandes mit Natron.

Die ältesten archäologischen Funde von künstlich erzeugtem Glas – bunte Glasperlen aus ägyptischen Königsgräbern – werden der Zeit um 3500 v. Chr. zugeordmet.

Um 1500 v. Chr. werden in Ägypten, in der Levante und in Mesopotamien mit Hilfe der Kernformtechnik erste Hohlgläser hergestellt.

Nachweislich der Tontafeln aus der Bibliothek von Assurbanipal (666-626 v. Chr.) - König des Neuassyrischen Reichs - wurde die bislang älteste überlieferte Anleitung für Glashüttenbesitzer mit Rezeptur für einfaches Glas niederschreiben:[15]

  • 10 mana [16] Sand 
  • 15 mana Alkali 
  • 1 ⅔ mana Styraxharz 

Alternativ folgende Mengenangaben in der Literatur:

  • 60 Teile Sand
  • 180 Teile Asche aus Meerespflanzen
  • 5 Teile Kreide

 

Die Erfindung der Glasmacherpfeife und des Glasschmelzofens revolutionieren um 200 v. Chr. die Glasherstellung und ermöglichen die Fertigung von dünnwandigem Hohlglas und von Flachglas.

Schließlich verbreiteten die Römer bis etwa 300 n. Chr. die Glasmacherkunst in Europa.

Zwischen 1300 und 1700 dominieren im deutschsprachigen Raum die Waldglashütten als Wanderglashütten.

  • Brilllengläser werden ab ca. 1250, einfache Mikroskope und Fernrohre ab 1600 hergestellt.
  • Joseph Fraunhofer (1787–1826) versucht in Benediktbeuern, die Glasschmelze unter wissenschaftliche Kontrolle zu bringen und verbesserte Mikroskope, Fernrohre und Vermessungsgeräte.
  • In Jena gründete Carl Zeiss 1846 eine optische Werkstätte und stellt ab 1866 gemeinsam mit Ernst Abbe den Bau von optischen Instrumenten auf eine wissenschaftliche Grundlage.
  • Dr. Otto Schott beginnt 1879 die Zusammensetzung optischer Gläser zu erforschen.
  • 1884 wurde das Glastechnische Laboratorium gegründet, der späteren Jenaer Glaswerke & Gen., durch Otto Schott, Ernst Abbe, Carl Zeiss und Roderich Zeiss in Jena.

 

 

Moderne Weinglasform des "Römers"

AhrWeinForum Ahrweiler


Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

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[2] Museum Kunstpalast, Düsseldorf - spot on:r Glas - schön und gefährlich. Jan Fišar - Sammlung Frauke Thole, 10.11.2017 - 04.03.2018.

[3] Tschechischer Bildhauer Jan Fišar (1933-2010). Zitat aus dem Dokumentarfilm "Das andere Glas aus Böhmen" von Jiři Havrda, 1995.

[4]  Die Etrusker und Europa. Paris 1992 / Altes Museum Berlin 1993. Paris, Mailand 1992.

[5] nano-Rätsel (3sat Mediathek) vom 15. April 2017: das "Glas".

[6] GRONENBORN Mainz 2011, S. 90-94.

[7] ZORN/HILGNER 2010, S. 163-189.

[8] GÖTZMANN/KAISER 2017, S. 21.

[10] JANKE/JUNGHANS/LEWERENZ 2010.

[13] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 28.

[14] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29-32.

[15] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 29.

[16] mana = Gewichtseinheit.

[17] TRIER/NAUMANN-STECKNER 2016, S. 41.

[18] Julius Maximilians-Universität Würzburg, Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie: Bronzezeitliches Glas zwischen Alpenkamm und Ostsee. Untersuchungen zur Herstellung und Distribution des ältesten Glases in Mitteleuropa.