Der Nachtrabe von Merxhausen

Klaus A.E. Weber

 

Einer Nacherzählung von KOLLMANN [o. J., S. 197f.] ist folgende spannende Geschichte zum alten Merxhausen zu entnehmen:

Wenn es in Merxhausen Nacht wird und die Eulen erwachen, gesellt sich zu ihnen bisweilen ein seltsamer Vogel, den die Leute den Nachtraben nennen.

Aber wie er beschrieben wird, ist er kein alltäglicher Rabe.

Aus seinem kohlschwarzen Gefieder blitzen leuchtendgelbe Augen, und aus dem starken, gebogenen Scchnabel hängt eine feurig rote Zunge.

Man sagt, seine Schwingen seien hart wie Eisen, und sie dienten ihm nicht nur zum Fliegen, sondern auch als gefährliche Waffen.

Einst lebte in Merxhausen ein Fuhrmann, der nicht nur seine Pferde schlug und andere Tiere mißhandelte, sondern sich in seinem Zorn auch an Menschen vergriff.

Zur Strafe für seine Untaten wurde er in diesen Raben verwandelt.

Nun muß er ruhelos im Solling umherfliegen und diejenigen verwarnen und strafen, die sich so verhalten, wie er es einst getan hat.

Wenn der Nachtrabe einen derart verrohten Menschen entdeckt hat, lässt er sich nachts mit lautem Gepolter auf dem Dachfirst seines Hauses nieder und stößt schaurig krächzende Schreie aus.

Bessert sich der Rohling danach nicht, wiederholt der Vogel seine Warnung noch zweimal.

Nach dem dritten Mal stößt er bei nächster Gelegenheit auf ihn herab und tötet ihn durch einen Hieb mit seinen eisenharten Schwingen.

Manchmal, so wird erzählt, hat das Erscheinen des unheimlichen Nachtvogels aber auch eine andere Bedeutung.

Er ist dann Verkünder schwerer Zeiten wie Krieg oder Hungersnot.

Sein Aussehen hat sich dann aber verändert.

Der Schwanz ist zu einer langen Schleppe geworden, die wie Feuer glühend aussieht.

Darum wird er jetzt Glühsteert genannt.

Noch in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (Anm.: um 1895) soll eine alte Bauersfrau den Vogel in ihre Abendandacht eingeschlossen haben, indem sie zum Schluß ihres Gebetes zu sagen pflegte:

„Du Glühsteert, Rabe, schwarzes Tier, schütz uns in Jesu Namen vor rohem Sinn und Feindes Gier!

Das bitt’ ich und sag’: Amen!