Dorfschule – "Schlechteste in ihrer Art" │ Capelle - „Seele des Dorfes”

Klaus A.E. Weber

 

Hellentaler "Bildungszentrum": Schul- & Kapellengebäude unter einem Dach


 

Ehemals Schule und Kapelle „unter einem Dach” [5]

Mai 2009


Da die traditionellen Glasmacherfamilien immer darauf bedacht waren, ihren Kindern eine gute schulische Ausbildung und christliche Unterweisung zukommen zu lassen, verwundert es nicht, dass bereits kurze Zeit nach Gründung der Glashütte Zur Steinbeke ein Hüttenschulmeister namens Ludolph Wehe erwähnt wurde.

Sein Nachfolger wurde ab 1735 der Schulmeister Johann Anton Drösemeyer aus Uslar, zugleich auch erster Schulmeister in Schorborn.[1]

Im feuchten „Hülsebruch“ im oberen Hellentaler Grund war dem Schulmeister eine Wiese zur eigenen Bewirtschaftung, die "Schulwiese", zugeteilt gewesen.

Bis um 1758 wurde für alle Hellentaler Schüler*innen der Schulunterricht im etwa 2 km entfernt gelegenen Bauerndorf Merxhausen erteilt.

Im gleichen Jahr konnte in Hellental ein Schul- und Kapellengebäude errichtet werden, so dass hiernach der schulische Unterricht vor Ort in Hellental stattfinden konnte.

Das kleine Schulgebäude am heutigen Standort des Dorfgemeinschaftshauses umfasste in jener Zeit zugleich auch das Lehrerwohnhaus.

 

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Der Hellentaler Schullehrer Johann Conrad Gronau, Sohn des Schulmeisters Johann Ludwig Gronau, schrieb am 24. Januar 1806 folgende, die vorherrschenden schlechten Schulräumlichkeiten kennzeichnenden, insbesondere aber seine ärmlichen Wohnbedingungen anklagenden Zeilen an den herzoglich-braunschweigischen Hof:[2]

"Des Schulmeisters Conrad Gronau zum Hellenthal untertänige Bitte um baldig gnädigen Befehl zu einem neuen Schulhausbau.

Ich bewohne ein Schulhaus, welches gewiss das schlechteste in seiner Art ist.

Es ist nur eine Stube darin vorhanden, welche nur 14 Quadrat-Fuss hält, dazu niedrig ist.

In diesem kleinen Stübchen muß ich 60 Kindern den Schulunterricht erteilen.

Meine Frau mit 4 Kindern müßen mit darin wohnen.

Sie kann während der Information nicht einmal den doch so nötigen Kummerfaden aus Raummangel spinnen. Am bedauerungswürdigsten ist mein Zustand, wenn meine Ehefrau in der Schulstube Wochenbett halten muß.

Mancher Bauer hat ja bessere Viehstallung, als meine Wohnung ist.

Man sollte bald die Lust zum Leben verlieren, wenn man so jämmerlich wohnen muß.

Durch Ew. Hochwohlgeborenen gnädigen Befehl sind schon viele schöne und gute Schulhäuser in hiesiger Gegend neu erbauet, worin nun Lehrer und deren Jugend gesunde Luft atmen, und froh sein können.

Es würde mich und den betrübten Meinigen freuen, wenn ich auch bald des Glück erlebte, ein neues Schulhaus zu bekommen.

Reparaturfähig ist dieses alte Haus durchaus nicht, welches auch bei einer Besichtigung nicht anderst attestiert werden kann.

Auf die Legalität hiesiger Herren Kirchenvisitatoren kann ich mich durchaus verlassen."

 

Conrad Gronau hatte 27 Jahre zuvor, am 08. Februar 1779, in Stadtoldendorf die 21jährige Catharina Juliane Grupe geheiratet, die sechs Kinder zwischen 1782-1800 in Hellental zur Welt brachte.

Wegen der zwischenzeitlich eingetretenen, großen Baufälligkeit des Kapellen- und Schulgebäudes "zu Hellenthal" hatte sich der Superintendent Rögener in Bevern am 01. November 1824 an das "Fürstlich Braunschweigisch-Lüneburgische Consistorium" in Wolfenbüttel gewandt.

 

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Am 17. November 1824 erging postwendend ein Antwortschreiben des Consistoriums an den Superintendenten:[3]

"Wir lassen dem Herrn Superintendenten Rögener in Bevern auf dessen Bericht vom 1sten d. M., den jetzigen Zustand der Capelle und Schule zu Hellenthal betreffend, unverhalten sein, daß zwar unterm heutigen Dato höchsten Orts von Uns auf baldige Verfügung wegen des Neubaues derselben angetragen, jedoch, den Umständen nach, im bevorstehenden Winter nur die Vorbereitung dazu, und im nächsten Sommer erst die wirkliche Vollführung des Baues zu hoffen sei.

Es hat daher der Herr Superintendent, in Verbindung mit dem weltlichen Visitator, schleunigst dafür Sorge zu tragen, daß, falls nicht noch in Hellenthal oder in Merxhausen ein anderweites zum Schulunterricht und zur Wohnung des Schullehrers paßendes Lokal auszumitteln sein sollte, für jetzt wenigstens die erforderlichen Veranstaltungen getroffen werden, damit durch anzubringende Stützen und einstweilige notdürftige Ausbesserung des Daches die Bewohner des Schulhauses und die Schulkinder gegen den Ungestüm der Witterung geschützt, und Gefahren des Lebens und der Gesundheit abgewandt werden.

Ein Gleiches ist auch in Ansehung der Capelle zu veranstalten.

Wolfenbüttel, den 17. November 1824

Fürstl. Braunschwg. Lünebg. Consistorium.

A. Bartels"

 

Danach kann davon ausgegangen werden, dass frühestens im Jahr 1825 der erstmalige Abriss des Schul- und Kapellengebäudes erfolgte.

Das teilweise noch brauchbare Material soll zum Bau des Gemeindebackhauses verwendet worden sein.

Schule und Kapelle wurden neu erbaut, wiederum „unter einem Dach”.

Den Dorfbeschreibungen von LAMBRECHT (1863) und STEINACKER (1907) ist zu entnehmen, dass die Schule zu dieser Zeit durch "das Consistorium besetzt und eine Filial von Heinade war".

Mit der Schule sei "zugleich ein Betsaal verbunden" gewesen.

 

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Das Jahreseinkommen der Schule betrug 180 Taler, wobei der Schulbesitz 2/3 Morgen Acker, 1/3 Morgen Gärten und 3½ Morgen Wiesen umfasste, allerdings, "den genutzten Acker besitze die Regierung".[4]

Nach der Berichterstattung der „Braunschweigischen Anzeigen“ vom Februar 1882 genügte seit Jahren das alte Schulhaus bei der größeren Anzahl von Schulkindern nicht mehr den Schulzwecken.

Auch sei die Lehrerwohnung beschränkt und feucht gewesen.

Anfang des Winters 1881 wurde der Neubau des Schulhauses vollendet und im Dezember 1881 eingeweiht.

Das Schulgebäude soll damals eine Zierde des Dorfes gewesen sein.

Es umfasste ein "geräumiges Lehrzimmer und eine gute gesunde Wohnung für den Lehrer".

 

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Für das Sommerhalbjahr 1895 ist bekannt [5], dass in "der Schule zu Hellenthal" von Montag bis Sonnabend in drei Abteilungen folgende Fächer „von A bis Z” unterrichtet wurden:

  • Abschreiben
  • Aufsatz
  • biblische Geschichte
  • Diktat
  • Erdkunde
  • Geschichte
  • Handarbeiten
  • Katechismus, (Kurf.) Lesen
  • Literatur Lesen
  • (schriftliches) Rechnen
  • Schreiben
  • Schreib-Lesen
  • Singen
  • Turnen
  • Zeichnen.

Ende 1910, als das Dorf etwa 750 Einwohner zählte, soll es in Hellental etwa 150 Schulkinder gegeben haben.

Einer 1949 begonnenen schulchronistischen Aufzeichnung des Lehrers Bernhard Lehmann (Gemeindeschule Hellental) ist zu entnehmen, dass bei seinem Dienstantritt im April 1929 noch keine Schulchronik vorgelegen habe.

 

Provisorium: Glockenstuhl im "Schulgarten", 1960-1965

 

 

Wiedereinweihung der Kapelle in Hellental am 05. April 1999

 

 

 

 

Text: Kirchengemeinde Heinade; Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

Fototgrafien: Archiv HGV-HHM; Dr. Klauas A.E. Weber, Hellental



[1] NÄGELER/WEBER 2004; SCHOPPE 1989; LESSMANN 1984; BLOSS 1950.

[2] zit. in LESSMANN 1984.

[3] NStAWb 14 Alt 551.

[4] LAMBRECHT 1863, S. 706.

[5] LESSMANN 1984, S. 42-47, 66-67.